07.12.2016

BuchmarktZünder raus

Mehr als 70 Jahre nach dem Tod des Autors erklimmt Hitlers „Mein Kampf“ die Spitze der SPIEGEL-Bestsellerliste – in einer kritischen Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Von Martin Doerry
Einen solchen Ansturm der Weltpresse hatte das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) noch nicht erlebt. Über hundert Journalisten, darunter allein zwölf Fernsehteams, zogen am 8. Januar 2016 in den Waschbetonbau an der Leonrodstraße, um einer Sensation beizuwohnen: der Vorstellung der ersten Ausgabe von Adolf Hitlers Propagandawerk "Mein Kampf" seit dem Zweiten Weltkrieg.
Der Institutsdirektor Andreas Wirsching und sein vierköpfiges Herausgeberteam waren allerdings bestens präpariert – nicht nur dank der mehrjährigen Arbeit, die sie in das zweibändige Werk investiert hatten: Als überparteilicher Anwalt und gewissermaßen neutrale Instanz war der wohl derzeit beste Hitler-Kenner der historischen Zunft eingeflogen worden, Sir Ian Kershaw persönlich.
Wer auch immer jetzt noch naive Geschichtsvergessenheit oder gar revanchistische Umtriebe witterte, wurde von dem Briten auf der Pressekonferenz sofort eines Besseren belehrt. Nein, "Mein Kampf" sei wirklich nicht mehr gefährlich. Nein, die fast 2000 Seiten starke kommentierte Ausgabe werte das Machwerk auch nicht unnötig auf. "Das Buch wird bestimmt niemanden zum Nazi machen", beruhigte Kershaw alle Skeptiker.
Der Historiker saß noch nicht einmal im Flugzeug zurück auf die Insel, als die institutsinterne Bearbeitung der Buchbestellungen schon kollabierte. Bewusst hatte man sich gegen die Zusammenarbeit mit einem großen Buchkonzern entschieden und "Mein Kampf" im Selbstverlag herausgebracht. Die IfZ-Historiker wollten den Vertrieb ihres Werks bis zuletzt kontrollieren, Sammelbestellungen der NPD etwa wären tödlich für das Ansehen des Projekts gewesen.
So aber geschah bald das, was auch niemand gewollte hatte: In derselben Aprilwoche, in der alte und neue Nazis wieder mal "Führers Geburtstag" feierten (den 127.), eroberte Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf" den Spitzenplatz der SPIEGEL-Bestsellerliste.
Mehr als 70 Jahre nach dem Ableben des Autors erfuhr die Nazi-Bibel damit ein unglaubliches Comeback. Mit einer Auflage von 4000 Stück und einem prohibitiven Preis von 59 Euro war das Team des IfZ an den Start gegangen. Doch noch bevor die ersten Exemplare ausgeliefert werden konnten, erwiesen sich alle Prognosen als Makulatur. Wochenlang war das Werk ausverkauft, zwischenzeitlich wurde die Münchner Ausgabe bei Amazon und Ebay für mehr als 300 Euro gehandelt, erst nach Monaten konnte die Druckerei die Nachfrage halbwegs decken. Bildungsbeflissene Leser, Studienräte und Studenten, politisch Interessierte jeder Couleur griffen zu. Im Laufe von elf Monaten wurden knapp 82 000 Exemplare verkauft, was, nach vorsichtiger Schätzung, einer Menge von mehr als 400 Tonnen bedruckten Papiers entspricht.
Die Republik wurde geradezu überschwemmt mit Hitlers Hasstiraden auf Juden, Kommunisten und sonstige "Parasiten". Wenn diese "Büchse der Pandora" einmal geöffnet werde, so hatte im Vorfeld Charlotte Knobloch gewarnt, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München, lasse sie sich nie mehr schließen. Tatsächlich steht diese Büchse nun sperrangelweit offen – und nichts passiert.
Im Gegenteil: Offenbar trägt die Veröffentlichung sogar zur Entschärfung des literarischen Hitler-Erbes bei. Wenn "Mein Kampf" nun wieder ganz legal in deutschen Bücherschränken aufbewahrt wird, neben harmlosen Bestsellern und Kochbüchern, dann verliert diese Mixtur aus Autobiografie und Programmschrift auch einen wesentlichen Teil ihrer heimlichen Attraktivität.
Diese Anziehungskraft beruhte nicht zuletzt darauf, dass "Mein Kampf" de facto seit Kriegsende verboten war. Der Freistaat Bayern hatte als Inhaber des Urheberrechts und als Rechtsnachfolger des Münchner Eher-Verlags, in dem "Mein Kampf" 1925 erstmals erschienen war, jeden Nachdruck unterbunden. Antiquarisch durfte das Buch zwar in Deutschland verkauft werden, aber Neuauflagen waren nur jenen ausländischen Verlagen erlaubt, die schon vor dem Krieg eine Lizenz erworben hatten.
Im IfZ waren bereits in den Neunzigerjahren erste Pläne für eine wissenschaftliche Edition geschmiedet worden, doch erst nach der Jahrtausendwende gab die bayerische Landesregierung ihren Widerstand auf und spendierte dann auch gleich eine halbe Million Euro für das Projekt. Rechtzeitig zum Auslaufen des Urheberrechts am 31. Dezember 2015 sollte die neue Ausgabe auf den Markt. "Wir wollten den rechtsradikalen Verlagen von vornherein das Wasser abgraben", erklärt Thomas Vordermayer, einer der Herausgeber der IfZ-Ausgabe.
In Gefahr geriet das Projekt dann allerdings noch einmal durch die Politik: Ministerpräsident Horst Seehofer verkündete im Dezember 2013 nach einem Israel-Besuch, dass sich der Freistaat aus dem Projekt zurückziehe. Holocaust-Überlebende hatten es für unverantwortlich erklärt, Hitlers Kampfschrift erneut den Deutschen zugänglich zu machen. Auch der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Ronald S. Lauder, protestierte. Man solle das Buch "im Giftschrank der Geschichte" lassen.
Doch die Münchner Historiker ließen sich nicht mehr beirren. "Wir sind der Kampfmittelräumdienst, wir drehen den Zünder raus", versprach IfZ-Mitherausgeber Christian Hartmann. Und die Wissenschaftler hielten dieses Versprechen. Eine knapp 80 Seiten lange Einleitung und mehr als 3500 kritische Anmerkungen dekonstruieren das Hitler-Werk nach allen Regeln des historischen Handwerks: Da, wo der spätere "Führer" seine harten Wiener Jahre beklagt, erzählen sie die wahre Geschichte eines zeitweise von der Familie finanzierten Faulenzers. Und wenn er seine wirren Theorien über die Zerstörung der Kultur durch die "geistige Pestilenz" des Judentums verbreitet, dann weisen sie nach, dass er diesen Unsinn nicht etwa erfunden, sondern aus den damals handelsüblichen Quellen abgeschrieben hat.
Hier und immer wieder werden Hitlers Legenden und Lügen aufgedeckt. Andererseits zeigt die Münchner Ausgabe aber auch, wie wirkmächtig "Mein Kampf" war. Die Entrechtung der Juden, der Rachefeldzug gegen Frankreich, der Krieg um Lebensraum im Osten – das alles wird in dem Buch bereits angekündigt, nur den Holocaust konnte sich selbst Hitler damals, 1925, noch nicht vorstellen.
Die Kommentare der Münchner Historiker machen das Werk für Neonazis ungenießbar. Insofern musste damit gerechnet werden, dass braune Verlage das Auslaufen der Urheberfrist nutzen würden, um eine nicht kritisch kontaminierte Version auf den Markt zu bringen.
Allerdings hatte die Justizministerkonferenz der Länder schon 2014 beschlossen, dass man gegen jede Edition vorgehen wolle, die auf eine ausführliche historische Einordnung des Buches verzichte. Ein erstes Exempel statuierte Ende Oktober das Amtsgericht Forchheim im Fall einer Onlinebuchhändlerin aus Oberfranken, die versucht hatte, den Reprint einer Ausgabe aus dem Jahr 1943, der von einem russischen Verlag hergestellt worden war, auf den Markt zu bringen. Die Buchhändlerin wurde vom Amtsgericht zu einer Geldstrafe von 4000 Euro verurteilt. Die Staatsanwaltschaft hat inzwischen Berufung eingelegt, sie fordert sogar eine Bewährungsstrafe.
Der Prager Verlag Naše Vojsko kann dagegen nicht von der deutschen Justiz belangt werden. Seit einigen Monaten bietet er im Internet eine spärlich kommentierte Kopie von "Mein Kampf" an. Bislang wurden allerdings nur etwa 50 Exemplare verkauft; die Münchner Ausgabe, so sagt Verkaufsleiter Stanislav Svoboda, habe den Markt wohl abgegrast. Die parallel erschienene tschechische Ausgabe sei hingegen bereits 15 000-mal verkauft worden.
Svoboda ärgert sich vor allem über den Widerstand des Buchversenders Amazon, der zwar englische Übersetzungen ausliefere, die deutsche Originalfassung aber blockiere – mit Ausnahme der IfZ-Edition.
Derzeit startet der Leipziger Verlag "Der Schelm" einen weiteren Versuch. In Zusammenarbeit mit dem australischen Adelaide-Institut, einer Organisation von Holocaust-Leugnern, wird ein "Mein Kampf"-Reprint online angeboten. 30 Euro nur soll das Buch kosten. Ob es wirklich in größerer Stückzahl ausgeliefert wird, scheint fraglich. Die Staatsanwaltschaft Leipzig hat Ermittlungen gegen den Verlag wegen des Verdachts der Volksverhetzung aufgenommen.
Die 30 Euro wären ohnehin herausgeschmissenes Geld: Seit vielen Jahren schon findet sich "Mein Kampf" im Internet – gratis, zum Herunterladen.

Fast 82 000 Exemplare wurden schon verkauft – das sind mehr als 400 Tonnen bedruckten Papiers.

* Mitglieder des Memelländischen Ordnungsdienstes.
Von Martin Doerry

SPIEGEL Chronik 1/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL Chronik 1/2016
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter