07.12.2016

Helden des AlltagsAngelina Jolie und Brad PittEnde der Welttournee

Es gibt Hunderte dieser Fotos, aus Los Angeles, London oder Tokio: Die Familie Jolie-Pitt ist mal wieder gelandet und eilt über den Flughafen, er meist vorneweg, ein Kind an der Hand, auf dem Arm oder vor der Brust, sie meist am Ende, die Nachhut. Wer sich das Gesicht von Brad Pitt auf diesen Fotos näher anschaut, ahnt, wie schwer es ihm gefallen sein mag, dabei die Nerven zu behalten.
Brangelina, das Paar mit dem eigenen Markennamen, hatte einen Wanderzirkus gegründet, der rastlos um die Welt tourte. Die beste Familie aller Zeiten, so hieß das Programm, das rund um den Globus gespielt wurde, ob auf roten Teppichen oder in Krisengebieten. Mitte September wurde die Tournee jäh abgebrochen. Als Brad Pitt, 52, und Angelina Jolie, 41, am Ende eines Flugs von Nizza nach Burbank aus ihrem Privatjet stiegen, war Brangelina Geschichte.
Wenige Tage später reichte Jolie die Scheidung ein, wegen "unüberbrückbarer Differenzen". Klatschportale berichteten, Pitt sei an Bord des Flugs betrunken gewesen und habe Maddox, den 15-jährigen Adoptivsohn des Paares, angegangen. Dadurch hatte Jolie ihren Scheidungsblitzkrieg bereits gewonnen, bevor er zur Waffe greifen konnte.
So ähnlich hatte auch alles angefangen, zwölf Jahre zuvor, als Jolie und Pitt bei den Dreharbeiten zu "Mr. & Mrs. Smith" aufeinandergetroffen waren. Der Film erzählt von einem Ehepaar, Profikiller beide. Sie versuchen alles, einander umzubringen, schaffen es aber nicht. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich wieder ineinander zu verlieben.
Pitt war damals mit der Schauspielerin Jennifer Aniston verheiratet, die schon als Teenager auf dem Weg zum Hausmütterchen gewesen zu sein schien. Da war die wilde Angelina, die in Interviews von Drogenexzessen und Fesselsex schwärmte, ein anderes Kaliber. In der Öffentlichkeit galt Jolie lange als Schlampe, die einer Frau den Mann weggenommen hat.
Dabei hat sie nur einen Selbstgestaltungswillen, der keine Grenzen akzeptiert. Sechs Kinder – drei adoptierte, ein Junge aus Kambodscha, ein Mädchen aus Äthiopien, ein weiterer Junge aus Vietnam, dazu drei eigene. Die ganze Welt im eigenen Heim.
Wollte er das? Bevor er Jolie traf, strahlte Pitt immer größte Gelassenheit aus. Man hatte das Gefühl, es würde ihm reichen, mit seinen Kumpels aus "Ocean's Eleven" abzuhängen, mit George Clooney und Matt Damon ein paar Bier zu trinken. Aber vielleicht war das auch nur ein Bild, das er von sich kreiert hatte.
Mit dem Rumhängen jedenfalls war es vorbei. Jolie, seit 2001 Sonderbotschafterin der Uno, zog mit der Familie ständig zwischen Wohnsitzen in Kalifornien, Südfrankreich und Kambodscha hin und her. 2012, bei einem SPIEGEL-Gespräch in Los Angeles, fragte ich Jolie, wie sie die Logistik ihres Lebens meistere. "Logistik", sagte sie und machte eine lange Pause, "ein lustiger Begriff."
Natürlich habe ich mir – wie wohl viele Männer – die Frage gestellt, wie es wäre, mit dieser Frau verheiratet zu sein. Antwort: ein Traum. Und ein Albtraum. Jolie ist die Königin des Multitasking: Familie, Filme, nebenbei die Welt retten, Gastkommentare für die "New York Times" über Brustkrebs schreiben und den Frauen klarmachen, wie sie mit ihrem Körper umgehen sollen. Ach ja, und mit Brad verheiratet sein. Auf wie vielen Hochzeiten kann man tanzen, ohne die eigene Ehe zu gefährden?
Ende 2015 kam der von Jolie inszenierte Film "By the Sea" in die Kinos – Regisseurin ist sie ja auch noch. Er handelt von einem Paar in der Krise. Jolie spielt darin eine depressive Frau Anfang vierzig, Pitt einen Trinker. Spaß am Sex haben die beiden nur noch, wenn sie anderen dabei zusehen.
Hat Jolie das Ende ihrer Ehe darin schon vorweggenommen? Wohl eher nicht. Aber wenn es einen Menschen gibt, dem man ein solches Maß an Kontrolle über die eigene Lebensgeschichte zutraut, dann ist es Angelina Jolie.
Von Lars-Olav Beier

SPIEGEL Chronik 1/2016
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