15.12.1999

Februar 1999Endstation Alcatraz

Nach 15 Jahren Guerrillakrieg geht PKK-Chef Abdullah Öcalan seinen türkischen Häschern ins Netz und wird zum Tode verurteilt.
Der amtierende türkische Ministerpräsident Bülent Ecevit, 74, ist Sozialdemokrat, Intellektueller mystisch-humanistischer Prägung und auch ein geschätzter Lyriker. Und vor vielen Jahren, 1975, hat er schon einmal, im Gedicht "Urteil", über Schuld und Vergebung geschrieben: "Täglich steckt ein Messer/im Rücken eines anderen/Gestochene wie Stechende sind wir."
Doch als am 15. Februar der Staatsfeind Nummer eins der Türkei, Abdullah Öcalan, 50, seinen Häschern vom türkischen Geheimdienst in die Falle geht, ist von der versöhnenden Kraft der Lyrik zunächst nicht mehr die Rede. In der Türkei feiern Politik und Presse die Ergreifung des Chefs der militant-marxistischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) so rauschhaft wie einen gigantischen Fußball-Triumph. Der "Baby-Killer", der "Satan", die "Bestie" ist außer Gefecht. Öcalans Entführung ist Endstation einer monatelangen Odyssee, die mit seiner Ausweisung aus Syrien begonnen hatte und erst nach Italien führte. Dort war der Guerrillachef, der mit dem Endziel eines freien Kurdistan gegen die Türkei 15 Jahre lang einen Krieg mit mehr als 30 000 Toten geführt hatte, auf Grund eines deutschen Haftbefehls sistiert worden. Aber die junge Bonner Regierung hatte Angst vor gewalttätigen Ausschreitungen der großen kurdischen Gemeinde und verzichtete auf eine Auslieferung. Mit griechischer Hilfe war Öcalan dann in die griechische Botschafterresidenz nach Nairobi gelangt und dort unter dem Vorwand, er solle in die Niederlande gebracht werden, von kenianischen Sicherheitsbeamten herausgelockt worden - direkt in die Hände türkischer Agenten.
Öcalan hatte gehofft, sich vor dem Internationalen Gerichtshof in Den
Haag verantworten und bei der Gelegenheit ein Tribunal gegen die Unterdrückung der Kurden in der Türkei aufziehen zu können. Er wusste, dass der bewaffnete Kampf verloren war, von einst etwa 15 000 Kämpfern sollen ihm nur noch 4000 geblieben sein. Ihm schwebte wohl eine Wandlung vom "Freiheitskämpfer" zum politischen Führer vor nach dem Muster Nelson Mandelas und Jassir Arafats.
Die Nachricht von Öcalans Gefangennahme, die Bilder des gedemütigten Idols führen zu einer Welle der Gewalt. Zehntausende Kurden stürmen, mit Knüppeln und Eisenstangen bewaffnet, durch die Straßen, attackieren türkische, deutsche, israelische, amerikanische, griechische Einrichtungen. In Berlin erschießen israelische Sicherheitsbeamte drei kurdische Männer und eine Frau. Mehrere Selbstverbrennungsversuche heizen die Emotionen weiter an.
Derweil wurde für den Kurdenführer das Staatssicherheitsgefängnis auf der Insel Imrali, das "türkische Alcatraz", geräumt. Während Politiker an die türkische Regierung appellierten, Öcalan im Fall eines Todesurteils nicht hinzurichten, schien die Hoffnung auf einen fairen Prozess eher gering.
Öcalan hat nach einer Untersuchung des Europarats einen halbwegs rechtmäßigen, aber politisch motivierten Prozess gehabt. Er übernahm die volle Verantwortung für alle ihm und der PKK zur Last gelegten Taten - in Wahrheit seien es noch mehr gewesen, sagte er. Wie von jedermann erwartet, wurde er wegen Hochverrats und Mordes zum Tode verurteilt. Nach seinem Spruch outete sich der Richter des Staatssicherheitsgerichts, Turgut Okyay, als Gegner der Todesstrafe, angesichts der herrschenden Gesetze habe er aber kein anderes Urteil fällen können. Dann ließ er noch wissen: "Alle sind Menschen."
Öcalan, die personifizierte Reue und Friedfertigkeit, bot sich als Mittler an, der am Leben bleiben müsse. Sollte er hängen, so Öcalan, werde das "hunderttausende das Leben kosten". Anfang August folgte ein weiteres Friedensangebot: Der PKK-Chef rief seine Kämpfer auf, sich bis zum 1. September aus der Türkei zurückzuziehen, vom bewaffneten auf den politischen Kampf umzurüsten. Die neue Führung der PKK ließ wenig später mitteilen, sie wolle Folge leisten.
Seit 1984 ist in der Türkei kein Todesurteil mehr vollstreckt worden, das lässt für Öcalan hoffen. Auch Ecevit ist ein Gegner der Todesstrafe und arbeitet an ihrer Abschaffung.
Im November bestätigt das Appellationsgericht das Todesurteil. Jetzt muss das Parlament über die Vollstreckung abstimmen. Für den Fall der Zustimmung, hat Staatspräsident Süleyman Demirel bereits wissen lassen, könne "der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die Ausführung stoppen". Steht zu hoffen, dass der Geist der Versöhnung anhält, der sogar die sonst so radikale "Hürriyet" erfasst hatte: Sie forderte, statt an Rache "lieber an das Leben der noch ungeborenen Generationen" zu denken.

SPIEGEL Chronik 54/1999
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