06.12.2017

HELD DES ALLTAGSBarack Obama

Der Präsident war noch keine 50 und etwas über ein Jahr lang im Amt, da machte er bereits Pläne für seinen Ruhestand. Gemeinsam mit Rahm Emanuel, dem damaligen Stabschef im Weißen Haus, dachte Barack Obama darüber nach, einen Klamottenladen am Strand von Hawaii zu eröffnen. Eine Aussteigerfantasie, vielleicht nicht ganz ernst gemeint, aber dafür sehr konkret: Sie wollten ausschließlich T-Shirts in einer Farbe und einer Größe verkaufen, weiß und medium. "Wir wollen nicht noch eine einzige Entscheidung treffen müssen", sagte Emanuel damals. Obama machte daraus einen Insiderwitz, Besprechungen im Oval Office begann er manchmal mit dem Codewort "white". Emanuels Replik: "medium".
Rahm Emanuel muss noch immer viele Entscheidungen treffen, seit 2011 ist er Bürgermeister von Chicago. Obama dagegen ist jetzt Frührentner. Ex-Präsidenten, das ist Tradition in den USA, halten sich raus aus der Politik.
Tatsächlich sieht und hört man nach Donald Trumps Amtsantritt von Obama zehn Tage lang nichts. Anfang Februar tauchen neue Fotos von ihm auf. Sie zeigen den Ex-Präsidenten mit Sonnenbrille und breitem Lächeln auf Necker Island, einer privaten Karibikinsel, die dem britischen Milliardär Richard Branson gehört. Obama trägt, nein, kein weißes T-Shirt, sondern Rettungsweste, er lernt Kitesurfen. Als Präsident durfte er das nicht, zu gefährlich.
Ab Mitte März, nun wird es hektisch, wieder Urlaub. Erst auf Hawaii, dann auf der Südseeinsel Tetiaroa, wo sich einst Marlon Brando vor der Welt versteckte. Schließlich eine Fahrt durch die Südsee, von Tahiti nach Bora Bora mit der "Rising Sun", der Luxusjacht des Milliardärs David Geffen. Mit an Bord sind Tom Hanks, Bruce Springsteen und die Moderatorin Oprah Winfrey, alle treue Anhänger der Demokraten.
Worüber sie wohl reden? Über Trump? Über die wütenden weißen Männer, die Trump gewählt haben? Über die Probleme des Jetset-Lebens?
Finanziell gesehen ist Obama in dieser Runde nur ein kleiner Fisch. Aber er holt auf. Der Verlag Penguin Random House nimmt Obama und seine Frau Michelle unter Vertrag, mehr als 60 Millionen Dollar für zwei Bücher über ihre Zeit im Weißen Haus.
Obama, der Popstar, geht manchmal auch auf Tour. Im Mai besucht er Deutschland. In Baden-Baden lässt er sich mit einem Medienpreis auszeichnen und posiert mit Boris Becker für Fotos. Zuvor lächelt er in Berlin mit Angela Merkel vor 80 000 Leuten in die Kameras, Wahlkampfhilfe für die Kanzlerin, offiziell ist es ein Auftritt beim Evangelischen Kirchentag. Was er jetzt so mache, wird der Ex-Präsident gefragt. Ausschlafen, sagt Obama.
Für den Auftritt mit Merkel bekommt er, soweit bekannt, kein Honorar. Das ist nicht selbstverständlich. Man kann Obama jetzt als Redner für Veranstaltungen buchen, über die Agentur Harry Walker, spezialisiert auf prominente Ex-Politiker; auch Dick Cheney und Arnold Schwarzenegger sind im Angebot.
Als Präsident bezog Obama ein Jahresgehalt von 400 000 Dollar. Als Ex-Präsident kassiert er bis zu 400 000 Dollar – pro Auftritt. "Irgendwann", hatte Obama 2010 gesagt, als es um die Regulierung der Finanzindustrie ging, "irgendwann hat man genug verdient."
Für ihn persönlich ist dieser Zeitpunkt offenbar noch nicht erreicht. Obama hält Reden in Italien, Indonesien, Kanada, Brasilien und an der New Yorker Wall Street, bei den Finanzfirmen Northern Trust, Carlyle Group und Cantor Fitzgerald. Es sind besonders diese Engagements, die Zweifel an seiner politischen Urteilsfähigkeit aufkommen lassen. "Unglücklich", kommentiert die "Washington Post". "Braucht er das Geld wirklich?", fragt das Magazin "Esquire". Auch Hillary Clinton hatte Reden vor Bankern gehalten, sehr lukrativ, aber Gift im Wahlkampf.
Obama muss keine Wahl mehr gewinnen. Doch solange er für Rummel sorgt, fällt es potenziellen Nachfolgern bei den Demokraten schwer, sich zu profilieren. Die Personaldecke in der Partei ist ohnehin dünn. Während Obamas achtjähriger Amtszeit hat die Partei in den Parlamenten der Bundesstaaten und in Washington Hunderte Sitze verloren.
Vielleicht tritt Obama auch deshalb mit den Bewerbern für die Gouverneursposten in New Jersey und Virginia im Wahlkampf auf. Den Namen Trump erwähnt er dabei kein einziges Mal.
"Four more years!", skandiert die Menge. Obama lächelt matt. Er wirkt irgendwie urlaubsreif.
Von Martin Wolf

SPIEGEL Chronik 1/2017
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