06.12.2017

STADTGESPRÄCHSchädel aus der Gegenwelt

Wie reagiert der Kunstmarkt auf politische Krisen? Mit zwei neuen Auktionsrekorden. Einige Superreiche kaufen Kunstwerke vor allem als Geldanlage.
Der 18. Mai 2017, ein Abend beim Auktionshaus Sotheby's in New York. Ein Gemälde wird in den Saal getragen, entstanden 1982. Über dieses Bild des amerikanischen Künstlers Jean-Michel Basquiat wird am nächsten Tag die halbe Welt sprechen. Es zeigt einen Schädel, grob auf die Leinwand aufgetragen, dunkel und bunt zugleich, Symbol der Unmöglichkeit von Glück.
Sammler mögen so etwas. Aber Sammler sind eigensinnig.
Gerade werden 68 Millionen Dollar geboten. Viel Geld. Aber noch nicht genug für den Auktionator Oliver Barker, ein Mittvierziger im grauen Anzug, er blickt streng, dann freundlich, dann lauernd, fragt, ob jemand mehr bieten wolle. Stille. Jeder im Saal spürt, Barker würde gern die Zeit anhalten, bloß nicht zu früh den Hammer fallen lassen, vielleicht geht noch etwas. Doch die Bieter im Saal und solche, die übers Telefon zugeschaltet sind, lassen ihn warten.
Schließlich setzt das Gefecht wieder ein, 69, bald 77 Millionen und so weiter. Das Höchstgebot liegt am Ende bei 98 Millionen; mit üblichem Aufschlag ergibt sich eine Summe von 110,5 Millionen Dollar. Barker, der Mann im grauen Anzug, strahlt. Der neue Eigentümer, der den Deal per Telefon abgewickelt hat, ist eher als Jeansträger bekannt; es handelt sich um den japanischen Online-Modehändler Yusaku Maezawa. Mittlerweile hängt das Bild in seiner privaten Kunsthalle in Tokio, der Besitzer postet gern Fotos davon auf Instagram.
110,5 Millionen Dollar, das ist ein Rekord für ein Gemälde, das nach 1980 entstanden ist. In der Welt der Auktionen gilt es damit als eher neu. Basquiat, ein New Yorker Afroamerikaner, ist nur 27 Jahre alt geworden, in seiner kurzen Karriere schuf er Großes, er konnte den Schmerz des Außenseiters malen. 1988 starb er an einer Überdosis Drogen. Kunstexperten sehen ihn als tragischen Helden, vergleichbar mit Musikstars wie Kurt Cobain. Markttechnisch ist Basquiat der neue Picasso.
Kurz vor den Frühjahrsauktionen hatte eine gewisse Nervosität in der Kunsthandelsbranche geherrscht. Würde die Währung Kunst in diesen weltpolitisch angespannten Zeiten noch gefragt sein? Doch der Hunger auf Kunst ist noch zu spüren.
Es ist der Hunger der Superreichen, der Millionäre und Milliardäre, der Unternehmer, Erben und Hollywoodstars. Selbst auf der Verkäuferseite findet sich Prominenz: Prinzessin Eugenie von York, eine Enkelin der Queen, arbeitet für eine Galerie. Auktionen, Messen und die After-Sales-Partys sind zu einem Lieblingsthema der Boulevardpresse geworden. Nicht alle erstehen Kunst, um sie anzuschauen. Lieber lagern sie diese ein, etwa in Zollfreilagern. Für sie ist ein Werk eine Wertanlage, die nichts an der Wohnzimmerwand zu suchen hat. Sie hängen sich ja auch keinen Goldbarren über den Kamin.
Der Markt, milliardenschwer, ist auch reich an Geschichten.
2005 erwarb ein Konsortium, angeführt von einem New Yorker Händler, ein sehr alt, sehr europäisch wirkendes Gemälde. Auf einer Holztafel ist ein Jesus in Erlöserpose dargestellt, ein "Salvator Mundi". Seit den Fünfzigerjahren soll das Bild Privatleuten in den USA gehört haben, sie hatten es für angeblich 45 Pfund aus Großbritannien angekauft. Die Malerei wurde restauriert – und zu einem Werk Leonardo da Vincis erklärt. Von ihm, dem Schöpfer der "Mona Lisa", gab es weniger als 20 gesicherte Gemälde.
Der Jesus wurde 2013 an einen Genfer Händler und Besitzer einiger Zollfreilager verkauft, er bezahlte 80 Millionen Dollar und veräußerte die Tafel schnell weiter: für 127,5 Millionen Dollar. Bezahlt hat diese Summe der Geschäftsmann Dmitri Rybolowlew. Er ist gebürtiger Russe, lebt aber vorzugsweise im Ausland. In seiner Heimat saß er Mitte der Neunzigerjahre in Haft. Es ging um einen Mord, doch bewiesen wurde nichts, und so kam er nach elf Monaten wieder frei. In Zypern erwarb er vor Jahren die Staatsangehörigkeit und Anteile an der größten Bank dort, im Fürstentum der Grimaldi hält er die Mehrheit am AS Monaco. Er kaufte, was teuer ist.
Von der Trophäe auf Holz hat er wieder genug. Gründe könnte es viele geben, die Trennung von seiner Frau soll gekostet haben, er selbst fühlte sich von dem Genfer Händler wegen des hohen Preisaufschlags betrogen, Prozesse laufen. Womöglich mutmaßt Rybolowlew wie auch einige Fachleute, dass das Bild statt vom Meister selbst vor allem von Leonardos Gehilfen gemalt wurde. Am 15. November lässt er es bei Christie's in New York versteigern. Das Auktionshaus hat den Schätzpreis bei – nur – 100 Millionen Dollar angesetzt.
Erzielt werden 450 Millionen Dollar. Weltrekord. Keiner erinnert sich an die Zweifel des Frühjahrs. War da was?
Kunst zieht Geld magischer denn je an.
Von Ulrike Knöfel

SPIEGEL Chronik 1/2017
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