06.12.2017

TiereKleines, rundes Ding

In Berlin treffen zwei Bären ein. Die Deutschen sind verzückt, und Chinas Staatschef freut sich: wieder ein Land, das der Panda-Diplomatie erliegt. Von Bernhard Zand
G ibt es ein Tier, das noch weniger mit den Chinesen gemein hat als der Große Panda? Schon seine drei auffälligsten Eigenschaften widersprechen allem, was man über China und die Chinesen weiß.
Erstens: Pandas kommen sehr selten vor. Kaum 2000 Exemplare sind es, die in den feuchten Wäldern Zentralchinas und in ein paar Zoos leben, gerade genug, um als Art nicht unmittelbar vom Aussterben bedroht zu sein. Chinesen dagegen gibt es bekanntlich viele, rund 1,4 Milliarden. China ist das bevölkerungsreichste Land der Welt.
Zweitens: Pandas sind faul. Den Großteil ihres Lebens verbringen sie schlafend, sitzend und fressend. Bis zu 40 Kilogramm Bambusschösslinge verdrückt ein ausgewachsener Panda täglich (und bis zu 40- mal scheidet er auch welche aus). Er bevorzugt sanfte Hügel und meidet steiles Terrain. Es ist ihm zu anstrengend, dort herumzuklettern. Der Fleiß der Chinesen wiederum ist sprichwörtlich: Kaum hatten sie sich von Mao Zedongs Kollektivierungswahn befreit, stiegen sie zur zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt auf.
Drittens: Pandas sind niedlich. Ihr Anblick verzückt die Menschen. Ihre Tapsigkeit, ihr Gesichtsausdruck weckt Schmuse- und Streichelinstinkte. Xiongmao, Bärenkatze, heißt der Panda auf Chinesisch. Doch das Land, aus dem der Panda stammt, unterhält die größte Armee der Welt und hat in diesem Jahr seinen zweiten Flugzeugträger vom Stapel gelassen. China ist mächtig. Niedlich ist es nicht.
Wie also hat es ausgerechnet der Panda zum Symbol eines Landes gebracht, mit dem ihn bis auf sein natürliches Habitat so wenig verbindet? Was bezwecken Chinas Führer damit, dass sie alle paar Jahre Pandas als Botschafter um die Welt schicken? Und warum fallen immer wieder ganze Völker auf diese Panda-Diplomatie herein, zuletzt, im Sommer 2017, die Deutschen?
Am 24. Juni treffen, aus Sichuans Hauptstadt Chengdu kommend, das Panda-Weibchen Meng Meng, 4, und das Männchen Jiao Qing, 7, in Berlin ein. Sie sind die ersten beiden Passagiere, die auf dem Cargo-Terminal des unvollendeten Flughafens Berlin Brandenburg abgefertigt werden – ein Detail, das in der ansonsten ausführlichen chinesischen Bärenberichterstattung kaum erwähnt wird: In China werden alle paar Monate Flughäfen solcher Größenordnung in Betrieb genommen.
Beschlossen hatten Chinas Staatschef Xi Jinping und Bundeskanzlerin Angela Merkel den Panda-Transfer schon vor Jahren. Im November 2016 begann der Berliner Zoo, ein artgerechtes Gehege zu errichten. Anders als am Flughafen schritt die Arbeit rasch voran: Fast zwei Wochen nach Ankunft der Bären eröffnen Xi und Merkel unter regem Medieninteresse das Gehege. Merkel lobt die beiden "sympathischen Diplomaten", die hinter Glas bereits westlichen Bambus kauen, und Xi Jinping lächelt ein seliges, pandagleiches Lächeln.
Er ist der einzige Gast des Hamburger G-20-Gipfels, den die Kanzlerin zuvor eigens in Berlin empfängt. Xi reist im fünften Jahr seiner Amtszeit sehr selbstbewusst um den Globus, denn die Gestirne der Weltpolitik fügen sich gerade ganz im Sinne Pekings: Amerika hat Donald Trump gewählt und zieht sich auf sich selbst zurück, Europa ringt mit dem Brexit, und Russland liegt ökonomisch danieder. Chinas Führung dagegen strotzt vor Kraft, das Volk arbeitet statt zu demonstrieren, die Wirtschaft boomt, und die Partei regiert unangefochten. Xi kann sich leisten, selbstbewusst und großzügig zu sein.
Doch die beiden Pandas sind keine Geschenke, sie sind nur Leihgaben der chinesischen Regierung. Eine Million Dollar kassiert Peking pro Jahr, 400 000 Dollar sind zusätzlich zu entrichten, falls Meng Meng und Jiao Qing ein Junges kriegen – das dann übrigens nach seinem zweiten Geburtstag an China zurückgegeben werden muss.
Dass Meng Meng trächtig wird, ist keineswegs gesichert. Manche Pandas sind "reproduktiv inkompetent", wie Zoologen sagen. Die Weibchen sind nur einmal im Jahr fruchtbar, manche nicht einmal einen ganzen Tag lang. Die Männchen, vor allem in Gefangenschaft, tun sich schwer, den Zeitpunkt zu erkennen und zu verstehen, was von ihnen erwartet wird.
Chinas Zoos und Panda-Reservate haben viel versucht, das Übel zu beheben. Manche Bären wurden mit Viagra behandelt, anderen brachte man "Sex-Gymnastik" bei – vergebens. Da die Tiere selten Gelegenheit haben, einander beim Sex zuzusehen, spielen ihnen ihre Betreuer "Panda-Pornos" vor; in Einzelfällen soll das sogar geholfen haben. Am 16. März, dem Tag des Pandas, nutzte eine kanadische Pornowebsite die Idee, um sich ins Gespräch zu bringen: Wer sich ein Panda-Kostüm anzieht, ein Sexvideo dreht und es bei Pornhub.com hochlädt, wird mit 100 Dollar belohnt, die die Firma für den Tierschutz spendet.
Im Zoo ist die Frigidität der Pandas ein Problem, diplomatisch hat sie auch Vorteile. Sie hält die Population gering und steigert damit die Bedeutung des einzelnen Tieres. Das gibt China die Möglichkeit, seine Panda-Diplomatie selektiv einzusetzen. Nur ein gutes Dutzend Länder steht derzeit auf Pekings Panda-Liste, darunter große Staaten, mit denen sich das moderne China gern misst, wie die USA, Deutschland und Großbritannien; kleine Länder, mit denen es gute Beziehungen pflegt, wie Österreich oder Singapur – sowie Staaten wie Frankreich und Kanada, die sich kurzfristig verdient gemacht haben, zum Beispiel durch Uranlieferungen oder Technologietransfer.
Mit den USA verbindet China ein besonderes Kapitel der Panda-Diplomatie. Die vermutlich ersten Amerikaner, die je einen Panda zu Gesicht bekamen, waren Theodore Jr. und Kermit Roosevelt, die Söhne des früheren US-Präsidenten Teddy Roosevelt. 1928 waren sie für eine "wissenschaftliche" Expedition nach China gekommen. Ihr bevorzugtes wissenschaftliches Instrument war das Gewehr. Die Brüder erlegten insgesamt 8000 Tiere, auch einen Panda. Der Bär wurde ausgestopft und ist bis heute im Field Museum in Chicago zu besichtigen.
In den Dreißiger- und Vierzigerjahren wurden die ersten lebenden Pandas in die USA geschickt und lösten eine Welle der China-Begeisterung aus. Es folgten die pandalosen Jahre des Korea- und des Kalten Krieges. 1972 aber bedankte sich Mao Zedong bei Richard Nixon für die Aufnahme diplomatischer Kontakte, indem er das Panda-Paar Ling Ling und Hsing Hsing nach Washington überstellen ließ, damals übrigens noch als Geschenk.
Wie raffiniert Peking die Bären einsetzt, zeigt sein Umgang mit der von China als abtrünnige Provinz betrachteten Inselrepublik Taiwan. 2005 bot die "Volksrepublik" der "Republik China" zwei Pandas namens Tuan Tuan und Yuan Yuan an. Taiwans Regierung zierte sich: Das Klima auf der Insel eigne sich nicht für die Tiere, außerdem fehle es Taiwan an der nötigen zoologischen Expertise.
Warum diese Zurückhaltung? Es lag an den Namen, die Peking den Tieren verpasst hatte: "Tuan Yuan", die Kombination der beiden Namen, bedeutet auf Chinesisch "Wiedervereinigung", und eine Wiedervereinigung mit der Volksrepublik ist genau das, was Taiwan nicht will, schon gar nicht wollte sie Präsident Chen Shui-bian von der Peking-kritischen Demokratischen Fortschrittspartei. Er beschied Chinas Führung, "die Pandas in ihrer natürlichen Umgebung zu belassen, denn Pandas, die in Käfigen aufwachsen, werden nicht glücklich".
Zwei Jahre später gewann die Opposition die Wahl im demokratischen Taiwan, und die neue Regierung fügte sich. Ende 2008 trafen Tuan Tuan und Yuan Yuan in Taipeh ein, Peking hatte sich durchgesetzt. Der Verbindung entsprang sogar ein Junges, das "Yuan Zai" genannt wurde – was je nach Auslegung der beiden Schriftzeichen "Kleines, rundes Ding" oder "Reisbällchen" bedeuten kann.
Der Panda hat, was China auf dem Weg zur wahren Weltmacht fehlt: Soft Power, jene schwer definierbare emotionale Qualität, der Wow-Faktor, der andere Nationen für ein Land, einen Kulturkreis einnimmt.
Mit dem modernen China verbinden Menschen eher dessen harte Eigenschaften, seine Export- und Wachstumsraten, seine qualmenden Fabrikschlote und riesigen Containerschiffe. Auch für diese Seite Chinas gibt es ein Symbol aus der Tier-, genauer: aus der Fabeltierwelt – den Drachen. Er steht für Macht und Majestät, für Einfluss und Erhabenheit. Beim Panda reicht es, wenn man ihn mag, dem Drachen hat man in China mit Respekt, ja Unterordnung zu begegnen.
Genau so besetzen westliche Karikaturisten auch den Drachen, wenn sie Chinas wachsende Rolle in der Welt darstellen. Mal faucht, mal zischt er, mal schleicht er sich von hinten an. Sympathisch wirkt er selten.
In chinesischen Karikaturen kommt der Drache so gut wie gar nicht vor – umso häufiger dafür der Panda, ein freundlicher Geselle, der stets nur Gutes will, dem die anderen aber übel mitspielen: der Elefant (Indien), der andere Bär (Russland), vor allem aber Uncle Sam und seine "streunenden Hunde", wie die chinesische Propaganda die US-Verbündeten Japan und Südkorea nennt.
"Taoguang yanghui" lautete seit Maos Nachfolger Deng Xiaoping die Doktrin der chinesischen Diplomatie: Verbirg deine Stärke und warte ab. Wer brächte diesen Satz sinnfälliger zum Ausdruck als der süße Große Panda? Er ist ein so liebenswertes und sympathisches Geschöpf – wahrscheinlich könnte selbst ein demokratisches China der Versuchung nicht widerstehen, ihn für politische Zwecke zu nutzen. Ein Tier mit einem so starken Gebiss, das freiwillig zum Pflanzenfresser wurde! Ein Bär von solcher Kraft, der lieber Purzelbäume schlägt, als Lachse aus dem Fluss zu fischen!
Verhaltensforscher haben für den Panda einen Begriff geprägt, der seine einzigartige Wirkung auf den Menschen beschreibt: Er sei ein Fall von "charismatischer Megafauna", eine Art, die kraft ihrer Erscheinung ein Maß von Zuneigung und Aufmerksamkeit erzeugt, das weit über ihre zoologische Bedeutung hinausgeht.
Man kann es auch ganz einfach sagen: Der Panda ist unwiderstehlich.

Der Panda hat, was China auf dem Weg zur wahren Weltmacht fehlt: Soft Power.

Von Bernhard Zand

SPIEGEL Chronik 1/2017
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