06.12.2017

HamburgWillkommen in der Hölle

Vor dem G-20-Gipfel hatten alle große Erwartungen: Bürgermeister Olaf Scholz, die Polizei, die Linke. Nach den Krawallen sind alle ziemlich kleinlaut. Von Tobias Becker
Die Rote Flora im Hamburger Stadtteil Sternschanze war einst ein Operettenhaus, der Don Kosaken Chor trat auf, Zarah Leander, Hans Albers, und 1921 lief eine Revue, "In Hamburg ist der Teufel los".
Der Titel war selten so treffend wie im Juli dieses Jahres. Der G-20-Gipfel, die Konferenz der wichtigsten Industrie- und Schwellenländer, gastierte in Hamburgs Messehallen, nur 500 Meter von der Roten Flora entfernt. Eine Show der Superlative, besetzt mit den berühmtesten politischen Schurken und Helden der Welt. Donald Trump. Wladimir Putin. Recep Tayyip Erdoğan. Xi Jinping. Theresa May. Emmanuel Macron. Angela Merkel. In ihrem Schlepptau 6000 Delegierte und andere Mitarbeiter, 5000 Journalisten, 31 000 Polizisten. Und noch viel, viel mehr Demonstranten.
Zu der größten Kundgebung, "Grenzenlose Solidarität statt G 20", kamen rund 50 000 Teilnehmer; zu der folgenreichsten etwa 12 000. "Welcome to Hell" hieß sie, willkommen in der Hölle.
Kurz vor Ende des Jahres würde man gern darüber schreiben, wie der G-20-Gipfel, der all diese Menschen in Hamburg zusammenführte, die Welt verändert hat. Aber wenn der Gipfel einen Inhalt hatte, wenn es einen Beschluss gab, ein politisches Ergebnis: Dann erinnert sich fast keiner mehr daran. Alle erinnern sich nur an schwarz vermummte Randalierer und hochgerüstete Polizisten, an brennende Barrikaden und Wasserwerfer, an abgefackelte Autos, geplünderte Geschäfte, zerdepperte Schaufenster, an den Dauerlärm der Feuerwehrwagen in und den der Hubschrauber über Deutschlands zweitgrößter Stadt. Eine Metropole im Belagerungszustand.
Die ersten Krawalltäter sind verurteilt und im Gefängnis, die Aufarbeitung des Gipfels aber ist noch lange nicht abgeschlossen. Die Hamburgische Bürgerschaft hat einen Sonderausschuss eingerichtet, die Staatsanwaltschaft ermittelt auch gegen Dutzende Polizisten, wegen mutmaßlicher Übergriffe auf Demonstranten.
Wie hat der G-20-Gipfel Hamburg verändert, die Stadt, die mit so großen Hoffnungen in das Gipfeljahr gestartet war, die sich inszenieren wollte als Weltmetropole mit der funkelnden nagelneuen Elbphilharmonie als Markenemblem? "Hauptstadt Hamburg" titelte der SPIEGEL in der Woche vor dem Gipfel, "Comeback einer Metropole". Doch das Bild, das am Ende aus Hamburg hinaus in die Welt ging, war nicht das der Elbphilharmonie, die über dem Hafen thront (siehe Kasten Seite 135). Sondern das der Roten Flora und der brennenden Straße davor.
Gewalt ist eine Lösung – das ist die Botschaft, die die Rote Flora seit bald 30 Jahren ins Schanzenviertel trägt, eines der legendären linken Viertel der Republik. Denn ohne Gewalt würde es die Rote Flora nicht mehr geben. Ein Investor wollte dort Ende der Achtzigerjahre ein Musicaltheater errichten, linke Aktivisten attackierten die Baustelle, bis er aufgab. Die Anwohner applaudierten, die Aktivisten besetzten das Gebäude, ihr Anarcho-Slogan: "Flora für alle, sonst gibt's Krawalle". Das Schanzenviertel inszenierte sich anschließend gern als gallisches Dorf wie im Asterix-Comic, pflegte einen Gestus des Widerständigen. Am Schulterblatt, der Straße, an der die Rote Flora steht, erzählte man sich und all den Touristen die alten Heldengeschichten, linke Lagerfeuerromantik.
Bis zum G-20-Gipfel lebte der Stadtteil gut davon, die Rote Flora mehr schlecht als recht. Etwa 150 Menschen hatten zuletzt Schlüssel zum Gebäude, 300 bis 400 waren in seine Strukturen eingebunden, aber die größte Zeit hatte es hinter sich. Der Nachwuchs fehlte, neue Helden mit neuen Geschichten.
Der Sozialarbeitergestus der älteren Männer und Frauen, so sagen selbstkritische Stimmen, sei beim autonomen Jungvolk nicht immer gut angekommen. Die Rote Flora: eine autonome Großbehörde, in die Jahre gekommen und etwas uncool.
Man könnte meinen, der G-20-Gipfel sei zur rechten Zeit gekommen. Wie vor einem Boxkampf hatten die Protagonisten in den Tagen und Wochen vor dem Gipfel auf dicke Hose gemacht.

Hamburgs Erster Bürgermeister Olaf Scholz hatte Sicherheitsbedenken mit der Bemerkung weggewischt, seine Stadt habe ja auch den jährlichen Hafengeburtstag im Griff. "Es wird Leute geben, die sich am 9. Juli wundern werden, dass der Gipfel schon vorbei ist." Es war der Moment, in dem hanseatische Gelassenheit in Überheblichkeit umschlug.
Der Polizeiführer Hartmut Dudde hatte getönt: "Sie werden in Hamburg das gesamte Equipment der deutschen Polizei sehen. Wenn's geht, möglichst zurückhaltend. Und wenn wir es brauchen, packen wir alles aus." Schon vor dem Gipfel stand sein Name deutschlandweit für die harte "Hamburger Linie" gegen Demonstranten.
Der Rote-Flora-Sprecher Andreas Blechschmidt, Anmelder der "Welcome to Hell"-Demo, hatte als Ziel eine "kämpferische Demo" ausgerufen und darauf hingewiesen, "dass wir nicht die katholische Pfadfinderjugend versammeln", sekundiert von Rote-Flora-Anwalt Andreas Beuth, der der verschreckten Stadt einen "der größten Schwarzen Blöcke, die es jemals gegeben hat", in Aussicht stellte. "Wenn wir angegriffen werden, dann werden wir uns auch zur Wehr setzen mit Mitteln, die wir uns selbst suchen." Im Ausland warben Hamburger Antifa-Kreise mit einem Plakat für den Höllentrip: eine brennende Stadtsilhouette, darüber die freundliche Einladung "Hamburg sehen – solange es noch steht".
Wer so rumtönt, verzieht sich nicht in seine Ecke, wenn der Gong zur ersten Runde ertönt.

Schon Tage vor dem Gipfel patrouillierten Polizisten hochgerüstet in der Stadt und besonders im Schanzenviertel, am Sonntag, fünf Tage vor dem Beginn des Gipfels, blockierten sie ein genehmigtes Protestcamp, am Dienstag gingen sie mit Wasserwerfern gegen ein sogenanntes Massencornern vor: Hunderte meist junge Protestler, die sich friedlich auf eine Kreuzung gesetzt hatten, tranken, sangen, diskutierten.
Auf vielen Demonstrationen sollten Menschen später eine Zeile des Rappers Reeperbahn Kareem skandieren: "Ganz Hamburg hasst die Polizei". Was natürlich Quatsch war – aber dann doch von beachtlich vielen mitgegrölt wurde. Das martialische Auftreten hatte ein Klima geschaffen, in dem sich anfangs selbst Menschen gegen die Polizei verbrüderten, die mit der linken Szene nichts zu tun hatten.
Die Demo mit dem Titel "Welcome to Hell" wird als der Moment in Erinnerung bleiben, an dem die Inszenierung allen außer Kontrolle geriet. Der Politik, der Polizei und auch den Linken.
Am Donnerstagabend – viele Staatsgäste waren mittlerweile angereist – bezogen Demoteilnehmer und Polizisten Aufstellung am Fischmarkt. Alle waren breitbeinig aufgetreten in den vergangenen Tagen, nun mussten sie liefern. Polizeiführer Dudde und seine Mannen lieferten als Erste. Sie forderten, dass die Vermummten im Schwarzen Block, eine Gruppe von mehreren Hundert der insgesamt etwa 12 000 Protestler, ihre Vermummung ablegen sollten – wie es das Versammlungsgesetz vorsieht. Als der Forderung nicht alle nachkamen, stürmten Polizisten in die Masse hinein und lösten die Demonstration auf, bevor sie losgehen konnte.
Wenn man markige Worte mag, so wie Polizeiführer Dudde oder Autonomenführer Beuth, könnte man den Gipfel bis zu diesem Zeitpunkt so zusammenfassen: Die Polizei errang einen militärischen Sieg – aber eine moralische Niederlage. Am Freitag sollte sich das Bild drehen.
Schon am Freitagmorgen marodierten etwa 60 Schwarzgekleidete durch Wohngebiete, zündeten wahllos Autos an, darunter Kleinwagen, fackelten Müllcontainer ab, zerstörten Schaufenster – und versetzten die Passagiere eines Busses in Angst und Schrecken. Handyvideos dokumentierten den Spuk und verbreiteten ihn weltweit. "Das waren eindeutig Autonome", sagt ein Rotflorist, "und viele in unserer Szene fanden den Gestus auch richtig, das Signal an die Polizei: Ihr habt hier doch nicht alles im Griff!"
"Gut organisierte Autonome", so sagt der Rotflorist, hätten am Freitagabend auch die Krawalle am Schulterblatt in Gang gebracht, hätten die Barrikaden errichtet und angezündet. Aber mit dem, was ab neun, halb zehn geschah, habe die linke Szene wenig bis gar nichts zu tun, "das war dumpf". Ein Mob brandschatzte, plünderte eine Drogerie, einen O²-Shop, eine Modeboutique, zündete einen Supermarkt in der dicht bebauten Straße an. In der Flora, so berichtet er, sei in der Nacht ernsthaft darüber diskutiert worden, aufs Dach zu steigen und mit Megafon gegen den Mob anzuschreien. Man habe sich dagegen entschieden: "Auch damit nicht der Eindruck entsteht, dass wir das hier orchestrieren."

Derweil war das Equipment der deutschen Polizei zwar zu sehen, so wie von Polizeiführer Dudde angekündigt, bloß eingesetzt wurde es über Stunden hinweg nicht. Zu gefährlich sei die Situation gewesen, hieß es, man habe einen Hinterhalt befürchtet: Gewalttäter, die die Polizei mit Steinen, Eisenstangen und Molotowcocktails von Hausdächern aus attackieren wollten. Bewiesen ist das bis heute nicht.
Flora-Sprecher Blechschmidt distanzierte sich am nächsten Tag von den Krawallen. Die "an sich selbst berauschte" Form der Militanz sei "politisch und inhaltlich falsch", auch aus autonomer Sicht seien "rote Linien" überschritten worden.
Blechschmidt, 52, ist ein schmaler Typ mit sanfter Stimme, der einst den Kriegsdienst verweigert hat und sich bis heute als Pazifist bezeichnet, ein studierter Germanist und Sozialpsychologe, der bis zum G-20-Gipfel hin und wieder als Trauerredner gearbeitet hat, Erd- und Feuerbestattungen. Zurzeit ist er dafür schwer vermittelbar. Wobei auch in der autonomen Szene nicht alle glücklich waren mit seinen Auftritten. Never complain, never explain: Die Maxime der britischen Queen war bislang auch die der Anarchisten aus der Flora. Dass der Mob auf dem Schulterblatt zu weit ging: Das ist wohl Konsens. Dass man sich deshalb öffentlich davon distanziert: Das ist hoch umstritten.
Flora-Anwalt Andreas Beuth wählte eine andere Strategie, bekundete in einem Fernsehinterview "gewisse Sympathien" mit Krawall wie auf dem Schulterblatt, solange er nur andere, reiche Viertel träfe: "Pöseldorf oder Blankenese". Die Empörung war groß, erneut auch in der linken Szene. Beuths Position: okay. Aber das in eine Kamera zu sagen: Das hielten die allermeisten dann doch für dumm. Beuth, so ist zu hören, wird in der Szene künftig keine Rolle mehr spielen. Die Flora schickt ihn in Autonomenrente.
Die brennenden Barrikaden haben den Mythos der Roten Flora aufgefrischt, keine Frage. Aber sie haben für viele die Revoluzzerromantik vorerst zerstört. Die Rote Flora, eine Kirche des Antikapitalismus, droht ihre Gläubigen zu verlieren. Der linksalternative Grundkonsens im Schanzenviertel bröckelt.
Wie hältst du es mit der Roten Flora? Das war in den Wochen und Monaten seit dem Gipfel die Hamburger Gretchenfrage.
Eine der meistdiskutierten Antworten formulierte Álvaro Piña Otey, ein bestens vernetzter Szenegastronom, der als Kind mit seinen Eltern aus dem Chile des Diktators Augusto Pinochet geflüchtet war. Anfang der Neunziger streunte er als Jungpunk durchs Hamburger Schanzenviertel, seinen 15. Geburtstag feierte er bei den Chaostagen in Hannover, später organisierte er Konzerte in der Roten Flora.
Heute ist Piña ein stets perfekt gekleideter Herr, der in Gehweite der Roten Flora zwei hochpreisige, aber auch in der linken Szene geschätzte Restaurants betreibt. Das "Bistro Carmagnole", benannt nach einem Lied der Französischen Revolution, das gesungen wurde, als Monarchisten auf der Guillotine lagen; der Rote-Flora-Sprecher Blechschmidt hat im Carmagnole seine Hochzeit gefeiert. Und die "Cantina Popular", Volksküche, an der neben Piña der Schriftsteller und Entertainer Heinz Strunk und der ehemalige Terrorist Karl-Heinz Dellwo beteiligt sind; zu den Gästen zählte schon der Ex-RAFler Christian Klar.
Über die Facebook-Seiten der beiden Restaurants verbreitete Piña in den Tagen nach dem Gipfel eine Stellungnahme, unterschrieben von etlichen weiteren Ladeninhabern rund ums Schulterblatt. Die Geschäftsleute kritisierten die "blinde und stumpfe" Gewalt. Aber sie sahen den Ursprung dieser Gewalt in der Politik des rot-grünen Hamburger Senats und in der Strategie der Polizei, in einer "quasi monarchischen Inszenierung von Macht und Glamour". Die Gewalt als Konsequenz einer Gesellschaft, "in der jeglicher abweichende politische Ausdruck pauschal kriminalisiert und mit Sondergesetzen und militarisierten Einheiten polizeilich bekämpft wird". Es ist ein Satz, den man liest und dabei Rio Reiser und seine Band Ton Steine Scherben singen hört: "Macht kaputt, was euch kaputt macht", ein Song von 1969.

Die Geschäftsleute haben gesehen, "wie Parkautomaten herausgerissen, Bankautomaten zerschlagen und Straßenschilder abgebrochen wurden", wie Randalierer das Pflaster aufgestemmt und mit den Steinen auf Polizisten geworfen haben. Aber sie haben auch gesehen, schreiben sie, "wie viele Tage in Folge völlig unverhältnismäßig bei jeder Kleinigkeit der Wasserwerfer zum Einsatz kam".
Die Geschäftsleute, das ist der entscheidende Punkt ihres Facebook-Posts, weisen die Vermutung zurück, dass die Randalierer vor allem Linke waren: "Der weit größere Teil waren erlebnishungrige Jugendliche sowie Voyeure und Partyvolk", die eher auf ein Bushido-Konzert passten als auf eine linksradikale Demo, "alkoholisierte Halbstarke". "Das war kein linker Protest gegen den G-20-Gipfel", im Gegenteil. Sie hätten schwarz Vermummte beobachtet, die anderen Vermummten Eisenstangen abnahmen, die ein Feuer im Erdgeschoss eines Wohnhauses löschten, die Anwohnern halfen, ihre Fahrräder in Sicherheit zu bringen. Der Autonome, dein Freund und Helfer.
Die Geschäftsleute jedenfalls schließen mit einem Bekenntnis zur Roten Flora: "Wir leben seit vielen Jahren in friedlicher, oft auch freundschaftlich-solidarischer Nachbarschaft mit allen Formen des Protestes, die hier im Viertel beheimatet sind, wozu für uns selbstverständlich und nicht verhandelbar die Rote Flora gehört."
Es ist ein Bekenntnis, das so selbstverständlich nicht mehr ist, sonst würde es niemand machen.
Noch immer werde er alle ein bis zwei Tage auf den Facebook-Post angesprochen, berichtet Piña. Mehr als 25 000-mal sei der geteilt worden, mehr als vier Millionen Menschen habe er erreicht. Wobei viele ihn heftig kritisierten – und seine Restaurants auf Bewertungsportalen herabstuften. Eine Kampagne.
Journalisten mögen Piña in der Regel. Weil sie seine Restaurants mögen. Und weil er druckreif spricht, ihnen ein gutes Zitat nach dem anderen in den Block diktiert. Zum Interview trägt Piña einen Pullunder über dem Hemd, Manschettenknöpfe, eine Krawatte mit Krawattennadel. So tritt ein Teil der extremen Linken in dieser Stadt auf: eloquent, adrett, aber letztlich doch mit mehr Sympathie für die Randale-Kids als für die Spießer. Es ist auch ein kultureller Konflikt.
Auf Bundesebene forderte die christdemokratische Politprominenz, die Rote Flora müsse geschlossen werden. Die CDU in der Hamburgischen Bürgerschaft regte eine Volksbefragung an – das Gebäude räumen: ja oder nein? Die Lage für die Autonomen ist heikel.

"Ein Referendum ist Unsinn, populistische Schaumschlägerei", sagt Hamburgs SPD-Fraktionschef Andreas Dressel. "Das würde die Stadt dem inneren Frieden nicht näherbringen, im Gegenteil." Aber auch Dressel fordert, dass die Rotfloristen sich nun offensiv von Gewalt distanzieren. Und dass sie sich stärker öffnen. "Wenn Spießer wie ich dort nach einem Abendessen in der Schanze reingehen und bedenkenlos einen Absacker trinken könnten, wäre schon etwas gewonnen. Ein öffentliches Stadtteilkulturzentrum muss auch ohne Einschränkung öffentlich zugänglich sein."
Dressel ist im Habitus ein Gegenentwurf zu Piña: ein braver Kerl im Sakko-zur-Jeans-Look, mit dem man eine Stunde reden kann, ohne dass er etwas Originelles sagt.
Wer über Dressels Forderungen mit Rotfloristen spricht, bekommt zwei Antworten. Ein Bier? Das könne Dressel jederzeit bekommen, auch heute schon. Wobei er vielleicht nicht unbedingt von einem "Absacker" sprechen sollte, wenn er sich nicht lächerlicher machen wolle, als er sei. Ein prinzipielles Bekenntnis zur Gewaltlosigkeit? Das hingegen werde es nie geben. Denn illegale Mittel, begrenzte Regelverletzungen und von Fall zu Fall eben auch Gewalt: Das mache autonome Politik aus.
Sonst, heißt es, wäre die Rote Flora heute wohl ein Musicaltheater, die Häuser in der Hamburger Hafenstraße wären abgerissen, manches Haus im Frankfurter Westend ebenso.
Wie weit dürfen linke Aktivisten also gehen? Das war die Frage, über die in den Wochen nach dem Gipfel nicht nur Hamburger Linke diskutierten.
Wer zum Beispiel Frank Spilker begegnete, dem Sänger der Diskurspopband Die Sterne, der seit mehr als 20 Jahren in der Gegend rund um die Rote Flora wohnt, der hörte den Satz: "Gewalt gegen Menschen ist ein Tabu." Die meisten Menschen aus seiner Szene sagen das. Aber Gewalt gegen Sachen?
"Ich würde nicht wollen, dass mein Auto angezündet wird", sagt Spilker, "das wäre nicht fair." Aber die entscheidende Frage sei eine andere. Nicht: Ist Gewalt berechtigt? Sondern: Ist die Wut berechtigt, die zu der Gewalt führt? Sind die Randalierer einfach irre – oder haben sie Gründe?
Die Katastrophe der Hamburger Chaostage, sagt Spilker, sei doch diese: dass niemand mehr frage, woher die Wut komme. Spilker, das ist ihm wichtig, findet gewaltsame Proteste falsch, aber er findet sie nachvollziehbar, "ich verstehe den Impuls".
In den Neunziger- und Nullerjahren setzte die linke Szene stark auf künstlerische Subversion, auf Strategien der sogenannten Kommunikationsguerilla. "Was damals funktioniert hat, stellt sich jetzt als kontraproduktiv heraus", sagt Spilker. "Sich mit Lehm zu beschmieren und durch die Stadt zu laufen ist als Protestform zu harmlos." Am Rande des G-20-Gipfels hatten tausend Menschen ebendas getan. Eine Kunstperformance, die für schöne Bilder sorgte. Aber für ein Umdenken?
Der Weg von solchen im Schanzenviertel weit verbreiteten Gedanken zu denen von Karl-Heinz Dellwo ist nicht allzu weit. Dellwo war Teil jenes RAF-Kommandos, das 1975 die deutsche Botschaft in Stockholm überfiel und zwei Diplomaten ermordete; mehr als 20 Jahre lang saß er im Gefängnis.
Heute hält er manche der Gewaltaktionen am Rande des G-20-Gipfels für dumm und roh und brutal – und doch findet er es gut, "dass endlich etwas passiert". Im "Ausnahmezustand der für Stunden untergegangenen Kontrollgesellschaft" sei für die Aktivisten eine "verlorene Freiheit" aufgetaucht. Die Plünderungen als anarchistische Party.
Dellwo ist ein alter Mann, der den jungen Männern und Frauen in Schwarz die Theorie liefert, die sie selbst nicht liefern können oder wollen. Auf dem Schulterblatt betreibt er seit vielen Jahren den Laika-Verlag, in dem er eine Buchreihe zur Geschichte linker Bewegungen herausgibt, die "Bibliothek des Widerstands".
Der Historiker und ehemalige Maoist Gerd Koenen, einer der linken Protagonisten der Sechziger- und Siebzigerjahre, hat in einem SPIEGEL-Gespräch kritisiert, die Autonomen von Hamburg hätten auf ihn "autistisch" gewirkt. Sie randalierten, ohne zu erklären, warum. Randale um der Randale willen. Koenen ist das fremd.
An dem Vorwurf sei was dran, sagt Szenegastronom Piña. Aber zu Koenens Zeit hätten linke Aktivisten eben noch Hoffnung haben können. "Heute hingegen gibt es keine große linke Utopie, keinen Funken Hoffnung mehr, dass der selbstmörderische Kurs des Kapitalismus aufzuhalten ist. Der Protest war so nihilistisch wie die gesamte Welt gerade. Ein hilfloses Um-sich-herum-Schlagen, um wenigstens das Gefühl von Souveränität zu erlangen."
Alle sind mit großer Klappe in den G-20-Gipfel gestartet: Dudde und die Polizei. Beuth, Blechschmidt und die Linksradikalen. Am Ende sind alle kleinlaut gelandet. Zu den größten Verlierern aber zählt Bürgermeister Olaf Scholz.
Als sich der Rauch der Bengalos verzogen hatte, rieben sich viele Hamburger verwundert die Augen: Mensch, dem Olaf hätten wir mehr politischen Instinkt zugetraut. Wieso hat Scholz die Herausforderung vorher so heruntergespielt, den G-20-Gipfel mit einem Hafengeburtstag verglichen? Wieso hat er nicht wenigstens am Sonntag nach den Krawallen symbolisch mitgeholfen, als Hunderte Hamburger mit Schubkarren und Besen im Schanzenviertel anrückten und aufräumten? Wieso hat er dann auch noch ganz ohne Not die Polizei von jeglicher Schuld freigesprochen, all die angezeigten Fälle von Polizeigewalt ins Reich der Mythen verbannt?
Scholz galt bundespolitisch lange als Hoffnungsträger der SPD. Der G-20-Gipfel hat ihn entzaubert – und seine Hamburger Sozialdemokraten nicht nur viel Sympathie gekostet, sondern bei der Bundestagswahl im September offenbar auch viele Stimmen: In keinem anderen Bundesland musste die SPD so hohe Verluste verkraften wie in Hamburg, fast neun Prozentpunkte. Stark sackte sie in den Stadtteilen ab, die unter dem Gipfel besonders gelitten hatten: in der Sternschanze von 24,4 auf 13,7 Prozent, in Altona-Altstadt gar von 31,3 auf 19,8 Prozent.
Für die Hamburger SPD, so viel ist sicher, hat sich der Gipfel nicht gerechnet. Sie zahlt den politischen Preis. Und die Stadt? Sie war weltweit in den Nachrichten präsent, blöderweise mit Krawallbildern. "Die Frage nach dem Image darf nicht ausschlaggebend sein", sagt Fraktionschef Dressel. Und die Frage nach den finanziellen Kosten? Scholz hatte versprochen, die Hamburger Steuerzahler müssten für den Gipfel nichts zahlen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass die Bundespauschale in Höhe von 50 Millionen Euro nicht ausreichen wird; die Differenz trägt der Hamburger Steuerzahler. "Wir können Demokratie nicht an dem Maßstab messen, ob sich was rechnet", sagt Dressel.
Eine positive Bilanz des G-20-Gipfels zog am Ende immerhin einer – Donald Trump: "Die Polizeikräfte und das Militär haben einen spektakulären Job gemacht in Hamburg", twitterte er zum Abschied. "Alle haben sich total sicher gefühlt, trotz der Anarchisten."
Der Mann weiß, was eine gute Inszenierung ist.

LOKALTERMIN

Ein absurder Platz

Der G-20-Abend in der Elbphilharmonie
Reihe 12, Bereich B, Platz 1 steht auf der Karte, die per Post kommt. Irgendwo ganz weit oben im Großen Saal der Elbphilharmonie wahrscheinlich, denke ich. Von wegen. 12 B 1 ist ein absurder Platz an diesem G-20-Abend. Wären meine Arme 30 Zentimeter länger, könnte ich meine rechte Hand auf das Knie von Emmanuel Macron legen, die linke auf das von Donald Trump; beide sitzen direkt hinter mir. Nur eine schmale beige Wabenmauer trennt mich von ihnen. Nach 19 Uhr sind die Staats- und Regierungschefs an diesem 7. Juli in den Saal gekommen, Brigitte Macron vorneweg, gefolgt von ihrem Mann. Hinter dem französischen Präsidenten steuern Donald Trump und dessen Frau Melania auf die erste Reihe hinter der kleinen Mauer zu. "Hier riecht es auf einmal komisch", sagt meine 16-jährige Tochter, als die vier genau vor unseren Plätzen stehen bleiben, "nach billigem Rasierwasser. Das ist bestimmt Trump." Ich habe mir über vieles Gedanken gemacht seit Trumps Amtsantritt – darüber, ob ein einzelner Mann die amerikanische Demokratie gefährden kann, ob Donald Trump wirklich glaubt, was er täglich twittert, ob er tatsächlich abends im Bademantel im Weißen Haus sitzt und stundenlang Fox News schaut. Ich habe mich nie gefragt, wie er riecht.
Meine Tochter unterhält sich jetzt mit Macron, der immer noch steht und sich zu ihr runterbeugt, sie reden über Hamburg, Paris und das Périgord. Zwei, drei Minuten gehören ihr, dann wendet sich Macron wieder Trump zu. Angela Merkel nimmt Platz, tosender Beifall. Wir setzen uns auch. Schade, sagt meine Tochter, jetzt hätte man gern einen von diesen Selfiesticks, um zu sehen, was hinter uns los ist. Und der Macron, der sei echt nett. Das Konzert beginnt, Beethovens Neunte, d-Moll, wir schauen auf den Rücken von Dirigent Kent Nagano zehn Meter vor uns. Und ab und an aufs Handy: Im Schanzenviertel fliegen die ersten Flaschen und Steine. Links hinter uns im Saal ist auch Olaf Scholz mit seinem Handy beschäftigt, er lässt sich im Minutentakt vom Innensenator die polizeiliche Lage schicken. Und sieht jetzt schon bleich aus. Einige der Staatsgäste hinter uns applaudieren zwischen den einzelnen Sätzen, die Profis im Saal schauen streng und strafend. Wir wissen nicht, wer es war, aber sind uns sicher, dass auch Trump geklatscht hat. Macron natürlich nicht.
Nach dem Konzert gibt es noch einen Empfang im Büro des Intendanten Christoph Lieben-Seutter, das wie eine große gläserne Gondel über der Elbe schwebt. Auf dem Fluss patrouillieren Polizeiboote, an den Landungsbrücken sieht man Blaulicht, die Gäste trinken Rot- und Weißwein. Irgendjemand sagt, wir lebten hier gerade in der Cloud. Erste Bilder des Staatsgästeessens werden auf einem Bildschirm übertragen. Donald Trump wurde neben die schöne Frau von Argentiniens Staatschef Macri gesetzt, er sieht zufrieden aus. Zum Dessert gibt es eine kleine Elbphilharmonie aus Schokolade. Den Rest der Hamburger Wirklichkeit muss man an diesem Abend von den Smartphones abrufen. Britta Sandberg
Von Tobias Becker

SPIEGEL Chronik 1/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL Chronik 1/2017
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.