06.12.2017

ReisenTouristenfalle

Europas Städte erzielen immer neue Besucherrekorde – aber die Einwohner haben genug von Menschenmassen, Müll und Lärm. Der Widerstand gegen den Ausverkauf wächst.
Es gibt ein Bild von Cambridge, das fast jeder kennt. Es zeigt die Westfassade der gotischen Kapelle des King's College, eingerahmt von Bäumen, dazwischen Kühe, die auf einer Wiese grasen. "Ein schönes Bild", sagt Penny Heath, "aber leider ist es falsch, denn das hier sieht man nie darauf." Sie zeigt auf Pappbecher und Plastikschalen, auf Reisebusse, die mit laufendem Motor im Parkverbot stehen, auf die Massen mit Smartphone in der Hand. "So sieht Cambridge wirklich aus", sagt Heath. "Das tut weh."
Heath ist Mitglied einer Bürgerinitiative gegen die verstopften Straßen in ihrer Stadt; sie ist mit dem Fahrrad in die Altstadt gekommen, was sie nur noch selten tut, denn es gibt kein Durchkommen mehr. Die historischen Brücken und Kirchen sind durch Hotdog- und Crêpesstände verbaut; die King's Parade, an der die ehrwürdigen Lehranstalten der University of Cambridge aufgereiht sind, ist am Wochenende oft so voll, als würden die Rolling Stones ein Konzert geben. Auf dem Cam sieht man bisweilen vor lauter Kähnen den Fluss nicht mehr. "Man kann gar nicht so schnell zugucken, wie sich die Stadt verändert", sagt Heath. "Wir waren mal eine Universitätsstadt, jetzt sind wir ein Disney-Themenpark." Einwohner klagen, Cambridge sei "völlig ausgelaugt" und werde "überrannt".
Bislang sieht die Stadtverwaltung dem Treiben weitgehend tatenlos zu, aber selbst der Stadtrat John Hipkin gibt zu: "Tourismus kann zu viel des Guten sein. Die Bürger von Cambridge fühlen sich nicht mehr wohl im Stadtzentrum. Sie werden von Schleppern bedrängt, von den Massen zur Seite gestoßen, vom Gestank der Imbissstände umwölkt und von Cafétischen am Weiterkommen gehindert."
Cambridge, 130 000 Einwohner, in Kalkstein gemeißeltes England-Destillat, wurde 2016 von 5,3 Millionen Touristen besucht; und vieles spricht dafür, dass es in diesem Jahr noch mehr waren. Das britische Pfund ist seit dem Brexit-Referendum in den Keller gestürzt, selten war es so günstig, die Insel zu bereisen. Längst hat London mehr Reisebuchungen aus dem Ausland zu verzeichnen als Paris oder Rom – und von der britischen Hauptstadt aus ist Cambridge in nicht mal einer Zugstunde zu erreichen.
Ähnlich wie Cambridge ergeht es vielen Städten Europas, insbesondere Barcelona, Prag, Amsterdam, Paris, Florenz und Venedig. Aber die Besucherflut verwüstet auch Orte wie das kroatische Dubrovnik, wo sich Strandurlauber und Fans der hier gedrehten Fantasysaga "Game of Thrones" durch die Gassen der Altstadt schieben; auf die 1500 Altstadtbewohner kommt mehr als eine Million Touristen pro Jahr.
In Salzburg sind es 7,5 Millionen Besucher bei rund 150 000 Einwohnern; in Luzern 8,8 Millionen Besucher bei rund 80 000 Einwohnern. Ganze Inseln sind überfüllt, wie Ibiza, Mallorca oder Island. Sogar in den einst ausgestorbenen Weilern entlang des Jakobswegs gibt es Klagen über die Pilgermassen; genauso wie in den schon lange nicht mehr so malerischen Küstendörfern der Cinque Terre.
Viele meiden inzwischen die Türkei, Ägypten und Tunesien, sie sonnen sich lieber an den Stränden Spaniens oder Italiens; sie fliegen mit Ryanair übers Wochenende nach London oder Lissabon und übernachten mit Airbnb. Reisen ist unkompliziert buchbar und billig geworden, und so können es sich immer mehr Menschen leisten, ständig in Bewegung zu sein. Es geht darum, in möglichst kurzer Zeit möglichst viel zu erleben und die Fotos davon auf Instagram zu posten.
Der Tourismus sei die wichtigste Industrie des 21. Jahrhunderts, schreibt der italienische Autor Marco d'Eramo. 1522 Milliarden Dollar setzte die Branche im Jahr 2015 um. Und schon im Jahr 2030, so die Uno-Tourismusorganisation, könnten weltweit 1,8 Milliarden Touristen unterwegs sein, doppelt so viele wie 2010. Doch so hoch der Profit dank der kollektiven Reisewut ist – der Preis dafür ist es auch.
Denn leider ähneln sich die Urlaubsträume von wohlhabenden Europäern, aufsteigenden Asiaten und neureichen Golfbewohnern, und so wird das, was die Unesco zum Weltkulturerbe oder der Reiseführer zur angesagten Trendstadt erklärt, wenig später zur belagerten Selfie-Kulisse. Die Besucher bringen Abfall, Lärm und schlechte Manieren mit, sie parken Gassen und Strände mit ihren Mietwagen zu; und allzu oft haben sie einen deprimierend einheitlichen Geschmack, weshalb die einst so idyllischen Altstädte mit den immer gleichen Sandwichketten, Souvenirshops und Bekleidungsläden gepflastert sind. Hotels und Ferienwohnungen verdrängen die Einwohner, und mit ihnen verschwinden all die traditionellen Metzger, Bäcker und Haushaltswarengeschäfte.
"Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet", so urteilte Hans Magnus Enzensberger 1958, zu einer Zeit, da die Deutschen gerade den Gardasee zu erobern begannen. Inzwischen hat sich die Zahl der Reisenden weltweit verfünfzigfacht. Daher geht es jetzt um nicht weniger als die Identität der europäischen Städte, die Herzkammern der Kulturnationen, denn das Risiko ist groß, dass sie zu einem großen Freizeitpark werden, in dem die Bewohner nur noch Statisten sind.
Und so stieg in diesem Sommer in vielen europäischen Städten der Zorn der Bürger auf die Invasion der Touristen – und die Frage wurde laut, wie sich der Besucherstrom reduzieren lässt. Immer mehr Stadtverwaltungen denken inzwischen darüber nach, wie sie den Massenansturm begrenzen können. Durch Eintrittssperren, Umlenkung in andere Stadtgebiete, eine Art Paywall für ganze Regionen und Orte.
Wohl kaum eine Stadt ist so überlaufen wie Barcelona – und nirgendwo ist der Widerstand gegen die Besucher so groß wie hier, sodass sogar schon das Wort von der "turismofobia", der Tourismusphobie, die Runde macht. Im Frühsommer wurden Hotels mit Farbbeuteln traktiert, Fensterscheiben eingeworfen und Rauchbomben gezündet; Leihfahrräder wurden zerstört und die Schlösser von Schließfächern verschmiert. Ende Juli wurde ein Reisebus angegriffen, Reifen wurden zerstochen, dann sprühten die vermummten Angreifer ihre Botschaft auf die Windschutzscheibe: "Der Tourismus tötet die Stadtviertel." Verantwortlich für all das ist eine ultralinke Jugendorganisation, die der katalanischen Separatistenpartei CUP nahesteht, sie bezeichnet ihre Aktionen als "legitime Selbstverteidigung".
Tatsächlich ging im Herbst die Zahl der Hotelbuchungen in Katalonien zurück, wohl wegen der Auseinandersetzungen nach dem Unabhängigkeitsreferendum. Vielleicht schreckte aber auch die Angst vor Terror Besucher ab. Am 17. August waren bei einem Anschlag auf der Flaniermeile Las Ramblas 15 Menschen getötet und mehr als 130 verletzt worden.
Doch Touristen vergessen schnell. Solange Attentate Einzelfälle bleiben, das zeigt die Erfahrung aus anderen europäischen Metropolen wie Berlin, wird die Reiselust nur vorübergehend gedämpft.
Erst recht bei einer Stadt wie Barcelona, perfekt für Urlauber: am Mittelmeer gelegen, mit Kunstsammlungen von Picasso bis Miró, schöner Altstadt und spannendem Nachtleben. 2016 kamen fast 30 Millionen Touristen. Der Ansturm begann 1992, als hier die Olympischen Sommerspiele stattfanden. Damals begann Barcelona, um internationale Gäste zu werben. Erst um das Jahr 2010, als sich der Besucherstrom in nur sieben Jahren verdoppelt hatte, erkannte man den Tourismus auch als Problem. Das soll Agustí Colom nun lösen.
Colom ist der Tourismusbeauftragte der Stadt, er gehört zur Bewegung "Gemeinsam für Barcelona" der linken Bürgermeisterin Ada Colau, die vor zwei Jahren gewählt wurde, auch weil sie versprochen hatte, die Touristenflut einzudämmen. Sein Arbeitsplatz im Rathaus liegt mitten in der Altstadt, wo sich die Sehenswürdigkeiten und damit die Touristen ballen. Und so erlebt Colom schon auf dem Weg ins Büro, was seine Mitbürger stört.
An diesem Julitag kann man ihn auf einem Rundgang begleiten. Um Viertel nach neun legen die Fischhändler in den Markthallen der Boquería ihre Hummer und Muscheln aus und werden dabei schon von fotografierenden Reisegruppen belagert. Kameras schwenken dicht über die Langusten, niemand kauft etwas. Vor dem Haupteingang ist kaum Durchkommen, da haben fliegende Händler Taschen, Gürtel und Billigschmuck auf Laken ausgebreitet.
"Wir haben nichts gegen Touristen", sagt Colom. Schließlich reisten ja auch die Katalanen gern. "Aber wir wollen nicht enden wie Venedig." Seine Aufgabe ist es, die Unannehmlichkeiten für die Bewohner zu reduzieren. Und zwar ohne die Einnahmen durch den Tourismus zu schmälern, die 14 Prozent des Bruttosozialprodukts der Stadt ausmachen und Zehntausende Arbeitsplätze sichern. Ein fast unmögliches Unterfangen.
Vor der Boquería wälzt sich ein zäher Strom von Menschengruppen die Ramblas hinunter zum Hafen, Jugendliche auf Klassenreise mit Maßkrug in der Hand, Familien mit Kinderwagen und Saudi-Araber in weißen Gewändern, die Frauen ganz in Schwarz. In den gusseisernen Kiosken auf der Prachtstraße flatterten einst Kanarienvögel und Papageien, heute bieten sie Massenware feil. Früher trafen sich hier die Bürger zum Aperitif oder Kaffee, doch nun fänden sie auf den Ramblas "nichts mehr zum Wohlfühlen", bedauert Colom.
Bürgermeisterin Colau hat nach ihrem Amtsantritt ein Moratorium für den Neubau von Hotels verhängt. Seit Februar gilt ein neuer Bebauungsplan, im Zentrum werden jetzt keine neuen Lizenzen für Unterkünfte mehr erteilt, die Bettenzahl soll verringert werden. In einigen Vierteln darf der Bestand erhalten bleiben. Nur in der Peripherie können Neubauten entstehen.
Aber das allein wird die Touristenflut nicht eindämmen. Denn inzwischen übernachten genauso viele Besucher in Privatwohnungen wie in Hotels, zumeist vermittelt durch Internetanbieter wie Airbnb. In manchen Stadtgebieten sind die Mieten für die Bewohner dadurch ins Unerschwingliche gestiegen.
Besonders leiden die Bewohner der Barceloneta, denn das einstige Fischerviertel direkt am Wasser ist bei Touristen beliebt. Die Wohnungen sind zu lukrativen Mietobjekten geworden, viele der zumeist ärmeren Anwohner wurden verdrängt.
Den Markt der Ferienwohnungen auf die Regeln des "zivilisierten Zusammenlebens" zu verpflichten, sagt Agustí Colom, war in diesem Sommer seine Hauptbeschäftigung. Er musste mit Strafen von bis zu 600 000 Euro drohen. Er hat damit immerhin erreicht, dass die Betreiber von Airbnb nun zugestimmt haben, alle illegalen Angebote aus dem Netz zu nehmen.
Auch die Belastung durch 13 Millionen Tagestouristen jährlich möchte Colom abmildern. Sie blieben durchschnittlich viereinhalb Stunden und ließen kaum Geld da; jeder zehnte komme mit einem Kreuzfahrtschiff. "Wir bieten den Linien daher jetzt bevorzugt Liegeplätze an, wenn sie Barcelona als Basishafen nutzen", sagt Colom. Dann würden die Schiffsreisenden wenigstens zum Start oder am Ende eine Nacht in Barcelona verbringen. Gerade hat der Stadtrat zudem beschlossen, von Ausflüglern, die in Bussen angekarrt werden, eine Steuer zu kassieren.
Auch anderswo in Spanien gibt es inzwischen Proteste gegen Urlauber. Im Jachthafen von Palma de Mallorca wurden Restaurantgäste mit Konfetti beworfen, mit bengalischem Feuer erschreckt und Mietwagen mit Stickern beklebt, auf denen zu lesen ist: "Tourismus tötet Mallorca". In Valencia besetzten Aktivisten eine Ferienwohnung in der Altstadt. Auch im Baskenland haben junge Linksextreme den Massentourismus als neues Feindbild entdeckt, besonders in Bilbao und San Sebastián sind immer mehr Anti-Touristen-Aktionen zu beobachten.
Ministerpräsident Mariano Rajoy sah sich in seinem Sommerurlaub genötigt, seine Landsleute darauf hinzuweisen, dass sie die zahlenden Gäste lieber "pflegen und verwöhnen" sollten. Immerhin hängt die wirtschaftliche Erholung Spaniens von den Urlaubern ab, von denen bis Ende des Jahres an die 84 Millionen erwartet werden, ein Plus von fast zwölf Prozent.
Doch die Wut speist sich auch aus dem Gefühl vieler, dass sie durch den Massenandrang draufzahlen: für die Instandhaltung ihrer Viertel, Parks und Museen, für Nahverkehr und Müllabfuhr. Es verdienen vor allem die Airbnb-Vermieter, die häufig keine Abgaben entrichten, die Souvenir- und Fast-Food-Anbieter.
Was also tun, um des Massentourismus Herr zu werden? Es gibt da inzwischen auch radikale Ideen. Island denkt über Ein- oder Ausreisesteuern nach, um den Massenansturm zu reduzieren, die jährliche Zuwachsrate betrug zuletzt 40 Prozent. Auch auf der schottischen Isle of Skye, zum eigenen Leidwesen etwas zu berühmt durch Film und Fernsehserien, wird erwogen, einen Eintrittspreis von Reisenden zu verlangen. Norwegen debattiert darüber, ganze Fjorde für Touristen zu sperren.
Amsterdam will sie in weniger frequentierte Stadtgebiete umlenken, allerdings werden Besucher sich wohl kaum das Rijksmuseum oder das Anne-Frank-Haus verbieten lassen. Die Stadtverwaltung von Dubrovnik hat in der Altstadt Videokameras installieren lassen, mit denen die Besucher gezählt werden. Ist die Obergrenze von 6000 erreicht, soll nur noch jemand reindürfen, wenn ein anderer rausgeht.
Venedig, Inbegriff für den seelenlosen Tourismus im 21. Jahrhundert, erwägt bald ein elektronisches Buchungssystem für alle Besucher, sogar eine zeitweilige Zugangssperre zum Markusplatz scheint denkbar. Die Sehenswürdigkeiten der ehemals stolzen Seerepublik werden von jährlich 28 Millionen Besuchern überrannt, bei 54 579 Einwohnern.
So könnten Traumziele in Zukunft zu Oasen allein der Wohlhabenden werden. Aber anders wissen sich viele Orte nicht mehr zu helfen. In Italien ist das Problem inzwischen so groß, dass Ende Juli der Minister für Kulturgüter und Tourismus Vertreter aus Venedig, Florenz, Rom, Neapel und Mailand zum Krisengipfel bat. Über die Auswirkungen des Massentourismus und Gegenstrategien wurde beraten, am Ende blieb es bei Absichtserklärungen.
Bisher beschränken sich die Lösungen eher auf Kleinigkeiten: Rom verlangt 50 bis 300 Euro für jeden ins Stadtzentrum fahrenden Reisebus. Mailand hat zwischenzeitlich rund um das alte Hafenbecken Selfiesticks und Food-Trucks verboten. Und Florenz setzt beim Kampf gegen die Touristen auf rabiate Abschreckung.
Im Mini-Lieferwagen der Marke Piaggio ruckelt der Müllmann Marzilio Vegni durch die Altstadt, vorbei am Dom und an den Uffizien, am Ponte Vecchio und am Palazzo Pitti. Um 12.40 Uhr hält er vor der Basilika Santa Croce, für die stolzen Florentiner so etwas wie ein toskanischer Mini-Pantheon: Michelangelo und Machiavelli wurden hier beigesetzt, der Astronom Galilei und der Komponist Rossini.
Marzilio Vegni, Katholik mit Goldkreuz auf der Brust, verehrt die Basilika. Er ist hier zur Kirche gegangen und um die Ecke aufgewachsen. Jetzt blickt er auf die Stufen, die zum Portal führen, und sieht dort mehr als hundert Menschen sitzen, die es sich an diesem Augusttag bei gut 40 Grad im Schatten gemütlich gemacht haben. Sie rasten, plaudern, stärken sich. In der ersten Reihe werden Panini geschmiert, unter dem Dante-Denkmal gibt es Prosciutto.
Vegni packt nun seinen Hochdruckreiniger aus, dann richtet er dessen Strahl auf die Stufen und bläst Plastikmüll, Krümel und Zigarettenkippen herunter. Die Idee, die Treppen vor den Hauptsehenswürdigkeiten zweimal täglich so nass wie möglich zu machen, um die Touristen vom Herumlungern abzuhalten, stammt von Bürgermeister Dario Nardella.
"Sie essen, trinken und verschmutzen die Eingangsstufen unserer Kirchen, als wären sie im Restaurant", sagt das Stadtoberhaupt: "Aber unsere Kirchhöfe sind Orte der Religion und Kultur, die geliebt und respektiert werden sollten."
Doch genau 90 Sekunden nachdem Marzilio Vegni seinen Hochdruckreiniger abgeschaltet hat, sitzen die ersten Asiaten wieder auf den trocknenden Stufen.
Es ist schwer, die Massen umzuerziehen, noch schwerer, sie umzulenken, vor allem, wenn man ihr Geld braucht. Der Bürgermeister hat zwar Airbnb dazu gebracht, Übernachtungsteuer in Höhe von 2,50 Euro pro Person und Tag zu überweisen; er hat einen vorläufigen Stopp für neue Hotels verkünden lassen und will Hunderte Imbisse, Internetcafés und Getränkeshops aus der Altstadt verbannen. Doch was soll er dagegen tun, dass alteingesessene Familien wegziehen, dass immer mehr Bewohner ihre Wohnungen untervermieten, dass sich die Stadt allmählich verändert?
Bei Nerbone in der Markthalle, einer Institution in Florenz seit 1872, kauen schon morgens die Touristen, neben sich ihre Rollkoffer, an den Kuttelbrötchen. Nebenan, vor der Salumeria Lombardi, bestaunt eine Gruppe Amerikaner die am Haken baumelnden Zehn-Kilo-Schinken. Und der noble Tuchhändler Ermini beobachtet vor seinem menschenleeren Laden am Dom, wie ein fliegender Händler Krawatten, "echte Seide, made in Italy", verkauft, das Stück für 3,30 Euro. Wo der alteingesessene Juwelier Cavurotto seinen Laden hatte, ist jetzt eine Eisdiele.
"Wir sind hier auf dem besten Wege, ein Vergnügungspark zu werden", sagt Alessandra Zecchi. Sie koordiniert die "Engel des Schönen", eine Gruppe von 2500 Freiwilligen, die gegen den täglichen Wahnsinn ankämpfen. Sie reinigen verschmierte oder besprühte Wände und verteilen Stadtpläne, auf denen die öffentlichen Toiletten verzeichnet sind. Sie bemühen sich, zumindest das Schlimmste in der Stadt Dantes und Michelangelos zu verhindern.
"Manche von denen, die hier durchreisen, wissen nicht mal mehr, wo sie gerade sind", berichtet Zecchi. Denen sage sie dann: "Warum setzt du dich nicht einfach bei dir zu Hause hin und siehst dir in aller Ruhe ein Video über Florenz an?"

"Tourismus zerstört, was er sucht, indem er es findet."

"Auf dem besten Wege, ein Vergnügungspark zu werden."

Von Walter Mayr, Jörg Schindler und Helene Zuber

SPIEGEL Chronik 1/2017
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