06.12.2017

FußballDer 222-Millionen-Euro-Mann

Der Transfer des Brasilianers Neymar zu Paris Saint-Germain steht stellvertretend für den Zustand des Spiels: Noch lieben es die Fans, doch das Geschäft dahinter können sie nicht mehr verstehen. Wie lange geht das gut? Von Gerhard Pfeil
Eine der schlechtesten Lügen der jüngeren Fußballgeschichte tischte diesen Sommer der brasilianische Nationalspieler Neymar da Silva Santos Júnior auf. Nachdem der Stürmer im August vom FC Barcelona zu Paris Saint-Germain gewechselt war, erklärte er, dies sei nicht des Geldes wegen geschehen.
Ja, warum denn dann?
PSG bezahlte für Neymar die Rekordsumme von 222 Millionen Euro. Der Fußballer verdient in Paris rund 50 Millionen Euro im Jahr. Er musste vermutlich nicht lange über den Umzug nach Frankreich nachdenken.
Der Wechsel Neymars löste eine heftige Debatte aus. Kann ein Fußballer wirklich so viel Geld wert sein? Sind solche Summen marktgerecht? Oder ist das Geschäft mit dem Fußball ernsthaft krank?
Neymar ist ein richtig guter Spieler. Er wird in seiner Heimat als Nachfolger des großen Pelé gefeiert. Wenn Neymar mit dem Ball am Fuß Richtung Tor strebt, dann ist das ein Moment voller Dynamik und Energie. Aber natürlich ist das, was der Brasilianer am Ball kann, keine 222 Millionen Euro wert. Der FC Barcelona hat diese Fantasiesumme im Arbeitsvertrag mit dem Spieler als Ablöse festgeschrieben, ohne ernsthaft damit zu rechnen, dass jemand tatsächlich einen solchen Haufen Geld für eine Fußballer hinblättern würde.
Inzwischen weiß man: Die Spanier hätten wohl auch 300 Millionen für Neymar verlangen können. Paris Saint-Germain, ein ehemals hoch verschuldeter Klub, wurde vor sechs Jahren von einer Investmentgruppe übernommen, hinter der der milliardenschwere Staatsfonds von Katar steht. Geld spielt also keine Rolle.
Katar, Gastgeber der Fußballweltmeisterschaft 2022, investiert seit Jahren massiv in den Profifußball. Mit insgesamt rund einer Milliarde Euro wurde allein der Kader von PSG aufgerüstet.
Dass sich ein Scheich ein Starensemble zusammenkauft und damit womöglich die Champions League gewinnt, ist eine Horrorvorstellung für viele Fans. Aber so sieht die Realität aus in der schönen neuen Fußballwelt, die mehr und mehr bestimmt wird von internationalen Geldflüssen, von Konzernen und Investoren aus Asien, Russland, den USA.
Menschen lieben den Fußball, weil dieses Spiel so einfach ist, weil es jeder versteht. Aber wer kann noch das Geschäft mit dem Fußball nachvollziehen?
Im vergangenen Transfersommer gaben Profiklubs in Europa rund fünf Milliarden Euro für neue Spieler aus.
Der Spielerberater Mino Raiola verdiente allein mit dem Wechsel des französischen Nationalspielers Paul Pogba zu Manchester United 49 Millionen Euro.
Der ehemalige Ersatztorwart des FC Bayern, der Spanier Pepe Reina, kassierte in München einmal in einem einzigen Monat 1 191 948,18 Euro.
Es gibt Funktionäre, Trainer, auch Spieler, die sich über die Entwicklung des Fußballgeschäfts Sorgen machen. Der deutsche Nationalspieler Ilkay Gündogan zum Beispiel sagt, es müsse aufhören, dass schon Talente im Teenageralter mit Millionen zugeworfen würden. Das viele Geld verderbe den Charakter der Nachwuchskicker.
Mitte November spielte Gündogan mit der Nationalmannschaft in Köln gegen Frankreich. Während er und seine Kollegen sich in der Umkleidekabine des Rhein-Energie-Stadions bereit machten, trainierten draußen auf einem kleinen Nebenplatz die U-13-Talente des 1. FC Köln. Das Spielfeld, eingezäunt mit hohen Gittern, war umstellt von stolzen Eltern. Plötzlich erklang drüben in der Arena die Nationalhymne, weil die Blaskapelle schon mal für die Zeremonie vor dem Anpfiff des Länderspiels übte, und man konnte bei manchen Vätern die Gedanken lesen.
Der Reiz, es bis in den Kader eines Profiklubs zu schaffen, ist für Talente und deren Eltern größer denn je. Die Fußballwelt glitzert, selbst bei heruntergewirtschafteten Klubs wie dem Hamburger SV werden immer noch Millionengehälter gezahlt.
Die Parkplätze deutscher Bundesligavereine sind zugeparkt mit protzigen Wagen. Die Fahrzeuge sind für die Profis Statussymbole, und sie stehen sinnbildlich für das Selbstverständnis einer Branche, die den Hals nicht vollkriegt.
Weil die TV-Rechte immer teurer werden, steigen beständig die Preise für die Abos der Bezahlsender. Stadiontickets werden immer teurer, ein Trikot im Fanladen kostet, egal ob in München, Dortmund oder Mainz, bis zu 90 Euro.
Viele Fans ziehen aus der zunehmenden Kommerzialisierung ihres Lieblingssports die Konsequenzen – und gehen einfach nicht mehr hin. Beim Länderspiel gegen Frankreich blieben im Stadion in Köln viele Plätze leer, obwohl Stars wie Toni Kroos und der junge Kylian Mbappé aus Paris zu sehen waren.
Oliver Bierhoff, der Manager der DFB-Elf, blickte an jenem Abend etwas konsterniert hinauf auf die Tribünen. Denn auch die Stimmung beim letzten Länderspiel des Jahres war irritierend. Es gab keine Begeisterungswellen, keine Gesänge, kaum Anfeuerung von den Rängen. Es herrschte – Stille. In Köln!
Bierhoff warnt seit Längerem davor, dass sich der Fußball mehr und mehr von den Konsumenten entferne. Die Fifa ist korrupt. Der DFB steckt in der Sommermärchen-Affäre fest. Die Zahl der VIP-Logen in den Stadien wird immer größer. Und die Lebenswelt der Profis und der Mehrzahl der Zuschauer auf den Tribünen driftet immer weiter auseinander.
Fußball, ein Spiel der kleinen Leute? Das war einmal. Die wichtigste Ressource der Profiklubs ist die Leidenschaft der Fans. Aus ihr speist sich alles.
Die Liebe zu einem Verein entsteht nicht durch das neue Werbevideo des Hauptsponsors oder durch Artisten wie Neymar, Ronaldo und Messi, sondern durch Identifikation und das Gefühl von Gemeinschaft.
Traditionsklubs wie Dynamo Dresden, Union Berlin, der FC St. Pauli brauchen keinen Scheich, keinen Oligarchen oder Brausehersteller, der ihnen die Champions-League-Teilnahme erkauft. Ihre Arenen füllen sich, weil die Anhänger etwas mit ihrem Klub verbindet – egal ob in der ersten oder in der dritten Liga.
Es gibt bereits eine Gegenbewegung zum entfesselten Kommerzfußball. Sie wird angeführt von Ultra-Fangruppen, die gegen Vermarkter und Verbände protestieren, gegen Millionentransfers und Millionengehälter. Es gibt Fußballliebhaber, die lieber zu Altona 93 gehen als zum HSV.
Der TSV 1860 München verlor vorigen Sommer seine Profilizenz, weil der arabische Investor nicht mehr bereit war zu bezahlen. Die Sechziger treten jetzt in der Regionalliga an. Seine Heimspiele trägt der Klub nicht mehr als Untermieter in der Allianz Arena des FC Bayern aus, sondern im stark in die Jahre gekommenen Stadion an der Grünwalder Straße. Dort regnet es durchs Dach, auf den Stehplätzen zieht es wie Hechtsuppe. Im Oktober hatte 1860 den oberbayerischen Dorfverein FC Pipinsried im "Grünwalder" zu Gast.
Es kamen 12 500 Zuschauer, ausverkauft.
Beim kollabierten Traditionsverein aus München-Giesing zeigt sich jetzt wieder die Magie, die der Fußball mitunter entfalten kann.
Bei Paris Saint-Germain, dem Verein des Emirs von Katar, zeigt sich vor allem die Macht des Geldes. In den VIP-Logen im Prinzenparkstadion fressen sich die Besucher durch Schalentierberge. PSG führt konkurrenzlos die Tabelle in Frankreich an. Die Fans haben sich an die Überlegenheit ihres Teams inzwischen dermaßen gewöhnt, dass die Spieler bereits ausgepfiffen werden, wenn PSG mal nicht schon zur Halbzeit deutlich führt. In der Champions League zerlegten Neymar und Co. sogar den großen FC Bayern mit 3:0 Toren.
Der Transfer Neymars nach Paris hat kaum irgendwo für so viel Unmut gesorgt wie beim FC Bayern. Solche Millionenexzesse machten den Fußball "kaputt", schimpfte Präsident Uli Hoeneß und versprach, niemals werde sein Verein solche Summen für einen Spieler ausgeben.
Der Patron durchlebt mit seinem Klub in der Champions League gerade ein Gefühl der Ohnmacht. Die Investorenvereine aus Manchester, London und Paris, ebenso der FC Barcelona und Real Madrid, sie alle haben mehr Geld zur Verfügung als die Münchner und sind deshalb in der Lage, die Qualität ihrer Teams fast nach Belieben auszubauen.
Richtig schlecht geht es den Bayern deshalb nicht. Immerhin regieren sie die Bundesliga schier nach Belieben. Diese Saison werden die Münchner vermutlich zum sechsten Mal hintereinander Meister.
Die Vermarkter der Bundesliga bringt diese Serie mehr und mehr in eine verzweifelte Lage. Denn das Produkt, das sie anbieten, wird immer langweiliger. Weil es keinen echten Kampf um die Tabellenspitze gibt, kümmerten sich die Medien zuletzt bereits um Randthemen wie den neuen Videobeweis.
Die Kluft zwischen dem FC Bayern und der Konkurrenz in Deutschland wird weiterwachsen. Das große Geld verdient man heute in der Champions League. Auch wenn die Bayern dort in Zukunft vielleicht seltener das Halbfinale erreichen werden, so sind sie doch in der Lage, immerhin die Teilnahme an dem lukrativen Wettbewerb jederzeit durch den Zukauf von neuen Spielern abzusichern.
Davon können die meisten anderen Mannschaften in der Bundesliga nur träumen. Der Hamburger SV und Werder Bremen waren früher mal große Vereine. Weil sie jedoch seit Jahren nicht mehr die Champions League erreichen und an das große Geld herankommen, gehören sie mittlerweile zu den vielen Abgehängten in der Liga. Selbst Borussia Dortmund, der ewige Bayern-Rivale, tut sich immer schwerer, mit der Konkurrenz aus München Schritt zu halten.
Die Hoffnung der Vermarkter liegt jetzt auf dem umstrittenen Konzernklub RasenBallsport Leipzig, der neben dem vielen Geld von Red Bull auch über ein gutes sportliches Konzept verfügt.
Bayern gegen den Brauseklub. Das ist die absurde Zukunftsprognose für den deutschen Fußball. Wie viele Fans werden diesen Weg noch mitgehen?
In Paris ist die anfängliche NeymarEuphorie bereits verflogen. Es heißt, der Brasilianer fühle sich bei PSG gar nicht mehr richtig wohl. Er habe immer wieder Ärger mit Teamkollegen. Angeblich sehne sich der Weltstar zurück nach Spanien.
Vielleicht will er aber auch nur, dass der Scheich noch ein bisschen was aufs Gehalt draufpackt.

Nach dem Wechsel erklärte er, dies sei nicht des Geldes wegen geschehen.

Von Gerhard Pfeil

SPIEGEL Chronik 1/2017
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