06.12.2017

HELD DES ALLTAGSElon Musk

Kein Zweifel: Jetzt spinnt er wirklich. Total! Bei Elon Musk, 46, dem ErfinderGroßmaul und multivisionären Multimilliardär, sind endgültig die Birnen durchgebrannt – oder?
Im australischen Adelaide erläuterte Musk Ende September, wie er sich die nächsten paar Jahre vorstellt. Bei SpaceX, einer seiner vielen weltenverändernden Firmen, planen seine Ingenieure derzeit etwas noch nie Dagewesenes: eine "big fucking rocket", kurz "BFR". Größer als ein Airbus A380 soll das Raketentrumm werden und extrem vielseitig. Satelliten soll es billig wie nie in den Orbit schubsen und überdies Passagiere im Überschalltempo herumschießen; zum Preis eines heutigen Holzklassetickets, so verspricht Musk, gehe es in weniger als einer Stunde von London nach Sydney, in 39 Minuten von Shanghai nach New York.
Wann? Sehr bald. Der Bau der BFR beginnt im zweiten Quartal 2018. Das Fluggeschäft, so glaubt Musk, werde derart profitabel, dass es die wahre Mission der BFR locker mitfinanzieren könne – nämlich die Besiedelung des Mars. Schon 2022, also in nur fünf Jahren, soll Musks wiederverwendbare Monsterrakete die erste Fracht zum Roten Planeten bringen, Dinge wie Generatoren und Bergbauausstattung. Zwei Jahre später soll die BFR bis zu hundert Menschen auf der Mars-Oberfläche absetzen. Sie werden sodann eine permanente Kolonie gründen und Homo sapiens ein für alle Mal zu einer multiplanetaren Spezies machen.
Plemplem? Wahrscheinlich. Doch solch ein Anwurf stoppt keinen wie Musk. Immerhin gibt er zu, dass sein Zeitplan "ambitioniert" sei, er sich also wahrscheinlich nicht so ganz halten lässt. Als Anflug von Selbstzweifel sollte dies aber nicht interpretiert werden.
Musk ist so etwas wie der Hohepriester des überambitionierten Zeitplans. Selbst wenn sich einer bald als komplett undurchführbar erweist, ist ihm das offenbar egal: Permanenter Megadruck auf sich und seine Mannschaften ist Teil seines Erfolgsgeheimnisses.
Wie das genau geht, ließ sich in diesem Jahr bei Tesla beobachten, dem Elektroautopionier, den Musk leitet. Tesla häuft zwar gewaltige Verluste an, aber auch dank der muskschen Großspurigkeit wird der Firma an der Börse viel zugetraut; längst spielt sie in einer Liga mit der etablierten Konkurrenz von Volkswagen, BMW, General Motors oder Ford. Besondere Hoffnungen liegen auf Model 3, dem Mittelklasse-Tesla für um die 35 000 Dollar. Über 400 000 Bestellungen hat Musk dafür vorliegen, er muss sie nur abarbeiten – doch wie?
Im August werde Tesla 100 Exemplare des Model 3 bauen, hatte Musk im Sommer angekündigt. Im September würden es 1500 und im Dezember 20 000 Stück. 2018 werde die hoch automatisierte Fabrik mindestens eine halbe Million dieser Autos ausspucken und doppelt so viele im Jahr darauf.
Teslas Quartalsbericht aber erwies sich für Musk als Konfrontation mit der Wirklichkeit: Zwischen Juli und September 2017 war es dem MöchtegernMassenhersteller gerade mal gelungen, 222 Model 3 auszuliefern.
Wie er auf diese Schmach reagierte, spricht nicht gerade für Musk: Statt seine Ambitionen wenigstens ein bisschen der Realität anzunähern, feuerte er zur Strafe Hunderte seiner Ingenieure und Facharbeiter. Ob Model 3 überhaupt je profitabel auf großindustrielle Weise gebaut werden kann, steht dahin, immer noch könnte Tesla auf spektakuläre Weise scheitern.
Aber radikales Auf und Ab ist Musk gewohnt. Er war kurz hintereinander zweimal mit derselben Frau verheiratet, er arbeitet bis zu 100 Stunden pro Woche, er hat Hunderte Millionen Dollar verdient und ist dennoch mehrfach an den Rand des Bankrotts geraten. Unterschätzen sollte ihn niemand: Manche halten ihn für den Leonardo da Vinci dieser Epoche, für einen Magier des Unmöglichen.
Wenn es einer kann, dann er.
Zwei noch anonyme Millionäre haben einen Traum. Sie wollen zum Mond fliegen, ihn umrunden, tiefer in das Sonnensystem eindringen als je ein Mensch zuvor und dann wieder heil auf Erden landen. Sie kontaktierten – wen sonst? – Elon Musk. Gegen eine beachtliche Anzahlung schlug er ein. Avisierter Start des "Dragon"-Raumschiffs: Ende 2018. Für irrsinnige Pläne hat Musk stets ein offenes Ohr.
Von Marco Evers

SPIEGEL Chronik 1/2017
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