06.12.2017

UnterhaltungFamilientreffen

Amerikas Comedystars und Entertainer haben in diesem Jahr ein leichtes Ziel für ihren Spott: Donald Trump. Dabei ist Trump einer von ihnen. Von Martin Wolf
Wenn nichts dazwischengekommen wäre, würde er vielleicht wieder da unten bei ihnen im Saal sitzen, bei Nicole Kidman und Alec Baldwin, bei Benedict Cumberbatch und Jane Fonda und bei all den anderen Film- und Fernsehstars. Bei Menschen also, "die gleichzeitig applaudieren und sich auf die Schulter klopfen können", wie der Moderator Stephen Colbert witzelt, gleich zu Beginn der Emmys, der Verleihung der wichtigsten Fernsehpreise der Welt, die in diesem Jahr am 17. September in Los Angeles vergeben werden.
Aber es ist etwas dazwischengekommen seit den letzten Emmys vor einem Jahr: Donald Trump wurde zum US-Präsidenten gewählt.
"Seien wir ehrlich", sagt Stephen Colbert, mehr zu seinen Kollegen im Publikum als zu den Millionen von Fernsehzuschauern, "wir wissen, der größte TV-Star des vergangenen Jahres ist Donald Trump. Das mag euch nicht gefallen. Doch was auch immer ihr vom Präsidenten haltet: Ihr könnt nicht bestreiten, dass jede Show auf die eine oder andere Art und Weise von Donald Trump beeinflusst wurde."
Colbert sorgt mit diesen Sätzen für einen Moment des Innehaltens, der Selbsterkenntnis. Einen Augenblick der Wahrheit, sonst eher selten bei Preisverleihungen. Vor ein paar Jahren war Trump noch selbst zu Gast bei den Emmys, er war einst sogar mehrfach nominiert worden für seine Castingshow "The Apprentice".
"Aber gewonnen hat er nie", sagt Colbert oben auf der Bühne. "Warum habt ihr ihm keinen Emmy gegeben? Wenn er einen Emmy gewonnen hätte, jede Wette, er hätte nie für das Amt des Präsidenten kandidiert. Es ist alles eure Schuld."
Tatsächlich dürfte Trump in den vergangenen Jahren nur wenige Ereignisse so aufmerksam verfolgt haben wie die Emmy-Verleihung. Er kennt sich damit vermutlich besser aus als mit, sagen wir, dem amerikanischen Gesundheitssystem oder Nordkoreas Atomprogramm. Die Emmys sind eine Obsession für Trump. Per Twitter spottete er über die Einschaltquoten ("betrüblich"), er kritisierte die Moderatoren ("fast kein Talent"), er behauptete, ohne Beleg, die Preisvergabe sei manipuliert. Sogar in einem der Fernsehduelle mit Hillary Clinton im Wahlkampf 2016 beharrte er darauf, dass er einen Emmy hätte gewinnen müssen.
Ja, warum haben sie ihm nicht einfach diesen verdammten Preis verliehen?
"Weil", sagt Stephen Colbert, "weil bei den Emmys, im Gegensatz zu Präsidentschaftswahlen, derjenige gewinnt, der die meisten Stimmen bekommt."
Gelächter im Saal, Applaus. Ein Witz auf Kosten von Trump und seinen Wählern, der geht ja fast immer.
Spätestens in diesem Moment dürften viele Zuschauer das Fernsehprogramm der vergangenen Monate an der Wirklichkeit messen: Kann die Fiktion, können Drehbuchautoren, Entertainer und Moderatoren noch Schritt halten mit dem realen Irrsinn im Weißen Haus? Gibt es Sendungen, die so spannend sind, so fürchterlich unterhaltsam und so surreal wie Trumps Präsidentschaft? Hat irgendein Fernsehmacher geahnt, dass jemand wie Trump tatsächlich ins Amt kommen könnte?
Ein paar Stichproben: "Homeland", die gefeierte Agentenserie? In der sechsten Staffel, 2016 gedreht, Anfang 2017 ausgestrahlt, ist gerade erstmals eine Frau zur Präsidentin gewählt worden. Schon klar.
"House of Cards"? Ein brutaler Zyniker erobert das Weiße Haus, so weit, so stimmig. Aber in der Serie ist es ein Mann aus dem Apparat, der eine jahrelange Parteikarriere hinter sich hat. Außerdem ist er verheiratet mit einer Frau, die mindestens so ehrgeizig und skrupellos ist wie er selbst. Ob Melania Trump heimlich "House of Cards" guckt?
Es sind, Zufall oder nicht, vor allem Satiresendungen, die den Zeitgeist und das politische Klima in den USA am besten widerspiegeln, seit Jahren schon.
Zum Beispiel "Veep", die großartig überdrehte Comedyserie von HBO mit Julia Louis-Dreyfus. "Veep" zeigt Politik als absurdes Theater, eine unendliche Abfolge von Demütigungen und Blamagen. Die erste Präsidentin der USA? In "Veep" ist sie schon wieder Geschichte, gescheitert nach nur einem Jahr im Amt. Fluchend versucht sie, nicht in Vergessenheit zu geraten.
Julia Louis-Dreyfus gewinnt dafür an diesem Abend den Emmy als beste Hauptdarstellerin. "Wir wollten ursprünglich ein Amtsenthebungsverfahren in die Handlung einbauen", sagt sie in ihrer Dankesrede, "aber das haben wir dann doch gelassen, weil wir Angst hatten, dass es zuvor schon jemand anderen treffen könnte."
Auch Stephen Colbert, der Gastgeber des Emmy-Abends, hätte eigentlich einen Preis verdient – als Hellseher. Bekannt geworden ist er einst mit "The Colbert Report", einer Show, die das Programm des reaktionären Nachrichtensenders Fox News persiflierte und ins Absurde steigerte. Colbert, im wahren Leben Anhänger der Demokraten, verkörperte den Moderator, einen selbstverliebten Demagogen. Er selbst charakterisierte seine Kunstfigur als "einen wohlmeinenden, schlecht informierten, privilegierten Vollidioten".
Gleich in der ersten Sendung des "Colbert Report" im Jahr 2005 hatte er – in seiner Rolle als rabulistischer Moderator – ein populistisches Manifest vorgestellt, eine Geisteshaltung, definiert durch ein neues Wort: "truthiness". Ein erfundener Begriff, abgeleitet von "truth", Wahrheit, den die Figur so erklärte: "Ich bin kein Fan von Wörterbüchern oder Lexika. Die sind elitär. Die wollen uns immer sagen, was richtig ist und was falsch. Seht es endlich ein, Leute, wir sind ein geteiltes Land. Gespalten in zwei Lager: die einen, die denken mit dem Kopf. Und die anderen, die wissen aus tiefstem Herzen. Denn die Wahrheit, meine Damen und Herren, die wird bestimmt – vom Bauchgefühl."
Im Nachhinein wirkt "truthiness" prophetisch, eine präzise Analyse der Methode Trump: demonstrative Verachtung für Fakten, Diffamierung vermeintlicher Eliten unter Berufung auf "Volkes Stimme".
Der letzte "Colbert Report" lief 2014. Anschließend verabschiedete sich Colbert von seiner Kunstfigur und wurde Nachfolger von David Letterman als Gastgeber der legendären "Late Show". Legendär auch wegen der Symbiose mit einem speziellen Gast: Donald Trump.
Mehr als 30-mal war er bei Letterman aufgetreten, zum ersten Mal 1987, als ihn außerhalb Manhattans kaum jemand kannte. Letterman machte Witze über ihn, das gehörte dazu. Doch er behandelte Trump mit Respekt, die beiden redeten viel über Politik. Nach den Kategorien des Showbusiness war Trump der perfekte Gast, unterhaltsam und schlagfertig.
Dass Trump irgendwann eine eigene Sendung bekam, war daher nur logisch. In der Castingshow "The Apprentice", der Lehrling, verkörperte Trump eine idealisierte Version seiner selbst. 14 Staffeln lang konnte er sich als genialer Geschäftsmann präsentieren, ohne Widerspruch fürchten zu müssen. Wie ein Gott entschied er über das berufliche Schicksal der Bewerber und sprach nebenbei unbequeme Wahrheiten aus, Wahrheiten im Sinne von Colberts "truthiness". Ein brillanter Imagewandel für einen halbseidenen Immobilienspekulanten, gescheiterten Casino-Mogul und Mehrfach-Pleitier.
Im Sommer 2015 wurde Trump bei "The Apprentice" gefeuert, weil er Mexikaner pauschal als Vergewaltiger verunglimpft hatte. Zur Persona non grata für Unterhaltungsshows machte ihn das aber nicht, im Gegenteil.
Eine der ersten, die Trump danach einluden, war Colberts "Late Show". Der Moderator wirkte erstaunlich zahm, fast devot. Colbert entschuldigte sich bei Trump, "weil ich im Laufe der Jahre nicht immer nur nette Sache über Sie gesagt habe". Dann durfte Trump für den Bau der Mauer zu Mexiko werben.
So ging es weiter, fast überall. Moderatoren und Entertainer waren Trump dankbar, weil er ihnen Material für Gags und gute Quoten lieferte. Ernsthafte Kritik gab es kaum, einige Fernsehstars biederten sich sogar unverhohlen an, Jimmy Fallon zum Beispiel: Im September 2016, kurz vor der Wahl, trat Trump in der "Tonight Show" auf. Fallon redete mit Trump vor allem über dessen Haare, er fragte, ob er Trumps Frisur durcheinanderbringen dürfe. Trump zögerte kurz, dann stimmte er zu. Fallon musste sich später den Vorwurf gefallen lassen, er hätte wohl auch Adolf Hitler gebeten, dessen Schnurrbart streicheln zu dürfen.
Auch die Autoren der Sketchshow "Saturday Night Live" (SNL) sahen in Trump anfangs nur eine weitere Witzfigur. SNL läuft seit Mitte der Siebzigerjahre im amerikanischen Fernsehen, Schauspieler wie John Belushi, Bill Murray oder Tina Fey sind durch die Show berühmt geworden. Ein Gastauftritt bei SNL gilt in den USA als popkultureller Ritterschlag. Auch Trump war selbstverständlich schon dort, der echte, zweimal, 2004 und 2015.
Ein paar Wochen nachdem Trump als Spitzenkandidat feststand, setzte sich Alec Baldwin eine blonde Perücke auf. Er ließ sich das Gesicht in einem verstörenden orangefarbenen Ton schminken und begann zu grimassieren, das linke Auge meist weit geöffnet, das rechte halb geschlossen. Dabei spitzte er seinen Mund, bis er geformt war wie, O-Ton Baldwin, ein "puckering butthole", ein faltiges Arschloch.
Ursprünglich wollte Baldwin nur bis zu den Präsidentschaftswahlen bei SNL auftreten. Danach, glaubte er, habe sich der Spuk ja erledigt.
Mittlerweile ist Trump die bekannteste Rolle in Baldwins Karriere, die Parodien werden im Netz millionenfach geklickt. "Saturday Night Live" hat 2017 die besten Einschaltquoten seit mehr als zwei Jahrzehnten. Baldwin als Trump sei "wie ein Autounfall", kommentierte das Magazin "The Atlantic": Man muss hinsehen, ob man will oder nicht.
Ein Zuschauer verspürt diesen Zwang offenbar ganz besonders: "Unguckbar! Völlig parteiisch, nicht lustig, und Baldwin kann nicht mehr schlechter werden. Traurig", twitterte Donald Trump kurz vor Amtsantritt. Damit hatten die Macher von SNL ein Ziel erreicht: den Beweis, dass Trump ihre Show wahrnimmt. Eine Reaktion des Präsidenten, idealerweise beleidigt, gilt als höchste Auszeichnung unter Amerikas Comedystars.
"Mr Trump", höhnte Stephen Colbert im Mai in seiner "Late Show", "es gibt viele Dinge, von denen Sie nichts verstehen. Aber ich hätte nie gedacht, dass dazu ausgerechnet das Showbusiness gehört. Wissen Sie nicht, dass ich seit einem Jahr versuche, Sie dazu zu bringen, meinen Namen zu erwähnen?"
Da hatte Trump gerade in einem Interview mit dem "Time"-Magazin Colbert kritisiert, als "unbegabt" und "unlustig".
Wenn Aufmerksamkeit alles ist, vor allem die des Präsidenten: Dann ist es auch eher zweitrangig, dass viele der Sketche bei "Saturday Night Live" nicht richtig gut sind. Eher humoristischer Holzhammer als scharfe Satire, vergleichbar mit der "heute-show" im ZDF. In einer Episode telefoniert Baldwin/Trump mit Angela Merkel, gespielt von Kate McKinnon. Die Kanzlerin wirkt verzweifelt: "Hallo, ist da der liebe Barack? Barack Obama, ich vermisse dich!"
Doch es gibt Ausnahmen bei SNL, Satire für die Ewigkeit, so gut, dass sie politische Karrieren ruinieren kann, vielleicht sogar für immer.
Beispielsweise die von Sean Spicer. Spicer, Trumps erster Pressesprecher, hatte im Januar mit der Behauptung für Irritationen gesorgt, dass vor Trump "keine andere Amtseinführung in der Geschichte so viele Zuschauer angezogen hat. Punkt".
Das war offensichtlich gelogen, ein peinlicher Auftritt, den irgendein Schauspieler bei "Saturday Night Live" eigentlich nur hätte nachahmen müssen.
Die Rolle ging jedoch an Melissa McCarthy. Als Spicer verkleidet, explodiert sie förmlich. Sie hält eine groteske Wutrede, bei der nicht klar ist, was diese Person am meisten aufregt: dass ihr niemand glaubt – oder dass sie selbst nicht glaubt, was sie da erzählen muss. Vor Zorn reißt McCarthy sogar das Rednerpult aus der Verankerung und geht auf die Journalisten los.
Sean Spicer, das war lange der Eindruck, hat sich von dieser Parodie nicht mehr erholt. Bei seinen Pressekonferenzen mussten von nun an alle Beobachter an Melissa McCarthy denken, vielleicht sogar Spicer selbst. Auch Spicers Chef soll stocksauer gewesen sein.
Bei der Emmy-Verleihung ist Stephen Colbert jetzt fast durch mit den Begrüßungsgags. Er macht einen weiteren Witz auf Kosten Trumps, es geht um dessen Fixierung auf Einschaltquoten. Colbert redet über die Zuschauerzahlen der laufenden Emmy-Show, die man ja noch nicht kenne. Oder kennt sie doch jemand?
"Sean", ruft Colbert, "kennst du sie?"
Ein Rednerpult rollt auf die Bühne. Dahinter steht Sean Spicer, der echte. Er grinst, Überraschung gelungen. Die Kamera schwenkt in den Zuschauerraum, sie zeigt fassungslose Stars, auch Melissa McCarthy, die meisten applaudieren, lachen.
"Dies ist das größte Publikum in der Geschichte der Emmys. Punkt", verkündet Spicer. Er parodiert sich selbst, vielleicht parodiert er auch Melissa McCarthys Spicer-Parodie.
Kurz darauf ist Spicers Auftritt auch schon wieder vorbei, Applaus.
Und spätestens jetzt fragt man sich, ob die satirische Kritik an Trump eigentlich nur ein großer Witz ist. Und wer dabei zuletzt lacht. Vielleicht doch Donald Trump? Begreifen Amerikas beste Satiriker und Entertainer eigentlich, was sie tun, in diesem Moment, aber auch sonst? Dass sie hier Trumps ehemaligem Sprecher eine Bühne bieten und damit Absolution erteilen, einem Mann, der monatelang vorsätzlich die Welt belogen hat, und zwar nicht nur über Zuschauerzahlen?
Sean Spicers Auftritt bei den Emmys – offenbar eine Idee Colberts – ist eine Blamage für die Entertainmentbranche. Denn bei vielen Zuschauern dürfte dadurch der Eindruck entstehen, der Widerstand gegen Trump und seine Leute sei nur gespielt. Und Trump und alle anderen Demagogen dieser Welt werden in ihrer Überzeugung bestärkt, dass Ruhm und Prominenz ein Wert an sich sind. Egal, wofür man berühmt ist: für den Spruch "You're fired!", für Tiraden gegen "Fake News" oder für irgendeinen Fernsehpreis.
Man wird den Verdacht nicht los, dass die Menschen in diesem Saal auch Donald Trump applaudieren würden, falls er als Überraschungsgast aus der Kulisse käme – wenn nicht in diesem, dann im nächsten Jahr.
Stattdessen muss später Alec Baldwin auf die Bühne, um sich die Auszeichnung für seine Trump-Parodie bei "Saturday Night Live" abzuholen. Baldwin wirkt ein bisschen angespannt. Vielleicht überlegt er auch nur, wie sein nächster Gag ankommen wird.
Egal, Baldwin muss den Spruch jetzt machen: "Mr President, hier ist Ihr Emmy!"

Es sind vor allem Satiresendungen, die das politische Klima in den USA am besten widerspiegeln.

Von Martin Wolf

SPIEGEL Chronik 1/2017
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