06.12.2017

SkandaleDas große Männerdomino

Ein System aus Drohungen, Belohnungen und Schweigen half Hollywood-Größen wie Harvey Weinstein, sich jahrzehntelang an Frauen zu vergehen. Der Kampf um die Wahrheit zerstört Ehen und spaltet Familien. Von Philipp Oehmke
In der letzten Woche im Oktober ist die Rechtsanwältin Gloria Allred aus ihrer Heimat Los Angeles nach New York gereist, um der Welt zwei weitere Frauen zu präsentieren, die davon berichteten, wie sich der gefallene Filmmogul Harvey Weinstein sexuell an ihnen vergangen hat. "Einen neuen Tiefpunkt" hatte Allred in der Einladung zu ihrer Pressekonferenz angekündigt.
In einem voll besetzten Saal des Lotte Palace Hotel an der Madison Avenue navigiert Allred die Produktionsassistentin Mimi Haleyi durch die Schilderung ihres Erlebnisses mit Weinstein. Allred hat viel Erfahrung darin, Frauen, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind, dabei zu helfen, über ihre Erfahrungen in juristisch verwertbarer Form zu sprechen. Sie vertritt allein 33 der Frauen, die den Entertainer Bill Cosby sexueller Übergriffe beschuldigt haben. Die Anwältin bewegt sich dabei stets auf einem schmalen Grat. Sie muss ihre Klientinnen einerseits zu kühler Präzision zwingen und gleichzeitig seelischen Trost bieten. Und so wendet Allred ihren Körper nun zu Haleyi, legt ihr die Hand auf den Unterarm, fixiert sie entschlossen von der Seite und nickt ein paarmal, los jetzt.
Haleyi beginnt zu sprechen, die meisten Zuhörer im Saal sind Männer. Sie sagt: Nach mehreren erfolglosen Avancen hatte Weinstein Haleyi unter einem Vorwand in seine Wohnung im New Yorker Stadtteil Soho gelockt. Dort drängte er sie auf ein Bett in einen Raum, der für Haleyi aussah wie ein Kinderzimmer. Haleyi sagte Weinstein, sie wolle auf keinen Fall Sex mit ihm haben, außerdem habe sie ihre Periode. Weinstein riss ihr den Tampon raus und begann, sich oral an Haleyi zu vergehen.
Zum Zeitpunkt von Allreds Pressekonferenz hatten sich schon etliche Frauen in Artikeln in der "New York Times" und dem "New Yorker" gemeldet und von den Übergriffen, Belästigungen, Angriffen und in einigen Fällen auch Vergewaltigungen berichtet, darunter Stars wie Angelina Jolie und Gwyneth Paltrow. Weinstein war da schon zu weiten Teilen öffentlich geächtet und vom Aufsichtsrat aus seiner eigenen Firma herausgedrängt worden. Seine Frau hatte ihn verlassen, angeblich befand er sich in Behandlung. Er kämpft um die letzten Trümmerteile seiner Biografie, er bestreitet die Anschuldigungen: Was immer auch passiert sei zwischen ihm und den Frauen: alles einvernehmlich.
Doch dafür war es zu spät. In ein paar wenigen Wochen im Oktober scheint in rasendem Tempo in sich zusammenzustürzen, was mindestens ein halbes Jahrhundert gut gehalten hatte: ein gesellschaftlich sanktionierter düsterer Schattenraum, in dem mächtige Männer Abhängige, meistens Frauen, sexuell entwürdigen und demütigen konnten, fast ohne je Konsequenzen fürchten zu müssen. Eine solche Zertrümmerung fordert dramatische Verwerfungen. Und diese ziehen sich nicht nur durch die amerikanische Unterhaltungsbranche. Sie entzweien Kollegen, reißen Freundschaften in den Abgrund, zerstören Ehen, vergiften sogar Familienbindungen.

Dass nun auch noch Gloria Allred auf den Plan trat, war keine gute Nachricht für Harvey Weinstein. Bisher lag zwar sein Lebenswerk in Ruinen, die mehr als 300 Oscarnominierungen für Filme wie "Shakespeare in Love", "Der englische Patient" und "Pulp Fiction", die seinen Ruf als Produzent begründet hatten, konnten ihn nicht länger schützen. Aber Weinstein hatte, obwohl er schwerer Verbrechen beschuldigt wurde, noch keine rechtlichen Probleme. Der Bezirksstaatsanwalt von Manhattan hatte im Jahr 2015 unter dubiosen Umständen und trotz starker Beweise ein Verfahren nicht zugelassen.
Allred aber wird eine öffentliche Ächtung und der Verlust von Job, Lebenswerk und Ehe nicht reichen. Für sie zählt juristische Gerechtigkeit, teure Entschädigungen für die Frauen, Gefängnis für Harvey.
Dieser Fall hat allerdings eine besondere Pointe. Ausgerechnet Allreds Tochter hat für Weinstein gearbeitet, um seine Taten zu vertuschen.
Allred hat schon bei Bill Cosby nicht lockergelassen, bis sie einen Fall eines sexuellen Übergriffs fand, der nicht unter die Verjährungsfrist fiel, sie Cosby persönlich unter Eid vernehmen durfte und schließlich in Pennsylvania vor Gericht brachte. Der Prozess endete mit einer gespaltenen Jury und muss wiederholt werden. Ein weiterer Prozess, in Kalifornien, ist für 2018 terminiert.
Cosby war vor drei Jahren der erste prominente Fall, bei dem oft Jahre zurückliegende Anschuldigungen gegen einen mächtigen, jahrzehntelang anscheinend unangreifbaren Mann eine Lawine auslösten. Frauen fanden plötzlich den Mut, über das vorher Unsagbare öffentlich zu reden.
Trotzdem wurde Cosby zunächst als ein zwar unglaublicher, aber doch singulärer Fall gesehen. Ein Muster, bestehend aus einem bestimmten Typus Mann und dem von ihm errichteten System aus Bedrohung, Belohnung und Schweigen, wurde nur von wenigen erkannt.
Dann kamen mehr alte, mächtige Männer, Roger Ailes, Chef des rechtslastigen Nachrichtensenders Fox News, danach dessen Starmoderator Bill O'Reilly – und Donald Trump. Nach wie vor kein System identifizierbar. Wenn man sich die drei genannten Männer Ailes, O'Reilly und Trump anschaut, sie reden hört, mögen einen die nun ans Tageslicht kommenden Drangsalierungen von Frauen schockieren. Überraschen dürften sie einen nicht.
Und man darf nicht vergessen, dass die Amerikaner – auch die Amerikanerinnen – noch vor einem Jahr Donald Trump zu ihrem Präsidenten gewählt haben, obwohl sie und die ganze Welt von den sexuellen Übergriffen wussten, mit denen er in dem "Access Hollywood"-Video geprahlt hatte.
Doch nun, an diesem Nachmittag in New York, nachdem nunmehr rund 70 Frauen Weinstein beschuldigten, mit immer mehr Details über sein System, die ans Licht kommen, scheint es möglich, dass die Sache gekippt ist. In den Tagen zuvor hatte ein Dominoeffekt eingesetzt. Ein Mann nach dem anderen aus der Unterhaltungsbranche fiel: der Filmproduzent und -regisseur Brett Ratner, der bejubelte Schauspieler Kevin Spacey, der Starcomedian Louis C. K., der Amazon-Studios-Chef Roy Price. Das Erstaunliche war diesmal: All diese Männer wurden sofort nach Bekanntwerden ihrer Vergehen und ohne Zögern von den Studios und Sendern von allen Film- und Fernsehprojekten entbunden, als wären sie toxisch. Kevin Spacey wurde sogar aus dem großen Ridley-Scott-Film "All the Money in the World", der kurz vor Weihnachten in die amerikanischen Kinos kommen soll, wieder herausgeschnitten. Seine Szenen werden mit einem neuen Schauspieler nachgedreht.
Gleichzeitig fühlten sich Frauen (und bei Spacey auch Männer) fallübergreifend ermutigt, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Unter #MeToo lassen sich im Netz die haarsträubendsten Geschichten finden, während der Hashtag gleichzeitig in einer Geste von Solidarisierung und Selbstvergewisserung zeigt, dass offenbar fast jede Frau betroffen scheint, was bis dahin den wenigsten Männern klar war.

Doch all das ist nur die Hälfte wert, solange der letzte Dominostein, gleichsam als Beweis, dass sich am System wirklich etwas geändert hat, der Präsident der Vereinigten Staaten ist. Aussagen von Opfern dazu gibt es genügend. 20 Frauen beschuldigen Donald Trump der sexuellen Belästigung, 12 eines körperlichen Angriffs.
Gloria Allred hat deswegen auch ihn im Visier. Sie vertritt Summer Zervos, eine ehemalige Teilnehmerin von Trumps Realityshow, die der heutige Präsident im Sommer 2007 ganz im Stile Weinsteins in sein Hotelzimmer gelockt und dort geküsst und sein Genital gegen sie gedrückt haben soll. Derzeit lässt Allred vor Gericht prüfen, ob Trump als amtierender Präsident für eine Straftat, die vor Beginn seiner Amtszeit lag, belangt werden kann.
Gloria Allred sagt, sie sei sich sicher, dass dem so sei. Als ich sie ein paar Monate vor Bekanntwerden des Weinstein-Skandals in ihrem Büro in Beverly Hills besuchte, um sie nach den Chancen der Klage gegen Trump zu befragen, knipste sie nach jedem belehrenden Satz über die Feinheiten der Zulässigkeit von Klagen ein Lächeln an, bei dem sie gar nicht erst versuchte, es echt erscheinen zu lassen. Sie ließ ihre Sekretärin die Schriftstücke der Trump-Anwälte bringen und blätterte mitleidig darin herum. Das seien bestimmt ordentliche Kollegen (wer die Trump-Anwälte kennt, weiß, dass dem nicht so ist), beginnt sie, seufzt und lässt den Satz unbeendet. Wahrscheinlich wäre er in etwa so weitergegangen: ... aber sie wissen nicht, wovon sie sprechen.
Wie auch an jenem Nachmittag in New York trug Allred einen Kaschmir-Rollkragenpullover, Goldketten, Goldbroschen, Goldohrringe, Blazer und Hose farblich abgestimmt, High Heels und ihre Betonfrisur samt Beton-Make-up. Hinter ihr, im Konferenzsaal ihrer Kanzlei, in dem wir zu zweit saßen, hingen Fotos, die Allred mit allen möglichen Ex-Präsidenten zeigen, Reagan, Clinton, Obama. Vor ihr, auf der anderen Seite des Raums, die Fensterfront, Blicke über die Hollywood Hills – über Harvey Weinsteins Welt. Allred verkehrt seit Jahrzehnten in jenen Kreisen, die sie immer wieder bekämpft, in der Gesellschaft von Beverly Hills, den Ausläufern von Hollywood, dort, wo Männer mit viel Geld, viel Macht und großem Ego verkehren. Auch Cosby kannte sie seit Jahrzehnten, bevor sie ihn endgültig vernichtete.
Natürlich kennt sie auch Donald Trump. Im Jahr 2012 hatte sie mit ihm einen typischen Trump-Austausch. Sie vertrat damals eine transsexuelle Frau, die zu dem Miss-Universe-Schönheitswettbewerb, den Trump veranstaltet hatte, nicht zugelassen worden war. Allred argumentierte, die Kandidatin würde schließlich auch keinen Beweis verlangen, dass Trump ein echter Mann sei. Natürlich konnte der heutige Präsident das nicht auf sich sitzen lassen und erwiderte: "Ich glaube, Gloria wäre sehr beeindruckt, das glaube ich wirklich."
Gloria Allred ist jetzt 76 Jahre alt, ihr erster Mann, mit dem sie in den Sechzigerjahren verheiratet war, wurde manisch depressiv, ihr zweiter, aus einer Ehe in den Siebzigern, landete im Gefängnis.
Es war bei einem Date im Sommer 1966, im Urlaub in Acapulco, als Allred mit einem einheimischen Arzt zum Abendessen gehen wollte. Der Arzt aber schleppte sie in ein Hotelzimmer und vergewaltigte sie mit vorgehaltener Pistole. Sie wurde schwanger, sie musste abtreiben, das war 1966 in Kalifornien illegal. Sie ließ den Eingriff vornehmen, es gab Komplikationen, sie musste ins Krankenhaus. Dort sagte eine Krankenschwester zu Allred, das werde ihr eine Lehre sein.
Das ist jetzt mehr als 50 Jahre her, und natürlich wäre es zu einfach zu sagen, deswegen sitzt sie nun hier im Lotte Palace in New York und versucht, Harvey Weinstein ins Gefängnis zu bringen. Aber es wäre auch nicht ganz falsch. Zwischen der Krankenschwester samt ihrer Belehrung und einem Harvey Weinstein, der aus seiner eigenen Firma fliegt, liegt ein halbes Jahrhundert. Man kann einen Fortschritt erkennen, aber auch, wie unglaublich langsam er sich vollzieht, und auch nur dann, wenn einige aufopferungsvolle Menschen jahrzehntelang hart daran arbeiten.
Gloria Allred arbeitet jeden Tag mindestens zwölf Stunden, auch an den Wochenenden. In der Kanzlei heißt es, die Chefin habe seit den Achtzigerjahren keinen Urlaub gemacht. Allred sagt, sie habe vor Jahrzehnten aufgehört, sich mit Männern zu verabreden.
Aber aus einer Ehe, die vor vielen Jahren geschieden wurde, hat sie eine Tochter, und da beginnen im Moment die Probleme. Allreds Tochter ist "der Elefant im Raum" bei der Pressekonferenz in New York. Sie heißt Lisa Bloom und war bis vor Kurzem eine der Anwältinnen von Harvey Weinstein.
Zwar ist Bloom kurz nach Bekanntwerden der Anschuldigungen von ihrem Mandat zurückgetreten. Doch dann kam heraus, dass sie seit 2016 verdeckt für Weinstein gearbeitet haben soll. Das ist umso schlimmer, als Lisa Bloom, 56 Jahre alt, eigentlich auch als Anwältin ganz die Tochter ihrer Mutter war, sich scheinbar ebenfalls dem juristischen Kampf gegen sexuelle Übergriffe verschrieben hatte und zum Beispiel auch zwei mutmaßliche Opfer von Bill Cosby vertrat. In Wirklichkeit soll Bloom Teil einer getarnten Undercover-Operation gewesen sein, die Weinstein seit Jahren orchestrierte und für die er – und hier muss man vielleicht tatsächlich eine Sekunde innehalten und sich kneifen – neben Anwälten auch ehemalige Agentinnen des israelischen Geheimdienstes Mossad verpflichtet haben soll. Die Kampagne war darauf ausgerichtet, Opfer, die sich melden könnten, zu diskreditieren und Journalisten, die den Gerüchten um Weinstein nachspürten, auszuspähen, auf falsche Fährten zu lenken oder sogar einzuschüchtern.
Abgesichert wurde dieses Schattensystem von relativ angesehenen Anwälten, neben der Frauenrechtlerin Lisa Bloom zum Beispiel auch David Boies, berühmt geworden als Anwalt von Al Gore bei der umstrittenen Stimmenauszählung im Nachgang zur Präsidentschaftswahl 2000.
Einer der ausgespähten Journalisten heißt Ronan Farrow. Im Magazin "The New Yorker" hat er zwei der entscheidenden Geschichten zu dem Weinstein-Fall veröffentlicht. In der ersten berichtete er Anfang Oktober in grausigen Details über Weinsteins mutmaßliche Übergriffe und Vergewaltigungen sowie über das System von Einschüchterung und Verschwiegenheit. Farrows zweite Geschichte erläuterte dann, wie Weinsteins System funktioniert haben soll. Wie seine Anwälte Firmen anheuerten, die mit Tarnungen und falschen Identitäten operierten; wie eine ehemalige Mossad-Agentin mit komplett erfundener Identität sich als Frauenrechtlerin ausgab und sich so das Vertrauen der Schauspielerin Rose McGowan erschlich, die Weinstein der Vergewaltigung beschuldigt.
In ähnlicher Mission meldete sich auch Allreds Tochter Lisa Bloom bei dem "New Yorker"-Autor Farrow. Farrow, 29 Jahre alt, ist eigentlich Anwalt. Außerdem ist er der Sohn von Mia Farrow und Woody Allen. Mit seinem Vater Allen, der, seitdem dieser Mia Farrows Adoptivtochter Soon-Yi geheiratet hat, gleichzeitig auch sein Schwager ist, hat er gebrochen. Seine Schwester Dylan Farrow, ein weiteres Adoptivkind von Allen, hat vor ein paar Jahren in der "New York Times" darüber geschrieben, wie der Regisseur sie als Kind sexuell missbraucht habe; Allen bestreitet das.

Die Strategie der Weinstein-Agenten bestand darin, Farrow als Journalisten wegen seines eigenen Familientraumas unglaubwürdig zu machen, was absurd erscheint, wenn man die beiden minutiös recherchierten, präzisen Texte im "New Yorker" liest. Dennoch gelang die Diskreditierung zunächst offensichtlich. Farrow hatte ursprünglich vorgehabt, seine Recherche-Ergebnisse als Film auf NBC zu veröffentlichen, doch der Fernsehsender beerdigte die Sendung, vermutlich auf Druck des Weinstein-Teams.
Als Farrow seine Geschichte dann zum "New Yorker" trug, soll Weinsteins Anwalt David Boies versucht haben, Druck beim Chefredakteur David Remnick auszuüben, der ein alter Bekannter war, während Bloom den Auftrag hatte, Farrow auszuhorchen, auch die beiden kannten sich gut.
Seit ihr Verrat bekannt wurde, ist Blooms Ruf kaum besser als der von Weinstein selbst. Über Facebook meldete sich Rose McGowan, die Schauspielerin, die Weinstein 1997 vergewaltigt haben soll: "Lisa Bloom. Lisa Bloom", schrieb sie. "Allein dein Name lässt meinen Magen mit einem gestressten Engegefühl verkrampfen. Genauso wie dein profitsüchtiger Akt der Verkommenheit. Hast du darüber nachgedacht, was es für die Opfer bedeutet, dabei zuzusehen, wie du dich für einen Vergewaltiger einsetzt? Wie sich das angefühlt haben muss für diejenigen, für die du einst 'gekämpft' hast, als sie erfuhren, dass du sie nur benutzt hast? Du erinnerst dich doch noch an sie, oder? Sie sind die Opfer von Übergriffen, Frauen, denen du früher mal helfen wolltest. Du hast diese verletzten Frauen angelogen und deinen wahren Charakter verborgen. Du wolltest eine Abkürzung zum Ruhm."
Auch ihre Mutter Gloria Allred, die Bloom allein erzogen und mit der sie immer ein enges Verhältnis gepflegt hatte, distanzierte sich öffentlich von ihrer Tochter: "Hätte Harvey Weinstein mich gefragt, ob ich ihn verteidige, ich hätte abgelehnt, denn ich vertrete keine Individuen, denen Sexbelästigungen vorgeworfen werden. Ich vertrete ausschließlich diejenigen, die vorbringen, Opfer von sexueller Belästigung geworden zu sein."
Offenbar wollte Bloom aus ihren heimlichen Diensten für Männer, die unter Belästigungsverdacht und kurz vor der Entdeckung standen, eine Art Geschäftsmodell machen. Nach Weinstein kam heraus, dass sie auch Roy Price, Chef von Amazon Studios, beraten hatte. Price wurde von einer Produzentin beschuldigt, er habe sie sexuell bedrängt.
Das Interessante an Price ist, dass er nicht in die Reihe der bisher enttarnten Männer passt. Weinstein, O'Reilly oder Trump, das war alles ein ähnlicher Typ Mann, alle über 60 Jahre alt, aus einer anderen Zeit stammend, jenen Tagen, als Grapschen zwar nicht okay war, man damit aber, wenn man über eine gewisse Ausstattung von Macht verfügte, gut durchkam. Weinstein sei "ein alter Dinosaurier, der sich an die neuen Zeiten gewöhnen muss", so hatte Lisa Bloom ihn noch verteidigt, das klang ja beinahe schon süß, so ein tapsiger Dinosaurier, der sich in einer neuen Welt zurechtfinden muss und aus Versehen erst mal alles umstößt.
Die Bezeichnung "dirty old man" machte es uns anderen Männern einfach, damit nichts zu tun haben zu müssen. Schon bei Weinstein gab es ja anfangs kurz die Irritation, dass jemand, der so großartige, klu-
ge und auch sensible Filme ermöglicht hatte, zu solchen Taten fähig war. Aber diese Verwunderung wurde zu Recht schnell als völlig naiv erkannt.
Roy Price, Blooms anderer geheimer Klient, war sicherlich kein Dinosaurier. Er war ein Shootingstar und gerade Ende vierzig. In kürzester Zeit hatte er für Amazon nach dem Vorbild von Netflix einen Filmstreamingservice aufgebaut, der auch selbst Filme und Serien produziert. Price, aus einer alten Hollywood-Dynastie stammend, schien ein phänomenales Gespür für Stoffe und Drehbücher zu haben. Gleich eine der ersten Serien, die er für Amazon an Land zog, war das kluge, sensible und gleichzeitig ungeheuer moderne "Transparent", ausgerechnet das Drama eines transsexuellen Familienvaters, der mit über sechzig sein Coming-out wagt. Die Serie wurde seit ihrer Premiere 2014 mit so ziemlich allen Preisen ausgezeichnet, die man gewinnen kann.

Auf der Höhe seines Ruhms, im Sommer 2015, am Tag der Vorabvorführug einer neuen Serie, soll Price nachts auf dem Weg zu einer Party eine der Produzentinnen mit den Worten bedrängt haben, sie werde "his dick", seinen Schwanz, lieben. Isa Hackett, die betroffene Produzentin, ist die Tochter des Schriftstellers Philip K. Dick, dessen parahistorischer Roman "The Man in the High Castle" Price als Amazon-Serie hatte verfilmen lassen. Hackett ist lesbisch und lebt mit einer Frau zusammen.
Ich hatte Roy Price am selben Tag noch gesehen. Nachmittags hatten wir uns in einem Hotel in San Diego getroffen und uns zwei Stunden lang über sein Leben, seine Familie, seine Arbeit bei Amazon und die Zukunft des filmischen Erzählens unterhalten. Price trank dabei Cola light und aß Gummibärchen. Er erzählte von seiner Jugend in Beverly Hills, seinem Patenonkel Lee Majors, dem Star aus "Ein Colt für alle Fälle", von der Liebe für Punkrock und Hardcore. Er wirkte schüchtern, kein polterndes Alphatier, niemand, der auch nur ein Gespräch beherrschen wollte.
Am Abend gingen wir zusammen zu einer Vorabvorführung von "The Man in the High Castle", danach lud er mich auf eine Amazon-Party ein, zu der ich aber nicht mitkam. Auf dem Weg dorthin, im Taxi, soll er dann angefangen haben, Isa Hackett zu bedrängen. Hackett hat sich unmittelbar danach bei Amazon über Price beschwert. Die Firma leitete eine interne Untersuchung ein, die aber offenbar zwei Jahre lang zu keinem Ergebnis kam. Erst als Hackett im Zuge der Weinstein-Enthüllungen die Verpflichtung spürte, sich auch öffentlich zu äußern, musste Roy Price gehen. Seine Verlobte sagte die Hochzeit ab.
Das Hochzeitskleid war schon fertig gewesen. Georgina Chapman hatte es entworfen, die Ehefrau von Harvey Weinstein.

Unter #MeToo lassen sich im Netz die haarsträubendsten Geschichten finden.

"Du hast diese verletzten Frauen angelogen und deinen wahren Charakter verborgen."

* Janice Dickinson, mutmaßliches Bill-Cosby-Opfer.
Von Philipp Oehmke

SPIEGEL Chronik 1/2017
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