09.12.2003

GESTORBEN HELMUT RAHN

HELMUT RAHN , 73. Vom Wunder von Bern, dem WM-Triumph 1954, hat er in unzähligen Kneipenrunden immer wieder erzählt: "Ich die Kirsche auf'n linken Schlappen, dann zieh ich ab. Was dann passiert is, wisst ihr ja" - ein patriotisch berauschter Radioreporter brüllte "Toor für Deutschland!", und eine ganze Nation geriet aus dem Häuschen: Deutschland hatte die fast unschlagbaren ungarischen Ballvirtuosen mit 3:2 besiegt, und mit dem Siegtreffer hatte sich der Schlappen-Kicker Rahn in das Fußball-Walhall geschossen. Der Rechtsaußen bei Rot-Weiß Essen, den alle "Boss" nannten, war ein derber, aber überwiegend lustiger Kerl. Bundestrainer Herberger steckte ihn gern mit dem sensiblen Kapitän Fritz Walter zusammen und mahnte: "Helmut, baue Se mir de Fritz wieder uff." Der Luftikus freilich brauchte bald selbst Hilfe. Er trank exzessiv, fuhr betrunken in eine Baugrube, randalierte bei der Polizei und bepöbelte Journalisten. 1965 machte er Schluss mit dem Fußball, wurde Gebrauchtwagenhändler und mied die Öffentlichkeit. Sogar als Sönke Wortmann ihn zur Mitarbeit an seinem Film "Das Wunder von Bern" bewegen wollte, lehnte der Boss ab. Rahn stirbt am 14. August. In derselben Nacht beendet Krebs ein anderes Heldenleben: Lothar Emmerich, 61 ("Gib mich die Kirsche!"), der Schütze eines Jahrhundert-Tors bei der WM in England 1966.

SPIEGEL Chronik 54/2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL Chronik 54/2003
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.