14.12.2004

„Vergiss Palästina nicht!“

Der israelische Publizist Uri Avnery zum Tod von Jassir Arafat
Mose führte sein Volk aus dem Lande der Knechtschaft, zog mit ihm 40 Jahre durch die Wüste und brachte es bis an die Schwelle des verheißenen Landes, aber das sah er nur aus der Ferne. "Du sollst das Land vor dir sehen, aber du sollst nicht hineinkommen", bestimmte Gott (5. Mose Kapitel 32, Vers 52).
"So starb Mose, der Knecht des Herrn ... Und niemand hat sein Grab erfahren bis auf den heutigen Tag ... Seine Augen waren nicht schwach geworden, und seine Kraft war nicht verfallen."
Jassir Arafat hat sein Volk symbolisch aus den Ländern der Knechtschaft geführt, 40 Jahre lang seinen Kampf geleitet und es bis an die Schwelle der Befreiung gebracht. Er hat die Vision des palästinensischen Staates gesehen, aber ihn nicht mehr selbst erleben können. Für einen Israeli ist die Ähnlichkeit frappant.
Als ich Arafat einen Monat vor seinem plötzlichen Zusammenbruch traf, war er noch im vollen Besitz seiner physischen und geistigen Kräfte. Er war nicht 120 Jahre alt wie Mose, aber auch 75 Jahre waren ein langes Leben angesichts der unglaublichen Strapazen und Gefahren, die er durchgemacht hat.
Zwar ist sein Grab bekannt ­ die ganze Welt hat ja zugesehen, wie rund 100 000 Palästinenser sich auf seinen Sarg stürzten, nur um ihn zu berühren. Aber für Arafat war auch Ramallah die Fremde, denn er sehnte sich nach seinem geliebten Jerusalem, und dort wollte er begraben werden. Sein jahrzehntelanger Widersacher Ariel Scharon verbot es.
Jassir Arafat war eine der großen internationalen Figuren der vergangenen Jahrzehnte. Als er Ende der fünfziger Jahre auf der weltpolitischen Bühne auftauchte, war sein Volk nahe daran, in Vergessenheit zu versinken. Der Name Palästina war von der Landkarte gelöscht worden. Israel, Jordanien und Ägypten hatten das Land unter sich aufgeteilt. Die Welt hatte sich entschieden, dass es keine palästinensische nationale Entität gab, dass das palästinensische Volk zu existieren aufgehört hatte.
Innerhalb der arabischen Welt wurde die "palästinensische Sache" noch erwähnt, aber sie diente nur als Ball, der zwischen arabischen Königen und Präsidenten hin und her gestoßen wurde. Jeder versuchte, sie für seine eigenen Zwecke zu benutzen, gleichzeitig aber jede unabhängige palästinensische Initiative brutal zu unterdrücken.
Mohammed Abd al-Rauf Arafat al-Kudwa (den Spitznamen Jassir ­ etwa "Der, dem alles leicht gemacht wird" ­ bekam er erst später) verkörperte sein Leben lang das palästinensische Schicksal. Er wurde in der Fremde geboren. Zwei Jahre vorher war sein Vater, ein Gemüse- und Gewürzhändler, aus dem Gaza-Streifen nach Kairo gekommen, um einen endlosen Prozess um das Erbe seiner ägyptischen Mutter zu führen.
Arafats Mutter Sahwa, die aus der Jerusalemer Aristokratie stammte, starb, als der Junge vier Jahre alt war. Damit begann Arafats lebenslange Wanderschaft. Als sechstes von sieben Kindern seines Vaters kam er mit den Stiefmüttern nicht aus. Er war rebellisch, dominierend und aktiv. So wurde er nach Jerusalem zur Familie der Mutter geschickt.
Es ist nicht ganz klar, wo sich Arafat im Palästina-Krieg von 1948 befand. Einer Version zufolge war er bei der Truppe des legendären Abd al-Kadir al-Husseini, eines entfernten Verwandten seiner Familie. Einer anderen Version nach hielt er sich in der Nähe al-Alameins auf, um bei den Beduinen für die Palästinenser deutsche Waffen zu kaufen, die seit der großen Schlacht in der Wüste herumlagen.
Nach dem Krieg studierte er Ingenieurwissenschaften in Kairo. Aber mehr als in Mathematik zeichnete er sich in der stürmischen Studentenpolitik aus. Seine politische Laufbahn begann dort.
Eine seiner frühen Taten war, eine mit Blut geschriebene Petition an den damaligen ägyptischen Ministerpräsidenten General Mohammed Nagib mit der kurzen Mahnung zu schicken: "Vergessen Sie Palästina nicht!" Diese dramatische Aktion brachte ihm am 13. Januar 1953 die erste Meldung in einer Zeitung ein. "Al-Ahram" berichtete in einigen Zeilen auf Seite 8. Allerdings war Arafats Name falsch geschrieben: "Farhat".
Nach Beendigung seines Studiums zog Arafat nach Kuweit, wo er mit einigen Kameraden die "Palästinensische Befreiungsbewegung" gründete, deren Initialen rückwärts gelesen FATAH ergaben. Damit begann die erste der vier Revolutionen, die Arafat in seinem Leben in die Wege leitete.
Befreiung von wem? Offiziell von Israel, aber zunächst ging es darum, die "palästinensische Sache" von der Vormundschaft der arabischen Regime zu befreien und dem palästinensischen Volk wieder zu einer eigenen nationalen Identität zu verhelfen.
Es war gefährlich. Die Fatah hatte keine unabhängige Basis. Sie musste in den arabischen Ländern agieren, wo sie oft gnadenlos verfolgt wurde. Die arabischen Führer dachten gar nicht daran, eine unabhängige palästinensische Bewegung zu dulden. Eines Tages wurden Arafat und die ganze Fatah-Führung vom damaligen syrischen Diktator ins Gefängnis geworfen.
Jene Jahre prägten Arafats Stil. Wie Leila Schahid, selbst ein Sprössling der Husseini-Familie, die in Arafats letzten Tagen als Sprecherin in Paris auftrat, mir einmal erklärte: "Er musste zwischen den arabischen Diktatoren manövrieren, spielte sie gegeneinander aus, benutzte Tricks, Halbwahrheiten, doppeldeutiges Gerede, wich Fallen aus und umging Hindernisse. Er wurde Weltmeister der Manipulation. Auf diese Weise rettete er in der Zeit ihrer Schwäche die Befreiungsbewegung vor vielen Gefahren, bis sie zu einer eigenen Kraft werden konnte."
Gamal Abd al-Nasser, der ägyptische Präsident, damals das Idol der ganzen arabischen Welt, war über die aufkommende unabhängige Bewegung beunruhigt. Um sie abzuwürgen, schuf er die Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO) und setzte Ahmed Schukeiri, einen palästinensischen politischen Söldner, an ihre Spitze. Aber nach der Niederlage der arabischen Armeen 1967 und dem begeisternden Sieg der Fatah-Kämpfer gegen die israelische Armee in der Schlacht von Karama (März 1968) übernahm die Fatah die PLO, und Arafat wurde der unbestrittene Anführer des palästinensischen Kampfes.
Anfang Januar 1965 begann Jassir Arafat mit seiner zweiten Revolution: dem "bewaffneten Kampf" gegen Israel. Die Anmaßung war fast absurd: eine Hand voll schlecht bewaffneter und nicht besonders wirksamer Guerillas gegen die mächtige israelische Armee ­ und nicht in einem Land mit undurchdringlichem Dschungel, sondern in einem schmalen, dicht bevölkerten Landstrich.
Es muss offen eingestanden werden: Ohne die mörderischen Angriffe hätte die Welt dem palästinensischen Ruf nach Freiheit keine Aufmerksamkeit geschenkt. Keine einzige moderne Befreiungsbewegung hat je ihr Ziel ohne "Terrorismus" erreicht.
Als Folge davon wurde die PLO als "einzige Vertretung des palästinensischen Volkes" anerkannt, und 1974 wurde Jassir Arafat eingeladen, seine historische Rede vor der Uno-Vollversammlung zu halten: "Heute kam ich hierher, in der einen Hand den Ölzweig und in der anderen Hand das Gewehr des Freiheitskämpfers. Lasst den grünen Zweig nicht aus meiner Hand fallen!"
Für Arafat war klar, dass der "bewaffnete Kampf" dem palästinensischen Volk Selbstvertrauen geben konnte, aber Israel so nicht zu besiegen war. Seither galt er in Israel als Erzterrorist.
Der Jom-Kippur-Krieg im Oktober 1973 veranlasste Arafat zu einer neuen Kehrtwende in seiner Zielsetzung. Er sah, wie die Armeen Ägyptens und Syriens nach einem glänzenden Überraschungssieg am Ende von der israelischen Armee geschlagen wurden.
Deshalb fing Arafat unmittelbar nach diesem Krieg seine dritte Revolution an: Er entschied, die PLO müsse mit Israel ein Abkommen erreichen und sich mit einem palästinensischen Staat im Westjordanland und im Gaza-Streifen zufrieden geben.
Nun war er mit einer historischen Herausforderung konfrontiert. Er musste seine Landsleute davon überzeugen, die Legitimität des Staates Israel nicht länger zu leugnen und sich mit nur 22 Prozent des Palästina-Gebietes von vor 1948 zufrieden zu geben.
Daran begann er auf seine ihm eigene Weise zu arbeiten: mit Hartnäckigkeit, Ausdauer und Geduld ­ zwei Schritte vorwärts, einen zurück. Historische Gerechtigkeit verlangt klarzustellen, dass Arafat das Oslo-Abkommen als Vision zu einer Zeit vor Augen hatte, als Jizchak Rabin und Schimon Peres noch hoffnungslos an der "jordanischen Option" festhielten, wonach das Westjordanland an König Hussein zurückgegeben werden sollte. Von den drei Preisträgern hat Arafat den Friedensnobelpreis am meisten verdient.
Seit 1974 war ich Zeuge der enormen Bemühungen, mit denen Arafat sein Volk dahin zu bringen versuchte, diese neuen Wege mitzugehen.
Am 9. September 1993 wurde Geschichte geschrieben: Der Staat Israel und die palästinensische Befreiungsorganisation erkannten sich gegenseitig an. Danach sprach das Oslo-Abkommen einen kleinen Teil des Landes einer "palästinensischen Behörde" zu. Für Arafat war das Endziel klar: ein souveräner Staat Palästina, mit Ost-Jerusalem als Hauptstadt, die Wiederherstellung der Grenzen von 1967 mit der Möglichkeit von Landaustausch, Evakuierung aller israelischen Siedlungen auf palästinensischem Gebiet und die Lösung des Flüchtlingsproblems in Abstimmung mit Israel. Mehr konnte Arafat nicht aufgeben, nachdem er in Oslo auf 78 Prozent des ehemaligen Landes Palästina verzichtet hatte.
Der triumphale Einzug Arafats in Gaza 1994 war der Beginn seiner vierten Revolution: Endlich war er Chef eines palästinensischen Staatswesens auf palästinensischem Gebiet. Zwar ein Mini-Staat auf nur einem Teil der besetzten Gebiete, noch vollkommen von Israel abhängig, aber doch ein Symbol der palästinensischen Identität. Palästina war wieder auf der Landkarte.
Arafat wurde vorgeworfen, dass der alte Revolutionär als Staatschef versagt habe, dass die Behörde undemokratisch, korrupt and chaotisch sei. Aber diese Vorwürfe zogen nicht in Betracht, in welcher einzigartigen Lage die Palästinenser sich befanden.
Wenn eine Befreiungsbewegung siegt, übernimmt sie gewöhnlich einen bestehenden Staat. Aber als Arafat den palästinensischen Mini-Staat aufbauen musste, war der Befreiungskampf noch lange nicht zu Ende. Die israelischen Siedlungen auf palästinensischem Boden wurden unaufhörlich erweitert.
Arafat stand vor einer unlösbaren Aufgabe: Als Chef der PLO brauchte er Mittel, die das Gegenteil dessen waren, was man von ihm als Präsident des Quasi-Staates erwartete. In einer kämpfenden Bewegung kann es Demokratie und transparente Finanzen kaum geben, von einem Staat verlangt man sie.
Im Gegensatz zu Fidel Castro oder Nelson Mandela übernahm Arafat kein funktionierendes Staatswesen, sondern nur unzusammenhängende, verarmte Teile des Landes, dessen Infrastruktur durch jahrzehntelange Besatzung systematisch zerstört worden war.
Die eine Hälfte des palästinensischen Volkes besteht aus in aller Welt verstreuten Flüchtlingen, die andere Hälfte ist in viele Fraktionen zerrissen. In der palästinensischen Gesellschaft spielen die Großfamilien ("Humula") eine gewaltige Rolle und sind im ständigen
Wettstreit; Säkulare kämpfen gegen religiöse Fundamentalisten; die alten Veteranen, die mit Arafat aus Tunis zurückgekehrt waren, konkurrieren mit den jungen Kämpfern, die in israelischen Gefängnissen während der ersten Intifada aufgewachsen sind. Arafats Genie bestand darin, dass er jahrzehntelang dieses zerrissene Volk zusammengehalten hat.
Sein Begräbnis zeigte, wie stark sein Volk mit ihm verbunden war. 100 000 kamen, obwohl Ramallah von der israelischen Armee abgeriegelt war. Es kam zu einem unglaublichen Gefühlsausbruch. Dieser Mensch, den Israel jahrzehntelang dämonisiert hat, der von vielen in den Weltmedien als korrupter Diktator und Erzterrorist dargestellt wurde, ist für sein Volk ein Nationalheld, der Vater der Nation, der palästinensische George Washington.
Was wird jetzt geschehen? Kein Palästinenser hat auch nur annähernd die moralische Autorität Arafats. Darum brauchen seine Nachfolger Legitimation, die nur freie Wahlen verleihen können. Solche sind aber unter einer gewalttätigen Besatzung beinahe unmöglich.
Die Palästinenser wollen der Welt zeigen, dass sie ein reifes, demokratisches und friedfertiges Volk sind. Das ist nicht leicht, denn die bewaffneten Organisationen glauben, dass Israel nur mit Gewalt dazu gebracht werden kann, einen Palästinenser-Staat entstehen zu lassen.
Um das Volk zu überzeugen, dass es einen anderen Weg gibt, müssen Arafats Nachfolger ­ Abu Masin (Mahmud Abbas) und Abu Ala (Mohammed Kurei) ­ beweisen, dass man das Ziel mit friedlichen Mitteln erreichen kann.
Nur eins ist sicher: Der tote Jassir Arafat ist noch mächtiger, als der lebende es war. Kein Palästinenser wird es wagen, sich mit weniger zufrieden zu geben, als der Raïs als Minimum festgelegt hat. Auch nach seinem Tod bleibt er der Führer seines Volkes.
* Mit Israels Außenminister Schimon Peres und MinisterpräsidentJizchak Rabin.
Von Uri Avnery

SPIEGEL Chronik 54/2004
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