13.12.2006

„Ein religiöses Schlachtfeld“

Der niederländische Schriftsteller LEON DE WINTER über die dänischen Mohammed-Karikaturen und die Gewaltausbrüche in der islamischen Welt
Es gibt Religionen, die Abbildungen ihrer höchsten Heiligen zulassen, und solche, die sie verbieten. Der Hinduismus wäre ohne seine reiche Darstellungskultur genauso wenig vorstellbar wie das Christentum, das Inspirationsquelle für einige der größten Kunstwerke der Menschheit war.
Heikler ist die bildliche Darstellung in Judentum und Islam. Die Monotheisten unter den frühen Hebräern mussten jahrhundertelang einen erbitterten Konkurrenzkampf gegen polytheistische Formen führen - Jahwe hatte zum Beispiel lange eine Ehefrau, die später aus den Texten und Riten verschwand - und tabuisierten daher die Abbildung Jahwes, der keine Gestalt haben könne, da ER ALLES sei, um einen deutlichen Trennstrich zwischen der verabscheuten Vielgötterei der benachbarten Völker und dem einen Gott der hebräischen Propheten zu ziehen, dem es ihnen zufolge nicht gefalle, dass es Abbilder von anderen Göttern gebe.
Der Islam hat dieses Tabu übernommen. Auch auf der arabischen Halbinsel gab es mit dem monotheistischen Modell konkurrierende Riten und Religionen, und auch dort wurden bildliche Darstellungen seit der Ausformung des Islam, wie wir ihn heute kennen, also seit Mitte des achten Jahrhunderts, vielfach unterdrückt.
Ein faszinierendes Phänomen: Gläubige treten für eine singuläre Macht ein, von der sie behaupten, sie sei die allumfassende Macht im Kosmos, aber die Macht selbst bleibt stumm und nimmt hin, dass es über die Frage, ob sie bildlich oder figürlich dargestellt werden darf, auf diesem einen kleinen Planeten im hintersten Winkel der Milchstraße zu Mord und Totschlag kommt.
Aus säkularer westlicher Perspektive war unbegreiflich, wie die am 30. September 2005 in der dänischen Tageszeitung "Jyllands-Posten" abgedruckten Karikaturen solchen Aufruhr und solche Gewalt auslösen konnten. In einigen arabischen Ländern wurden dänische Erzeugnisse boykottiert. Mehrere dänische und eine norwegische Botschaft gingen in Flammen auf. Ausschreitungen bei Demonstrationen forderten schätzungsweise 140 Tote.
Zur gleichen Zeit, als in der islamischen Welt der Karikaturen-Streit wütete, fand in der Londoner White Cube Gallery eine Ausstellung der umstrittenen britischen Künstler Gilbert & George statt. Sie trug den Titel "Sonofagod Pictures. Was Jesus Heterosexual?". Im Ausstellungskatalog schrieb der Kulturkritiker Michael Bracewell: "Die Darstellungen von Christus am Kreuz sind auch halbiert und an ihrer Längsachse gespiegelt, was ein verformtes Ganzes ergibt, das monströs ist und zugleich an einen auseinandergespreizten Tierkadaver erinnert." Und: "Diese Gottessohn-Bilder gehören vielleicht zum Gewalttätigsten, was Gilbert & George je geschaffen haben."
Gilbert & George deformierten das heiligste Bildnis des Christentums, den leidenden Christus am Kreuz, aber kein Galeriefenster wurde eingeworfen, kein Mensch wurde verletzt. Sind Christen weniger gläubig als Muslime, oder praktizieren sie ihren Glauben einfach nur anders?
Worum ging es beim Karikaturen-Streit eigentlich?
Es begann so: Die dänische Nachrichtenagentur verschickte Mitte September 2005 einen Artikel über den Kinderbuchautor Kåre Bluitgen, der für sein Buch über den Propheten Mohammed keinen Illustrator finden konnte. Das brachte die Redaktion der Tageszeitung "Jyllands-Posten" auf die Idee, 40 Illustratoren aufzufordern, etwas zum Thema "Das Gesicht Mohammeds" zu zeichnen. 12 von ihnen reagierten. Am 30. September wurden ihre Karikaturen veröffentlicht.
Im Begleittext dazu erklärte Flemming Rose, Kulturressortleiter von "Jyllands-Posten": "Manche Muslime lehnen die moderne säkulare Gesellschaft ab. Sie beanspruchen eine Sonderstellung, indem sie auf einer besonderen Berücksichtigung ihrer religiösen Gefühle bestehen. Das ist unvereinbar mit der heutigen Demokratie und Meinungsfreiheit, in der man sich Beleidigungen, Hohn und Spott gefallen lassen muss. Es ist gewiss nicht immer nett und schön anzusehen, und es soll nicht heißen, dass man sich um jeden Preis über religiöse Gefühle lustig machen sollte, aber das steht hier auch nicht im Vordergrund. [...] Wir sind auf einem gefährlichen Weg, und keiner weiß, wohin die Selbstzensur noch führen wird."
Der moderne westliche Betrachter der Karikaturen sieht in ihnen vor allem eine Anklage gegen die im Namen des Islam verübte Gewalt. Es handelt sich weniger um Karikaturen des Propheten Mohammed als vielmehr um Karikaturen islamistischer Terroristen, die sich zur Rechtfertigung ihrer Taten auf die heiligen Texte des Koran berufen, in denen Gewalt unter bestimmten Umständen gebilligt zu werden scheint.
Nach Erscheinen der Karikaturen protestierten Botschafter elf islamischer Staaten beim dänischen Ministerpräsidenten Anders Fogh Rasmussen gegen die Veröffentlichung. Sie baten um eine Unterredung, die Fogh Rasmussen jedoch ablehnte. Im Nachhinein betrachtet, wäre es vielleicht diplomatischer gewesen, wenn er die Botschafter persönlich empfangen und die Position der dänischen Regierung in einem direkten Gespräch unterbreitet hätte.
So aber beschränkte sich die offizielle dänische Reaktion auf einen Brief: "Die Grenzen der Meinungsfreiheit sind sehr weit gesteckt, und die dänische Regierung hat keine Möglichkeit, die Presse zu beeinflussen. Allerdings verbietet das dänische Recht Akte oder Äußerungen blasphemischer oder diskriminierender Natur. Die betroffene Partei kann solche Akte oder Äußerungen vor Gericht bringen, und es ist Sache der Gerichte, über solche individuellen Fälle zu entscheiden."
Welche diplomatischen Beratungen in den Wochen ab Oktober 2005 stattfanden, ist noch nicht ganz deutlich. Es heißt, es habe einen regen Schriftverkehr zwischen den verschiedenen Botschaftern und der dänischen Regierung gegeben. Namentlich die ägyptische Botschafterin beharrte auf einem Zeichen der dänischen Regierung, das "die Notwendigkeit und Verpflichtung unterstreicht, alle Religionen zu achten und Schmähungen ihrer Anhänger zu unterlassen, damit eine Eskalation verhindert wird, die ernste und weitreichende Konsequenzen hätte".
Fogh Rasmussen wollte dies nicht, da er der Meinung war, dass sich der dänische Staat Religionen gegenüber neutral zu verhalten habe.
Bis Ende Januar 2006, also vier Monate lang, erregten die Karikaturen in der islamischen Welt kein großes Aufsehen. Am 17. Oktober, gut zwei Wochen nach der ursprünglichen Veröffentlichung in "Jyllands-Posten", waren sie sogar in einer ägyptischen Zeitung abgedruckt worden, ohne dass es zu Gewaltakten oder einem Boykott dänischer Erzeugnisse gekommen wäre.
Eine Gruppe dänischer Imame wollte die neutrale Haltung der dänischen Regierung freilich nicht hinnehmen und verfasste einen Bericht über die Karikaturen. In ihn wurden drei Karikaturen aufgenommen, die nicht auf Initiative von "Jyllands-Posten" gezeichnet wurden und deutlich provokanter waren als die veröffentlichten. Den Imamen zufolge waren diese drei Karikaturen - die Mohammed als Schwein und als Pädophilen darstellten sowie einen Muslim, der von einem Hund penetriert wird - anonym an Muslime in Dänemark zugesandt worden.
In ihrem Bericht schrieben die Imame unter anderem: "Die Glaubenstreuen [Muslime] leiden unter verschiedenen Gegebenheiten, zuvorderst unter der mangelnden offiziellen Anerkennung des islamischen Glaubens. Dies hat zu vielerlei Problemen geführt, insbesondere dazu, dass keine Moscheen gebaut werden dürfen [...] Obwohl sie [die Dänen] dem christlichen Glauben angehören, sind sie Säkularisierungen anheimgefallen, und wenn man sie allesamt als Ungläubige bezeichnet, liegt man nicht ganz falsch. [...] Wir [die Muslime] brauchen keine Lektionen in Demokratie, sondern wir sind es vielmehr, die kraft unserer Taten und Reden die ganze Welt Demokratie lehren."
Mit diesem Bericht als wichtigster Munition machten die Imame eine Tournee durch den Nahen Osten. Jetzt nahmen sich auch die großen internationalen Muslim-Organisationen der Sache an. Bei einer Beratung der Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) am 6. Dezember 2005 wurde der Bericht den Delegationen der islamischen Länder übergeben.
Daraufhin ersuchte die OIC am 30. Januar 2006 die Vereinten Nationen, Religionen vor blasphemischen Äußerungen zu schützen und Länder, in denen dergleichen stattfinden konnte, gegebenenfalls zu bestrafen.
In einer Meldung auf der vielgelesenen Website Islamonline hieß es an diesem Tag: "Angesichts des nicht nachlassenden muslimischen Zorns bei Volk und Politik ließ Libyen am Sonntag verlauten, dass es aus Protest gegen die Veröffentlichung der Karikaturen seine Botschaft in Dänemark schließen werde. 'In Anbetracht der Angriffe gegen den Propheten Mohammed und des Schweigens der dänischen Autoritäten hat Libyen entschieden, seine diplomatische Vertretung in Kopenhagen zu schließen', kündigte das Außenministerium in einer von der offiziellen Nachrichtenagentur Jana verbreiteten Erklärung an. In der Erklärung hieß es des Weiteren, dass Libyen 'wirtschaftliche Vergeltungsmaßnahmen gegen Dänemark' ergreifen werde."
Der muslimische Zorn hat im Nahen Osten rasch um sich gegriffen. Einzelhändler in der Golfregion entfernten dänische Produkte aus ihren Regalen, und Demonstranten versammelten sich vor dänischen Botschaften. Als jüngste arabische Länder schlossen sich Syrien und Bahrein den Protesten an. "Syrien fordert die dänische Regierung auf, die notwendigen Maßnahmen zur Bestrafung der Schuldigen zu ergreifen. Der Dialog zwischen den Kulturen gründet auf gegenseitigem Respekt", wurde ein Regierungsvertreter am Sonntag von der offiziellen syrischen Nachrichtenagentur zitiert.
Das bahreinische Kabinett verurteilte die Karikaturen auf einer Sitzung am Sonntag, weil sie "ein bewusster Angriff gegen den erhabenen Propheten Mohammed sind und die Muslime weltweit erzürnt haben".
Das war die Atmosphäre, die in der islamischen Welt schließlich zu Handgemengen führen und Todesopfer fordern sollte. Die Feststellung, dass in der säkularen europäischen Kultur, in der die institutionalisierten Religionen seit der Aufklärung mehr und mehr aus dem öffentlichen Leben und insbesondere den staatlichen Organen verschwanden, auch die heiligen Ikonen des Islam verspottet werden konnten, stieß bei orthodoxen Muslimen auf heftigen Widerstand.
Die Lebensweise, die der Prophet Mohammed seinen Anhängern vorgelebt hat, unterscheidet nicht zwischen der staatlich organisierten Welt und der Welt des Glaubens; für einen orthodoxen Muslim ist beides eins und eine säkulare Kultur somit per definitionem gotteslästerlich und obszön. Seit dem siebten Jahrhundert ist das Kalifat die den Muslimen eigene islamische Staatsform, und nur in Randbereichen hat sich eine säkulare Kultur entfalten können.
Zwei Entwicklungen, die in Europa ausschlaggebend für das Entstehen eines freien Bürgertums waren, sind an der islamischen Welt vorübergegangen: erstens die Aufklärung, die den menschlichen Geist und die Ratio von den Dogmen der vorherrschenden religiösen Modelle befreite, und zweitens - und mindestens genauso wichtig - die Einführung der bürgerlichen Gesetzgebung. Napoleon Bonaparte brachte sie nach der Französischen Revolution in weite Teile Europas, und sie bildete die Grundlage für die westliche bürgerliche Gesellschaft.
Orthodoxe Muslime praktizieren ihre Religion in einem arabisch-islamischen Umfeld, das in postkolonialer Zeit geformt wurde. Sie leben in Nationalstaaten, das heißt Gebilden, die von Mohammed und den muslimischen Schriftgelehrten so nicht vorgesehen waren, mit denen der orthodoxe Islam also seit 1918 auf dem Kriegsfuß steht, seit das Osmanische Reich unterging, das die Idee von einer vereinigten und islamischen Regierung lebendig gehalten hatte.
Die Probleme in der islamischen Welt von heute können nicht unabhängig von den Krisen gesehen werden, die der Zusammenbruch des Osmanischen Reiches und das Entstehen arabischer und islamischer Nationalstaaten ausgelöst haben.
Im 20. Jahrhundert haben Übersetzer weniger Bücher aus anderen Sprachen ins Arabische übersetzt, als spanische Übersetzer pro Jahr ins Spanische übersetzen - ein Zeichen für eine in sich abgekapselte Kultur. Nach 1918 war diese jedoch der Dynamik und dem Individualismus einer Zivilisation ausgesetzt, die in den eigenen Reihen jahrhundertelang als minderwertig galt: der jüdisch-christlichen. Und dann gründeten überwiegend westliche Juden auch noch einen Staat mitten im Herzen des alten Kalifats, im seit Jahrhunderten vernachlässigten Palästina.
Die frommen Anhänger der Lehre Mohammeds sind der Meinung, dass ihnen als echten Gläubigen die Weltherrschaft zustehe, aber die Welt wird von Anders- und Ungläubigen beherrscht. Die Differenz in Macht und Reichtum frustriert den frommen Gläubigen, und allmählich erfährt er nahezu jede Äußerung westlicher Kultur als eine Beleidigung seines Glaubens und sieht die Welt in völlig anderen Relationen als der durchschnittliche Europäer.
Die Erbitterung, mit der in manchen islamischen Ländern auf die Karikaturen reagiert wurde, unterstreicht die grundlegenden kulturellen Unterschiede zwischen dem semisäkularen und individualistischen Europa und den tiefgläubigen Anhängern des orthodoxen Islam, für die die Welt ein religiöses Schlachtfeld ist. Es werden noch viele Jahre vergehen, bis die Welt Mohammeds reif ist für ihr "Leben des Brian", jenen blasphemischen Spielfilm von Monty Python.
Als es nach vier Monaten Tote gegeben hatte, schrieb Flemming Rose in der "Washington Post":
"Die Karikaturisten behandelten den Islam in gleicher Weise wie das Christentum, den Buddhismus, Hinduismus oder andere Religionen. Und indem sie Muslime in Dänemark wie ihresgleichen behandelten, stellten sie heraus: Wir integrieren euch in die dänische Tradition der Satire, weil ihr Teil unserer Gesellschaft seid und keine Fremden."
Von Leon de Winter

SPIEGEL Chronik 54/2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


Video 02:41

Jever statt Westeros Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil

  • Video "Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger" Video 03:17
    Beinaheabsturz: Planespotter fotografiert Notlandung von Regierungsflieger
  • Video "Nach Brandkatastrophe: Schätze aus Notre-Dame im Louvre untergebracht" Video 01:06
    Nach Brandkatastrophe: Schätze aus Notre-Dame im Louvre untergebracht
  • Video "Gesang als Waffe: Die Singing Cops von Buffalo" Video 02:03
    Gesang als Waffe: Die "Singing Cops" von Buffalo
  • Video "Hafenkräne stürzen ins Wasser: Unfall auf Werft" Video 00:51
    Hafenkräne stürzen ins Wasser: Unfall auf Werft
  • Video "Notre-Dame-Kathedrale: So wurde der Brand im Inneren bekämpft" Video 01:23
    Notre-Dame-Kathedrale: So wurde der Brand im Inneren bekämpft
  • Video "Premiere der Formel W: Eine Rennserie nur für Frauen" Video 01:45
    Premiere der Formel W: Eine Rennserie nur für Frauen
  • Video "Gesang als Waffe: Die Singing Cops von Buffalo" Video 02:03
    Gesang als Waffe: Die "Singing Cops" von Buffalo
  • Video "Video aus Australien: Schlange auf der Scheibe" Video 01:01
    Video aus Australien: Schlange auf der Scheibe
  • Video "Brandkatastrophe in Notre-Dame: Video vom Einsatz der Feuerwehrleute" Video 01:32
    Brandkatastrophe in Notre-Dame: Video vom Einsatz der Feuerwehrleute
  • Video "Regierungsflieger: Funktionsstörung und Probleme bei Landung" Video 01:12
    Regierungsflieger: Funktionsstörung und Probleme bei Landung
  • Video "US-Polizeivideo: Da bewegen sich Schatten im Bad!" Video 01:32
    US-Polizeivideo: "Da bewegen sich Schatten im Bad!"
  • Video "Feuer in Pariser Kathedrale Notre-Dame: Die Franzosen fühlen sich tief getroffen" Video 01:37
    Feuer in Pariser Kathedrale Notre-Dame: "Die Franzosen fühlen sich tief getroffen"
  • Video "Brand von Notre-Dame: In Trauer vereint" Video 01:57
    Brand von Notre-Dame: In Trauer vereint
  • Video "Notre-Dame-Großbrand: Kathedrale in Flammen" Video 01:26
    Notre-Dame-Großbrand: Kathedrale in Flammen
  • Video "Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil" Video 02:41
    Jever statt Westeros: Ostfrieslands Promo-Film im Game-of-Thrones-Stil