12.12.2007

Sprung zum Oscar

Florian Henckel von Donnersmarck, Ulrich Mühe und „Das Leben der anderen“
Diesen Luftsprung wird man so rasch nicht vergessen. Am Tag vor der Oscar-Verleihung in Los Angeles hatte Florian Henckel von Donnersmarck - einer der fünf Nominierten für den besten nichtenglischsprachigen Film, doch keineswegs der Favorit - bei einem Interview gescherzt: "Wenn wir gewinnen, hebe ich ab." Und nun, als die Schauspielerin Cate Blanchett, zur Überreichung des Preises auf der Bühne, den Umschlag öffnet und ruft: "The Oscar goes to Germany!" - da reißt es den Filmemacher aus Deutschland in einem Begeisterungsluftsprung aus seinem Sessel, weit höher, als das irgendjemand dem stämmigen Riesen zugetraut hätte.
Endlich hat Deutschland - nach Volker Schlöndorffs "Blechtrommel" 1980 und Caroline Links "Nirgendwo in Afrika" 2003 - mit Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der anderen" zum dritten Mal den prestigeträchtigsten Preis der westlichen Kinowelt gewonnen. Doch der siegesstolze Sieger irritiert manche Bewunderer in der Heimat, indem er in seinen Dankesworten keinen bewunderten Künstler als Vorbild, sondern Arnold Schwarzenegger als Exempel unbeugsamen Siegeswillens nennt. Kanzlerin Angela Merkel gratuliert dem Preisträger zum Erfolg seines "eindrucksvollen Films", und auch Präsident Horst Köhler findet bei einem späteren Empfang viel Lob für diesen "Beitrag zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte".
Mit dem jüngsten Oscar-Gewinner tritt im deutschen Kino keine neue Generation, doch ein neuer Typus in den Vordergrund. Mit jenen Filmemachern, die als kunstbesessene, zutiefst kommerzfeindliche Einzelgänger - von Bernhard Wicki über Wim Wenders bis Tom Tykwer - durch die Jahrzehnte international das Beste des deutschen Kinos repräsentierten, scheint Florian Henckel von Donnersmarck, Jahrgang 1973, wenig gemein zu haben. Auf den ersten Blick wirkt sein Auftreten eher wie das eines fabelhaft stürmischen, zielstrebigen Jungunternehmers und nicht wie das eines Tüftlers, der als Autor jahrelange Feinarbeit an sein Drehbuch verwendet hat.
Die Entschiedenheit seiner Selbstdarstellung prädestiniert ihn zur Führungsfigur: ein katholischer, standesstolzer deutscher Aristokrat, der seine halbe Kindheit im Ausland verbrachte (New York, Brüssel) und sich erst nach fünf Jahren Studium in St. Petersburg und Oxford für seine Kinoleidenschaft entschied. Ein spätberufener Regiestudent also, dessen Erstlingswerk "Das Leben der anderen" in aller Bescheidenheit auch als Examensarbeit an der Münchner Filmhochschule betrachtet werden könnte - und stattdessen einen Oscar gewinnt.
Unbeirrbarkeit bei der Durchsetzung dessen, was er als notwendig und richtig erkannt hat: Dies ist eine der - nicht immer bequemen - Siegerqualitäten, die seine Mitarbeiter ihm nachrühmen. Von der allerersten Spielfilmidee, die er als "Aufgabe" in seinem ersten Filmhochschulsemester zu Papier brachte mit dem Titel "Der Spitzel", sei er nie wieder losgekommen, so erzählt Henckel, vielmehr habe er sie beharrlich weiterentwickelt und konkretisiert, bis nach acht Jahren "Das Leben der anderen" daraus geworden war.
Am Anfang, so sagt er, stand das Bild eines Mannes mit Kopfhörern, dem als Spitzel beim Belauschen eines Feindes ein so überwältigend schönes Musikstück zu Ohren kommt, dass er, wie bekehrt, den Glauben an seine Feindbilder verliert. Er habe dabei, sagt Henckel, an eine Äußerung von Lenin gedacht: Wenn er sich zu oft Beethovens "Appassionata" anhörte, würde diese Schönheit ihn schwachmachen im Hass auf seine Gegner. Das Bild des Mannes mit den Kopfhörern bleibt für das Projekt programmatisch, es schmückt sogar den Umschlag des veröffentlichten Drehbuchs zu "Das Leben der anderen": Seine Zentralfigur ist der Stasi-Hauptmann Wiesler (Ulrich Mühe) auf einsamer Lauschmission, der an seinem Ziel und seinem System irre wird.
Auch im Film gibt es das überwältigend schöne Musikstück, und es tut seine Wirkung, doch der Film setzt zur Bekehrung des Stasi-Puritaners nicht auf die reine Kunst, sondern dramatischer auf "Das Leben der anderen" - einerseits nämlich das Leben seiner Vorgesetzten bis hinauf zum Minister, deren korrupter Zynismus sich Wiesler Schritt um Schritt offenbart, und andererseits das Leben des von Wiesler bespitzelten Paars, einer Schauspielerin und eines Dichters, das ihm in Leid und Leidenschaft beneidenswert reicher erscheint als seine stur mit der Stoppuhr geregelte Funktionärsexistenz.
Henckels Drehbuch, das diese Motive und Handlungsstränge feingliedrig verknüpft, ist eine brillante Konstruktion: Es baut auf nüchterne, gründliche Recherche in allem, was DDR-Kulturbetrieb und Stasi-Praktiken betrifft - wobei etwa an die "abtrünnigen" Stasi-Offiziere Trebeljahr und Teske zu denken ist, die Erich Mielke 1979 und 1981 hinrichten ließ, oder an das systemkritische "Manifest" einer Gruppe von SED-Funktionären, das der SPIEGEL im Januar 1978 veröffentlichte.
Doch zugleich nimmt dieses Drehbuch sich die Freiheit, das Unglück der Stasi-Opfer mit einer Dosis hollywoodmäßiger Melodramatik zum tragischen Höhepunkt zuzuspitzen. Das Gefühl für Kinowirkung bringt dem Newcomer den entscheidenden ersten Erfolg: Sein Projekt findet die Unterstützung von Förderern und öffentlichen Geldgebern wie dem Bayerischen Rundfunk, und es überzeugt eine Handvoll begehrter Schauspieler so sehr, dass sie sich für bescheidene Gagen zur Mitarbeit bereit erklären.
Als es so weit ist, weiß Henckel genau, was er will, nämlich das breite, elegante Cinemascope-Format, damit sein Werk keinesfalls im bequemen Rahmen eines TV-Movies daherkäme; er will die Dialogaufnahmen mit altmodischem Analogton, obwohl das ziemliche Umstände bereitet; und er will, sozusagen um jeden Preis, den französischen Komponisten Yared, der für "Der englische Patient" einen Oscar erhalten hat. Henckel bekommt, was ihm so wichtig war, dreht den Film Ende 2004 unter großem Druck in sechs Wochen - und lässt sich dann fast ein Jahr Zeit, um ihn in Millimeterarbeit am Schneidetisch zu perfektionieren.
Florian Henckel von Donnersmarck war 16 und lebte in Brüssel, als die Berliner Mauer fiel. Er weiß nicht, als er mit dem 20 Jahre älteren Mühe Kontakt aufnimmt, um ihm die Rolle des Stasi-Manns anzubieten, dass Mühe ein DDR-Star gewesen war und einer derer, die als Redner bei der Berliner Volksdemo am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz auftraten.
Mühe war nach der Wende bewusst auf Distanz zu eifrigen DDR-Vergangenheitsbewältigern gegangen. Natürlich hatte man ihm, wie er später erzählte, immer wieder "Ossi"-Drehbücher angeboten ("viel wirklich ärgerlicher Mist dabei"), doch nichts hatte ihn überzeugt, bis die Figur des Wiesler auf ihn zukam. "Hier hatte ich zum ersten Mal ein Buch über die DDR in der Hand, dessen Geschichte sich verbürgt anfühlte." Mühe ist dann, wie sich zeigt, der einzige "Ossi" im halben Dutzend der Hauptdarsteller, und die Figur des Wiesler wird für ihn auf grandiose und tragische Weise zur "Rolle des Lebens".
Der Weg von "Das Leben der anderen" in die Öffentlichkeit beginnt unter schlechten Vorzeichen: Die Organisatoren der Berlinale 2006 finden den Film für ihr Programm nicht interessant genug. Wohl oder übel kommt er kurz danach ohne den Werbeeffekt einer Festivalpremiere in die deutschen Kinos, erregt rasch große Aufmerksamkeit und findet allein in Deutschland 2,1 Millionen Zuschauer. Bei der Verleihung der Deutschen Filmpreise im Mai wird er als "bester Film" (sowie mit sechs weiteren Preisen) ausgezeichnet, beim Europäischen Filmpreis im Dezember wieder als "bester Film" (sowie mit zwei weiteren Preisen). Beide Male steht neben dem Regisseur als bester Hauptdarsteller Ulrich Mühe auf dem Siegerpodest.
Während der Film von Feier zu Feier seinen Weg macht, wird sein Star vom Verhängnis der DDR-Vergangenheit eingeholt. Ein Magenleiden, das sich, vielleicht durch den Psychostress, während Mühes Dienstzeit als NVA-Grenzsoldat entwickelt und schon damals zu einer schweren Operation geführt hatte, tritt erneut auf - und diesmal ist es Krebs.
Als Mühe zur Oscar-Feier nach Los Angeles fliegt, ahnt er vielleicht schon, dass dies für ihn der letzte große Auftritt sein würde. Er stirbt am 27. Juli in Walbeck (Sachsen-Anhalt). An den oscarreifen Luftsprung des Regisseurs wird man ein Weilchen denken. Als der Mann mit den Kopfhörern, personifizierte Obsession des Regimes, wird indes Ulrich Mühe noch lange in Erinnerung bleiben. URS JENNY
Von Urs Jenny

SPIEGEL Chronik 54/2007
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