10.12.2008

„Schäm dich, China“

Eine „Reise der Harmonie“ sollte der olympische Fackellauf werden. Stattdessen führt er weltweit zu Protesten gegen Pekings Menschenrechtspolitik.
Schon die ersten Fackelläufer der neuzeitlichen olympischen Geschichte blieben im Sommer 1936 nicht unbehelligt auf ihrem 3075 Kilometer langen Weg von Griechenland nach Berlin. In Jugoslawien schlugen Sicherheitskräfte Proteste gegen Nazi-Deutschland mit Gewalt nieder, in Prag gelang es Demonstranten, die Fackel, deren Halter vom Rüstungskonzern Krupp aus rostfreiem Stahl gefertigt worden war, kurzzeitig zu löschen. Doch verglichen mit dem PR-Desaster der chinesischen Kommunisten 72 Jahre später war der vom deutschen Sportfunktionär Carl Diem erfundene und von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels inszenierte Fackellauf geradezu ein Werbefeldzug für das NS-Regime.
Im Frühjahr 2008 schaut die Welt zu, wie in London Menschenrechtler Absperrungen durchbrechen und sich den Läufern in den Weg stellen. Ein Tibet-Aktivist versucht, die Fackel in seinen Besitz zu bringen, ein anderer, sie mit dem Feuerlöscher auszublasen. China spricht von "abscheulichen Missetaten" tibetischer Separatisten.
In Paris reichen 3000 Polizisten nicht aus, den Fackellauf zu schützen. Demonstranten bedrängen eine chinesische Rollstuhlfahrerin, die sich jedoch die Fackel nicht entreißen lassen will. Staatspräsident Nicolas Sarkozy entschuldigt sich schriftlich bei der 27-jährigen Jin Jing, die im Reich der Mitte wie eine Nationalheldin gefeiert wird. Die Flamme erlischt nach heftigen Tumulten wegen angeblicher "technischer Probleme". Die Fackel wird in einem Bus unter Polizeigeleit in Sicherheit gebracht, nachdem Chinas Botschaft entschieden hatte, die vorgesehene Laufstrecke durch die französische Hauptstadt abzukürzen. Auch die geplante Feier vor dem Pariser Rathaus entfällt.
"Schäm dich, China" und "China raus aus Tibet" skandieren Tausende, die sich in San Francisco entlang der vorgesehenen Laufstrecke zwischen Golden Gate Bridge und Bay Bridge versammeln. Sie stehen unversöhnlich den vielen Chinesen gegenüber, die in der kalifornischen Metropole leben und stolz darauf sind, dass die Olympischen Spiele erstmals in ihrem Heimatland stattfinden. Um handgreifliche Auseinandersetzungen zu vermeiden, ändern die Organisatoren die Route und kürzen sie um die Hälfte. Die Läufer werden von einer nicht zimperlichen chinesischen Eliteeinheit in hellblauen Trainingsanzügen und joggenden Polizisten mit gezogenen Gummiknüppeln eskortiert. Aus Hubschraubern zeigen TV-Kameras, wie ein Fahrzeug mit der Fackel in Richtung Flughafen entschwindet.
"Ich bin traurig, dass ein so schönes Symbol wie die Fackel, die Menschen verschiedener Religionen, verschiedener ethnischer Hintergründe, verschiedener politischer Systeme, Kulturen und Sprachen vereint, angegriffen wird", sagt der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jacques Rogge, dem "Wall Street Journal". Seit den Sommerspielen 2004 wird die im antiken Olympia entzündete Flamme auf alle fünf Kontinente gebracht - in diesem Jahr von Bergsteigern sogar auf das Dach der Welt, den 8850 Meter hohen Mount Everest. Über 21800 Läuferinnen und Läufer, darunter der Wolfsburger Fußballtrainer Felix Magath, nehmen an der "Journey of Harmony" teil. Bis zur Eröffnung der Spiele am 8. August im vom Volksmund "Vogelnest" getauften Nationalstadion ist die Flamme 138 Tage unterwegs.
Eine Reise der Harmonie wird es für die Veranstalter erst, als sie auf ihrer insgesamt 137000 Kilometer langen Route den beliebten Badeort Sanya am südlichsten Zipfel Chinas erreicht. Auch Sponsoren wie Coca-Cola, Samsung oder Volkswagen sind vermutlich erleichtert, dass sie nicht mehr bei Demonstrationen gegen Chinas Menschenrechtspolitik und die Lage in Tibet auf den Fernsehschirmen erscheinen. Überall feiern Zigtausende am Straßenrand die Läufer auf dem Weg nach Peking.
Dass die olympische Flamme drei Monate nach den Toten beim Aufstand der Tibeter durch Lhasa getragen wird, gilt im Westen als Gipfel des Pekinger Zynismus und abermaliger Beweis für die Macht- und Hilflosigkeit des IOC im Umgang mit Diktaturen. Die Londoner Aktionsgruppe Free Tibet Campaign spricht von einem "krank machenden Propagandastück". KURT RÖTTGEN
Von Kurt Röttgen

SPIEGEL Chronik 54/2008
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