10.12.2008

Sprengsatz im Kaukasus

Georgiens Präsident Saakaschwili lässt seine Armee in die abtrünnige Provinz Südossetien einmarschieren - und löst einen kriegerischen Konflikt mit Russland aus.
Er ist nur eine Randfigur in diesem Krieg, aber sein Anblick brennt sich ein ins Gedächtnis: ein georgischer Mann, der mit entblößtem Oberkörper auf dem Asphalt kniet, die Arme flehentlich emporgereckt, umringt von einem halbem Dutzend russischer Soldaten mit Kalaschnikows.
An diesem 14. August, kurz nach elf Uhr, hält die aus Tschetschenien einmarschierte 58. Armee der russischen Streitkräfte die zentrale Zufahrt zur Stalin Avenue in Gori besetzt. Jeder, der ins Zentrum der georgischen Provinzstadt will, wird durchsucht. Nur der massige Mann, der nun auf Knien um sein Leben bangt, hat die neuen Spielregeln der Eroberer offenkundig nicht ernst genug genommen.
Eine zerlegte Maschinenpistole und einen Baseballschläger finden die russischen Posten in seinem Kleinbus - zu viel für einen Zivilisten, denken sie, zu wenig für ernstgemeinten Widerstand. Der Mann wird angebrüllt, mit Stiefeln getreten und abgeführt. Es ist das klägliche Ende eines von vornherein aussichtslosen Versuchs: den russischen Eroberern nicht kampflos das Schlachtfeld zu überlassen.
Ähnlich kläglich endet die Militäraktion der georgischen Armee. Ihr erklärtes Ziel war es, das abtrünnige Gebiet Südossetien, direkt an der Grenze zu Russland gelegen, gewaltsam wieder unter Kontrolle zu bringen. Nach nur fünftägigen Kämpfen aber sind mehr als 360 georgische Soldaten, Polizisten und Zivilisten tot, Zehntausende Menschen auf der Flucht, und die Truppen Moskaus setzen sich, erstmals seit dem Afghanistan-Krieg, ohne internationales Mandat wieder auf fremdem Boden fest - tief im georgischen Kernland.
Dass im dramatischsten Konflikt zwischen Russland und der Restwelt seit dem Ende der Sowjetunion ausgerechnet das beschauliche Gori zur Frontstadt wird, ist Ironie des Schicksals: Hier, in einer bescheidenen Hütte im Ortskern, wurde Josef Stalin als Sohn eines georgischen Schuhmachers geboren; jener Stalin, späterer Diktator, vielbesungener Feldherr und millionenfacher Mörder am eigenen Volk, der schon in den frühen Jahren der Sowjetunion das Fundament legte für die blutigen Nachhutgefechte von heute.
Ob es Zufall ist, dass das Stalin-Museum während der Kriegstage in Gori, inmitten zerstörter Häuser und von Granat-Einschlägen zernarbten Asphalts, so gut wie unversehrt bleibt? Dass nur ein Fensterglas im Erdgeschoss splittert? Moskaus Artillerie und Luftwaffe jedenfalls lassen die Geburtsstätte des Mannes, den inzwischen wieder die Hälfte der Russen für einen "weisen Führer" hält, unversehrt.
Stalin, als gebürtiger Georgier mit dem Flickenteppich aus rund 50 Völkern beidseits des Kaukasuskamms bestens vertraut, ließ die Grenzen der Sowjetrepubliken einst so ziehen, dass an aufmüpfigen Minderheiten nirgendwo Mangel war - an potentiellen Unruhestiftern also, auf die im Notfall die donnernde Faust Moskaus niedersausen konnte. Der Zusammenbruch der UdSSR erst hat aus den innersowjetischen Trennlinien dann Staatsgrenzen gemacht - und aus Hinterlassenschaften der Stalin-Zeit Sprengsätze der Gegenwart.
Das Siedlungsgebiet der Osseten etwa, das nördlich der Stadt Gori beginnt, hat kein anderer als Stalin teilen lassen - in einen russischen Nord- und einen georgischen Südteil. Nach dem Zerfall der Sowjetunion sind die traditionell moskaufreundlichen Südosseten, wie auch die weiter westlich siedelnden Abchasier, als Stacheln im Fleisch der jungen Republik Georgien zurückgeblieben - williges Werkzeug in den Händen der wiedererstarkten Regionalmacht Russland.
Bereits am 26. August, zwei Wochen nach Ende des Kriegs, erkennt Moskau Südossetien und Abchasien als unabhängige Staaten an. Und setzt damit den vorläufigen Schlusspunkt unter die Chronologie einer angekündigten Tragödie im südlichen Kaukasus.
Der erste Akt war keine fünf Jahre zuvor über die Bühne gegangen: Während der "Rosenrevolution" erlebt das Publikum in der Hauptrolle einen wild entschlossenen jungen Helden - Micheil Saakaschwili. Die burschikose Art, wie der im Sturm das Parlamentsgebäude in Tiflis nimmt, den Noch-Präsidenten Eduard Schewardnadse für abgesetzt und den Kampf um Georgiens territoriale Integrität zum Staatsziel erklärt - sie gefällt im November 2003 nicht nur den der Korruption und Armut im Land überdrüssigen Georgiern. Sie gefällt auch dem Fernsehvolk weltweit, und vor allem: den Geostrategen in Washington.
Saakaschwili ist ihr Mann. Der gerade einmal 35 Jahre alte hochbegabte Jurist hat an der New Yorker Columbia University studiert und sich Sporen als Lobbyist im Ölgeschäft verdient - die ideale Vorbereitung also für seinen neuen Job, gilt Georgien doch, nicht nur in den energiehungrigen USA, als Schlüsselland für den direkten Transport von Erdöl und Gas aus den Vorkommen im Kaspischen Meer Richtung Westen. Für Pipelines also, die eines russischen Segens nicht bedürfen.
Und so gibt es dann auch, kaum ist Saakaschwili im höchsten Staatsamt angekommen, reichlich westlichen Lorbeer auf Vorschuss für den neuen Machthaber in Tiflis, der es aus Liebe zur amerikanischen Schutzmacht sogar fertigbringt, ganze Pressekonferenzen in seiner georgischen Heimat auf Englisch abzuhalten. Dass er am Ende nur Bauer sein könnte auf dem amerikanischen Schachbrett, das die Welt in Schwarz und Weiß teilt, kommt Saakaschwili nicht in den Sinn.
Knapp eine halbe Milliarde Dollar pumpt Washington binnen wenigen Jahren in den Kaukasus-Staat. Eigens aus dem Irak eingeflogene US-Marines lehren die Georgier den Aufbau einer ernstzunehmenden Armee. Serienweise Treffen mit ame-rikanischen Spitzenpolitikern erheben den Novizen Saakaschwili scheinbar in den Rang eines Mini-Weltstaatsmanns - wiewohl sein Geltungsbereich, Abchasien und Südossetien eingerechnet, noch kleiner ist als der Freistaat Bayern.
Was zählt, ist etwas anderes: ein Präsident, der in fließendem Englisch seinen Traum von der Nato-Mitgliedschaft Georgiens vorträgt; an der Spitze einer Nation, die das Christentum zur Staatsreligion erhoben hat vor fast 1700 Jahren; und all das in einem Land an der Schnittstelle zwischen den Energiekorridoren des 21. Jahrhunderts - die neokonservative Führungsclique in Washington kann ihr Glück kaum fassen. Und lässt in ihrer Begeisterung für den schwer berechenbaren Saakaschwili außer Acht, dass nur eine Autostunde nördlich von Tiflis, hinter der Grenze, Georgiens Schutzmacht und Zuchtmeister der letzten zwei Jahrhunderte vernehmlich murrt: Russland.
Seit 1783, seit den Tagen des Fürsten Potjomkin, hat Moskau - mit drei Jahren Unterbrechung nach dem Ersten Weltkrieg - das Sagen in Georgien. Russland versteht sich als Ordnungsmacht im ganzen Kaukasus. Oder, wie es Eduard Schewardnadse, letzter Außenminister der Sowjetunion und Saakaschwilis Vorgänger im Präsidentenamt, mit nationaltypischem Hang zur Lyrik nannte: "Das Schicksal Russlands spiegelt sich im Kaukasus wie der Sonnenstrahl im Wassertropfen."
Nachdem Schewardnadse im November 2003 dem Volkszorn weicht und Saakaschwili kommt, lässt Georgien schrittweise alle Rücksicht auf Moskauer Empfindlichkeiten fallen und stellt sich entschieden an die Seite der USA. In Russland wird die veränderte Marschrichtung des südlichen Nachbarn fassungslos, in der EU wie gewohnt leidenschaftslos zur Kenntnis genommen. Nicht einmal die Entsendung eines EU-Kontaktmanns nach Tiflis kommt 2007 zustande - sie scheitert am Veto Griechenlands.
Im August 2008 geht dann plötzlich alles ganz schnell. Nur Stunden nachdem Saakaschwili in die Falle getappt ist und Truppen nach Südossetien gesandt hat, sind die Russen da. Sie kommen mit Panzern durch den Roki-Tunnel über den Kaukasuskamm, sie kommen mit Kriegsschiffen übers Schwarze Meer und mit schwerem Gerät über die Eisenbahnlinie aus Sotschi. Sie blasen das georgische Bollwerk um wie der Windstoß ein Kartenhaus, zerlegen die modernste Kaserne im Land des Nato-Anwärters, versenken Küstenboote und sprengen Brücken.
In Tiflis sitzt derweil Micheil Saakaschwili und tut, was er kann. Das heißt: Er spricht viel und feiert sich selbst, lässt führende internationale Korrespondenten zu sich rufen, gibt Interviews und zeigt sich schließlich, da sind die gefallenen Georgier noch nicht begraben, triumphierend auf einer Bühne im Zentrum der Hauptstadt mit eilig eingeflogenen Amtskollegen aus Polen, der Ukraine oder Estland - Donald Rumsfelds "neues Europa", Schulter an Schulter im Widerstand gegen die Russen.
Wie reagiert die Nato, die mächtigste Militärorganisation der Welt, auf den Einmarsch im Land ihres Beitrittsaspiranten? Die Nato ist, zweifelsfrei, empört. Wie ein Kind, dem sein neuestes Lieblingsspielzeug kommentarlos entzogen wird. Und sie zieht Konsequenzen: Treffen des Nato-Russland-Rats werden ausgesetzt, der Gesprächskanal mit Moskau wird also lahmgelegt; und es wird Fahne gezeigt an vorderster Front - mit einer Gruppenreise der Nato-Botschafter nach Tiflis, zu Micheil Saakaschwili, dem nach Lage der Dinge Erstverantwortlichen für den Fünftagekrieg im Kaukasus.
Das ist ein Signal, und zwar das falsche. Noch haben die Scherbenleser nicht Bilanz gezogen. Aber dass reichlich Porzellan zerschlagen wurde im Kampf um Südossetien und Abchasien, steht längst außer Frage: Das Vertrauen in die Nato als militärischen Arm der westlichen Wertegemeinschaft ist erschüttert; die seit Ende des Kalten Kriegs weitgehend stabile Ordnung im eurasischen Raum aus den Fugen; das Verhältnis des Westens zu Russland, dem größten Flächenstaat der Erde, hat Schaden genommen; und der Respekt vor der Unverletzlichkeit von Staatsgrenzen, ramponiert schon durch die Abspaltung des Kosovo, hat weiter gelitten.
Ist Georgien nur der erste umgestürzte Dominostein? Transnistrische Separatisten in der Moldau, radikale Russen auf der Krim, militante Tschetschenen oder Armenier in Berg-Karabach dürfen sich nun ermutigt fühlen, mit gleichem Recht wie Abchasier oder Südosseten nach veränderten Grenzen zu rufen. In Stalins altem Herrschaftsbereich sind noch reichlich Gebietsfragen offen.
In Stalins Geburtsstadt hingegen, in Gori, beginnen die Menschen bereits, sich in der neuen Wirklichkeit einzurichten: in einem Leben als Frontstadt-Bewohner. Wenige Kilometer nördlich des Stadtzentrums, am Checkpoint nach Südossetien, ist ihre kleine georgische Welt nun zu Ende.
Und der Herrschaftsbereich Moskaus beginnt. WALTER MAYR
Von Walter Mayr

SPIEGEL Chronik 54/2008
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