10.12.2008

Lady Di von Kärnten

Der bizarre Unfalltod des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider
Er stirbt, wie er gelebt hat: auf der Überholspur. Jörg Haider, 58, Europas prominentester Rechtspopulist, rast mit 1,77 Promille Alkohol im Blut und geschätzten 170 Stundenkilometern, wo 70 erlaubt sind, mit seinem Nobeldienstwagen VW Phaeton bei Nacht und Nebel in den Tod.
Nur zwei Wochen vorher hat der Kärntner Landeshauptmann nach eigenem Urteil die eklatanteste Auferstehung seit Lazarus erlebt, als seine Partei bei den österreichischen Parlamentswahlen ihren Stimmenanteil fast verdreifachen kann.
So ist es dem charismatischen Politiker zeit seiner Laufbahn ergangen. "Er war ein Winner-Typ, der beinahe besessen davon schien, sich immer auch alles kaputtzumachen", so der österreichische Autor Robert Misik. Selbstzerstörerische Abstürze folgen rauschenden Triumphen. Was seinen zahlreichen politischen und publizistischen Gegnern nicht gelingt, schafft er selber spielend. Nach kaum glaublichen Erfolgen stellt er sich regelmäßig selbst ein Bein.
Als 36-Jähriger ist der promovierte Jurist, Sohn oberösterreichischer Eltern, die beide in der Nazi-Zeit hohe Gau-Funktionen bekleideten, 1986 ins politische Rampenlicht getreten. Auf einem außerordentlichen Parteitag stürzt er den liberalen Obmann der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ), Norbert Steger, Vizekanzler einer Koalitionsregierung mit den Sozialdemokraten (SPÖ).
Mit 58 Prozent der Stimmen wird Rechtsaußen Haider, der die österreichische Nation für eine "ideologische Missgeburt" hält, zum neuen FPÖ-Vorsitzenden gewählt. Darauf ertönen bei einzelnen Delegierten "Sieg Heil"-Rufe, die SPÖ aber kündigt die Koalition auf.
Bei den darauffolgenden Wahlen verdoppelt die FPÖ unter Haider ihren Stimmenanteil von fünf auf zehn Prozent. Von seiner politischen Heimat Kärnten aus polarisiert der Aufsteiger, stets braungebrannt, sportlich gestählt und bis zuletzt jugendlich wirkend, die öffentliche Meinung. Viele Bürger teilen seine ätzende Kritik an den "Altparteien" SPÖ und ÖVP (den christdemokratischen Konservativen), die seit 1945 mit kurzen Unterbrechungen die Macht im Land unter sich aufgeteilt haben. "Rote und schwarze Filzläuse, die mit Blausäure bekämpft werden müssen", nennt er sie einmal.
Einer Mehrheit der Österreicher aber missfallen die rechtsextremen Ausritte Haiders, der auf SS-Veteranentreffen deren "Treue" lobt, Hitlers Konzentrationslager als "Straflager" verharmlost, Wiedergutmachung für Juden und Sudetendeutsche gleichsetzt oder - freilich gescheiterte - Volksbegehren gegen Ausländer und den Euro organisiert.
1989 erringt der furiose Polemiker seinen bis dahin größten Erfolg. Mit Hilfe der ÖVP wird er Landeshauptmann (Ministerpräsident) von Kärnten. Zwei Jahre später ist er das Amt wieder los. Er hatte der Regierung in Wien empfohlen, sich die "ordentliche Beschäftigungspolitik im Dritten Reich" zum Beispiel zu nehmen. Das löst einen politischen Skandal über Österreichs Grenzen hinweg aus, und Haider muss abtreten.
Der wandelbare Politiker ("Ich bin immer ein anderer, als man erwartet") mutiert zum "österreichischen Patrioten" und ruft zur "Rückbesinnung auf bürgerliche Werte wie Ehrlichkeit, Anstand, Fleiß und Ordnung" auf. Damit steigert er den Stimmenanteil seiner Partei in den folgenden Nationalratswahlen auf über 22 Prozent.
1999 erreicht er in Kärnten 42,1 Prozent und wird zum zweiten Mal Landeshauptmann.
Als "König vom Wörthersee" verspottet, gelingt ihm nun das, wofür er unermüdlich gekämpft hat: die rot-schwarze Koalition in Wien zu stürzen. Bei den Wahlen im Oktober überrundet er mit 27 Prozent der Stimmen die ÖVP und bleibt nur sechs Prozent hinter der SPÖ.
Obwohl ÖVP-Obmann Wolfgang Schüssel gelobt hat, er werde nach einer Wahlniederlage zurücktreten, kommt nun die Stunde Haiders. Er geht eine Koalition mit der Verlierer-ÖVP ein, in der aber nicht er Kanzler wird, sondern Schüssel, der sein Lebensziel erreicht.
Die Koalition mit dem Rechtspopulisten, der wegen seiner Nazi-Kapriolen längst europaweit berüchtigt ist, löst stürmische Proteste aus. Israel ruft seinen Botschafter aus Wien zurück und erteilt Haider Einreiseverbot. Die EU in Brüssel verhängt erstmals Sanktionen gegen ein Mitgliedsland.
Der FPÖ-Führer spielt nun international den wilden Älpler. Er nennt Deutschlands Außenminister Joschka Fischer einen "ehemaligen RAF-Sympathisanten", den französischen Präsidenten Jacques Chirac "Westentaschen-Napoleon". Aus der EU aber solle Österreich, das ohnehin nur zuzahle, austreten.
Der Landesfürst besucht Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi, mit dessen Sohn Saif al-Islam er befreundet ist, sowie den verfemten Irak-Herrscher Saddam Hussein. Dessen Festnahme schilt er eine "Schmierenkomödie der Amerikaner". Gleichwohl hegt Haider Sympathien für die USA: Er läuft beim New Yorker Marathon mit, an der Harvard-Universität studiert er einen Sommer lang Budgetpolitik.
Daheim ignoriert Haider Urteile des Verfassungsgerichts, in den Teilen Kärntens mit slowenischer Minderheit zweisprachige Ortstafeln aufzustellen. Für"kriminelle" Asylsuchende lässt er auf einer entlegenen Alm ein "Sonderlager" einrichten oder schiebt sie einfach in ein benachbartes Bundesland ab. Alle Asylbewerber sollten, wenn es nach ihm ginge, elektronische Fußfesseln tragen.
So sorgt das Enfant terrible von den Karawanken immer wieder für Schlagzeilen. Doch am "Mythos Haider" haben sich schon heimische Journalisten, die Dutzende von kritischen Büchern über den Kärntner schrieben, und auch etliche deutsche TV-Talkmaster die Zähne ausgebissen. Er trickst Gesprächspartner fintenreich aus, lügt sie auch unverfroren an. Adenauers Spruch "Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern" findet in ihm einen gelehrigen Schüler.
Zu einem SPIEGEL-Gespräch lädt er die Redakteure in ein Dorfgasthaus, wo, so ein Zufall auch, ein paar kärntner-slowenische Arbeiter am Tresen lehnen und den "Jörgl" als "klasse Burschen" freudig begrüßen. Der gibt ein paar Biere aus und meint: "Da schaut's, die haben nichts gegen mich, so wenig wie ich gegen die Slowenen habe. Das sind unsere Landsleute, die nur eine andere Muttersprache haben."
Haiders erratische Kapriolen spalten nicht nur einmal die eigene Partei. Der Wiener Landesobmann Heinz-Christian Strache schwingt sich zum Führer einer noch ausländerfeindlicheren Rumpf-FPÖ auf, Haider ("Ich habe oft wieder von vorn angefangen") gründet ein neues "Bündnis Zukunft Österreich"(BZÖ).
Damit erlebt der Stehaufmann aus Klagenfurt bei den Parlamentswahlen am 28. September wieder ein sensationelles Comeback, als er fast elf Prozent der Stimmen einfährt. Mit der FPÖ unter Strache ziehen die Rechten fast mit der führenden SPÖ gleich und überrunden wieder die ÖVP.
Haiders Ziel, der rot-schwarzen Kumpanei endgültig den Garaus zu machen, scheint greifbar nahe, da schlägt das Schicksal, von ihm selbst herausgefordert, wieder zu. Beschwingt von seinem Erfolg, zieht er am 10. Oktober von einer Veranstaltung und Party zur anderen durch sein kärntnerisches Lehen.
Vor der letzten Sause schickt er seinen Chauffeur nach Hause, weil er ins Bärental fahren will, wo seine Mutter am nächsten Tag ihren 90. Geburtstag feiert, auf einer 1600 Hektar großen Latifundie, die ein Erbonkel ihm vermachte. Der hatte das Forstgut während der Nazi-Zeit von jüdischen Vorbesitzern preiswert erworben.
Davor sucht der Landeshauptmann, dem seit langem homophile Neigungen nachgesagt werden, zu denen er sich nie äußert, noch die bekannteste Klagenfurter Schwulenkneipe auf, wo er mit einem jungen Mann in Rekordzeit eine Wodkaflasche leert. Gäste wollen ihn nach Hause fahren, aber er setzt sich selbst ans Steuer. Kurz nach ein Uhr verunglückt er im nächsten Dorf bei einem waghalsigen Überholmanöver.
Und Kärnten verabschiedet sein so bizarr verblichenes Idol mit einem Staatsbegräbnis, zu dem neben der politischen Prominenz ganz Österreichs 30000 Trauergäste kommen. Klagenfurt hat sich in ein Blumen- und Kerzenmeer verwandelt, in dem der Jörgl als "König der Kärntner Herzen" beweint und mit Lady Di verglichen wird.
Gerhard Dörfler, sein Nachfolger als Landeshauptmann, verkündet, in Kärnten sei mit Haiders Tod "die Sonne vom Himmel gefallen". SIEGFRIED KOGELFRANZ
Von Siegfried Kogelfranz

SPIEGEL Chronik 54/2008
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