08.12.2010

„Hochziehen, hochziehen“

Polen unter Schock: Präsident Lech Kaczy#324ski und viele Spitzenpolitiker sterben bei einem Flugzeugabsturz - auf dem Weg zu einer Gedenkveranstaltung im russischen Katyn. Von Jan Puhl
Der Militärflughafen von Smolensk hat sich seit dem Ende der Sowjetunion kaum verändert: mit Tarnfarben gestrichene Baracken, grober Beton auf der Landebahn. Die Anwohner haben Löcher in den Zaun gerissen und sich Trampelpfade über das Rollfeld gebahnt. Hier landen selten Flugzeuge. Doch am Morgen des 10. April 2010 sind schwere Limousinen aufgefahren und VIP-Busse, Kameraleute haben ihre Gerätschaften in Stellung gebracht. Lech Kaczyński ist im Anflug, Polens Präsident, er will nach Katyn.
Es ist eine heikle Mission. Bei Katyn und anderen Lagern hat der sowjetische Geheimdienst vor 70 Jahren etwa 22 000 polnische Offiziere, Geistliche, Beamte, Intellektuelle, also die Blüte der Nation, ermordet. Die Männer waren Stalin in die Hände gefallen, nachdem er sich mit Hitler Polen geteilt hatte. Bis heute erkennt Moskau das Verbrechen nicht wirklich an und verweigert eine Entschuldigung.
Kaczyński ist auf dem Weg zu einer historischen Gedenkveranstaltung, bei ihm sind seine Frau Maria, Generäle, Spitzenpolitiker, Angehörige der Ermordeten, Bischöfe. Sie werden nie ankommen.
Wie so oft um diese Jahreszeit hängt Nebel über Smolensk, der immer dichter wird. Gegen acht Uhr hat es eine polnische Maschine noch geschafft zu landen. Gegen zehn Uhr liegt die Sicht bei nur noch 400 Metern. Aber die Tupolew-154 M mit Kaczyński an Bord fliegt weiter an. Viele der Wartenden werden sich später erinnern, dass es vor allem die plötzliche Stille war, die sie erahnen ließ, dass etwas nicht in Ordnung war. Plötzlich sind keine Düsengeräusche mehr zu hören. Das Flugzeug hat mit der linken Tragfläche eine Birke geköpft, sich dann auf den Rücken gedreht und ist einige hundert Meter vor der Landebahn im Wald aufgeschlagen. Keiner der 96 Insassen hat überlebt.
Die Welt ist geschockt. Auch Ministerpräsident Wladimir Putin eilt an den Unglücksort und zeigt sich betroffen. Der russische Präsident Dmitrij Medwedew ruft Staatstrauer aus, erstmals für Bürger eines anderen Staates. Das Moskauer Fernsehen zeigt Andrzej Wajdas Spielfilm über das Massaker von Katyn plötzlich zur besten Sendezeit, zuvor hatte der Regisseur in Russland nicht einmal einen Verleiher gefunden, um "Katyn" in die Kinos zu bringen.
Den polnischen Premier Donald Tusk erreicht die Todesnachricht per SMS in Danzig. Das Land befindet sich im Ausnahmezustand. Millionen strömen auf die Straßen, entzünden Kerzen für die Toten, beten. Vor dem Präsidentenpalast an der Warschauer Prachtstraße Krakauer Vorstadt ist tagelang kein Durchkommen mehr.
Wieder einmal scheint sich Polens tragisches Los erfüllt zu haben, wie schon so oft in der Geschichte ist das Blut unschuldiger Polen geflossen - und dann auch noch ausgerechnet dort, an jenem verhängnisvollen Ort. Schnell ist die Rede von einem "zweiten Katyn".
Lech Kaczyński war vor dem Unglück ein wenig erfolgreicher Präsident mit miserablen Umfragewerten von nur 20 Prozent. Danach avanciert er zur National-Ikone. Auf Drängen des Krakauer Kardinals Stanislaw Dziwisz werden er und seine Frau auf dem Krakauer Königsschloss beerdigt, Gruft an Gruft mit polnischen Königen des Mittelalters und Józef Pilsudski, dem Stifter der polnischen Unabhängigkeit nach dem Ersten Weltkrieg. Eine Wolke aus Vulkanasche über Europa verhindert, dass Ehrengäste wie Barack Obama zur Trauerfeier einfliegen.
Nur Tage nach dem Unglück erklärt Jaroslaw Kaczyński, er werde um das politische Erbe seines Bruders kämpfen. Er war nur deshalb nicht mit an Bord der Unglücksmaschine, weil die Mutter der Zwillinge schwerkrank in einer Warschauer Klinik liegt.
Im Wahlkampf um das Präsidentenamt gibt sich Jaroslaw Kaczyński, einst der ideologische Vordenker im national-konservativen Polit-Gespann mit seinem Bruder, geläutert. Der große Polemiker und Populist ist von der Tragödie gezeichnet, er möchte die Polen einen statt spalten, sagt er. Der neue Kurs kommt an, Kaczyński kämpft sich von rund 20 Prozent Zustimmung in Umfragen auf respektable 47 Prozent bei der Stichwahl am 4. Juli vor. Der Kandidat der liberal-konservativen Bürgerplattform, Bronislaw Komorowski, gewinnt am Ende jedoch mit sechs Prozent Vorsprung.
In den ersten Wochen nach der Tragödie eint die Bestürzung die Polen, nur wenige melden offen Protest gegen die nationale Überhöhung Lech Kaczyńskis in der Krakauer Gruft an. Doch nach dem Präsidentschaftswahlkampf bricht offener Streit aus: Wie soll man der Toten gedenken? Mit einem Kreuz vor dem Präsidentenpalast? Oder reicht vielleicht doch eine Steintafel? Über diese Frage kommt es zu Straßenschlachten zwischen Kaczyński-Bewunderern und denen, die des nationa-len Märtyrerkults überdrüssig sind. Jaroslaw Kaczyński kehrt nach seiner Wahlniederlage wieder zu scharfen Tönen zurück. Immer wieder unterstellt er gar eine Mitschuld der Regierung Tusk an der Katastrophe.
Dabei ist allerdings lange unklar, was eigentlich die genaue Ursache des Unglücks war. Eine gemeinsame polnisch-russische Kommission wertet die Aufzeichnungen des Flugschreibers und die Tonbänder aus dem Cockpit aus. Ein Anschlag war es auf keinen Fall, und technisches Versagen ist wohl auch auszuschließen, das ist schnell klar.
Flugkapitän Arkadiusz Protasiuk und seine Crew wagten den Landeanflug bei einer Sicht unter 400 Metern, dabei sind 1000 Meter in Smolensk Vorschrift.
Sie gingen, wohl weil der Navigator sich durch eine Schlucht vor der Landebahn irritieren ließ, in einen steilen Sinkflug über. Sie ignorierten die Warnungen des Towers, sie ignorierten den Befehl zum Durchstarten und die Automatenstimme des bordeigenen Warnsystems. "Hochziehen, hochziehen" ist penetrant in den letzten Sekunden vor dem Aufschlag zu hören.
Warum setzte Protasiuk den Anflug fort? Hat etwa Lech Kaczyński Druck ausgeübt oder ausüben lassen, wie er es bei früheren Flügen schon getan hat?
Dafür finden sich in den Aufzeichnungen aus dem Cockpit keine Hinweise. 14 Minuten vor dem Unglück tritt der Protokollchef ein und wird über den Nebel informiert. Ganz zuletzt kommt Generaloberst Andrzej Blasik ins Cockpit. Der Chef der polnischen Luftwaffe nimmt auf einem Notsitz Platz, mischt sich aber nicht ein.
Experten in Krakau und Warschau versuchen in monatelanger Kleinarbeit die vielen unverständlichen Passagen auf dem Tonband auszuwerten. Finden sich doch noch Hinweise auf Druck vom Präsidenten? Hat vielleicht doch auch der russische Tower Fehler gemacht?
Deutlich zu hören ist in der Aufnahme auf jeden Fall um 10.41 Uhr ein Krachen, als die Tragfläche die Birke trifft. Dann noch ein langer Schrei: "Scheiße".
Danach herrscht Stille.
Von Jan Puhl

SPIEGEL Chronik 54/2010
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