08.12.2010

Held oder Verräter?

2010 ist das Jahr der Enthüllungsplattform WikiLeaks. Im Juli stellt sie eine komplette Kriegsdatenbank online. Die Debatte um die Herkunft der Dokumente entzweit die USA. Von Marcel Rosenbach
Von dieser Konferenz im Juli 2010 soll ein Signal ausgehen, so wünscht es sich der afghanische Präsident Hamid Karzai. Er hat nach Kabul eingeladen, und 70 Top-Diplomaten und Außenminister, darunter Guido Westerwelle und Hillary Clinton, sind seiner Einladung gefolgt und unter-stützen in der afghanischen Hauptstadt seinen Vorschlag: Danach soll 2014 das magische Datum sein, an dem die Verantwortung für die Sicherheit im Land wieder in afghanische Hände übergeht. So lautet das offizielle Ergebnis dieser "Kabul-Konferenz".
Nur eine knappe Woche später kann sich die Welt ein ungeschminktes Bild davon machen, was von diesem erhofften Übergabeszenario zu halten ist.
In der Nacht auf den 26. Juli stellt die Internet-Enthüllungsplattform WikiLeaks mehr als 75 000 Feldberichte aus dem Afghanistan-Krieg online. Es sind rohe, unbearbeitete Reports von den Schlachtfeldern dieses Krieges. Und sie stammen von denjenigen, die ihn maßgeblich führen: von amerikanischen Soldaten zumeist eher niederer Ränge.
WikiLeaks hat die Dokumente vorab der "New York Times", dem britischen "Guardian" und dem SPIEGEL zur Verfügung gestellt, die daraus eine Fülle unterschiedlicher Geschichten aufbereiten - von denen viele indes eine gemeinsame Botschaft vermitteln: Das von der "Kabul-Konferenz" verkündete Datum ist bestenfalls äußerst optimistisch.
Dass der Isaf-Einsatz in Afghanistan nicht gut läuft, war jedem Beobachter schon vorher klar - so viel ist an der von Pentagon und Weißem Haus als Schadensbegrenzung gewählten und von vielen Medien erstaunlich unkritisch übernommenen PR-Strategie, die Afghanistan-Protokolle enthielten "nichts Neues", durchaus richtig.
Neu ist aber, dass die Unterlagen diesem verbreiteten Eindruck Hunderte unbekannte, konkrete Beispiele hinzufügen: vom pannenreichen Hightech-Drohnenkrieg
bis zu spektakulär fehlgeschlagenen Einsätzen gegen al-Qaida mit vielen zivilen Toten.
Für die Anfang 2007 online gegangene Internetplattform WikiLeaks und ihren australischen Frontmann Julian Assange ist die Veröffentlichung im Konzert mit etablierten internationalen Medien ihr bis dahin größter Scoop, dem in der zweiten Jahreshälfte noch weitere folgen sollen. Schon im April hatte sie zudem mit der Veröffentlichung eines Videos weltweit für Aufsehen gesorgt. Es handelte sich um das Bordvideo eines amerikanischen "Apache"-Kampfhubschraubers über Bagdad im Sommer 2007. Es zeigt, wie die Bordkanone eine Gruppe Männer am Boden niedermäht, darunter zwei Mitarbeiter der Nachrichtenagentur Reuters.
Doch 2010 ist nicht nur das Jahr des internationalen Durchbruchs für WikiLeaks. Es ist auch das Jahr der bislang tiefgreifendsten Krise für das Netzwerk. Nur Wochen nach der Afghanistan-Veröffentlichung werfen zwei junge Schwedinnen Assange vor, sie sexuell belästigt beziehungsweise vergewaltigt zu haben. Er bestreitet die Vorwürfe. Mitte November lässt die schwedische Staatsanwaltschaft ihn zur internationalen Fahndung ausschreiben. Unter anderem weil Assange andeutet, es könne sich dabei um eine Schmutzkampagne der Amerikaner handeln, kommt es innerhalb der Organisation zu einem erbitterten Streit, der dazu führt, dass der deutsche WikiLeaks-Sprecher Daniel Domscheit-Berg Ende September im SPIEGEL-Interview seinen Rücktritt erklärt; mehrere andere Aktivisten mit weniger tragenden Rollen folgen seinem Beispiel.
Vor allem aber wird in diesem Jahr, in dem WikiLeaks der alten Idee des "Whistleblowing" zu einer neuen Konjunktur verhilft, der wohl wichtigste Informant der Plattform enttarnt. Schon seit dem 29. Mai stimmt der fettgedruckte Satz nicht mehr, der prominent auf der WikiLeaks-Website stand: "Noch nie ist eine Quelle aufgeflogen."
An jenem Tag im Mai nehmen amerikanische Sicherheitskräfte in der Continguency Operating Station Hammer östlich von Bagdad den Gefreiten Bradley Manning fest. Das Pentagon wirft dem 22-jährigen Intelligence Analyst unter anderem konkret vor, die Quelle für das "Collateral Murder"-Video zu sein - tatsächlich aber wird er verdächtigt, auch hinter den weiteren spektakulären WikiLeaks-Veröffentlichungen des Jahres 2010 zu stehen.
Wie es aussieht, hat nicht etwa das ausgeklügelte Einsendesystem von WikiLeaks versagt. Der junge Soldat hat sich wohl selbst verraten - in einem Internetchat mit einem ihm bis da-hin unbekannten ehemaligen Hacker namens Adrian Lamo. Die Geschichte, die offenbar hinter den WikiLeaks-Veröffentlichungen des Jahres 2010 steht, kann deshalb nacherzählt werden, weil die Chatprotokolle in Auszügen auf verschiedenen amerikanischen Websites auftauchten. Ihre Authentizität ist nicht unabhängig zu überprüfen. Weder Lamo noch die Anwälte von Manning haben sie indes bislang in Frage gestellt.
Danach hat der junge Gefreite noch aus dem Militärcamp nahe Bagdad zuerst via E-Mail und dann über ein Chatsystem den Kontakt zu dem Ex-Hacker gesucht, über den er vorher zufällig im Internet gelesen hatte.
In dem Chat, in dem er unter dem Namen "bradass87" auftrat, verriet er nicht nur seinen Standort im Irak und seine militärische Funktion, sondern plauderte ausführlich darüber, was er auf welchen Wegen aus den besonders geschützten militärischen Netzwerk SIPRNET heruntergeladen hatte. Lamo tat an seinem Rechner in USA indes alles, um ihn in Sicherheit zu wiegen: So schrieb er dem Soldaten, er sei Journalist und könne nach dem kalifornischen Pressegesetz deshalb Vertraulichkeit garantieren. Zudem sei er ordinierter Seelsorger und könne alles, was sein Gegenüber ihm anvertraue, als Beichte behandeln.
"Bradass87" schildert ihm darauf detailliert, auf welchem Server er ein weiteres Video fand. Und als Lamo ihn nach den "Highlights" fragt, die er weitergegeben habe, erwähnt er neben diesem Video ausdrücklich die "Irak-Kriegsprotokolle" und die "Drahtbericht-Datenbank des US-Außenministeriums". Besonders diese Botschafts-Kabel interessieren Lamo, er fragt gezielt nach. Es handele sich um 260 000 diplomatische Drahtberichte, schreibt "Bradass87", und er prognostiziert auch schon deren Wirkung: US-Außenministerin "Hillary Clinton und ein paar tausend Diplomaten rund um die Welt werden einen Herzinfarkt bekommen, wenn sie eines Morgens aufwachen und ein ganzes Archiv ihrer geheimen Außenpolitik öffentlich zugänglich ist".
Sogar seinen Modus operandi beschreibt der Soldat. Er habe etwa eine wiederbeschreibbare CD in seinen Rechner geschoben, auf die er Lady Gaga geschrieben hatte, die Musik gelöscht und die Geheimdaten gebrannt. "Ich habe zu dem Lady-Gaga-Song 'Telephone' die Lippen bewegt, während ich den wahrscheinlich größten Datendiebstahl in der amerikanischen Geschichte begangen habe", schreibt "Bradass87".
Und der junge Soldat benennt gegenüber dem Hacker auch die Gründe, die ihn dazu bewegten: seine Unzufriedenheit mit der Armee, das zunehmende Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen - und die "diplomatischen Skandale", von denen er überzeugt ist, dass sie in die Öffentlichkeit gehören. "Ich will, dass die Leute die Wahrheit kennen, denn ohne sie können sie keine informierten Entscheidungen treffen."
Lamo, der für seine Hacker-Feldzüge unter anderem gegen die "New York Times" 2004 zu sechs Monaten Hausarrest und zwei Jahren auf Bewährung verurteilt worden war, berät sich mit seinem Vater und diversen Bekannten im Umfeld amerikanischer Sicherheitsbehörden. Dann übergibt er die E-Mails und Chatlogs an Militärermittler und die Bundespolizei FBI. Er erklärt seinen Schritt später damit, er sei seinem Gewissen gefolgt und habe amerikanische Leben in Gefahr gesehen.
Bradley Manning hat die meiste Zeit seit seiner kurz darauf erfolgten Festnahme in Einzelhaft verbracht, in Quantico im Bundesstaat Virginia.
Sein Fall spaltet die amerikanische Öffentlichkeit: Für die einen ist er ein Held, für die anderen ein Vaterlandsverräter.
Sein vielleicht wichtigster Fürsprecher ist Daniel Ellsberg, der Anfang der siebziger Jahre die sogenannten Pentagon-Papers an die "New York Times" und die "Washington Post" durchstieß - und damit zu den wichtigsten Whistleblowern der amerikanischen Geschichte gehört. Wenn Manning wirklich hinter den Leaks des Jahres 2010 stecke, so Ellsberg, dann sei er für ihn ein "nationaler Held". Er habe 40 Jahre lang auf Enthüllungen dieses Ausmaßes gewartet.
Auch "Reporter ohne Grenzen" bezog nach der Veröffentlichung des "Collateral Murder"-Videos klar Position. "Wenn dieser junge Soldat das Video nicht öffentlich gemacht hätte, würde es keine Beweise für dieses schwere Fehlverhalten des US-Militärs geben."
Mittlerweile hat sich ein regelrechtes Unterstützernetzwerk gebildet, in dem sich neben Ellsberg unter anderen auch der Filmemacher Michael Moore und der Wissenschaftler Noam Chomsky engagieren. Es gibt Demonstrationen und Aktionstage in verschiedenen amerikanischen Städten, es gibt "savebradley"- und "Free Bradley Manning"-Facebook-Seiten, Twitter-Accounts, jede Menge Solidaritätsbekundungen und -banner sowie diverse Spendenaktionen, um Mannings Verteidigung zu unterstützen.
Es gibt aber auch Stimmen, die für ihn die Todesstrafe fordern, etwa den republikanischen Kongressabgeordneten Mike Rogers aus Michigan. Konservative Organisationen wie der Washingtoner "Family Research Council" versuchen Mannings Fall in ihrem Kampf gegen Homosexuelle in der US-Armee zu instrumentalisieren: "Warum ein schwuler Soldat Amerikas Einsatz kompromittierte."
US-Verteidigungsminister Robert Gates hatte "aggressive Ermittlungen" gegen den Urheber der für sein Haus so peinlichen Datenlecks angekündigt. Neben dem Militär ermitteln auch die amerikanische Bundespolizei und das Justizministerium.
In Washington waren sich im Spätherbst 2010 vom SPIEGEL befragte Rechtsexperten und Behördenvertreter einig, dass der Fall Manning im kommenden Jahr vor einem Kriegsgericht verhandelt werden wird. Und dass das offizielle Amerika alles daransetzen wird, ein hartes Urteil gegen ihn durchzusetzen - schon um mögliche Nachahmer abzuschrecken. Bereits im Sommer hatte ein Pentagon-Sprecher spekuliert, aus den bis dahin gegen Manning erhobenen Vorwürfen könne sich bei einer Verurteilung in allen Anklagepunkten eine Haftstrafe von bis zu 52 Jahren ergeben.
"He's toast", also: "Er ist erledigt", war die häufigste Antwort auf die Frage nach dem wahrscheinlichen Schicksal des Mannes, der mutmaßlich für das größte Datenleck in der US-Geschichte verantwortlich ist.
Von seinem obersten Befehlshaber Barack Obama hat Manning keine Milde zu erwarten. Der hat zwar 2008 während seines Wahlkampfs noch gesagt, Whistleblower seien Merkmal einer gesunden Demokratie und müssten vor Repressalien geschützt werden: "Solche Akte der Courage und des Patriotismus sollten ermutigt werden, nicht unterdrückt" - aber das war, bevor er Präsident wurde.
Obama, bilanziert Amerikas bekanntester Whistleblower Daniel Ellsberg, gehe gegen derartige Aktionen seit seiner Amtsübernahme noch schärfer vor als seine Vorgänger.
Von Marcel Rosenbach

SPIEGEL Chronik 54/2010
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