08.12.2010

„Heuchlerisch und verlogen“

So viel Protest war im Wendland noch nie: Mehrere zehntausend Menschen demonstrieren gegen die Castor-Transporte nach Gorleben. Auch die in Umfragen hoch gehandelten Grünen sind prominent vertreten. Nicht alle AKW-Gegner halten deren Engagement allerdings für glaubwürdig. Von Sven Becker
Claudia Roth und Cem Özdemir haben zur Mahnwache auf dem Marktplatz von Lüchow Laternen mitgebracht; auf Claudia Roths Laterne ist ein Entchen abgebildet.
Roth trägt einen grünen Kapuzenpulli, eine grüne Wetterjacke, auf ihrer Handtasche klebt ein Grünen-Aufkleber, um ihr Handgelenk liegt ein grünes Kettchen, auf ihrem Ring sitzt einen grüner Stein.
Vor den beiden Parteivorsitzenden haben Aktivisten ein großes "X" aus Grabkerzen aufgestellt. Es ist das Zeichen der Anti-Atomkraft-Bewegung. 500 Leute sind zur Mahnwache gekommen. "We shall overcome", singen sie. Claudia Roth singt sehr laut mit.
"CDU und CSU wollen die Laufzeiten verlängern und schließen aus, dass ein Endlager zu ihnen in den Süden kommt. Gegen diese heuchlerische und verlogene Politik möchte ich ein Zeichen setzen", sagt Claudia Roth nach der Demo. Einige Zuhörer, die sich um Roth versammelt haben, klatschen Beifall.
Doch es gibt auch Menschen im Wendland, die der Partei nicht trauen. "Die Grünen haben meine Lebenshoffnung zerstört", sagt etwa Hermann Klepper.
Klepper, 67, lebt seit 43 Jahren im Wendland, seit 25 Jahren auf seinem Bauernhof. Im Garten züchtet er Bienen. Die Heizung stellt Klepper nur an, wenn Gäste kommen. Zum Frühstück isst er Müsli mit Bio-Joghurt, seine Bienen bekommen Bio-Zucker. An diesem Abend brennt das Feuer im Kamin. Klepper hat es sich mit seiner Freundin auf der staubigen Couch gemütlich gemacht.
Hermann Klepper ist einer der letzten echten Grünen im Wendland. Doch mit der Partei hat er abgeschlossen.
Als die Grünen 1998 die Macht erobern, hofft Klepper, dass sie Deutschland verändern. Doch dann kommen der Kosovo-Krieg und der Atomkonsens - und Jürgen Trittins Protestverbot gegen Castor-Transporte. Grüne sollten "in keiner Form, sitzend, singend, stehend, tanzend, demonstrieren", sagt der damalige Umweltminister. Klepper, der bei jedem Transport auf der Straße sitzt, fühlt sich verraten. "Der Trittin braucht sich hier nicht mehr blicken zu lassen."
Im Jahr 2000 kehrt Klepper der Partei den Rücken und gründet mit anderen Fundis die Grüne Liste Wendland. Heute überlegen einige Anhänger sogar, das Wort "Grün" aus ihrem Namen zu streichen. Nicht mal ein "ü" soll darin vorkommen. Nichts mehr soll an die einstigen Weggefährten erinnern.
"Wer kann, kommt bitte ans Zelt und hilft mit, Luftballons aufzublasen", sagt ein junger Grüner durch ein Megafon. Es ist Samstag, der Tag der Anti-Atom-Demonstration in der Nähe von Gorleben. 50 000 Leute zählen die Veranstalter.
120 Busse haben die Grünen organisiert. Prominente wie Volker Beck oder Fritz Kuhn reisen an. Claudia Roth hat im Wendland übernachtet und fährt mit dem Trecker zum Feld. Die Grünen verkaufen grüne Kapuzenpullis und blasen so viele Luftballons auf, dass bald der ganze Platz in Grün getaucht ist. Die Anti-Atom-Demo - ein Grünen-Parteitag. Auch Jürgen Trittin ist da.
"Es ist richtig, an diesem Wochenende in Gorleben zu demonstrieren", sagt der Fraktionsvorsitzende.
In den Tagen danach kramen Zeitungen seine Aussagen aus der Regierungszeit hervor. Es ist ein Widerspruch: Damals war er für Castor-Transporte, heute ist er dagegen.
Weil die schwarz-gelbe Bundesregierung die Kernkraftwerke länger laufen lassen wolle und den vereinbarten Atomausstieg gekippt habe, sagt Trittin. Das sei eine neue Lage.
Hermann Klepper hat Trittin am Kamin einen "Taktierer" genannt. Eine Beschreibung, die man auf die ganze Partei ausweiten könne.
Die Grünen sind für Öko-Strom, aber ihre Ortsvereine allzu oft gegen Hochspannungsleitungen und Pumpspeicherwerke. Sie haben den Afghanistan-Einsatz mitgetragen und kritisieren ihn jetzt. Man könnte das Meinungsvielfalt nennen, Taktik - oder Opportunismus. Doch in Umfragen sind die Grünen stabil, bei ihren Anhängern verfängt so ein Vorwurf nicht. Noch nicht.
Am Sonntagnachmittag blockieren Tausende Menschen die Straße zum Zwischenlager in Gorleben. Es ist kalt, viele haben sich in Decken und Goldfolien eingewickelt. Hermann Klepper ist die 40 Kilometer von seinem Bauernhof mit dem Fahrrad gefahren, hat ein Schild dabei ("Schwarz-Gelbe Atommafia") und seine Posaune. Klepper wird zwei Nächte auf der Straße schlafen, frieren, fluchen und sich dann von der Polizei wegtragen lassen.
Etwas entfernt sitzt Claudia Roth auf einem Heuballen und vertreibt sich die Zeit mit einem Spiel auf ihrem Handy. Sie werde nicht auf der Straße übernachten, sagt Roth.
Dann beginnt sie zu erzählen, wie es war, als Rot-Grün regiert hat. "Es ist schwierig, Kompromisse zu vermitteln. Da kommst du in die Regierung und kannst die Atomkraft nicht einfach abschalten. Das war schwer genug."
Roth macht eine Pause. "Aber im Moment glaube ich schon, dass viele Menschen sagen, dass die Grünen ehrlicher und glaubwürdiger sind als andere."
Von Sven Becker

SPIEGEL Chronik 54/2010
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