08.12.2010

Castor wegbassen

Bei den Protesten im Wendland erobert ein Aktionsbündnis die Herzen der Demonstranten - mit Techno-Musik.
In den Bäumen hängen gelbe und rote Strahler, eine Mülltonne brennt, es riecht nach Cannabis, als am Protestfreitag im Camp Hitzacker die große Techno-Party steigt. Der Weg zur mobilen Disco führt über einen Holzsteg mit Fackeln, alles sieht ein bisschen nach "Bar 25" aus, jener legendären Freiluft-Dauerparty am Spreeufer in Berlin.
Passend dazu ist das Line-up: Im Zelt legt die Sportbrigade Sparwasser auf, angesagte DJs aus der Undergroundszene.
Traditionell ziehen in Gorleben bärtige Männer mit Birkenstock-Sandalen in ihren Lautsprecherwagen (Szenejargon: "Lauti") umher und beschallen das Wendland mit politischen Parolen und dem alten Partisanenlied "Bella Ciao".
Jetzt werden die Wälder mit Techno zugedröhnt. Entsprechend hat das Aktionsbündnis sein Motto beim Protest gegen den Mülltransport gewählt: "Atomkraft wegbassen".
Unterstützt wird die Party von der "Hedonistischen Internationale". "Der normale linke Protest ist uns zu langweilig", sagt Luther Blissett, 33, der im wahren Leben anders heißt und als Projektmanager in Berlin arbeitet.
Von einem Plenum nach alter Aktivistenschule hält der Aktivist nichts: "Wir verlieren die Lust, wenn stundenlang diskutiert wird."
Ein bisschen politisch soll es trotzdem sein - der Rave als Mittel zum Zweck: "Ohne uns wären viele Leute zum Beispiel aus der Großstadtszene nicht nach Gorleben gekommen", sagt Blissett.
Seine Hedonisten sind ein loser Zusammenschluss von Lebenskünstlern und Kreativen, die mit dem Habitus des Schwarzen Blocks nichts anfangen können. Im Internet haben sie ein Manifest veröffentlicht: "Die Hedonistische Internationale ist überzeugt davon, dass Politik und Aktion Spaß machen können."
Regelmäßig stürmen nackte Hedonisten zurzeit mit lauter Musik Wohnungsbesichtigungen in Berlin - die Aktion soll Mietwucher anprangern. Auch bei der Demo gegen den G-8-Gipfel in Heiligendamm waren die Aktivisten mit einem Techno-Truck dabei, in Berlin protestierten sie im September gegen zu viel Überwachung durch den Staat. Ist das Thema also egal, geht's nur um Krawall statt Politik? Nein, sagt Blissett: "Wir wollen die Leute mit kreativem Protest zum Nachdenken anregen."
Im Gelände von Gorleben haben die Hedonisten umgebaute Rollstühle dabei, bestückt mit Autobatterien und Boxen. Der Name der Truppe: Bündnis für urbane Musikbeschallung, kurz "Bums".
Als die Demonstranten am Sonntagmorgen zum "Schottern" in den Wald ziehen, ist die Stimmung gespannt. Neben den Demonstranten laufen Polizisten, auf den Gleisen erwarten sie Pfefferspray und Pferdestaffeln.
Doch plötzlich, wenige hundert Meter vor dem Ziel, dringt Techno-Musik durch die Äste. Anstelle der "Lautis" von einst haben die Hedonisten ihre "Bums"-Rollstühle dabei und machen den Protestlern mit Techno Mut. "Die Bürgerinitiative hat uns geliebt", sagt Luther Blissett.
Eine Vorgabe haben die Techno-Fans im Camp Hitzacker aber unbedingt stets zu beachten: Um drei Uhr müssen sie die Musik abstellen. Die Leute sollen am nächsten Morgen ausgeschlafen sein für den Protest. "Diese Uhrzeit war für uns schon etwas ungewöhnlich", sagt Blissett. "Sonst geht es dann erst richtig los."
Sven Becker
Von Sven Becker

SPIEGEL Chronik 54/2010
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