08.12.2010

Rendezvous mit dem Absturz

Bei der Explosion eines Airbus-A380-Triebwerks entgehen Passagiere und Crew nur knapp einer Katastrophe. Der Zwischenfall schürt neue Ängste vor dem Superjumbo. Von Ulrich Jaeger
Selten sind Konzernlenker genötigt, Mitarbeiter eines anderen Unternehmens für deren Leistung zu loben. Airbus-Chef Thomas Enders bietet sich die Gelegenheit nach dem 4. November. An diesem Tag landet eine Crew der australischen Fluggesellschaft Qantas ein Produkt aus dem Hause Airbus sicher in Singapur.
Hochprofessionell nennt Enders die Leistung der Crew um Flugkapitän Richard de Crespigny, die ihren Superjumbo vom Typ A380 nach einem dramatischen Triebwerksausfall auf die Piste setzten. Kurz nach dem Start vom Flughafen des Inselstaats war eines der vier Aggregate des Jets explodiert. Die Crew leitete die Rückkehr zum Startplatz ein.
Nur die Piloten von Flug QF32 dürften in ganzer Tragweite erfasst haben, was der deutlich vernehmbare Knall für 459 Menschen an Bord bedeutete - ein Rendezvous mit dem drohenden Absturz. Ihr Überleben verdanken die Passagiere denn auch nicht allein der Crew, sondern vor allem den Launen des Schicksals.
Denn welche Schneise der Zerstörung der Geschosshagel überschallschneller Metallbrocken aus einem zerberstenden Triebwerk hinterlässt, bestimmen der Zufall und die Gesetze der Physik. Die Schrapnells können die Hülle der Passagierkabine zerfetzen, Tanks aufschlitzen, deren Treibstoff explosionsartig verbrennt, oder Steuerelemente so verheerend schädigen, dass ein Absturz unvermeidbar wird.
Die Crew kämpfte mit gewaltigen Kalamitäten: ein Triebwerk zerfetzt, Löcher in der linken Tragfläche, Lecks in zwei von elf Tanks und in der Bordhydraulik. Ein Holm der linken Fläche, gleichsam das Rückgrat des Flügels, schwer beschädigt, streikende Auftriebshilfen und Fahrwerke, die über ein Notsystem ausgefahren werden mussten. Dazu waren die Trimmfunktionen ausgefallen, die für die Ausbalancierung des Flugzeugschwerpunkts vor der Landung wichtig sind. Außerdem ein Ausfall der Schubumkehr, die bis zu 30 Prozent der Bremswirkung erzeugt.
Als der A380 mit drei geplatzten Reifen knapp vor dem Ende der Landebahn von Singapur ausgerollt ist, muss die Feuerwehr mit Löschschaum die äußere linke Turbine zum Stillstand bringen.
Ängste vor einer neuen Dimension von Flugkatastrophen werden wieder wach: dass ein Superjumbo mit bis zu 853 Passagieren abstürzen könnte. Stolz verweisen Fluggesellschaften wie die Lufthansa ihre Gäste auf Airbus' Größten als "Flaggschiff" ihrer Flotten. Kritiker der Riesenvögel dagegen halten es für Hybris, derart viele Menschen zur selben Zeit in einer engen Röhre zu transportieren.
Seit die Fluggesellschaft Singapore Airlines im Oktober 2007 den ersten A380 im Liniendienst einsetzte, wuchs die weltweite Flotte der geflügelten Massentransporter bis Ende 2010 auf rund 40 Maschinen. Bislang plagten die bei Passagieren durchaus beliebten Großraumjets mit ihren über zwei Etagen verteilten Sitzreihen Maleschen, die in der Branche eben noch als "Kinderkrankheiten" durchgehen.
Mal zickten beim Erstkunden Singapore Airlines Treibstoffpumpen der Renommierjets, mal stoppte ein Stromausfall in der Bordküche einen Flug. Probleme mit der Elektrik beklagte im Jahr 2008 auch A380-Kunde Emirates. Bei der Scheich-Airline häuften sich die Pannen sogar derart, dass Emirates-Manager Anfang 2009 Airbus erbost eine Mängelliste vorlegten: Unter anderem rügten sie verschmorte Kabel, verbogene Verkleidungsbleche und defekte Triebwerksteile ihrer Überflieger.
Wegen eines lecken Treibstofftanks legte Qantas im März 2009 seine A380-Flotte vorübergehend still. Airbus-Kunde Air France zwang Ende 2009 ein Problem mit dem A380-Bordcomputer, auf dem Flug von New York nach Paris über dem Atlantik umzukehren. Anfang 2010 führten auf derselben Air-France-Route Schwierigkeiten mit der Treibstoffzufuhr zum Abbruch eines Flugs.
Keiner dieser Zwischenfälle kommt der Beinahe-Katastrophe von Flug QF32 gleich. Airbus bietet seinen Kunden die Wahl zwischen den Triebwerken zweier Anbieter. Rolls-Royce rüstete bislang mehr als die Hälfte der A380 im Liniendienst mit seinen "Trent-900"-Aggregaten aus. Die Aufträge kamen von der Lufthansa, Singapore Airlines und Qantas. Dass die britischen Produkte nicht einwandfrei arbeiten, hatte sich schon vor dem Qantas-Menetekel abgezeichnet.
Bereits im August wies die europäische Flugsicherheitsagentur Easa auf übermäßige Abnutzung der Rolls-Royce-Triebwerke für den A380 hin. Die Agentur unterrichtete die Fluggesellschaften und forderte den Hersteller auf, seine Triebwerke zu überprüfen.
Etwa zur gleichen Zeit traf die Lufthansa ein Zwischenfall. Dabei musste eine A380-Crew im Reiseflug ein Triebwerk abschalten, weil der Öldruck in dem betroffenen Aggregat stark abgefallen war. Dass die Trent-900-Systeme aber potentiell katastrophale Fehler aufweisen, offenbarte erst der Beinahe-Absturz von Flug QF32.
Bei der Untersuchung des geplatzten Qantas-Triebwerks entdecken Rolls-Royce-Ingenieure einen fatalen Mangel. Danach ermöglichte ein fehlerhaftes Lager den Austritt von Öl. Ungenügend geschmiert, drohen sie zu überhitzen und massive Aggregatteile zu brechen. Das Triebwerk zerlegt sich - wie beim Qantas-Flug geschehen - explosionsartig.
Rolls-Royce vermietet seine Trent-900-Triebwerke - einschließlich Wartung und möglichen Austauschs kompletter Aggregate - an Kunden. Da jetzt bis zu 40 Turbinen der betroffenen 900er-Serie gewechselt werden müssen, kommen auf das Unternehmen erhebliche Kosten zu. Und auch für den Ausfall der Flüge werden die Airlines den Konzern wohl in Haftung nehmen.
A380-Hersteller Airbus wird die Folgen der Rolls-Royce-Kalamitäten ebenfalls schmerzhaft spüren. Denn neben dem Imageschaden für seinen Renommierjet drohen dem Unternehmen erhebliche Verluste durch die unvermeidlichen Lieferengpässe beim britischen Partner. Auch Airbus will nun Schadensersatz fordern.
Schon jetzt verläuft die Fertigung von A380-Jets schleppend. Airbus-Chef Enders fürchtet daher, dass die Kunden künftig noch länger auf ihre Jets werden warten müssen als bislang. Auch rückt damit für den Konzern jener Tag in noch weitere Ferne, an dem er den ersten Euro an seinem mit hohem finanziellem Aufwand entwickelten Prestigejet verdient.
Von Ulrich Jaeger

SPIEGEL Chronik 54/2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


SPIEGEL Chronik 54/2010
Titelbild
Abo-Angebote

Sichern Sie sich weitere SPIEGEL-Titel im Abo zum Vorteilspreis!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

  • Zu viele Verletzungen: NFL-Star Andrew Luck beendet mit 29 Karriere
  • Im Autopilot-Modus: Tesla-Fahrer schläft hinter dem Steuer ein
  • Brände im Amazonas: "Wir verlieren ein wesentliches Ökosystem unserer Erde"
  • Brände im Amazonas: Bolsonaro kündigt Strafen für Brandrodungen an