07.12.2011

Neun Minuten in Suite 2806

Dominique Strauss-Kahn kommt davon, seine Frau hält zu ihm, und die Franzosen müssen neu über ihre Vorliebe für mächtige Verführer nachdenken. Von Britta Sandberg
Mit nicht einmal neun Minuten Oralsex in Suite 2806 hat sich Dominique Strauss-Kahn den Rest seiner Karriere vermasselt. In neun Minuten wurde aus dem aussichtsreichsten Präsidentschaftskandidaten der französischen Sozialisten ein "lebender Toter", wie sie jetzt in der Kamarilla um Nicolas Sarkozy lästern.
Über diese neun Minuten gibt es zwei unterschiedliche Erzählungen. Glaubt man der 32-jährigen Nafissatou Diallo, einer alleinerziehenden Mutter, Muslimin und Einwanderin aus Guinea, dann hat sie der Chef des Weltwährungsfonds gezwungen, ihn in seiner Suite im Sofitel Manhattan oral zu befriedigen. Die Ermittler fanden Sperma auf dem Teppichboden und auf der Dienstkleidung des Zimmermädchens, beides stammt von Strauss-Kahn. Glaubt man Strauss-Kahn, 62, hatte er in diesen neun Minuten Sex mit dem Zimmermädchen: einvernehmlichen Sex.
Fest steht, dass der Mann, der bald Präsident Frankreichs werden wollte, kurz vor einer Verabredung zum Mittagessen mit seiner Tochter schnellen Sex mit einem Zimmermädchen haben wollte, was er zunächst leugnete und dann zwei Tage später via Anwalt vor dem Richter eingestand.
Auch anderswo meldeten sich auf einmal Frauen, die er bedrängt oder sexuell genötigt haben soll: allen voran eine junge Schriftstellerin in Paris; schon länger bekannt sind die Vorwürfe einer Angestellten des Internationalen Währungsfonds in Washington. Das heftige Liebesleben von "DSK" beherrschte wochenlang Zeitungen, Nachrichtensendungen und Talkshows.
Immer an Strauss-Kahns Seite: Anne Sinclair, eine prominente Fernsehjournalistin und reiche Erbin. Sie hielt die Affäre hindurch treu zu ihrem Mann. Das macht sie, je nach Betrachtungsweise, entweder zur Verräterin an feministischen Idealen, weil sie die Augen vor der nackten Wahrheit verschließt, oder zur unerschütterlichen Kämpferin für ihre Liebe, die auch die sexuellen Obsessionen ihres Mannes überdauert.
Lächelnd kam Sinclair für Strauss-Kahns Kaution auf, wie selbstverständlich bezahlte sie die 50 000-Dollar-Monatsmiete für das Townhouse in New York, in dem er unter Arrest stand, händchenhaltend ging sie mit ihm zum Gericht. Ein seltsames, ein rätselhaftes Paar.
Ein paar Wochen lang sah es so aus, als müsste sich Strauss-Kahn wegen versuchter Vergewaltigung und sexueller Nötigung vor Gericht verantworten. Dann aber stellte sich heraus, dass sich das Zimmermädchen in Widersprüche verstrickt hatte: In einem abgehörten Telefongespräch zeigte Nafissatou Diallo sich über die Vermögensverhältnisse von DSK informiert und sagte, sie werde ihren Vorteil daraus ziehen. Anfang Juli hob das New Yorker Gericht den Hausarrest auf, wenig später brach die Anklage zusammen. Strauss-Kahn war ein freier Mann und kehrte feixend nach Paris zurück.
Die neun Minuten in Suite 2806 machten ihn zum Medienstar. 13 Millionen Franzosen sahen ihm dabei zu, als er in den Hauptnachrichten von TF1 Reue vorgab und um Verzeihung für den "moralischen Fehler" bat.
Die neun Minuten berauben die Franzosen allerdings auch einiger Gewissheiten. So haben sie ein für alle Mal das Bild des "séducteur" ins Wanken gebracht, des Verführers, der seine Macht mit sexuellen Eskapaden nicht etwa gefährdet, sondern ganz im Gegenteil festigt.
Sie sei stolz auf ihren Mann, es sei für einen Politiker wichtig, verführen zu können, hatte Anne Sinclair im Jahr 2006 auf die Frage geantwortet, ob sie unter dem Ruf ihres Mannes leide.
Ob sie immer noch stolz ist?
Von Britta Sandberg

SPIEGEL Chronik 1/2011
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