07.12.2011

Ungeschwärzt im Netz

Für Julian Assange sollte WikiLeaks „ein Stern am Firmament der Menschheit“ sein und Regierungen in Verlegenheit bringen. Nun aber stürzt er ein, was er aufgebaut hat. Von Holger Stark
Im September war ich in Ellingham Hall, dem georgianischen Landsitz zwei Eisenbahnstunden von London entfernt. Julian Assange wartete hier - elektronisch fußgefesselt - auf die Entscheidung der britischen Justiz über seine Zukunft. Eine lange Auffahrt führte vorbei an einem gusseisernen Gatter zu dem dreigeschossigen Herrenhaus, Pferde grasten auf der Koppel, am See hinter der Terrasse wogte das Schilf im Spätsommerwind. Im Wohnzimmer hingen die Porträts der adligen Vorfahren von Vaughan Smith, dem britischen Journalisten und Hausherrn, der Assange Unterschlupf gewährte. Unter den kritischen Blicken der Ahnen blinkten ein halbes Dutzend Computer, der Raum war das temporäre Hauptquartier von WikiLeaks.
Wir wollten über die Zukunft von WikiLeaks sprechen, aber an diesem Tag holte Assange die Vergangenheit ein. Er hielt ein Klapphandy an sein Ohr und sprach mit Jakob Augstein, dem Verleger der Wochenzeitung "Freitag" und Miteigentümer des SPIEGEL. Der "Freitag" arbeitete an einem Artikel, in dem es um eine ungeschwärzte Version der 251 287 diplomatischen Berichte des amerikanischen Außenministeriums ging, de-
Dieser Artikel wurde im SPIEGEL 36/2011 veröffentlicht.
ren Inhalt Ende 2010 die Welt bewegt hatte. Diese Sammlung geheimer Rohdaten sei nun im Internet verfügbar, hatte der "Freitag" vom WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg erfahren.
Assange bat Augstein darum, den Artikel nicht zu veröffentlichen, es stehe das Leben von Menschen auf dem Spiel. Augstein antwortete, der "Freitag" werde verantwortungsvoll mit den Details umgehen. "Uff", seufzte einer von Assanges Unterstützern, als das Telefonat beendet war, die "Kernschmelze" sei gerade noch abgewendet worden. Welch ein Irrtum. Die Kernschmelze hatte soeben begonnen.
Seit September zirkulierte nicht nur die Datei mit den unbearbeiteten Depeschen der US-Regierung im Internet, sondern auch das dazugehörige Passwort. WikiLeaks reagierte und publizierte wie verschiedene andere Web-Seiten den gesamten Datenbestand. Die vertraulichen Regierungsdokumente, mit all ihren sensiblen, heiklen, lebensgefährdenden Details, waren nicht länger vertraulich.
Der Fallout ist verheerend, nur wie schlimm es wird, ist noch nicht absehbar. Für Informanten, deren Name in den US-Berichten auftaucht. Für WikiLeaks, das Konkurrenzprojekt OpenLeaks und alle Beteiligten. Und für die Zukunft des Whistleblowing an sich, jener Methode, die sich die Stärken des Internets zunutze macht, um geheime Informationen ihres Geheimnisses zu entkleiden, und damit die Demokratie stärken will.
Wie die Lage sei, wollte ich von Assange wissen. Ernst, antwortete er. Er wusste, dass die Vertrauenswürdigkeit eines Projekts in Frage stand, das von Vertrauen lebt. Einer Idee, die davon getragen wird, politische und gesellschaftliche Abgründe mit Idealismus und technischer Raffinesse auszuleuchten, die Informanten braucht, die etwas riskieren, weil sie sich von WikiLeaks geschützt fühlen. Wenn es sich erweisen sollte, dass Daten bei WikiLeaks, bei OpenLeaks oder sonst einem Leaking-Projekt am Ende nicht sicherer sind als auf den löchrigen Regierungsservern, von denen Informanten sie zuvor heruntergeladen haben, dann hat die technische Revolution ihre Kinder gefressen, bevor sie erwachsen geworden sind.
Als Julian Assange WikiLeaks gründete, ging es ihm um nicht weniger, als "einen Stern am Firmament der Menschheit zu platzieren". Er hatte sich in einem ehemaligen Studentenwohnheim in Melbourne eingeschlossen, ein Dutzend Unterstützer um sich, sie malten Organigramme, programmierten viel und schliefen wenig. Aus WikiLeaks sollte "der mächtigste Geheimdienst der Welt werden, ein Geheimdienst des Volkes", dieser Traum steht in der Selbstbeschreibung des Projekts. An Hybris hat es Assange noch nie gemangelt.
Getrieben war die Idee von einer tiefen Skepsis, vielleicht auch Abneigung gegen den klassischen Journalismus, die "Mainstream-Medien", wie Assange sie nennt. Den Journalisten wirft er vor, sich mit den herrschenden Verhältnissen arrangiert zu haben, Teil des Systems geworden zu sein, saturiert, bequem, angepasst. Journalisten von "El País" diktierte er im Oktober vergangenen Jahres in die Blöcke: "Mein Fazit ist, dass das Umfeld der internationalen Medien so schlecht und verzerrt ist, dass es uns bessergehen würde, wenn es keine Medien gäbe."
Mit WikiLeaks gebe es ja ein Werkzeug, das neuer, moderner, besser sei, das schwang dabei mit. Wir kommunizierten mit Assange per verschlüsseltem Chat, folgten ihm auf den Kurznachrichtendienst Twitter, Informationen wurden nicht physisch, sondern per Link ausgetauscht. Manchmal fühlten wir uns alt. Es sah so aus, als ob der Journalismus um eine zusätzliche Dimension erweitert werden könnte. An dieser Entwicklung hatte WikiLeaks großen Anteil.
Im Sommer 2010 saßen wir mit Julian Assange in einem Café in London. Wir waren dabei, die Publikation der Afghanistan-Kriegstagebücher vorzubereiten, und wollten mit ihm darüber sprechen, welche Informationen WikiLeaks veröffentlichen werde und welche nicht. Assange hatte einen Rote-Bete-Salat mit Ziegenkäse und einen Kaffee geordert und dachte einen Moment über die Frage nach, die wir uns jeden Tag stellen: Welche Informationen veröffentlichen wir und welche nicht?
Prinzipiell gehe jede Information online, wenn sie denn stimme, antwortete er. Für WikiLeaks gelte ein Dreiklang aus politischer, ethischer oder historischer Relevanz. Sei eines dieser Kriterien erfüllt, habe er seinen Quellen versprochen, auch zu publizieren. Die Quellen selbst sollten entscheiden, was wichtig sei.
In jenen Sommernächten 2010 ist in London aus dem Dreiklang ein Vierklang geworden. Gemeinsam mit den Kollegen vom "Guardian" haben wir WikiLeaks damals überzeugt, die Namen von Informanten zu schwärzen, deren Leben durch die Veröffentlichung gefährdet sein könnte. Als der SPIEGEL, der "Guardian" und die "New York Times" am 26. August 2010 Geschichten über die 92 000 Armeeberichte aus dem Afghanistan-Krieg veröffentlichten, verzichtete WikiLeaks darauf, das Material ungeschwärzt ins Internet zu stellen.
Als wir die Irak-Tagebücher Ende Oktober 2010 publizierten, hatte WikiLeaks in einem mühsamen Redaktionsprozess nicht nur die Namen von Zuträgern entfernt, sondern auch geografische Koordinaten. Und bei den Depeschen waren es die Medien, die die Drahtberichte aus den US-Botschaften auf heikle Passagen untersuchten und gegebenenfalls schwärzten. Diese Arbeit funktionierte über viele Monate erstaunlich erfolgreich. Assange hatte seinen drei Prinzipien ein viertes hinzugefügt: das des mitunter restriktiven Umgangs mit Informationen.
Mittlerweile gibt es dieses Prinzip nicht mehr, und das hat viel mit einem Bruderkrieg der Internetaktivisten Assange und Daniel Domscheit-Berg zu tun, die beide ein Ego haben, das auf keine handelsübliche Festplatte passt. Assange wird weltweit als "Freiheitskämpfer" gefeiert und mit Neo aus der "Matrix"-Trilogie verglichen, er ist eine Projektionsfläche der Rebellion, eine Mischung aus Michael Moore und einem digitalen Che Guevara. Keinen dieser Vergleiche fände er unangemessen.
Als ein isländischer WikiLeaks-Helfer im vergangenen Jahr Assanges Führungsrolle in Frage stellte, antwortete er: "Ich bin das Herz und die Seele dieser Organisation, ihr Gründer, Sprecher, der erste Programmierer, Finanzier und ganze Rest. Wenn du ein Problem damit hast, verpiss dich." Assange lächelte schief, als wir ihn später auf diesen Satz angesprochen haben. "Es ist vielleicht kein schöner Satz", sagte er, "aber er stimmt."
Domscheit-Berg war einmal Assanges bester Freund, zumindest dachte er das. Er trägt stets einen Bart, schwarze Kleidung, eine dunkelrandige Brille und hat sich mittlerweile mit dem artverwandten Projekt OpenLeaks selbständig gemacht. Zeitweilig wohnte Assange bei ihm, in einer kleinen Wohnung in Wiesbaden. Wenn Assange beim Abendessen mehr Leberkäse abbekam als sein Gastgeber, ärgerte sich Domscheit-Berg. Ansonsten glaube er sagen zu können, "dass wir zusammen die beste Zeit unseres Lebens verbracht haben".
Im Laufe des Jahres 2010 entfremdeten sich die beiden immer mehr, und im September zerbrach die Allianz. Domscheit-Berg saß mit uns im Berliner SPIEGEL-Büro zusammen und erklärte uns sichtlich erschüttert, warum er aussteige. Dann räumte er zusammen mit einem deutschen Programmierer, der die Einsende-Software geschrieben hatte, den WikiLeaks-Server leer und schrieb ein Aussteiger-Buch.
Im Sommer 2010 hatte Assange auf wikileaks.org ein geheimes, unsichtbares Unterverzeichnis eingerichtet, in dem er eine verschlüsselte Datei mit den 251 287 Kabeln ablegte. Die Adresse und das Passwort vertraute er im August 2010 dem "Guardian"-Reporter David Leigh an, der Zugang zu den Berichten des State Departement erhalten sollte. Leigh lud die Datei herunter, entschlüsselte sie und begann in einem Ferienhaus in den schottischen Bergen mit der Lektüre. Der Mann vom "Guardian" sagt, Assange habe ihm damals erklärt, das Passwort werde nach kurzer Zeit automatisch gelöscht; aber das ist bei dieser Verschlüsselung technisch nicht möglich.
Assange wollte die sensible Datei wieder entfernen, doch dazu kam es nicht mehr. Mit dem Inhalt des Servers nahmen die Dissidenten auch die verschlüsselte Depeschensammlung mit. Zwischen den einstigen Freunden Domscheit-Berg und Assange begannen zähe Verhandlungen, Vermittler wurden eingeschaltet, später auch Rechtsanwälte.
Assange wollte die Daten zurück, Domscheit-Berg weigerte sich, erklärte sich aber bereit, zumindest die veröffentlichten älteren Dokumente zu übergeben. Anfang Dezember 2010 händigte er einem Unterhändler von Assange eine Festplatte mit 18 Gigabyte Daten aus - darunter versteckt und verschlüsselt die US-Kabel.
Und dann passierte etwas, womit keiner gerechnet hatte: Die Festplatte mit dem veröffentlichten Material wanderte nicht nur nach Ellingham Hall zu WikiLeaks, eine Kopie fand sich auch in Tauschbörsen im Internet wieder, als Sicherungskopie, eingespeist von WikiLeaks-Unterstützern ohne Wissen Assanges, falls wikileaks.org offline bleiben sollte. Seitdem geistern die Kabel durch das Netz, wandern von Festplatte zu Festplatte, werden getauscht, tausendfach, verschlüsselt, aber irreversibel präsent.
Im Februar 2011 veröffentlichten die inzwischen mit Assange verfeindeten "Guardian"-Journalisten David Leigh und Luke Harding ein Buch, in dem sie ihre Kooperation mit WikiLeaks schildern. Auf Seite 135 beschreibt Leigh, wie er an die Kabel kam, inklusive Passwort. Wer die 58-stellige Kombination aus Buchstaben und Ziffern mit der im Internet kursierenden Datei zusammenführte, konnte alle Kabel öffnen.
Der Zusammenhang fiel sieben Monate lang nicht auf, bis zur Veröffentlichung im "Freitag" im September 2010. Domscheit-Berg hatte die Panne gestreut, er wollte damit beweisen, dass WikiLeaks eine unsichere Organisation ist. "Kinder sollten nicht mit Waffen spielen", das ist seine Sicht auf Assange. Dass er damit auch sein eigenes Projekt OpenLeaks schwer beschädigte, hat er vielleicht übersehen.
Nachdem die Gerüchte anschwollen, überschwemmte WikiLeaks das Netz mit mehr als 100 000 eher unspektakulären Kabeln, die weitgehend unbearbeitet waren.
Am Ende war es wie bei einer Kernschmelze. Es reihte sich Fehler an Fehler, jeder einzelne für sich genommen eine kleine Panne, aber durch die Veröffentlichung wurde eine Kettenreaktion in Gang gesetzt, die nicht mehr zu stoppen war. Nicht von Assange, nicht von Domscheit-Berg, nicht von der amerikanischen Regierung, die uns im November 2010 in diversen Fällen darum gebeten hatte, keine Details aus den Depeschen zu publizieren. Dem sind wir mehrheitlich nicht nachgekommen, aber wenn die Kabel den Namen eines Informanten in der chinesischen Regierung oder eines Aktivisten in Teheran enthielten, dann war für uns klar, dass diese Menschen geschützt werden mussten. Dieser Schutz, den auch die Kollegen bei "El País", "Le Monde", der "New York Times" und dem "Guardian" beachteten, ist nun hinfortgespült.
"Wir werden denjenigen beistehen, die durch diese illegale Veröffentlichung in Gefahr gebracht wurden", sagte eine Sprecherin des State Department. Mehr als hundert Personen galten in Washington als besonders gefährdet. Schon Monate zuvor hatte die US-Regierung damit begonnen, einzelne Kontaktpersonen auszufliegen. Es sei "zwar nicht der Himmel über den Vereinigten Staaten zusammengestürzt", so Philip Crowley, der mittlerweile zurückgetretene Sprecher Hillary Clintons, "aber er ist über einigen unserer besten Quellen zusammengebrochen".
Die Akteure beschimpfen sich jetzt gegenseitig. Leigh habe "rücksichtslos und ohne unsere Zustimmung bewusst das Passwort enthüllt", heißt es in einer WikiLeaks-Erklärung. Der "Guardian"-Reporter wirft Assange seinerseits vor, "geistesgestörten Unsinn" zu verbreiten. Domscheit-Berg sagt, er habe sich verpflichtet gefühlt, vor der Gefahr zu warnen.
Mit dem Datenleck holen WikiLeaks die Ereignisse eines Jahres ein, das die Organisation an den Rand ihrer Möglichkeiten und darüber hinaus getrieben hat. Die Gruppe ist bis heute strukturiert wie eine Bürgerinitiative, die die Regierung der mächtigsten Nation der Welt herausgefordert hat, mit einem charismatischen und intelligenten Kopf an ihrer Spitze.
Die Konfrontation mit den USA wäre allein Aufgabe genug gewesen, aber dazu kamen die Vergewaltigungsvorwürfe gegen Assange in Schweden und die Spaltung der Gruppe. Für WikiLeaks war 2010 in jeder Hinsicht ein Jahr der Superlative, positiv wie negativ. Die durchgesickerten Daten sind ein Ausdruck dieser Überforderung, an deren Ende, nach zwölfmonatiger Verzögerung, ein entscheidender Kontrollverlust stand.
Assange muss sich juristisch verteidigen und zugleich die Kernschmelze stoppen. Er muss beweisen, dass der Datenverlust eine einmalige Panne war, dass das Vertrauen, das Whistleblower in seine Organisation setzen, gerechtfertigt ist. Davon wird nicht nur die Zukunft von WikiLeaks abhängen, sondern auch die Zukunft einer großen Idee.
Von Holger Stark

SPIEGEL Chronik 1/2011
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