05.12.2012

ESSAYWONNE UND GRAUEN

Die Medien haben die Wulffs nicht ungerecht behandelt.
Politik wird manchmal episch. Sie wird es, wenn ein Mensch ins Trudeln kommt, wenn er abstürzt und sich sein Leben in ein Schicksal verwandelt. Das passiert auch Leuten, die nicht Politiker sind, oft genug, aber zur epischen Gestalt werden sie dadurch nicht, zu ihrem Glück. Als Epos ist alles noch schlimmer.
Den Unterschied macht die Öffentlichkeit. Wenn sich ein Schicksal vor aller Augen abspielt, wenn auch das Unangenehme ans helle Licht kommt, wenn die Medien Leid und Glück verstärken, wenn Journalisten sowie ihre Leser und Zuhörer zu vorläufigen Richtern werden, wenn aus Menschen öffentliche Menschen werden, wird es wirklich hart. Christian Wulff weiß das jetzt.
Er ist der Leidensmann des Jahres 2012. Er hat das Amt des Bundespräsidenten verloren, seine Reputation ist schwer beschädigt, und er könnte Fragen haben, was die Loyalität seiner Frau angeht. Er hat allen Grund, das Jahr 2012 als sein Katastrophenjahr zu betrachten.
Politische Geschichten sind heute meistens auch Mediengeschichten. Wenn eine Geschichte groß wird, dann über die Medien. Sie spielen ihre Rolle und machen zu einem Teil die Realität, die sie dann beschreiben und kommentieren. Deshalb kann man Wulffs Geschichte auch als Mediengeschichte erzählen. Es gibt drei Phasen, die ineinander übergehen, und es beginnt schon vor 2012, aber dieses Jahr ist das Jahr, in dem alle Fäden zusammenlaufen und reißen.
Phase I beginnt mit einer Hochzeit. Im Jahr 2008 heiratet Christian Wulff, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, zum zweiten Mal, und damit verändert sich eine Menge. In manchen Medien gibt es eine große Nachfrage nach Geschichten vom Glück, und die Wulffs bedienen diese Nachfrage gern. Sie begeben sich in den Modus des Ausstellens, Zeigens. Sie zeigen ihr Glück, weil das medial verbreitete Glück noch größer wirkt, in einem Anflug von Selbsttäuschung vielleicht auch auf die Wulffs.
Bettina Wulff sieht gut aus, sie hat eine Chance, glamourös zu wirken, und begibt sich mit ihrem Mann auf die Spur dieser Chance. Eine Freundschaft mit dem Paar Veronica Ferres/Carsten Maschmeyer ist sehr willkommen. Gemeinsam sind die vier Society: Politik (Wulff), Geld (Maschmeyer), Schauspielprominenz (Ferres) sowie in vieler Augen Schönheit (Ferres und Bettina Wulff). Das passt.
Ein Leben, das glamourös wirken soll, ist teuer. Es selbst zu bezahlen ist schwierig für Politiker. Rabatte und Geschenke bieten sich an, wenn man es mit dem Gedanken an Unabhängigkeit und Würde des Politikers nicht allzu genau nimmt. Wulff lässt sich bei der Finanzierung seines Hauses subventionieren, er genießt Privilegien, die ihm vor allem zu schönen Reisen verhelfen. Seiner Frau kann er so ein sehr angenehmes Leben bieten.
Auch politisch ist Wulff in dieser Phase im Modus des Ausstellens. Er redet gern mit Journalisten und ist dafür bekannt, dass er in Hintergrundgesprächen gegen Parteikollegen lästert, am liebsten gegen die Kanzlerin. So versucht er die Medien für seine Zwecke zu nutzen, ohne großen Erfolg allerdings. Er ist eher privater Medienstar als politischer. Gleichwohl wird er im Juni 2010 zum Bundespräsidenten gewählt.
In Phase II tauscht Christian Wulff seinen Modus aus. Jetzt geht es nicht mehr ums Zeigen, jetzt geht es ums Verbergen. Im Dezember 2011 wird bekannt, dass sich Christian Wulff drei Jahre zuvor einen privaten Kredit für sein Haus besorgt hat. Das Geld stammt angeblich von der Frau eines reichen Freundes, mit dem er auch als Politiker zu tun hatte. Im Februar 2012 wird bekannt, dass die Wulffs im Herbst 2007 einige Tage auf Sylt mit dem Filmproduzenten David Groenewold verbrachten. Groenewold bezahlte das Hotel, aber angeblich nur im Voraus. Wulff will ihm die Summe bar erstattet haben. Auch mit Groenewold hatte Wulff als Politiker zu tun. Es gab den Verdacht der Vorteilsannahme.
In dieser Phase, die bis in den Februar 2012 reichte, wirken die Medien wie eine Meute, die sich auf Christian Wulff stürzt. Als Journalist hört man dann häufig Kritik: Jetzt wollt ihr ihn fertigmachen, jetzt jagt jeder nach dem Beleg, der Wulff zum Rücktritt zwingt. Es ist verständlich, dass dieser Eindruck entsteht, weil nun fast alle Medien groß über Wulff berichten, und das einförmig wirkt, wie eine Kampagne. Aber soll "Bild" nicht berichten, weil der SPIEGEL schon berichtet hat, soll die "Süddeutsche Zeitung" auf einen Kommentar verzichten, weil die "FAZ" schon kommentiert hat? Jedes Medium will seinen Lesern die eine große Geschichte ganz erzählen, und wenn der Verdacht der Vorteilsannahme über einem Bundespräsidenten schwebt, ist das eine große Geschichte.
Und, ja, natürlich gibt es einen Jagdinstinkt bei vielen Journalisten. Ein Geheimnis reizt sie, und das ist geradezu konstitutionell für eine Demokratie. Sie sollte möglichst ohne Geheimnisse auskommen, weil die Bürger sonst ihre Wahlentscheidungen nicht kompetent treffen können. Jagd nach Fakten, also Recherche, ist durchaus etwas Edles.
In Phase II gab es für Wulff zwei Möglichkeiten. Er konnte wieder den Modus wechseln, die Fakten komplett auf den Tisch legen, Reue zeigen und hoffen, dass er sein Amt behalten darf. Das ist der souveräne Weg, aber er wird fast nie beschritten. Wulff wählte Möglichkeit zwei: Er erhielt den Modus des Verbergens aufrecht und erklärte meist nur das, was die Recherchen der Journalisten bereits ans Licht gebracht hatten.
Dies war die Zeit der kruden Erklärungen: eine dubiose Barzahlung, Geld von der späteren Schwiegermutter. Es wurde peinlich. Bevor die Fakten Wulff als Bundespräsidenten unmöglich machten, hat er sich durch seine Verteidigung unmöglich gemacht. Barzahlung und Schwiegermutters Kröten - soll denn jeder grinsen, wenn der Bundespräsident vorfährt?
Im politischen Epos gibt es zunächst meist einen unerzählten Teil. Die Wulffs, große Erzähler ihres Glücks, erzählten in Phase II nichts von ihrem Unglück. Was man auch nicht erwarten kann. Es fehlt so aber der menschliche Teil der Geschichte. Man kann sich nur vorstellen, dass das Schloss Bellevue in jener Zeit ein höllischer Ort war, ein Ort des Bangens, der Selbstvorwürfe und des Hasses gegen andere, gegen Journalisten auch. Was würden sie als Nächstes zutage fördern und in Worte fassen, die den Wulffs böse oder infam vorkommen mussten?
Der Politiker hat in dieser Phase das Pech, dass er nicht so sehr als Mensch betrachtet wird, sondern als Amtsträger. Wie schadet sein Verhalten dem Amt? Das macht den Blick kühler, härter. Aber ist das falsch? Nein, in der Demokratie ist das Amt wichtiger als der Mensch, der es ausübt.
Am 17. Februar tritt Wulff zurück, weil die Staatsanwaltschaft Hannover gegen ihn ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts der Vorteilsannahme eröffnen will. Er weiß nun selbst, dass er dem Amt des Bundespräsidenten schadet.
Phase III wird im September 2012 von Bettina Wulff eröffnet, als sie sich mit Klagen gegen den Talkshow-Moderator Günther Jauch und den Google-Konzern gegen Gerüchte wehrt, sie habe früher als Prostituierte gearbeitet. Das kommt etwas überraschend, weil dies bislang kein großes Thema in den Medien gewesen war. Es gab ein paar Andeutungen, aber keine Belege, und das war ohne Frage ein schändliches Verhalten mancher Journalisten oder Blogger im Internet. Aber die meisten Menschen erfahren wahrscheinlich von diesem Verdacht gegen Bettina Wulff von Bettina Wulff. Es ist wohl kein Zufall, dass kurz darauf ein autobiografisches Buch von ihr erscheint.
In Phase III kehrt sie in den Modus des Ausstellens und Zeigens zurück. Nun ist das wieder nützlich, denn mit medialer Aufmerksamkeit lässt sich Geld verdienen. Solche Bücher haben jedoch auch einen übergeordneten Sinn. Sie stellen den Menschen in den Vordergrund, das Epos wird um Wesentliches ergänzt.
Bettina Wulff hat aber vor allem ein Interesse daran, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken. In der Stunde, als es darum gegangen wäre, Loyalität zu ihrem Mann zu zeigen, betonte sie ihre Eigenständigkeit und kritisierte Wulff sogar für sein Verhalten in der Krise. Damit ist das Desaster für ihn komplett. Seine Frau sammelte in einer Notlage öffentlich Punkte auf seine Kosten, schlimmer kann es kaum noch kommen.
In einem Interview mit dem "Stern" kritisiert sie, wie sehr die Medien ihre Privatsphäre verletzt hätten: "Das Ganze hat eine Form von Intimität erreicht, die mich immer noch sprachlos macht." In ihrem Buch plaudert sie jedoch über die Schwierigkeiten des Beischlafs, wenn sich Sicherheitsbeamte im Hotelzimmer gegenüber aufhalten. Es steht außer Frage, dass sich auch Medien manchmal falsch verhalten, dass sie nicht nur hehre Ziele verfolgen oder sich in ihren Urteilen irren. Aber die Kritik von Bettina Wulff ist ein Witz. Sie tut ja kaum etwas lieber, als die Seiten, die sie an sich toll findet, medial zu präsentieren, auch wenn sie privat sind.
Insgesamt haben die Wulffs wenig Grund, sich von der Presse ungerecht behandelt zu fühlen, mit Ausnahme der Andeutungen über Bettina Wulffs Vergangenheit. Hart ja, aber nicht ungerecht. Wer die Öffentlichkeit sucht, muss wissen, dass sie Wonne und Grauen sein kann.
Ende 2012 ist das Epos um die Wulffs noch nicht auserzählt. Bis Mitte November fehlte noch die Sicht der Staatsanwaltschaft Hannover auf diesen Fall. Wird sie Wulff anklagen oder nicht? Es fehlen immer noch eine Menge Fakten, und es fehlt die Sicht von Christian Wulff. Ein Buch von ihm ist angekündigt. Hoffentlich hat er beim Schreiben eine glücklichere Hand als seine Frau.
Von Dirk Kurbjuweit

SPIEGEL Chronik 1/2012
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