05.12.2012

Versteckt im Panikraum

Die USA verfolgen Kim Schmitz als Internetkriminellen und verlangen von Neuseeland die Auslieferung. Auch deshalb gilt er im Netz jetzt als Digital-Volksheld.
Wenn es nach seinen Gegnern in den Vereinigten Staaten gegangen wäre, dann würde er längst in einem dieser Supermax-Gefängnisse schmoren. Supermax steht für maximale Sicherheit, es sind Amerikas Aufbewahrungsanstalten für die ganz schweren Jungs. Dafür halten sie Kim Dotcom beim FBI genauso wie in den Chefetagen der großen Studios in Hollywood.
Mehr als zwei Jahre lang hat das FBI gegen Kim Dotcom ermittelt und Beweise zusammengetragen. Im Januar folgt der spektakuläre Showdown gegen den Mann, der 1974 als Kim Schmitz in Kiel geboren wurde und hierzulande als einer der schillerndsten Hochstapler der New Economy von sich reden machte. Damals nannte er sich noch Kimble, nach dem Helden aus dem Harrison-Ford-Film "Auf der Flucht".
Im Morgengrauen des 20. Januar schweben Helikopter über ein Millionenanwesen im neuseeländischen Coatesville. Dorthin, auf die andere Seite des Globus, hat es Kimble gezogen - weit weg von seinem ersten, von seinem deutschen Leben und seinen deutschen Vorstrafen.
Eine schwerbewaffnete Spezialeinheit der Polizei stürmt das Luxusdomizil, in dem Schmitz alias Dotcom seit 2010 mit seiner philippinischen Frau Mona und den drei Kindern lebt. Die Beamten streifen auf der Suche nach dem Hausherrn mit einem Schneidbrenner und anderem schwerem Gerät zum Öffnen von Stahltüren durch die Villa. Der schwergewichtige Schmitz hat sich durch eine versteckte Tür in einem Schrank in den Panikraum geflüchtet, in dem er auch eine Waffe lagert.
Der Großeinsatz in Coatesville geht auf eine Klageschrift aus den USA zurück, die Schmitz und seinen sechs Mitangeklagten, darunter drei Deutschen, Urheberrechtsverletzungen im großen Stil vorwirft. Der Grund für den Zugriff ist nicht sein altes, verjährtes Sündenregister aus Deutschland. Es geht um seine geschäftlichen Aktivitäten in seinem zweiten Leben, in dem er unter den neuen Namen Kim Tim Jim Vestor und Kim Dotcom unterwegs ist. Zunächst aus Hongkong heraus hat Schmitz den Ermittlern zufolge den riesenhaften Online-Speicher "Megaupload" aufgebaut und diverse weitere "Mega"-Ableger darum gruppiert.
Bei Megaupload können Nutzer bis dahin große Datenmengen einstellen. Sie bekommen dann einen Link auf dieses Datendepot, den sie selbst nutzen oder mit anderen teilen können. Der amerikanischen Anklage zufolge ist das Konzept von Beginn an darauf angelegt, urheberrechtlich geschützte Filme und Musik illegal zu verbreiten.
Grundsätzlich ist die Nutzung kostenlos, Schmitz und Co. setzen auf ein Premiummodell. Nach 72 Minuten wird beispielsweise die Verbindung unterbrochen, wer sofort weiterschauen will, muss für 9,99 Dollar im Monat Premiumkunde werden. Der Zeittakt ist natürlich kein Zufall: Die meisten Hollywood-Blockbuster dauern 90 Minuten oder länger.
Das Geschäftskalkül geht auf, Megaupload und Megavideo entwickeln sich zu einer Hauptanlaufstelle für aktuelle Kinofilme im Netz. Auch viele Nutzer des deutschen Piraterie-Verzeichnisses kino.to landen bei ihrer Suche nach Blockbustern auf Servern von Schmitz & Co., wo die illegalen Inhalte lagern.
Insgesamt habe der Wahl-Neuseeländer mindestens 175 Millionen Dollar an diesem Geschäftsmodell verdient, heißt es in der Anklage, in der von der "Mega-Verschwörung" die Rede ist. Seine Plattform rangiert zeitweise auf Platz 13 der internationalen Hitliste aller Internetangebote. In einem Mega-Werbevideo, für das Schmitz mit der ihm eigenen Chuzpe Stars wie Alicia Keys und Puff Daddy einspannt, behauptet das Unternehmen noch im Dezember 2011, für vier Prozent des gesamten Internetverkehrs zu sorgen.
Vier Wochen später ist damit vorerst Schluss. Schmitz kommt nach der Durchsuchung für gut einen Monat in Untersuchungshaft. Die Behörden nehmen Megaupload vom Netz, frieren Schmitz' Konten ein und lassen den Fuhrpark aus Luxuskarossen abtransportieren, darunter einen pinken Cadillac und einen schweren Rolls-Royce.
Im August, so der Plan der Behörden, soll über seine Auslieferung in die USA entschieden werden, wo ihm bei einer Verurteilung rund zwei Jahrzehnte Haft drohen würden. Von der bislang größten Urheberrechtsverletzung in der US-Geschichte ist die Rede.
Es kommt anders. Das Drehbuch der amerikanischen Behörden, die auf einen Präzedenzfall mit abschreckender Wirkung hofften, gerät durcheinander.
Kim Schmitz ist immer noch in Neuseeland. Seine Frau bringt im März Zwillinge zur Welt.Gleich mehrfach entscheiden die Gerichte in seinem Sinne: Die Durchsuchungsbeschlüsse vom Januar seien ungültig gewesen, so eine Entscheidung; zudem müsse er für das laufende Auslieferungsverfahren Einblick in die FBI-Ermittlungsunterlagen bekommen. Der Termin für die Auslieferungsentscheidung ist auf das kommende Jahr verschoben, womöglich kommt er nie in ein Supermax-Gefängnis.
Denn im September muss die neuseeländische Regierung einräumen, dass ihr Geheimdienst Schmitz und Co. illegal abgehört hat. Premierminister John Key entschuldigt sich offiziell bei dem Wahl-Neuseeländer mit deutsch-finnischem Pass.
Schmitz ist auf Kaution frei, und er macht, was er schamlos gut kann: Er nutzt seine neue internationale Bekanntheit hochtrabend für PR in eigener Sache. In seinem Drehbuch ist nicht er der Bösewicht, sondern die USA. Auch Schmitz sieht eine "Mega-Verschwörung" am Werk. Danach hat die Lobby der Filmproduzenten das Weiße Haus überzeugt, "dem Internet den Krieg zu erklären". Und er sei nun der Sündenbock.
Er habe nicht mehr als einen Online-Speicher angeboten, argumentieren Schmitz und seine Anwälte. Wenn jemand diesen für illegale Zwecke genutzt habe, dann sei nicht er dafür verantwortlich. Megaupload habe derlei Inhalte, sobald sie gemeldet worden seien, aus dem Angebot entfernt. Schmitz hat seine Verteidigung inzwischen in eine regelrechte Kampagne ausgebaut - die erstaunlichen Widerhall findet. Schon jetzt scheinen viele in ihm eher eine Art Digital-Volkshelden und Freiheitskämpfer zu sehen als einen Internetkriminellen.
Als Sprachrohr nutzt Schmitz soziale Medien, vor allem seinen Twitter-Account, auf dem er in wenigen Monaten eine sechsstellige Anhängerschar gewinnt. Über diesen Kanal verbreitet er neben markigen Parolen (er wolle "Rache") vor allem Fotos, die erahnen lassen, dass er sich mit seiner Situation ganz gut arrangiert hat: Sie zeigen ihn beim Golfausflug in schönster Landschaft und in seinem Anwesen - und immer wieder Mona und die Kinder.
Im Sommer nimmt Schmitz ein Musikalbum auf. Einen der Songs nennt er "Mr. President", es ist sein Klagelied an die Adresse von Barack Obama. "Der Krieg ums Internet hat begonnen", singt er darin und bezeichnet den Präsidenten als "Marionette Hollywoods". Sogar in den US-Wahlkampf mischt er sich ein. Seine Twitter-Aufforderungen an Obama und Mitt Romney, Megaupload wieder freizuschalten, gehören im Herbst zu den von den meisten Twitter-Nutzern weiterversendeten Botschaften, die den Namen des Präsidenten und seines Herausforderers beinhalten.
Nebenbei arbeiten Dotcom und einige seiner Mitbeschuldigten in Neuseeland den Sommer über an einem neuen Angebot namens Megabox. Es geht um eine neue Variante zur Verbreitung von Musik über das Netz. Die Künstler sollen ihre Musik damit direkt an die Fans vermarkten können, ohne Plattenfirma.
Die Kunden sollen sich entscheiden können: Entweder bezahlen sie für die Musik - oder sie installieren eine Schmitz-Software namens Megakey. Die blockt teilweise die Werbung auf Internetseiten, um von Mega ausgesandte Werbung einzuspielen. Damit legt sich Kim Schmitz, als habe er nicht gerade genug Probleme, erneut mit den Großen an: Internetwerbung ist der wichtigste Umsatzbringer im Netz, die Googles, Amazons und Co. werden kaum tatenlos zusehen.
Die Kim-Saga beschäftigt Hollywood mittlerweile auf unterschiedlichen Arbeitsebenen. Da sind die Anwälte, die mit Sorge verfolgen, wie eine Verfahrenspanne nach der anderen publik wird. Und da sind die Drehbuchautoren, die in all dem einen grandiosen Filmstoff sehen. Denn der Kampf "Vereinigte Staaten von Amerika versus Kim Dotcom" ist noch nicht entschieden. Mal schauen, für wen es ein Happy End gibt.
Von Marcel Rosenbach

SPIEGEL Chronik 1/2012
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