AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 29/2017

Trumps Russlandskandal Der Sündenbock

Donald Trump jr. gilt nicht gerade als hellster Kopf der Familie. Ausgerechnet er wollte mit Moskaus Hilfe die Wahl gewinnen. Was wusste der US-Präsident?

Donald Trump junior
Melissa Golden/ Redux/ Laif

Donald Trump junior

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Die Medien sind korrupt und verlogen, die Opposition ist hysterisch, und die Schuldige in der Russlandaffäre niemand anderes als Hillary Clinton - wer in jene Parallelwelt abtauchen will, in der Donald Trump der Held ist und jeder Kritiker ein Verräter, muss unbedingt die Sendung von Sean Hannity einschalten, abends um zehn auf Fox News. Hannity ist einer dieser grau melierten Giftköche, die nach jedem Angriff auf Trump vor rechtschaffenem Zorn fast platzen.

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Heft 29/2017
Geheime Dokumente: Warum der Staat seine Bürger alleinließ

Am Dienstagabend saß Donald jr., der älteste Sohn des Präsidenten, in Hannitys Studio. Er sollte etwas zu den Vorwürfen sagen, im Wahlkampf mit den Russen kooperiert zu haben. Hannity liebt Situationen, in denen er der linksliberalen Elite zeigen kann, wer seiner Meinung nach das Opfer (Trump) ist und wer die Täter (die Medien) sind. Die Sache war nur, dass der Gast das Spiel nicht so recht mitmachen wollte. Mit hängenden Schultern saß Trump junior dem Moderator gegenüber und sagte, er habe nichts falsch gemacht. "Aber im Nachhinein würde ich einige Dinge wahrscheinlich ein wenig anders angehen."

Es war der Auftritt eines Mannes, der weiß, dass ihm die Rolle des Sündenbocks zufällt. Denn die jüngste Enthüllung, die Washington in Aufregung versetzt und die Präsidentschaft seines Vaters weiter beschädigt, klingt fast wie erfunden.

Anfang Juni vorigen Jahres, mitten im Wahlkampf, traf sich Trumps Sohn mit einer russischen Anwältin, von der er belastendes Material über Hillary Clinton erwartete. Ein Mittelsmann hatte ihm angekündigt, die Frau handle im Auftrag der russischen Regierung. Das Treffen fand im New Yorker Trump Tower statt, anwesend waren Trumps Schwiegersohn Jared Kushner und Paul Manafort, damals Wahlkampfchef.

Wieder Russland, wieder der Anschein einer engen Zusammenarbeit zwischen Trumps Team und Putins Leuten. Trump kann tun, was er will, er entkommt diesem Skandal nicht mehr. Seine Präsidentschaft versinkt schon jetzt in dem russischen Sumpf, so kräftig er auch strampelt.

Die Episode ist das bislang deutlichste Indiz dafür, dass der innere Zirkel um Trump keine Bedenken hatte, aus russischen Quellen zu schöpfen, um gegen Clinton zu gewinnen. Dabei beteuert Trump seit Monaten wieder und wieder, niemand habe von russischer Seite irgendeine Unterstützung angenommen. Das ist nun als Lüge entlarvt. Dem Mittelsmann schrieb Trump junior vor dem Treffen per E-Mail: "If it's what you say, I love it." Wenn das Material über Hillary so saftig sei wie versprochen, freue er sich.

I love it. Der Satz hängt wie eine dunkle Wolke über dem Weißen Haus, auch wenn Berater und Anwälte alles tun, um den Präsidenten aus der Schusslinie zu ziehen. Trump wartete tagelang, bis er sich öffentlich über seinen Sohn äußerte. "Die meisten hätten sich auf dieses Treffen eingelassen", sagte er am Donnerstag bei seinem Staatsbesuch in Paris. "Mein Sohn ist ein wunderbarer junger Mann."

Man muss dazu sagen, dass der junge Trump nicht gerade als hellster Stern am Himmel der Familie gilt. Die "New York Post", die Lieblingszeitung des Präsidenten, veröffentlichte diese Woche einen Leitartikel mit der Überschrift: "Donald Trump jr. ist ein Idiot".

Nun diskutieren Juristen und Geheimdienstexperten, ob sich Donald jr. durch die Bereitschaft strafbar gemacht hat, russische Hilfe anzunehmen, selbst wenn er am Ende keine Informationen erhalten hat.

Für den Präsidenten könnte die Enthüllung in keinem unpassenderen Moment kommen. Seit Wochen versucht er, die Russlandsache abzuschütteln, und zunächst sah es aus, als könnte ihm das sogar gelingen. Beim G20-Gipfel in Hamburg redete er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin über zwei Stunden lang, das erste persönliche Gespräch zwischen den beiden. Dennoch sprachen danach wieder alle nur über das eine: Trump hatte getwittert, er habe bei Putin wegen der russischen Einmischung in die Wahl "nachgebohrt", wollte sich aber nicht festlegen, ob er dem russischen Präsidenten glaubt - oder den eigenen Geheimdiensten.

Auf dem Rückflug nach Washington platzte dann eine Anfrage der "New York Times" zu dem Treffen zwischen der Anwältin und Donald jr. herein.

Staatschefs Putin, Trump in Hamburg: Das Treffen lief für den Kreml besser als erwartet
REUTERS

Staatschefs Putin, Trump in Hamburg: Das Treffen lief für den Kreml besser als erwartet

Ein halbes Jahr nach seiner Amtseinführung scheint Trumps Präsidentschaft fast nur aus seinem Russlandskandal zu bestehen - der ihn beständig heimsucht, von dem er aber selbst besessen scheint. Ständig twittert er dazu, wütet über die Medien, die darüber berichten, kann sich aber selbst nicht von ihnen losreißen. Seit seiner Rückkehr aus Europa soll er kaum etwas anderes getan haben als fernzusehen.

Gerade jetzt brauchte Trump einen politischen Erfolg. Bisher kann er kaum etwas vorweisen. Keines seiner vielen versprochenen Großprojekte ist umgesetzt - die Steuerreform, Investitionen in die Infrastruktur, die Mauer zu Mexiko.

Ein wichtiges Vorhaben steckt derzeit im Senat fest, die Abschaffung von Obamas Gesundheitssystem. Einigen Senatoren der Republikaner ist der jüngste Gesetzentwurf zu radikal, anderen geht er nicht weit genug. Es ist unklar, ob es je genügend Stimmen dafür geben wird. Und mitten in dieses Gerangel platzte der jüngste, bizarre Skandal.

Es ist eine Geschichte mit Figuren und Orten wie aus einer schlechten Serie, mehr "Kardashians" als "House of Cards". Die Handlung spielt in der billig vergoldeten Welt von Schönheitswettbewerben, Bauunternehmern, Popstars und halbseidenen PR-Managern. Es ist Trumps Welt, vermischt mit einem Hauch Russland, die Story beginnt im Jahr 2013.

Damals hatte Trump den "Miss Universe"-Wettbewerb nach Moskau gebracht, zusammen mit dem russischen Milliardär Aras Agalarow. Der ist eine Art russischer Trump, ein Baulöwe mit mächtigem Portfolio und Ego, milliardenschwer, der unter anderem eine bekannte Konzerthalle vor den Toren Moskaus betreibt.

Auch an Prestigeprojekten des Kreml ist er beteiligt. Vor fünf Jahren errichtete er den Tagungsort für den Apec-Gipfel in Wladiwostok, für die Fußball-WM nächstes Jahr baut er Stadien in Kaliningrad und Rostow am Don. Trump und Agalarow wollten zusammen ein Trump-Hotel in Moskau bauen, der Deal kam aber nie zustande.

Agalarows Sohn Emin ist ein Popstar in Russland. Vater und Sohn Agalarow kennen die Trumps, die Familien kamen sich in den vergangenen Jahren näher. Donald jr. hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er in Russland investieren möchte.

Der Kontakt in der jüngsten Affäre kam über den Manager von Agalarows Sohn zustande: den Briten Rob Goldstone. Auch er kennt Trump vom "Miss Universe"-Wettbewerb, und er war es, der Donald jr. im Juni vorigen Jahres eine E-Mail mit der Betreffzeile "Russland-Clinton - privat und vertraulich" schickte. Das war der Anfang.

Emin, der Sohn von Agalarow, habe ihn angerufen, schrieb der Manager. Dessen Vater habe den russischen Generalstaatsanwalt getroffen, und dieser wolle an Trump belastende Dokumente über Hillary Clinton weiterleiten. Quasi als Freundschaftsdienst. Dann folgt der Satz: "Das ist Teil der Unterstützung Russlands und seiner Regierung für Herrn Trump." Spätestens jetzt hätte dem jüngeren Trump klar werden müssen, dass er von der Sache die Finger lassen sollte. Stattdessen vereinbarte er ein Treffen mit der russischen Anwältin.

Und was wusste Vater Trump davon? Nichts, behauptet er. Doch wenige Stunden nach diesem E-Mail-Verkehr kündigte er bei einer Wahlkampfveranstaltung Enthüllungen über Hillary Clinton an. Zufall? Die Anwältin Natalija Wesselnizkaja ist bekannt im Umland der russischen Hauptstadt. Eine "Anwältin, von deren erfolgreicher Tätigkeit man in der Region Moskau Legenden erzählt", wie die Zeitung "Nowaja Gaseta" einmal mit ironischem Unterton in einem Artikel über Korruption schrieb. Das Moskauer Gebiet ist berüchtigt für seine Verbindung von Bauboom und Bestechung. Wesselnizkaja hatte beste Kontakte zu Gerichten, Regierung, Staatsanwaltschaft, das hilft in Russland immer.

In die internationale Politik stolperte sie über einen ihrer Mandanten. Ein Jahr vor Beginn der Ukrainekrise, 2012, hatte die US-Regierung bereits Sanktionen gegen russische Staatsbürger verhängt, die mutmaßlich an einem gigantischen Steuerbetrug beteiligt waren. "Magnitsky Act" heißt das Gesetz, benannt nach einem Steuerprüfer, der die Sache aufgedeckt hatte und im Gefängnis verstorben war.

Der Kreml begann einen erbitterten Kampf gegen das Gesetz, dabei spielte nun auch die Anwältin Wesselnizkaja plötzlich eine Rolle. Statt in Moskauer Gerichtssälen war sie nun regelmäßig in New York, wo einem ihrer russischen Mandanten ein Prozess in der Magnitsky-Sache drohte. Sie kämpfte mit allen Mitteln für eine Aufhebung der Sanktionen. Kein Wunder, dass sie im Gespräch mit Trumps Sohn Donald jr. und den Beratern Manafort und Kushner eigentlich nur über ein Thema reden wollte: die Magnitsky-Sanktionen. Den erhofften "Dreck" über Hillary konnte sie nicht beibringen, wenn man den Beteiligten glaubt. Jared Kushner verließ den Raum angeblich nach zehn Minuten.

Anwältin Wesselnizkaja: Den erhofften "Dreck" über Hillary konnte sie nicht beibringen
AP

Anwältin Wesselnizkaja: Den erhofften "Dreck" über Hillary konnte sie nicht beibringen

In Washington vermuten Leute wie der demokratische Abgeordnete Adam Schiff, der Termin sei ein Testballon der russischen Regierung gewesen, um herauszufinden, ob Trump an einer Kooperation interessiert sei. Die unschuldigere Interpretation wäre, dass Trumps Milliardärskumpel in Moskau schlicht zu viel versprochen hatte.

Für den Kreml sind die Enthüllungen ein Rückschlag, denn aus seiner Sicht lief das Treffen zwischen Trump und Putin besser als erwartet. Doch kaum war Trump zurück in Washington, musste er schon eine Abmachung platzen lassen, die in Hamburg verkündet worden war: die Bildung einer "gemeinsamen Arbeitsgruppe gegen Cyberbedrohungen". Dem Präsidenten war Entrüstung entgegengeschlagen - von Demokraten wie von Republikanern.

Aus Moskauer Sicht zeigte der Rückzieher, dass Trump ein schwieriges, unkalkulierbares Gegenüber ist. Schon auf dem Weg nach Hamburg hatte er den Polen mal eben "Patriot"-Luftabwehrraketen und US-Erdgas verkauft. Trump blieb nach dem Treffen in Hamburg auch bei der Linie, dass es keine Aufhebung der Sanktionen geben könne, solange die Themen Ukraine und Syrien nicht gelöst seien. "Putins Aufgabe in Hamburg war herauszufinden, ob man mit Trump ins Geschäft kommen kann oder nicht. Und das Resultat der Begegnung scheint mir: eher nicht!", sagt der russische Außenpolitikexperte Fjodor Lukjanow. Trumps seltsame Mischung aus bewundernder Rhetorik gegenüber Putin und außenpolitischer Härte lässt alle Seiten gleichermaßen verwirrt zurück.

Die Posse um Donald jr. ist kein Beweis für eine Absprache zwischen Russen und Trumps Wahlkampagne. Weitere Enthüllungen werden aber ziemlich sicher folgen, dafür werden die Untersuchungen im Kongress und das Team von Sonderermittler Robert Mueller sorgen.

Trump trägt selbst einen großen Teil der Schuld dafür, dass die Russlandaffäre alles überschattet. Dafür ist nicht zuletzt sein Weißes Haus verantwortlich, das mit der Krise amateurhaft umgeht. Auch diesmal kamen zwei Tage lang widersprüchliche Stellungnahmen von verschiedenen Seiten. Erst als sich abzeichnete, dass die "New York Times" über den E-Mail-Verkehr mit Goldstone verfügte, veröffentlichte Donald jr. ihn am Dienstag selbst.

Trumps zweites Problem ist Jared Kushner. Über ihn reden derzeit wenige, auch wenn er eine zentrale Rolle in der Russlandaffäre einnimmt. Er war an jenem Junitag im Trump Tower mit dabei. Er war es, der im Dezember mit dem russischen US-Botschafter einen geheimen Kommunikationskanal nach Moskau öffnen wollte. Kushner beschäftigt mittlerweile von allen im Trump-Clan die berühmtesten Anwälte, noch ein Zeichen, dass er seine derzeitige Lage sehr ernst nimmt.

Das dritte Problem ist, dass der Präsident seinen Twitter-Account nicht aufgibt. Einem Reporter des "New York Times Magazine" sagte er, niemand nehme ihm "social media" weg, das sei seine Stimme. Selbst wenn die Berater im Weißen Haus krampfhaft versuchen, den Präsidenten beschäftigt zu halten, wirft er sich immer wieder mit voller Wucht in den Kampf und dominiert mit seiner irrlichternden Aggressivität die Schlagzeilen. Wie so oft ist Trump selbst sein größter Feind.



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