AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 4/2017

Bedrohte Weltwirtschaft "Am Ende muss jemand bezahlen"

Mit Donald Trump als US-Präsident und dem Brexit beginnt ein Zeitalter politischer Unsicherheit, sagt Stanford-Ökonom Nicholas Bloom. Die globale Wirtschaft wackelt - und wir alle müssen womöglich darunter leiden.

Donald Trump
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SPIEGEL: Werden Politik und Wirtschaft mit der Amtseinführung von Donald Trump als amerikanischer Präsident unberechenbar?

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Heft 4/2017
Die neue Weltordnung

Bloom: Ja, das kann man so sagen. Die Werte, mit denen wir politische Unsicherheit messen, waren noch nie so hoch wie heute. Und wir erheben immerhin Daten, die bis an den Anfang des 20. Jahrhunderts zurückreichen.

SPIEGEL: Das liegt allein an der Wahl Trumps zum Präsidenten?

Bloom: Nein, auch die Entscheidung der Briten, die Europäische Union zu verlassen, spielt eine Rolle. Diese beiden Phänomene sind Ausdruck eines grundlegenden Problems: Der Aufstieg populistischer Parteien wie der Fünf-Sterne-Bewegung in Italien und des Front National in Frankreich erschüttert die politischen Gewissheiten der vergangenen Jahrzehnte. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Wirtschaft.

SPIEGEL: Sie haben Methoden entwickelt, mit denen Sie politisch bedingte Unsicherheit und ihre Folgen messen. Wann steigt die Unsicherheit?

Bloom: Vereinfacht gesagt gilt folgende Gleichung: Sinkendes Wirtschaftswachstum und steigende Ungleichheit führen zu mehr Unsicherheit. Die USA und zu einem gewissen Grad auch Länder in Europa erleben seit Jahrzehnten, dass die Ungleichheit in der Bevölkerung wächst: Eine kleine Gruppe von Menschen besitzt die Mehrheit des Reichtums. Das machen sich Populisten zunutze, deren Politik sich kaum vorhersehen lässt. Die Folgen sind gravierend: Unternehmen scheuen das Risiko, in unsicheren Zeiten schieben sie Investitionsentscheidungen auf die lange Bank, die Börse reagiert schreckhaft, und die Arbeitslosigkeit droht zu steigen.

SPIEGEL: In diesem Jahr stehen wichtige Abstimmungen in Europa an: im Frühjahr die Präsidentschaftswahlen in Frankreich, wenige Monate später die Bundestagswahl in Deutschland. Welche Auswirkungen werden sie haben?

Bloom: Wahlen an sich müssen nicht zu mehr Unsicherheit für Unternehmen führen - im Gegenteil: Stabile Demokratien bieten ein verlässliches Umfeld. Zudem veränderten sich die großen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen durch Wahlen in den vergangenen Jahrzehnten kaum.

SPIEGEL: Stattdessen sind Handelsschranken gefallen, Zentralbanken sorgten für niedrige Zinsen, und die Nato bot Sicherheit. Darauf konnte man sich verlassen, egal wer in Washington oder Paris regierte.

Bloom: Ja, die Frage politischer Stabilität spielte bestenfalls bei der Bewertung von Entwicklungsländern eine Rolle oder im Falle Russlands. Heute betrifft sie auch die Demokratien des Westens. Die Fünf-Sterne-Bewegung in Italien lässt ihre Mitglieder über ihre Politik online abstimmen - mit der Folge, dass die Ergebnisse oft völlig unvorhersehbar sind. Auch Trump scheint regelmäßig aus der Hüfte zu schießen, an seinen dürren Twitter-Nachrichten kann man erkennen, dass er seine Meinung ständig ändert. Politik ist schwer berechenbar geworden, das macht es für Einzelne, aber auch für Unternehmen so schwierig.

SPIEGEL: Dennoch reagieren die Märkte positiv auf Trumps Wahl. Wie erklären Sie sich das?

Bloom: Trump kann, wie jede Regierung, mit geliehenem Geld, einen kurzen Boom anfachen, genau das hat er angekündigt. Er scheint Wirtschaftspolitik machen zu wollen, wie sie bei den Republikanern üblich ist, er will Geld in die Hand nehmen, um Straßen zu bauen, und die Steuern senken. Das gefällt den Märkten. Doch am Ende muss immer jemand für diese Ausgaben bezahlen.

SPIEGEL: Sie glauben, dass Trump seine Anhänger enttäuschen wird?

Bloom: Unter Trumps Wählern sind viele Verlierer der vergangenen Jahrzehnte. Trump wird sich schwer damit tun, sie zu Gewinnern zu machen. Die Jobs dieser Menschen sind doch nicht durch Chinesen oder Mexikaner gefährdet, sondern durch Roboter und Computer. Da helfen neue Handelsbarrieren und höhere Zölle nichts. Wenn Sie die Schule mit 16 verlassen, dann gibt es mit großer Wahrscheinlichkeit eine Maschine, die das, was Sie können, billiger und besser kann. Daran vermag auch Trump nichts zu ändern.

SPIEGEL: Populisten versprechen ihren Wählern oft, dass sie die Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Wenn wir Sie richtig verstehen, ist es aber gerade der Erfolg populistischer Parteien, der für mehr Unsicherheit sorgt und so die Erfolgschancen dieses Versprechens untergräbt.

Bloom: Der Brexit ist dafür ein klassisches Beispiel: Die Brexiteers versprachen lauter wunderbare Dinge, doch fast nichts davon wird jemals wahr werden. Die Milliarden, die London nach Brüssel überweist, werden sich am Ende jedenfalls nicht im Budget des National Health Service wiederfinden. Der Brexit wird für viele seiner Unterstützer bitter werden.

SPIEGEL: Dabei hat die Brexit-Entscheidung der Briten ähnlich wie Trumps Wahl in den USA zunächst nicht zu weniger Wachstum geführt, im Gegenteil.

Bloom: Der Brexit ist doch noch gar nicht passiert, und solange verhandelt wird, ist das Leben weiter gut, vielleicht sogar besser als zuvor: Der Wert des Pfunds ist wegen des Brexit-Votums gesunken, Großbritannien aber weiterhin Teil des europäischen Binnenmarkts - kein Wunder, dass Unternehmen, die vom Export abhängen, zufrieden sind. Das Problem ist nur: Wenn der Brexit erst einmal vollzogen ist, wird die Welt ganz anders aussehen.

SPIEGEL: In Ihren Untersuchungen gehen Sie bis ins Jahr 1900 zurück. Gab es historische Situationen, in denen die Unsicherheit ähnlich groß war wie heute?

Bloom: Weltweit hat sich die politisch bedingte Unsicherheit seit der Wahl Trumps in unseren Messungen mehr als verdoppelt. Um vergleichbare Werte zu finden, muss man weit zurückblicken, etwa in die späten Zwanzigerjahre, die Zeit der Großen Depression. Oder denken Sie an Großbritannien in den Siebzigerjahren. Damals musste der Internationale Währungsfonds dem Land mit einer dramatischen Rettungsaktion helfen.

SPIEGEL: Ihr sogenannter Economic Policy Uncertainty Index ist der erste Versuch, politische Unsicherheit zu quantifizieren und die Folgen für die Wirtschaft zu messen. Mit welchen Daten arbeiten Sie?

Bloom: Ob Sie es glauben oder nicht, wir greifen ganz klassisch zur Zeitung und untersuchen, wie oft bestimmte Schlüsselbegriffe in den Artikeln verwendet werden. Dabei helfen uns Computer und Studenten an der Universität Chicago. In Deutschland werten wir das "Handelsblatt" und die "Frankfurter Allgemeine" aus.

SPIEGEL: Mit Verlaub: Da fehlt ein entscheidendes Medium ...

Bloom: ... Sie haben recht, aber der SPIEGEL erscheint leider nur einmal in der Woche. Um einen ausreichend großen Pool von Artikeln zu haben, werten wir jedoch nur Tageszeitungen aus.

SPIEGEL: In deren Berichten suchen Sie nach Schlüsselbegriffen wie "Unsicherheit" oder, speziell in deutschen Zeitungen, "Haushaltsdefizit", Regulierung" oder "Bundesbank".

Bloom: Die Idee dahinter ist, vereinfacht gesagt, folgende: Unser Index steigt, wenn sich Artikel mit diesen Schlüsselbegriffen häufen. Diese Daten gleichen wir mit der Entwicklung von Aktienkursen, Wachstumsprognosen und der Entwicklung der Arbeitslosigkeit ab.

SPIEGEL: Vor einiger Zeit präsentierten Sie die Ergebnisse Ihrer Forschung vor den Zentralbankchefs der G-20-Länder, unter anderem Mario Draghi und Jens Weidmann. Wie war deren Reaktion?

Bloom: Die Notenbankchefs waren sehr interessiert. Es entspann sich eine lebhafte Debatte, etwa über die Frage, ob politische Unsicherheit das Wirtschaftswachstum beeinflusst oder ob es genau umgekehrt ist, also sinkendes Wachstum zu mehr politischer Unsicherheit führt. Die vorherrschende Meinung war, dass der Zusammenhang in beide Richtungen besteht.

SPIEGEL: Sie sagten bereits, dass wachsende Unsicherheit vor allem für Unternehmen eine schlechte Nachricht sei. Während des US-Wahlkampfs konnte man beobachten, dass die Aktienkurse von Zementherstellern in die Höhe schossen, als Trump sagte, er wolle zur Bekämpfung illegaler Migration eine Mauer an der Grenze zu Mexiko errichten.

Bloom: Und kurz darauf rauschten sie wieder in den Keller, als er seine Meinung änderte und sagte, es werde wohl doch nur ein Zaun. Daran sehen Sie das Problem.

SPIEGEL: Reagieren bestimmte Branchen besonders empfindlich auf Unsicherheit?

Bloom: Neben der Bauindustrie sind vor allem die Gesundheits- und Verteidigungskonzerne betroffen, da sind unsere Ergebnisse sehr eindeutig. Diese Branchen hängen in besonderem Maße von Entscheidungen der Regierung ab. Auch deutsche Pharmakonzerne machen sich Sorgen wegen Trumps Ankündigung, die unter Präsident Barack Obama eingeführte Gesundheitsversicherung wieder abzuschaffen. Diese Abwicklung hätte für die Gesundheitsbranche ähnlich gravierende Folgen wie der Brexit.

SPIEGEL: Die Internetunternehmen im Silicon Valley dagegen scheinen eher immun gegen Entscheidungen aus Washington. Gilt das auch in Zukunft?

Bloom: Im Grundsatz ja, allerdings mit einer wichtigen Ausnahme: Die Hightechindustrie braucht die Einwanderung hoch qualifizierter Arbeitskräfte, aus Indien, aus China, von überallher. Eines der zentralen Versprechen Trumps im Wahlkampf war aber, die Zuwanderung zu begrenzen. Ich bin sicher: Die Details der Visabestimmungen werden für Gesprächsstoff mit Washington sorgen.

SPIEGEL: Der künftige Präsident betont immer wieder, dass er Politik so machen wolle wie früher seine Geschäfte als Immobilienunternehmer. Werden Deals zwischen Unternehmen und Regierung nun zunehmen?

Bloom: Das steht zu befürchten, leider. Es geht ja schon los: Trump soll Ford gezwungen haben, nicht in Mexiko zu investieren, sondern in Detroit. Dabei sind Vorstandschefs per Gesetz verpflichtet, ihre Entscheidungen im Interesse der Eigentümer und Aktionäre zu fällen, da verbietet es sich eigentlich, mal eben so auf einen Tweet Trumps hin wichtige Weichenstellungen für Investitionen umzuwerfen.

SPIEGEL: In Großbritannien wiederum setzte der Autobauer Renault-Nissan zuletzt umgekehrt Downing Street unter Druck: Neue Investitionen werde es nur geben, wenn die Regierung sicherstelle, dass das Unternehmen auch nach dem Brexit weiter zu den Bedingungen des EU-Binnenmarkts in die EU exportieren könne.

Bloom: Bei solchen Absprachen fehlt jede Transparenz. Zum Beispiel drängt sich die Frage nach dem Gegengeschäft auf: Wird die Polizei in England ihre Autos nun verstärkt bei Nissan ordern? Bestellt das amerikanische Militär künftig mehr Dienstwagen bei Ford? Das würde man schon gern wissen. Doch leider geht es bei diesen Deals ähnlich zu wie bei der Kungelei zwischen Großkonzernen und der Regierung, wie wir sie aus bestimmten Ländern Lateinamerikas kennen. Diese Entwicklung kann einem Angst machen.



insgesamt 38 Beiträge
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Seite 1
Susi64 24.01.2017
1. Unsicherheit ja
aber Trump ist nicht die Ursache sondern Ausdruck der Krise und so wie alle die Situation mit Trump verbinden ist zu erwarten, dass es nur noch schlimmer werden kann. Die Lösungen liegen eben nicht im Weiter-so und wir machen es nach Trump wie vorher, dass wird mit Sicherheit nicht funktionieren. Die Probleme der USA kommen auch nach Europa und momentan ist nicht zu erwarten, dass es sinnvolle Lösungen gibt, eben nur Verwunderung "Wie konnte das passieren?".
muellerthomas 24.01.2017
2.
Zitat von Susi64aber Trump ist nicht die Ursache sondern Ausdruck der Krise und so wie alle die Situation mit Trump verbinden ist zu erwarten, dass es nur noch schlimmer werden kann. Die Lösungen liegen eben nicht im Weiter-so und wir machen es nach Trump wie vorher, dass wird mit Sicherheit nicht funktionieren. Die Probleme der USA kommen auch nach Europa und momentan ist nicht zu erwarten, dass es sinnvolle Lösungen gibt, eben nur Verwunderung "Wie konnte das passieren?".
Warum eigentlich nicht? Das einzig wirklich große Problem sowohl in den USA als auch in Deutschland ist die seit Jahrzehnten ansteigende Ungleichheit. Ansonsten gilt für beide Länder eine gute Arbeitsmarktsituation, seit langem tendenziell sinkende Kriminalität, hoher Wohlstand. Was möchten Sie denn ändern?
Überfünfzig, 24.01.2017
3. Und schon läßt...
...SPON das nächste Orakel über die ach so bösen Absichten von DT aufmaschieren und ein bißchen Angst verbreiten. Das Trommelfeuer darf nicht nachlassen und wehe er hat trotz der Unkerei Erfolg, den das könnte der warme Aufwind für die Rechtspopulisten in der EU sein und damit müßten unsere Medien ihr Komfortecke verlassen. In den USA will die Presse jetzt mit echten Fakten rüberkommen, damit sie bei den Polterpressekonferenzen nicht gleich abgekanzelt werden. Donald wird sich wohl warm anziehen müssen und die Presse muß jetzt echt ackern, um nicht mit Meinungserziehung, sondern mit harten Tatsachen überzeugen zu können.
thequickeningishappening 24.01.2017
4. Die Ursachen sind klar
Je groesser Das Ungleichgewicht desto größer die Gegenreaktion! Die Verursacher hatten lange Zeit und haben Sie ausgesessen; jetzt kommt die Rechnung an den Wahlurnen!
muellerthomas 24.01.2017
5.
Zitat von thequickeningishappeningJe groesser Das Ungleichgewicht desto größer die Gegenreaktion! Die Verursacher hatten lange Zeit und haben Sie ausgesessen; jetzt kommt die Rechnung an den Wahlurnen!
Und Sie glauben, dass ein massiver Abbau der Regulierung und die weitere Senkung der Unternehmenssteuern die Ungleichheit in den USA nun reduzieren wird? Oder dass ein Kabinett mit Leuten aus Big Oil und Wall Street auch nur ernsthaft daran arbeitet, die Ungleichheit zu reduzieren?
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