Anwohner gegen Dealer Aufstand im Kreuzberger Kifferparadies

Berlins linker Senat kapitulierte vor der Drogenszene im Görlitzer Park. Doch viele der sonst so toleranten Kreuzberger hatten von Dreck und Drogenkriminalität die Nase voll.
Festivalbesucher im Görlitzer Park Mai 2016: "wortwörtlich zugeschissen"

Festivalbesucher im Görlitzer Park Mai 2016: "wortwörtlich zugeschissen"

Foto: imago/ZUMA Press

Dieser Beitrag gehört zu den meistgelesenen Plus-Texten des Jahres 2017.

Vielleicht geht es wirklich nur noch mithilfe von oben. Susann Kachel, Pfarrerin der Emmaus-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg, steht in ihrer Kirche und blickt in erwartungsvolle Gesichter.

Es ist ein kühler Frühlingsabend, mehr als hundert Kiezbewohner sind gekommen, sie wollen wissen, wie es nun weitergeht mit dem Görlitzer Park gleich gegenüber.

"Der Görli riecht nach Bratwurst und Joints", sagt die Pfarrerin. Er solle wieder ein Ort für alle werden, ohne jemanden zu verdrängen, nicht die Dealer, nicht die kampierenden Roma. Aber wie? "Darüber werden wir hoffentlich friedlich streiten", sagt Susann Kachel. Sie seufzt ins Mikrofon.

Am "Görli", wie der Park bei vielen Anwohnern heißt, herrscht Ausnahmezustand, mal wieder. Die 14 Hektar große Grünfläche ist ein umkämpftes Symbol geworden, ein Drogenparadies für Dealer und Touristen, ein scheinbar gesetzloses Gebiet, ein Schauplatz für Feiern und Proteste am 1. Mai.

Der neue rot-rot-grüne Senat hat die einst vom damaligen CDU-Innensenator verhängte Null-Toleranz-Strategie im Görlitzer Park "wegen Erfolglosigkeit" beendet. Persönlicher Bedarf von bis zu 15 Gramm Hasch wird künftig nicht mehr verfolgt. Das Laisser-faire statt Law and Order wird flankiert von der grün dominierten Bezirksverwaltung. Sie will die Probleme ohne Polizei lösen, eher sanft. Razzien und Repression sollen vorbei sein.

Kreuzberg wird mit seinem versifften Park einmal mehr das größte Versuchslabor der deutschen Drogenpolitik. Und nebenbei auch der erste Prüfstein für den neuen rot-rot-grünen Senat.

Über kaum eine andere Maßnahme der Landesregierung wird so viel gestritten wie über den neuen Kifferkurs. Die einen beklagen das Ende des Rechtsstaats und ein Paradies für Dealer, die anderen bejubeln die Einsicht, dass der Kampf gegen Drogen sowieso weltweit verloren sei und man besser in Prävention, Aufklärung und Legalisierung investieren solle.

Der Mann, der im Zentrum dieser Auseinandersetzung steht, hat recht schmale Schultern für die Erwartungen, die auf ihm ruhen. Cengiz Demirci, 44, ist von kleiner, aber kräftiger Statur, hat ein frohes, offenes Naturell und macht nun den, wie man in Kreuzberg scherzt, wohl ersten legalen Job im Görli: Er ist der Parkmanager. Als der Sozialpsychologe kürzlich in der Emmaus-Kirche das "Handlungskonzept" für den Park vorstellte, wurde er mit großem Applaus empfangen und war ständig umringt von Anwohnern. Schnell bildeten sich, wie so oft in Kreuzberg, Fraktionen. Die einen fordern eine elegante Anlage fürs Boule-Spielen, andere lehnen jede Art von geregelter Nutzung als "autoritär" ab.

Sozialpsychologe Demirci: Smiley-Sheriff ohne Uniform

Sozialpsychologe Demirci: Smiley-Sheriff ohne Uniform

Egal wo Demirci nun auftaucht, trifft er auf eine typisch Kreuzberger Mischung: Kiffende Studienräte, überbesorgte Mütter, vegane Cafébesitzer, alle reden auf ihn ein. Demirci versucht, die Erwartungen zu dämpfen: "Ich bin hier nicht der Messias, natürlich soll jeder mit seinen Beschwerden kommen, aber bitte auch mit Lösungsvorschlägen."

Dass vielen Anwohnern andere Lösungen vorschweben als den grünen Hoffnungsträgern, ist auf Schautafeln in der Emmaus-Kirche zu lesen. Dort werden Maßnahmen zur Befriedung des Parks vorgestellt: ein paar Umbauten, mehr Kulturevents und eben der Parkmanager, der unterstützt werden soll von sogenannten Parkläufern. Auf Pappkarten dürfen die Kreuzberger das alles kommentieren: "Öfter die 110 wählen", steht da. Oder: "Drogenhändler nach 22 Uhr rigoros kontrollieren". Und: "Kulturelle Belebung? Der Park ist bereits völlig übernutzt!" Auch nach einer Lösung für dort kampierende Roma-Familien wird gefragt, nicht zuletzt wegen verwahrloster Kinder und weil "Hinterhöfe der Anwohner wortwörtlich zugeschissen" würden.

Die Kritikpunkte werden schriftlich und anonym formuliert, in der öffentlichen und mündlichen Diskussion traut sich kaum noch jemand, so etwas zu sagen. Denn auch das gehört zu den Kreuzberger Eigenheiten. Was man andernorts die Lufthoheit der Stammtische nennt, ist hier das Meinungsmonopol der Linksalternativen und Autonomen, die im Zweifel jede Versammlung niederschreien.

Eine "strukturelle Kommunikationsblockade" nennt das die Ethnologin Franziska Becker, die für den Bezirk eine Nutzungsstudie des Görlitzer Parks erarbeitete und dort mehr als 180 Interviews führte. Sie stellte fest: Wer es in Kreuzberg wagt, darauf hinzuweisen, dass die Mehrzahl der Dealer Schwarzafrikaner ist, gilt automatisch als Rassist. Wer fragt, ob der Park nicht wieder für Kinder und Familien nutzbar gemacht werden könne, macht sich der Gentrifizierung verdächtig. Wer Zweifel daran äußert, dass Dealer mit dem Angebot einer Lehrstelle und eines Aufenthaltstitels in die Legalität geleitet werden könnten, ist zynisch oder neoliberal - in Kreuzberg wird das linke Weltbild noch gegen die Realität verteidigt.

Die Studie von Becker ist die Grundlage für das von einer "AG Görlitzer Park" erarbeitete Handlungskonzept. Lorenz Rollhäuser hat als Anwohner in dieser AG mitgearbeitet und dabei viel über die im Kiez verbreitete Angst gelernt, über Gewalt, sexistische Angriffe gegen Frauen, Verdrängung. Die Studie sei "schockierend", sagt Rollhäuser: "Das Konzept eines Freiraums ist schön." Aber es sei nicht schön, "wenn dort dann das Recht des Stärkeren gilt".

Die Abschaffung der Razzien findet er dennoch richtig, die hätten nichts gebracht, nur "kann man den Park auch nicht sich selbst überlassen". Seit vielen Jahren, sagt er, werde dort gedealt, und keiner habe sich je richtig gekümmert, inzwischen sei der Görli "ein aufgeladener Ort", wie die Ethnologin Becker ihre Arbeit zutreffend überschrieben habe: "Hier ist jeder Busch politisch." Nun soll, wie Demirci und die Bezirksverwaltung es nennen, das Konzept einer "niedrigschwelligen Sozialkontrolle" die Rettung bringen.

Dafür bekommt Demirci die "Parkläufer" an die Seite. Das Modell ist europaweit fast ohne Vorbild, weshalb sich Demirci große Mühe mit seinen Bewerbern gibt. Aber was genau soll ein Parkläufer sein? "Nicht der bullige Türsteher, nicht der verlängerte Arm der Polizei oder des Ordnungsamtes, nicht der klassische Sozialarbeiter", sagt Demirci.

Seine Parkläufer sollen Präsenz zeigen, mögliche Konflikte schon frühzeitig deeskalieren, von frei laufenden Hunden über zu laute Musik und zurückgelassenen Müll bis hin zu aufdringlicher Dealerei. Eine Art Smiley-Sheriff ohne Uniform mit hoher sozialer und kommunikativer Kompetenz, möglichst mehrsprachig.

Das Problem: Solche Hybride gibt es nicht. Zunächst bewarben sich nur klassische Security-Firmen um den Auftrag. Monatelang suchte Demirci nach passenden Bewerbern, im Mai soll es endlich losgehen, rechtzeitig zur beginnenden Parksaison. Jeweils im Duo werden seine Leute vor allem in den "nutzungsintensiven" Abend- und Nachtstunden und an Wochenenden den Park ablaufen. Anwohner Rollhäuser hofft: "Allein ihre Anwesenheit wird schon was verändern."

Demirci sitzt dann in einem Bauwagen im Park, in dem er dreimal wöchentlich Sprechstunde hält. "Ich werde aber rund um die Uhr erreichbar sein", sagt er etwas leichtsinnig und druckt seine Handynummer und sein Foto tatsächlich auf den Flyer, der nun verteilt wird.

Viel Vertrauensvorschuss wird er nicht bekommen, die Opposition in Berlin hat sich schon eingeschossen auf den neuen Menschenversuch in Kreuzberg: "15 Gramm ist keine Kleinstmenge", sagt Marcel Luthe, innenpolitischer Sprecher der Hauptstadt-FDP. Von dem neuen Konzept gehe ein fatales Signal aus: "Der Rechtsstaat wird verhandelbar gemacht." Das Feld nun ganz den Dealern und Konsumenten zu überlassen sei selbst für Kreuzberger Verhältnisse zu viel.

"Kreuzberger Verhältnisse" heißt, dass man sich stets als anders verstanden hat, als Utopia, in dem Christian Ströbele regelmäßig das einzige Direktmandat der Grünen für den Bundestag gewann, die Mai-Demos eskalierten, Mieten und Bier billig waren, eigentlich jeder Tag ein Karneval der Kulturen.

Doch der Görlitzer Park hat schon lange nichts mehr zu tun mit Kreuzberger Kifferromantik der Achtziger, bei der ein paar Langhaarige einen Joint kreisen lassen und versuchen, Mädchen durch feurige Reden gegen das Schweinesystem zu beeindrucken.

Polizei und Staatsanwaltschaft wollen den neuen Kurs in Kreuzberg nicht kommentieren, aber inoffiziell verweisen sie darauf, dass das Problem längst größer sei. Es geht um mehr als einen "Nutzungskonflikt" zwischen Anwohnern und Dealern. Die Konsumenten, meist Touristen, lockten als potenzielle Opfer andere Kriminelle: Betäubungsmittelbegleitkriminalität heißt der Befund im Polizistendeutsch.

Und nun? Während sich Berliner Polizisten aus dem Görlitzer Park zurückziehen, bezieht eine Außenstelle des Bundeskriminalamts (BKA) neue Büros in unmittelbarer Nachbarschaft.

Die BKA-Beamten sind für den Görli zwar nicht verantwortlich. Trotzdem werden sie sicherlich interessiert verfolgen, wie die "niedrigschwellige Sozialkontrolle" in Kreuzberg funktioniert.

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