Der SPIEGEL

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20. Februar 2017, 11:19 Uhr

Präsident Duterte und die Killerkommandos

"Ich wusste, dass die Frauen unschuldig waren"

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Seit dem Amtsantritt von Rodrigo Duterte starben mehr als 7000 Menschen im "Drogenkrieg". Edgar Matobato belastet den Präsidenten schwer: Er habe in dessen Auftrag gemordet.

Der Mann, der von sich behauptet, er sei am Tod von mehr als 1000 Menschen beteiligt gewesen, sitzt auf einem Plastikstuhl inmitten eines tropischen Paradieses und zerhackt eine frische Kokosnuss mit einer Machete, wumm, der klare Saft läuft über seine Hände, tropft auf seine schwarzen Sneakers.

Edgar Matobato war, so sagt er es selbst, 25 Jahre lang Mitglied der Todesschwadronen der Stadt Davao im Süden der Philippinen, gegründet habe sie der heutige Präsident des Landes Rodrigo Duterte.

Matobato lächelt schüchtern, da hinten hat er Maracujas angebaut, dort wachsen Guaven, die Erde in seinem Versteck ist fruchtbar, die Luft würzig, Hühner gackern, ein lauer Wind streichelt sein grau-schwarzes Haar. Matobato sieht die Schönheit, aber sie interessiert ihn nicht.

Er hat seit einigen Jahren nur einen Wunsch: "Dass Duterte vor mir in den Knast geht", sagt er. "Und dass es Gerechtigkeit gibt für all die Ermordeten." Edgar Matobato ist der wichtigste Zeuge bei einem bislang einmaligen Vorgang im Land. Er hat den Präsidenten im vergangenen September unter Eid vor dem Rechtsausschuss des Senats beschuldigt, während seiner Zeit als Bürgermeister der Stadt Davao eine Armee aus Killern aufgebaut zu haben. Ihre Mitglieder, sagt er, operierten inzwischen landesweit.

Matobato, 57 Jahre, ein kleiner, gedrungener Mann mit sanftem Gesichtsausdruck, Ehemann und Vater von fünf Kindern, lebt in einer Hütte auf einer philippinischen Insel, weit weg von jeder Zivilisation. Er steht unter dem Schutz der Kirche; das staatliche Zeugenschutzprogramm hat er freiwillig verlassen, denn sein Gegner beherrscht diesen Staat nun. Wer zu Matobato gelangen will, muss Autos wechseln, Hügel hinaufklettern, sich verpflichten, nichts über seinen Aufenthaltsort zu verraten.

Matobato bezichtigte sich mit seiner Aussage auch selbst. Als Gründungsmitglied der Todesschwadronen habe er "mehr als 50 Menschen" getötet. Hunderte weitere habe er entführt, gequält, zerstückelt, im Meer versenkt, verscharrt. Er habe seinen Kollegen beim Morden assistiert. Bürgermeister Duterte habe die Opfer ausgesucht, Tötungsbefehle gegeben und vor Edgar Matobatos Augen mindestens einen Menschen selbst umgebracht.

Auf allen Sendern, allen Titelseiten war Matobatos Gesicht zu sehen. Konnte ein so harmlos wirkender Mann diese Verbrechen begangen haben? Welche Folgen würde es für ihn haben, dass er sich dem Präsidenten entgegenstellte?

Weil Matobato keinen fairen Prozess erwartet und fürchtet, dass seine früheren Gefährten ihn noch einmal foltern, traut er sich nicht mehr auf die Straße. Vor der Veranda, auf der er an diesem Mittag sitzt, erstreckt sich ein Tal in den verschiedensten Schattierungen von Grün, ein schlammiger Fluss rauscht in der weiten Ebene. Hinter ihm steht eine Holzhütte, am Boden liegen zwei alte Matratzen für ihn und seine Frau, die bei ihm ist.

"Ich habe vor dem Senat versucht, das System der Todesschwadronen zu erklären", sagt Matobato und schenkt Kokoswasser in Gläser. "Ich kenne es aus Davao ja so gut wie sonst kaum jemand."

Edgar Matobato sagt, er sehe es als seine Pflicht an zu sprechen. Heute herrsche in seinem Land eine ähnliche Straflosigkeit wie unter Diktator Ferdinand Marcos, der 1972 das Kriegsrecht verhängte. Mehr als 3000 Menschen wurden getötet, viele Leichen mit Folterspuren entstellt am Straßenrand abgeladen, so wie es heute mit den Opfern des Drogenkriegs geschieht. Nur, dass im ersten halben Jahr unter Duterte bereits doppelt so viele Menschen starben wie in fast einem Jahrzehnt unter Marcos.

Duterte hat seinen Wählern versprochen, die Philippinen vom organisierten Verbrechen, von Drogen und Korruption zu befreien. Und die wählten ihn, weil sie einen Erlöser in ihm sahen, der anders ist als das Establishment. Doch er hat sein Land mit seiner Vollstreckermentalität in kurzer Zeit an den Abgrund geführt. Einmal verglich er sich selbst mit Hitler, allerdings mit einer falschen Zahl. "Hitler massakrierte drei Millionen Juden. Jetzt gibt es hier drei Millionen Drogenabhängige. Ich würde sie gern abschlachten."

Die Presse auf den Philippinen ist relativ frei, die Menschen trauen sich, offen zu sprechen. Doch de facto sind die Philippinen zu großen Teilen ein Polizeistaat, zumindest was die Entscheidung über Leben und Tod angeht.

Rund sieben Monate nach Dutertes Amtsantritt sind mehr als 2500 Menschen bei offiziellen Polizeioperationen gestorben, etwa 5000 starben durch Todesschwadronen - maskierte oder unmaskierte Killer, die auf Motorrädern patrouillieren. Sie richten Menschen mit Kopfschüssen hin, wickeln Paketband um die Köpfe und lassen sie ersticken. Sie schlachten ihre Opfer ab wie Tiere, mitten am Tag, neben einem 7-Eleven-Shop, an einer Kreuzung, beim Mittagsschlaf am Kiosk. Jeder weiß, dass es jeden jederzeit treffen kann.

Die Leichenschauhäuser in der Hauptstadt Manila horten die Toten, die niemand abholt. Die Gefängnisse sind überfüllt. Unter dem Deckmantel des Antidrogenkampfes begleichen viele Philippiner inzwischen offene Rechnungen mit ihren Feinden oder störenden Nachbarn. Prozesse? Gibt es kaum.

Es gibt vor allem zwei Menschen, die dem Präsidenten gefährlich werden können. Es ist ein ungewöhnliches Tandem. Die Senatorin und Juristin Leila de Lima, die im September 2016 eine Untersuchung im philippinischen Senat anstrengte, als nach Dutertes Amtsantritt immer mehr Menschen ermordet wurden. Und Edgar Matobato, ihr Zeuge, der behauptet, er habe sie vor sieben Jahren einmal umbringen sollen - im Auftrag Dutertes.

Auf der Terrasse seines Schutzhauses blickt Matobato schüchtern zu Boden. Um seinen Hals trägt er eine Perlenkette mit einem Kreuz daran. Wie spricht man von einer unermesslichen Schuld?

Matobato wählt nüchterne Worte, er hangelt sich entlang an Zeiträumen, Daten, Namen. Er erinnert sich gut an den Moment, in dem Duterte ihn als Killer rekrutierte. Es war im Jahr 1988, Matobato sagt, er war einmal Paramilitär und Bauer gewesen, habe die Felder seines Vaters bestellt, der von der kommunistischen New People's Army geköpft worden war.

Im März kam der Bodyguard des neuen Bürgermeisters Rodrigo Duterte auf ihn zu und bot ihm einen Job in der Gemeindeverwaltung an. Man ließ ihn in ein Hotel kommen. Duterte habe ihm und sechs anderen Männern erklärt, es sei ihre Aufgabe, Davao von Kriminellen zu säubern: Vergewaltigern, Kleinkriminellen, Dealern. Duterte habe die neue Truppe "Lambada Boys" genannt, sagt Matobato. Es sollte die erste Zelle der Todesschwadronen sein.

Matobatos erster Toter war ein Mann in einem Billardcafé. Was ihm vorgeworfen wurde, weiß er nicht mehr. Matobato sagt, ein Polizist habe ihm in einem Hotel eine Waffe gegeben, etwas zu essen, dann fuhren sie los. "Ich war nicht sehr nervös, weil die Polizei ja bei mir war", sagt Matobato. Er ging in das Billardcafé und drückte ab. Er war erstaunt, wie leicht es war.

1993 habe er miterlebt, wie Duterte selbst einen Ermittler des Justizministeriums erschossen habe. Der Mann habe nach einer Schießerei verletzt am Boden gelegen, Duterte habe ihn "fertig gemacht".

Der Bürgermeister habe die Opfer höchstpersönlich bestimmt, sagt Matobato. Die Vorsteher eines Viertels hätten ihm Listen mit Informationen über vermeintliche Kriminelle übermittelt. "Er allein entschied dann über ihr Leben."

Für gewöhnliche Kriminelle hätten sie 3000 Pesos erhalten, rund 57 Euro, für Hochrangige 6000 Pesos, sagt Matobato. Sein offizieller Job war es, bei der Gemeinde "Märkte, Terminals und Schulen" zu bewachen. Matobato sagt: "Nach sechs Monaten war ich überzeugt, ich helfe den guten Menschen, indem ich die schlechten töte." Seiner Familie sagte er nichts.

Die Zelle wuchs über die folgenden drei, vier Jahre auf 100 Killer an, etliche ehemalige kommunistische Rebellen hätten sich angeschlossen. Die meisten hätten offiziell Jobs bei der Polizei gehabt. "Daher gab es nach einem Mord nie Ermittlungen."

Matobato erzählt seine Geschichte hoch konzentriert. Er wirkt, als gehe es ihm vor allem darum, verstanden und gehört zu werden. Er kann noch immer kaum fassen, dass die Behörden nicht gegen ihn ermitteln. Er zeigt eine Kladde voller Dokumente, die seine Anstellung in Davao belegen sollen.

Matobato sagt, sein Gewissen plage ihn. "Ich sehe die Gesichter der Toten jede Nacht." Sie suchten ihn heim wie Geister. Er schaut zu seiner Frau, als sie still vorbei zur Wäscheleine geht. Liebt sie ihn noch, mit dieser Vergangenheit? "Sie bleibt bei mir", sagt er leise und blickt zu Boden.

Matobatos eidesstattliche Versicherung besteht aus 87 Fragen und Antworten. Sie beschreibt, wie Duterte in Davao ein System etablierte, in dem nur jene profitierten, die loyal waren. Wer zum Kommando gehörte, dem konnte niemand etwas anhaben. Und wer dazugehören wollte, musste extrem brutal sein.

Da der Staat auf den Philippinen unter Duterte selbst zum Verbrecher geworden sei, kann Matobato seine Schuld nicht sühnen. Die Verbündeten des Präsidenten im Senat erklärten Matobato für "unglaubwürdig". Der Justizminister - der Kriminelle nach eigener Aussage nicht für menschlich hält - sagte, Matobato verbreite "Lügen". Duterte behauptete, ihn nicht zu kennen. Dabei prahlte er vor Kurzem selbst damit, Menschen umgebracht zu haben. Der Rechtsausschuss, vor dem Matobato aussagte, stellte seine Arbeit zum Thema ein.

Nun erzählt Matobato, wie er und die anderen sechs Gründungsmitglieder der Todesschwadron vorgingen. Wie sie Opfer vor ihrem Tod entführten. Wie sie die Toten verschwinden ließen. "Bevor wir ihren Körper zerteilten, zogen wir sie aus und verbrannten ihre Kleider, um Beweise zu vernichten. Dann schütteten wir Speiseöl über ihren Körper, damit sie nicht riechen." Duterte habe bei der Prozedur manchmal zugesehen und überprüft, ob sie den Richtigen umgebracht hatten, bevor sie ihn in einem Steinbruch verscharrten.

Im Jahr 2013, sagt Matobato, sei der Wendepunkt gekommen. Damals habe das Davao Death Squad schon etwa 300 Mitglieder gehabt. Er habe drei junge Frauen entführt, angeblich Dealerinnen, sie seien etwa so alt gewesen wie seine Kinder.

"Bevor sie getötet wurden, haben meine Kollegen sie vergewaltigt", sagt Matobato. Er selbst habe nicht mitgemacht. "Ich wusste aber, dass die Frauen unschuldig waren." Jahrzehntelang hatte er in Kauf genommen, dass bei einem Mord auch Unschuldige getötet werden können, doch nun schrieb er einen Brief an seinen Teamleiter und sagte, er sei inzwischen alt und wolle die Truppe verlassen.

Eine Woche lang hätten ihn die anderen in der Polizeistation gefoltert. Er konnte entkommen, wandte sich schließlich an die Philippinische Kommission für Menschenrechte und kam über das Justizministerium in ein staatliches Zeugenschutzprogramm. Doch als klar wurde, dass Duterte Präsident werden könnte, trat er aus dem Programm aus, weil er sich nicht mehr sicher fühlte. Seitdem schützt ihn die Kirche.

Vor seiner Wahl zum Präsidenten hatte Duterte versprochen, Kriminelle in die Bucht von Manila werfen zu lassen, "um die Fische zu mästen". "So kam es. Alles, was wir heute in Manila sehen, kommt aus Davao", flüstert Matobato. "Ich erkenne unseren Stil wieder, wie wir die Opfer mit Paketband umwickelt haben, die Szenerien, die wir arrangiert haben: einen billigen Revolver neben dem Toten, damit es aussieht, als hätte er sich gewehrt. Wir hatten auch immer Drogen dabei, die wir dem Opfer zusteckten."

Nur die Schilder, die sie am Tatort platzierten, hätten sich leicht geändert. Statt "Ich bin ein Dealer", stehe jetzt darauf: "Ich bin ein Dealer, mach es mir nicht nach."

"Alles, was ich getan habe, waren Befehle, es war nichts Persönliches", sagt er am Ende seiner Erzählung. Dann beginnt Edgar Matobato lange zu weinen.

Wenn man in diesen Tagen durch einen Slum von Manila geht, kann man sehen, wie das System aus Davao sich ausgebreitet hat. Man begegnet trauernden Nachbarn, die neben einem Toten wachen, der beim Schlafen neben den Kindern erschossen wurde. Weil die Tochter kein Geld für die Beerdigung hat, liegt er schon mehr als eine Woche aufgebahrt in einem Sarg.

Auf einem heruntergekommenen Friedhof spielen drei Kinder im Alter von zehn Jahren, sie erzählen von einer Massenbeerdigung mit 13 Toten und türmen herumliegende Schädel zu einer Pyramide auf.

Im Gefängnis einer Polizeistation sitzen 84 Männer in einer etwa 20 Quadratmeter großen Zelle. Sie brüllen ihre Geschichten durch die Gitterstäbe. Kaum einer von ihnen weiß, warum er hier gelandet ist. Es ist unerträglich heiß und stinkt, die Kranken siechen vor der Zelle auf dem Boden.

Ein Spaziergang durch einen beliebigen Slum gleicht einem Trip in eine erbarmungslose Unterwelt. In einem Haus, dessen Standort geheim bleiben muss, kann man einen 18-jährigen Jungen namens Ryan treffen. Er erzählt, wie er ein Massaker überlebte, bei dem sechs seiner Freunde starben. Keiner von ihnen habe je etwas mit Drogen zu tun gehabt, sagt er. "Wir hatten Musik aufgedreht und lachten, dann raste ein Motorrad vorbei, und ein Mann feuerte in unser Wohnzimmer."

Der Junge konnte sich im Badezimmer verstecken. Weil er überlebte, denken die Nachbarn, dass er schuldig sei. Auch ihn schützt jetzt die Kirche. In seinem Bein steckt eine Kugel. Unschuldige Opfer wie er sind das, was Duterte einen "Kollateralschaden" im Drogenkrieg nannte.

Die Jagd auf vermeintliche Drogensüchtige und Dealer unter Duterte folgt einem einfachen Prinzip. Laut Matobato ist es ebenfalls bekannt aus Davao: Die Vorsteher eines "Barangays" - der kleinsten Verwaltungseinheit auf den Philippinen - erstellen eine Liste mit Verdächtigen, die sie der Polizei geben. Die Namen kommen von den Bewohnern und werden ungeprüft übernommen. So kann ein Mensch, der Streit mit seinem Nachbarn hat oder Schulden, schnell auf Dutertes Abschussliste geraten. Als Nächstes klopfen Polizisten mit dieser Liste an Türen, verwarnen die Menschen. Wer Besserung gelobt, liegt häufig bald trotzdem tot auf der Straße.

So lief es jedenfalls bis vor ein paar Wochen, bis Polizisten einen südkoreanischen Geschäftsmann entführten, Lösegeld forderten und ihn ermordeten. Erst da rief Duterte seinen Verfolgungsapparat demonstrativ zur Ordnung, offiziell sind die Aktionen für den Moment eingestellt. Doch die Todesschwadronen machen weiter. Und der Präsident will in Zukunft auf die Armee setzen, um in den Slums zu operieren. Sollte es so kommen, wird der Drogenkrieg wohl noch brutaler werden.

"Die Sache mit der Armee ist reine Kosmetik", ruft Senatorin Leila de Lima in ihrem Büro in Manila, und ihre Stimme überschlägt sich vor Wut. "In Wirklichkeit herrscht hier längst Kriegsrecht." Es gebe keine Menschenrechte mehr. "Und die Werte unserer Gesellschaft verrotten."

Leila de Lima, ebenfalls 57 Jahre alt, ist neben Matobato die zweite Person im Land, die seit Jahren vergebens versucht, dem heutigen Präsidenten gefährlich zu werden. Sie ist eine elegante, kräftig geschminkte Frau, trägt eine gemusterte Bluse, wie ein Paradiesvogel sieht sie aus, "ein Versuch, mich gut zu fühlen", sagt sie und lächelt. Sie gehört den Liberalen an, der langjährigen Regierungspartei.

Auf ihrem Schreibtisch liegen zwei Handys, auf denen immer neue Textnachrichten mit Todesdrohungen eingehen, daneben der neue Report von Amnesty International über die Tötungen. Es ist ein Bericht, den de Lima selbst gern geschrieben hätte. "Doch ich hatte keine Chance", sagt sie. Von der Verfolgerin Dutertes wurde auch sie zur Verfolgten. In ihrem Vorzimmer sitzen jetzt Bodyguards.

Leila de Lima traf Duterte zum ersten Mal im Jahr 2009. Damals war sie noch Vorsitzende der Philippinischen Kommission für Menschenrechte. Sie las einen Bericht der Vereinten Nationen über die Todesschwadronen in Davao. Sie war elektrisiert, die Jagd auf Mächtige, die Menschenrechte missachten, hatte sie als Juristin schon immer interessiert.

De Lima stellte ein Team zusammen und flog in die Heimatstadt Dutertes, sie führte Interviews, befragte Zeugen. Es kam zu öffentlichen Anhörungen in einem Hotel. Einmal war auch Duterte anwesend. De Lima sagt, sie habe damals eine folgenschwere Entscheidung getroffen, weil sie dem damaligen Bürgermeister öffentlich eine Frage stellte. Sie lautete: "Wie sollen diese Morde in Davao ohne den Segen der lokalen Regierung geschehen sein?"

Duterte habe sie nur stumm angesehen. Dann habe er zu einem Monolog ausgeholt und über die Tradition der Gewalt in Davao referiert. Er habe über die Bewegung der "Alsa Masa" gesprochen, die in den Achtzigerjahren in Davao die Kommunisten bekämpften. Diese Wächtertrupps seien hier eben heimisch.

De Lima fand damals keine Beweise, die Duterte oder die Polizei in Davao mit den Schwadronen in Verbindung gebracht hätten. Aber sie sagt: "Er hat nichts vergessen." Jahre später erfuhr sie durch Matobato, dass Duterte sie habe ermorden lassen wollen. Matobato sagte aus, eine Truppe von 80 Männern habe auf de Lima und ihr Team gewartet, als sie eine Halde untersuchen wollte, in der die Schwadronen ihre Opfer vergruben. De Limas Glück sei gewesen, dass sie sich weniger weit in das Gelände vorwagte, als die Männer dachten.

"Sobald Duterte zum Präsidenten gewählt worden war, begannen in Manila die Morde", sagt de Lima. Als frühere Justizministerin und Vorsitzende der Menschenrechtskommission bereitete de Lima die Untersuchung im Senat vor.

Ihr Überraschungszeuge war Matobato, dem sie zum ersten Mal als Justizministerin begegnet war, als er im Jahr 2014 Schutz vor seinen Exkollegen suchte. Der Mann könne weder lesen noch schreiben, "aber er kennt die Situation in Davao. Ich halte ihn für glaubwürdig". Nach seiner Aussage begann die Schlammschlacht. Duterte nannte die Todesschwadronen "einen Mythos" und de Lima "eine amoralische Frau", die sich besser erhängen solle.

Der Rechtsausschuss des Senats stellte alle Untersuchungen ein, ohne Matobatos Aussagen im Detail zu überprüfen. Duterte behauptete, seine Gegnerin de Lima habe als Justizministerin Schweigegeld von Drogenbossen erhalten. Seine Alliierten im Senat entfernten sie von ihrem Posten als Vorsitzende des Ausschusses. Es fanden Anhörungen gegen sie statt, einer der Zeugen verlas ihre Telefonnummer und ihre Adresse im Fernsehen. Auf YouTube gibt es gefälschte Videos, die zeigen sollen, wie sie mit Drogenbossen eine Party feiert.

Im Oktober wurde sie angeklagt wegen Drogenhandels, den sie innerhalb eines Gefängnisses von Manila ermöglicht haben soll. De Lima nennt die Anschuldigungen "eine fabrizierte Story, die mich zum Schweigen bringen soll". Duterte habe den Senat früh gewarnt: Greift nicht in meinen Drogenkrieg ein. Insgesamt liegen 16 Anzeigen gegen sie vor.

De Lima will gegen Duterte ein Amtsenthebungsverfahren wegen Massenmords anstrengen. Aber der Präsident ist immer noch sehr beliebt, seine Zustimmungsrate beträgt laut Umfragen bis zu 86 Prozent. Seine Partei hat die Mehrheit im Senat. Und amtierende Präsidenten sind durch eine Immunitätsregel vor Strafverfolgung geschützt. De Lima appelliert deshalb an den Internationalen Strafgerichtshof, gegen Duterte wegen "Verbrechen gegen die Menschlichkeit" zu ermitteln.

De Lima sagt: "Ich bin unschuldig." Aber sie weiß, wie stark der Apparat ist und wie mächtig der Präsident.

Anfang des Monats haben sich zum ersten Mal Angehörige aus einem Slum mit ihrer Geschichte an die Justiz gewandt. Ein Mann, der sagt, er habe ein Massaker durch die Polizei überlebt, berichtet, dass die Beamten anschließend darüber berieten, wie sie nach ihren Exekutionen den Tatort inszenieren sollten. Die Aussage des Mannes bestätigt, was der Zeuge Edgar Matobato über die Methoden der Todesschwadronen in Davao berichtete. Der Fall könnte der erste dieser Art sein, der vor Gericht verhandelt wird. Das wäre ein Erfolg für Senatorin de Lima. Die meisten Opfer des Drogenkriegs sind Arme, und die können es sich selten leisten, sich zu wehren.

Duterte hat ein Klima geschaffen, in dem ein Gerücht zum Tod führen kann, und es ist kein Ende in Sicht. De Lima und Matobato führen einen Kampf, den sie schwer gewinnen können.

An einem Morgen im Februar tritt Senatorin Leila de Lima noch einmal in den Saal des Senats, in dem auch Matobato sprach. Sie hat nicht mehr viel zu sagen, das Parlament interessiert sich nicht mehr für die Todesschwadronen von Davao, auch nicht für die Vorwürfe gegen den Präsidenten. Stattdessen reden die Abgeordneten an diesem Morgen über die mögliche Wiedereinführung der Todesstrafe. Der Staat soll noch mehr Härte zeigen.

Die Anwesenden tauschen ihre Argumente aus, die Debatte wird hitzig, nach einer Stunde erhebt sich Leila de Lima von ihrem Stuhl. "Die Todesstrafe ist falsch", sagt sie nur. Dann nimmt sie ihre Akten und verlässt die Sitzung. Sie hat keine Zeit zu verschwenden. Sie glaubt, die Regierung führe einen Krieg gegen die Armen und verfolge ihre Fürsprecher.

Leila de Lima erwartet ihre Verhaftung.

Über die Autorin: Katrin Kuntz arbeitet seit 2012 beim SPIEGEL und berichtet aus Krisengebieten weltweit. Als sie in einem Slum von Manila den Zeugen eines Massakers interviewte, wurde das Gespräch ständig von Motorradlärm unterbrochen. Der Mann erzählte, die Killer kämen jede Nacht zurück, weil sie nach jemandem suchten. Kuntz stellte ihre Fragen dann etwas schneller.

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