AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 44/2012

Bücher Kanzler pur

Die Lageberichte Helmut Kohls im CDU-Vorstand werden veröffentlicht - und bieten im O-Ton, wie rüde er über politische Gegner, Parteifreunde und Medien urteilte.

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Der Kanzler ist erleichtert. Acht Kilogramm hat er bei seiner alljährlichen Fastenkur in Bad Hofgastein verloren. Jetzt sitzt Helmut Kohl erholt in Bonn am Schreibtisch - doch der Blick in die Presse vermiest ihm sofort die gute Laune. Es gibt wieder einmal Streit in der Koalition, im CDU-Bundesvorstand holt er deshalb zum Rundumschlag aus.

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Heft 44/2012
Mythos Erwin Rommel

Die eigenen Truppen sollten die SPD endlich angreifen, und zwar alle gemeinsam, poltert der Kanzler. "Wir können keine Arbeitsteilung brauchen, dass drei oder vier in der Union bei den Sozialdemokraten den Wadenbeißer machen, und die anderen sind vornehme Leute." Auch auf die Presse entlädt sich sein Zorn: SPIEGEL und "Stern" seien nichts anderes als - Originalton Kohl - "Exkrementblätter".

Nachzulesen ist der Wutausbruch aus dem Jahr 1994 in einem dicken Wälzer, der jetzt im Droste Verlag erschienen ist und einen einmaligen, weil ungeschminkten und unmittelbaren Blick auf den Altkanzler erlaubt(*). Das Buch bietet Kohl pur: Auf weit über tausend Seiten finden sich die "Berichte zur Lage", 113 an der Zahl, die der CDU-Chef zwischen Ende 1989 und Ende 1998 im Bundesvorstand seiner Partei vortrug - meist frei anhand einiger schriftlicher Notizen.

Kohls Parteifreunde im Vorstand mussten tapfer sein

Das Konvolut, das auf Abschriften von Tonbandaufzeichnungen basiert, hat hohen Unterhaltungswert - und macht vor allem eins deutlich: Kohls Parteifreunde im Vorstand mussten tapfer sein. Der Pfälzer monologisierte über seine Partei, den Zustand der Koalition, zurückliegende oder bevorstehende Wahlen, den politischen Gegner und was sonst innen- und außenpolitisch anlag.

Seine Selbstdarstellung bewege sich dabei "zwischen den Rollen des aufs Ganze hin denkenden Staatsmanns und des disziplinierenden Zuchtmeisters", schreiben die Bearbeiter Günter Buchstab und Hans-Otto Kleinmann in ihrer Einleitung. "Das konnte mitunter bis zu regelrechten Schimpfkanonaden gehen."

Sein gestörtes Verhältnis zu weiten Teilen der Medien nahm bisweilen paranoide Züge an - etwa wenn sich der Oberchristdemokrat über die "linke Hilfsmafia" empörte, die die SPD mobilisieren könne. Besonders vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen fühlte er sich "hinterfotzig" dargestellt und "systematisch in eine Ecke gedrängt".

Selbst in der Fußball-Berichterstattung des ZDF-"Sportstudios" sah sich Kohl diffamiert. "Da laufen die Kicker übers Feld, und bei Freiburg, einem mir sehr sympathischen Verein, spielt einer, der namensgleich mit mir ist, und dann sagt dieser Kommentator zum Spiel, der Kanzler habe wieder einmal versagt, der Kohl habe den Pass nicht erreicht, was zumindest im zweiten Satz wahr war", erregt sich der echte Kohl in einer Sitzung im April 1994. "Natürlich kann man sich über so was amüsieren, aber hier wird auch ein System offenbar."

"Dem Fass den Boden ausgeschlagen"

Der Groll, so scheint es, wird größer, je näher das Ende seiner Kanzlerschaft rückt. Im Juni 1998 wütet Kohl, die Medien würden "gegen die Union" arbeiten, "nicht um uns zu stürzen, sondern um uns zu vernichten". Man müsse "ungewöhnlich dumm, um nicht zu sagen bescheuert sein, wenn man dieses Konzept nicht erkennt".

Wer sich heute über den Dauerzoff in der schwarz-gelben Koalition wundert, den belehren die Kohl-Protokolle, dass es damals keinen Deut besser war. Mehr als einmal beklagt sich der Unionschef über das "miserable Bild", das man abgebe. Parteifreunde, die sich öffentlich kritisch äußern, werden zurechtgestutzt.

Das erlebt im Januar 1997 etwa Christian Wulff, seinerzeit CDU-Oppositionsführer in Niedersachsen, der im Fernsehen die Profillosigkeit der Bundesregierung gerügt hatte. Wulffs Kritik habe "dem Fass den Boden ausgeschlagen", zürnt Kohl vor versammelter Führungsmannschaft. "Ich weiß nicht, was in Ihrem Kopf vor sich geht. Das ist ein Verständnis von Kameradschaft und Miteinander in einer Partei, das für mich völlig inakzeptabel ist."

Auch mit den Kirchen hatte der Katholik Kohl so seine Probleme. Kurz nach der Wahlniederlage im Herbst 1998 beklagt er sich, ausgerechnet im Dom zu Speyer habe ein Pater am Wahlsonntag "sozialistischen Scheiß" gepredigt. Im Juni 1995 sei er bei einem Treffen in Israel von evangelischen Theologiestudenten aus Deutschland "saudumm angequatscht" worden. Über deren Wortführerin lästert Kohl: "Ich glaube, diese Dame hat an nichts im Leben Freude, und ich gönne ihr auch das."

Den Aufstieg der Grünen beobachtet der Kanzler mit besonderem Missfallen. Nachdem sie "blumengeschmückt" in den Bundestag eingezogen sei, empört er sich im Juni 1993, sei nun unübersehbar, dass die Partei "jetzt in der brutalsten Weise die Gräben aufreißt und Hass sät". Fünfeinhalb Jahre später muss er dann nach Wahlpleite und Machtverlust ernüchtert feststellen, "dass die Vorstellung, dass Rot-Grün Furcht und Schrecken erweckt, so nicht mehr stimmt".



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Seite 1
gruenerfg 01.11.2012
1. Fragezeichen
Kohl Staatsmann? Wie die Zeit doch Tatsachen verwischt. Staatsmann war der keinen Tag lang.
claudiosoriano 01.11.2012
2. Nein
Zitat von gruenerfgKohl Staatsmann? Wie die Zeit doch Tatsachen verwischt. Staatsmann war der keinen Tag lang.
aber Ehrenmann mit Ehrenwort! Eine mutige Deutsche Justiz hätte Ihn seinerzeit in Beugehaft genommen! Wie man mit sogn. Ehrenmännern umgeht, zeigt uns z.Z die Italienische Justiz! Die CDU und CSU ein ehrenwerter Christlicher Verein, Christlicher Männer und Frauen.
daddycooldown 01.11.2012
3. Wutbürger im Wandel der Zeiten
Früher gab der feiste Biedermann im Kanzleramt stellvertretend für alle Liebhaber von Saumägen und kräfiten Rieslingen den polternden Wutbürger. Heutzutage regiert im Kanzleramt eine blasse Technokratin der Macht die ihre Contenance eisern im Griff hat und selbst in den Hitze des Gefechts noch freundlich lächelt und mit salbungsvoller Stimme spricht. Derart von der politischen Spitze unvertreten, bleibt dem biedermännischen Wutbürger nichts übrig, als selber auf der Straße Rabatz zu machen. Der zumindest in Stuttgart dann auch gegen die früher staatstragende Partei entlädt.
duk2500 01.11.2012
4. er hatte gar nicht so unrecht
Mit seiner Kritik an der teilweise einseitigen unfairen und mit persönlicher Verunglimpfung ("Birne") verbundenen Berichterstattung durch die Medien hatte Kohl ja nicht so unrecht. Heute mit Angela Markel ("Mutti", "Hosenanzug" und Schlimmeres) ist das ja nicht viel anders. Viele Menschen sind halt so naiv und glauben das dann alles.
martha_rosentreter, 01.11.2012
5. Machtmensch Kohl
Früher oder später erwischt es jeden egozentrischen Machtmenschen mit voller Wucht. So auch den aus Oggersheim stammenden Dauerkanzler. Sein politisches Erbe hat er bekanntlich mit "seinem Mädchen" rechtzeitig aufgebaut, wenngleich sie erst mit einem siebenjährigen TimeShift an die Schaltstellen der Macht gelangen konnte. Eine "Agenda-2010" oder ähnliche, einschneidende Sozialabbaumaßnahmen wie unter Schröder vorgenommen, hätte Kohl mangels Zustimmung der Opposition nie erreicht. Umso schlimmer, dass ausgerechnet die Sozen es waren, die den kleinen Mann von der Straße, das ureigenste SPD-Wählerklientel, so derart hinters Licht führen konnten. Die Sozialdemokraten werden meines Erachtens an diesem Erbe auch noch sehr lange zu knabbern haben.
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