AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 30/2016

Eisen als Wundermedizin "Es wurden Fälle mit tödlichem Ausgang beobachtet"

Eiseninfusionen sollen müden Menschen helfen, wach und ausgeglichen zu werden. Oft werden schon Gesunde behandelt. Ist die Modetherapie sinnvoll, harmlos - oder gar gefährlich? Von Veronika Hackenbroch und Tania Röttger


Internist Schaub: Er selbst beschreibt sich als Gärtner, der in seiner "Eisen-Oase" die "herunterhängenden Blattspitzen" seiner Patienten "begießt"
Basile Bornand / DER SPIEGEL

Internist Schaub: Er selbst beschreibt sich als Gärtner, der in seiner "Eisen-Oase" die "herunterhängenden Blattspitzen" seiner Patienten "begießt"

In den sonnendurchfluteten Behandlungsräumen des Internisten Beat Schaub steht eine dunkel gepolsterte Liege neben der nächsten. Tag für Tag liegen darauf chronisch erschöpfte Frauen, aber auch unkonzentrierte, hyperaktive Kinder. Langsam tropft eine dunkelbraune Lösung in ihre Venen. Der wichtigste Bestandteil: Eisen.

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Heft 30/2016
Es war einmal eine Demokratie

Der sportliche Endfünfziger, dessen Praxis in Binningen im Schweizer Halbkanton Basel-Land liegt, ist von dem chemischen Element besessen. Er selbst beschreibt sich als Gärtner, der in seiner "Eisen-Oase" die "herunterhängenden Blattspitzen" seiner Patienten "begießt". Um seinen Hals baumelt eine Kette, die er einer alten Frau in einem Massaidorf in Tansania abgekauft hat, wo die Leute Rinderblut trinken, um sich mit Eisen zu versorgen.

Schaub nennt seine Behandlungsmethode "Swiss Iron System". Das Kritische daran: Er behandelt nicht nur Menschen, deren Eisenmangel tatsächlich so groß ist, dass sie an einer Eisenmangelanämie, der häufigsten Form von Blutarmut, leiden; der Mediziner erklärt auch all jene zu therapiebedürftigen Patienten, deren Eisenspeicher in Leber, Milz und Knochenmark nicht mehr ganz gefüllt sind. So werden viele Frauen vor den Wechseljahren und Kinder im Wachstumsalter zu potenziellen Patienten. Ist diese Praxis womöglich gar gefährlich? Welche Folgen drohen?

Geschickt hat Schaub seine Ideen populär gemacht. Über die von ihm gegründete Swiss Iron Health Organisation (SIHO) verbreitet er nicht nur die von ihm ersonnenen Richtlinien zur Eisenbehandlung; er hat auch eine Art Franchisesystem geschaffen, mit dem er neue Eisen-Ärzte rekrutiert, ausbildet und überwacht. Ein Behandlungszyklus kostet bei ihm etwa tausend Schweizer Franken.

Mittlerweile lassen so viele Schweizerinnen sich oder ihre hibbeligen Kinder mit Eiseninfusionen behandeln, dass das Bundesamt für Gesundheit Mühe hat, die Kosten wieder in den Griff zu bekommen. Auch in Deutschland findet die Modetherapie immer mehr Anhänger. Vor allem Ärzte mit naturheilkundlicher Ausrichtung bieten Schaubs Eisenbehandlung an. Rund 50 deutsche Praxen haben sich seinem Netzwerk angeschlossen. In fast jeder wichtigen deutschen Großstadt findet sich inzwischen ein "Eisenzentrum" nach Schaub.

Nur: Wie der SPIEGEL in Zusammenarbeit mit Correctiv recherchierte, hat bislang keine qualitativ hochwertige wissenschaftliche Studie nachgewiesen, dass Schaubs Therapie wirklich hilft. Es stimmt zwar, dass Eisenmangel auch ohne Blutarmut vorkommen kann. Denn Eisen wird nicht nur für die Produktion des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin benötigt, sondern auch für andere wichtige Körperfunktionen, darunter für den Sauerstofftransport zum Muskel. Doch bei der Beurteilung, ab wann die Eisenspeicher im Körper ausreichend gefüllt sind, hat Schaub die Fachwelt gegen sich.

Wie voll die Speicher sind, lässt sich am sogenannten Ferritinwert im Blutserum ablesen. Vor wenigen Wochen befand ein Expertengremium der Weltgesundheitsorganisation (WHO): Erst ein Ferritinwert unter 15 Nanogramm pro Milliliter deutet bei Erwachsenen auf ausgelaugte Eisenspeicher hin. Nur bei Menschen mit einer chronischen Entzündung im Körper, wozu auch stark Übergewichtige gehören, sei dieser Grenzwert höher anzusetzen.

Schaub und die Ärzte seines Netzwerks hingegen behandeln auch bei deutlich höheren Ferritinwerten. Genau will Schaub sich nicht festlegen, jeder Mensch habe seine eigene "Eisenschwelle"; doch er behauptet, dass selbst Personen mit einem Ferritinwert von 80 von seiner Therapie profitieren könnten - dadurch werden aber Menschen zu Patienten erklärt, die nach Einstufung der WHO vollkommen gesund sind. Erst ein Ferritinwert von über 100, fabuliert Schaub, entspreche einer "wohl gesalzenen Brühe". Für diese kühne Behauptung hat er indes nur einen Beleg: die Aussagen dankbarer Patienten, die er in einer Datenbank gesammelt hat.

"Es ist die bekannte Misere", sagt Gerd Antes, Direktor des Deutschen Cochrane Zentrums in Freiburg. "Lauthals wird eine Therapie verbreitet, ohne dass es eine hochwertige Studie gibt, die den Nutzen belegt." Und der Schweizer Eisenexperte Pierre-Alexandre Krayenbühl, Chefarzt am Spital Linth in Uznach, sagt: "Das Thema ist interessant, aber man sollte nur das tun, was wirklich wissenschaftlich belegt ist."

Vifor Pharma, einer der wichtigsten Hersteller von Eiseninfusionen, hat bereits zwei Studien zur intravenösen Eisentherapie bei chronischem Erschöpfungszustand finanziert. Selbst diese Untersuchungen deuten darauf hin, dass eine Eisentherapie, anders als von Schaub behauptet, wahrscheinlich ganz überwiegend erst bei stark entleerten Eisenspeichern mit einem Ferritinwert von 15 oder weniger Wirkung zeigt - und kommen damit zu ähnlichen Ergebnissen wie die WHO-Experten.

Insbesondere belegen die von Vifor Pharma bezahlten Studien, wie groß der Placeboeffekt intravenöser Infusionen ist. Schon nach einer Scheintherapie ohne ein einziges Eisenmolekül fühlt sich fast jeder zweite Studienteilnehmer subjektiv besser.

Der Eisen-Guru tut die bisherigen Studien als nicht aussagekräftig ab, gibt aber zu, dass die Datenlage zu seiner Therapie tatsächlich "sehr dünn" sei. Er kündigt an, demnächst eine eigene wissenschaftliche Untersuchung durchzuführen. Ob er seine angeblichen Behandlungserfolge dabei mit einer Placebogruppe vergleichen oder nur wieder seine Patienten befragen wird, will er aber noch nicht verraten.

Ebenfalls mit ihrer Erfahrung rechtfertigen er und seine Mitstreiter, dass sie ihre Patienten fast immer gleich an den Tropf hängen. Es sei "unethisch, den Patienten die geeignete Therapie vorzuenthalten", sagt Schaub. Dabei steht in den Beipackzetteln der Eisenpräparate ausdrücklich, die Therapie sollte zunächst mit Tabletten oder Säften begonnen werden.

Das forsche Vorgehen der Schaub-Anhänger ist nicht ohne Risiko: Eine Eiseninfusion kann schwere Nebenwirkungen haben. Vor allem lebensbedrohliche Überempfindlichkeitsreaktionen und ein plötzlicher Blutdruckabfall sind möglich. Obwohl die neueren Präparate deutlich sicherer sind als die früheren, verschickte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) 2013 einen "Rote-Hand-Brief" an alle Ärzte und Apotheker, in dem es vor Eiseninfusionen jeglicher Art warnt: "Es wurden Fälle mit tödlichem Ausgang beobachtet."

Laut der Datenbank des BfArM wurden in den vergangenen zehn Jahren allein im Zusammenhang mit den zwei am häufigsten verordneten Mitteln (Ferrlecit und Ferinject) insgesamt 364 Verdachtsfälle unerwünschter Arzneimittelwirkungen gemeldet - von harmlosem Hautausschlag über Blutdruckabfall bis hin zum anaphylaktischen Schock und Tod.

Schaub sagt, er verwende in seiner Praxis fast ausschließlich das sicherste aller erhältlichen Infusionspräparate. Erst ein einziges Mal habe bei ihm eine Patientin - allerdings mit einem anderen Präparat - eine anaphylaktische Reaktion erlitten.

Trotz der ernüchternden Studienergebnisse versucht auch die Herstellerfirma Vifor Pharma, Eiseninfusionen, insbesondere das teure Präparat Ferinject, unter Ärzten und Patienten populär zu machen. Das Unternehmen hat dafür sogar ein eigenes Eisen-Netzwerk geschaffen, in dem in Deutschland bereits rund 300 Praxen registriert sind.

Auf einer von Vifor Pharma finanzierten Website propagiert der Nephrologe Roland Schaefer, der früher an der Uni Münster ein eigenes Eisenzentrum betrieb, in einem Video die Eiseninfusionen. Dass er dafür von der Pharmafirma ein Honorar erhalten hat, erachtet er "als legitim".

Offenbar war der Mann sein Geld wert: Die Verordnungen des teuren Vifor-Mittels Ferinject stiegen von 2013 bis 2014 um 12,5 Prozent.

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Es war einmal eine Demokratie


insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
sok1950 29.07.2016
1. der erste, frei zu lesende Teil reicht
es gibt eine Krankheit, Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit) genannt die noch immer nicht von Ärzten erkannt wird oder erst dann, wenn es zu spät ist. Diabetes, Leberzierrose, Herzkrankheiten, Abgeschlagenheit, Antriebslosigkeit (sprich Burn Out) sind das Ergebnis - kommt einem irgendwie bekannt vor, oder. Alles nur wegen zu genetisch bedingtem zu hohem Eisengehalt im Blut, sprich Eisenvergiftung. Preisfrage: Welcher Arzt untersucht bei Diabetes, Leberzierrose, Herzkrankheiten, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit auf Hämochromatose?
Frida_Gold 29.07.2016
2.
Zitat von sok1950es gibt eine Krankheit, Hämochromatose (Eisenspeicherkrankheit) genannt die noch immer nicht von Ärzten erkannt wird oder erst dann, wenn es zu spät ist. Diabetes, Leberzierrose, Herzkrankheiten, Abgeschlagenheit, Antriebslosigkeit (sprich Burn Out) sind das Ergebnis - kommt einem irgendwie bekannt vor, oder. Alles nur wegen zu genetisch bedingtem zu hohem Eisengehalt im Blut, sprich Eisenvergiftung. Preisfrage: Welcher Arzt untersucht bei Diabetes, Leberzierrose, Herzkrankheiten, Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit auf Hämochromatose?
Bei Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit sollte ein Arzt eigentlich von selbst den Eisenwert checken - tritt schließlich auch bei Eisenmangel bzw. Blutarmut auf...
sok1950 29.07.2016
3. klar, der Eisenwert wird gecheckt...
Zitat von Frida_GoldBei Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit sollte ein Arzt eigentlich von selbst den Eisenwert checken - tritt schließlich auch bei Eisenmangel bzw. Blutarmut auf...
aber nur ob Eisenmangel vorliegt. Zu hohes Ferritin aber schlicht ignoriert, schlechte Leberwerte mit: "Trinken Sie mal nicht so viel." kommentiert. Hätte ich mich nicht aufgerafft und wäre ich nicht zu einem anderen Arzt gegangen (der hat mich mit den gleichen Laborwerten noch am gleichen Tag zum Internisten und der mich gleich auf die Liege zum Aderlass gelegt), wäre ich jetzt nicht mehr da.
zoon.politicon 29.07.2016
4. Doktor verdient doppelt
Hab auch nur den ersten, frei zu lesenden Teil gecheckt: Jeder Medizinstudent lernt, dass die Eisenaufnahme im Dünndarm fein reguliert wird. Eisenzufuhr "am Dünndarm vorbei" über Infusionen setzt diesen Schutzmechanismus ausser Kraft, mögliche Folge Eisenablagerung in Leber, Milz Herz u.a.: sekundäre Eisenspeicherkrankheit. Bezeichnenderweise eine klassische Therapie hierfür: der "Aderlaß". Da kann der Doktor nochmal verdienen.
mark_gregory_brunold 22.03.2017
5. Statt Angst zu verbreiten und den Arzt zu verleumden, wäre eine vertiefte Recherche interessant gewesen.
Schon im Titel zu suggerieren, dass Eiseninfusionen zum Tode führen könnten, ist schon krass. Leider nehmen Sie dadurch einigen 'müden' Menschen die Chance, vielleicht über Eiseninfusionen wieder ein Stück Lebensqualität zurückzugewinnen. Lieber folgt man also der gängigen Meinung der sogenannten Fachwelt und holt sich in der Apotheke gesetzlich anerkannte Amphetamine oder Antidepressiva, was zum schlafen, was zum aufstehen, was für zwischendurch? Dass aber in unserer westlichen Schulmedizin einiges grundsätzlich schief läuft, dass jeder Doktor an einer Stelle rumdoktert und keiner auf die Idee kommt Zusammenhänge zu sehen (ausser bei Dr.House, ja die Serie!) und dass wir wahrscheinlich alle, an Mangelerscheinungen leiden, aufgrund unserer Ernährung, fehlender Bewegung und krassem Leistungsdruck, wird leider in keinster Weise erwähnt. Vielleicht hätten Sie einfach die Ferritin-Normwerte einer kritischen Betrachtung unterziehen müssen. Nur die WHO anzuführen kann doch kein ernsthafter Journalismus sein. Sportler trainieren zum Beispiel bei einem Ferritinwert um 300. Natürlich sind nur wenige Menschen Sportler, aber wer sagt denn, dass Leistungsdruck nur in der Sporthalle stattfindet? Jedenfalls kommt man bei einem Ferritinwert unter 15 noch nicht mal ausm Bett, oder nur mit grösster Mühe, mit einer ordentlichen Portion Kaffee (oder ein paar Pillen) und der Stimme des Chefs im Kopf, dass sie ja nicht wieder zu spät kommen sollen. Am Ende des Tages dann schön Bierchen trinken und zum einschlafen was vom Doktor einnehmen. Statt Angst zu verbreiten wäre eine Recherche über Zusammenhänge interessant gewesen.
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