AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 52/2017

Elon Musk und Co. Milliardäre haben ein neues Hobby...

...sie bauen Raketen, um Menschen ins All zu bringen. Wer macht das Rennen?

Rakete "Falcon Heavy" im Hangar von Cape Canaveral: Space Oddity dudeln und Kurs auf Mars nehmen
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Rakete "Falcon Heavy" im Hangar von Cape Canaveral: Space Oddity dudeln und Kurs auf Mars nehmen

Von Marco Evers


Cape Canaveral, Florida: Von Startrampe 39A aus hoben einst die "Apollo"-Missionen zum Mond ab. Hier startete das Space Shuttle Dutzende Male in einem Meer aus Feuer, Rauch und Dampf; alles vorbei.

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Heft 52/2017
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Seit 2011, als das letzte Shuttle abhob, haben die USA kein Raketensystem mehr, das stark genug wäre, Menschen ins All zu schießen. Die flügellahme Nasa gab das legendäre Startgelände auf - und verpachtete es an ein notorisches Großmaul, das gelobt hat, die US-Raumfahrt eigenhändig zu revolutionieren.

Genau das scheint ihm jetzt tatsächlich zu gelingen. Elon Musk, 46, will, ganz im Sinne des US-Präsidenten, Amerika wieder groß machen.

Musk, gleichzeitig Chef des Elektroautoherstellers Tesla und der Raumfahrtfirma SpaceX, hat vor, die historische Stätte Anfang Januar zu neuem Glanz zu führen; das genaue Datum ist noch geheim.

Von ebenjener berühmten Startrampe 39A aus soll "Falcon Heavy" ins All rasen, die jüngste Schöpfung von SpaceX und die derzeit mit Abstand stärkste Trägerrakete der Welt.

27 hochkomplexe Raketentriebwerke heizen dem dreirümpfigen, 70 Meter hohen Monstrum ein. Sie sollen so viel Schub entwickeln wie 19 Jumbojets unter Vollgas. Mehr Wumms hatte bei den Amerikanern nur die Mondflugrakete "Saturn V", allerdings ist sie schon seit 1973 außer Dienst.

Mit vielfacher Schallgeschwindigkeit kann "Falcon Heavy" eine Nutzlast von bis zu 64 Tonnen in eine erdnahe Umlaufbahn bringen. Das ist weitaus mehr, als eine Boeing 737 überhaupt fassen kann. Mit weniger Fracht schafft die Rakete es auch zum Mond und sogar zum Mars und darüber hinaus.

Musks Wundermaschine markiert den Beginn einer neuen Ära für die US-Raumfahrt. Billiger, ehrgeiziger und extravaganter wird sie sein. Private Firmen, manche im Besitz experimentierfreudiger Milliardäre, werden neben staatlichen Stellen zu wichtigen Akteuren, und sie wollen neben seriöser Arbeit auch wunderliche Dinge tun: Mit "Falcon Heavy" planen millionenschwere Weltraumtouristen bereits einen Trip rund um den Mond.

"Falcon Heavy" ist eine verbesserte Variante eines bereits erprobten Raumfahrzeugs. Im Kern besteht es aus seinem Vorgängermodell "Falcon 9", dem links und rechts zwei weitere Raketenerststufen ("Booster") verpasst wurden. "Falcon 9" ist seit 2010 im Einsatz und hat sich trotz zweier Totalverluste den Ruf verdient, ein erstaunlich kostengünstiges und zuverlässiges Arbeitstier zu sein. Allein <<2017>> flog es 17-mal fehlerlos.

"Falcon 9" beherrscht mittlerweile ein Kunststück, mit dem auch "Falcon Heavy" glänzen soll. Wenn die Erststufe zwei bis drei Minuten nach dem Start abgekoppelt wird, versinkt sie nicht als Schrott im Atlantik wie ehedem die der Vorgänger. Vielmehr kehrt die "Falcon"-Erststufe auf elegante Weise zur Erde zurück.

Der Apparat - Raketenmotor, Tank und Autopilot - navigiert selbstständig und präzise. Seine Rechner regeln autonom, wie viel Schub das Triebwerk im Widerstreit mit der Schwerkraft zu leisten hat. Punktgenau und aufrecht setzt die Erststufe sanft am vorgesehenen Landeplatz auf.

Im Fall von "Falcon Heavy" sollen gleich drei Erststufen kurz hintereinander das Science-Fiction-Landemanöver ausführen. Zwei davon auf engem Raum rund um die Startrampe 39A - und eine auf einem Roboterschiff im Atlantik mit dem interessanten Namen "Of Course I Still Love You". Schöner geht Raumfahrt nur in Hollywood.

Weil fast alle Bauteile wiederverwendet werden können, sinken die Preise für das "Falcon"-Programm drastisch - auf ein Hundertstel, wie Musk erwartet. Ein Transport, der ehedem viele Milliarden verschlungen hätte, ist künftig schon für ein paar Dutzend Millionen zu haben. Dieser Erfolg bei der Kostenkontrolle dürfte die US-Raumfahrt stärker beflügeln als jede Direktive von Präsident Donald Trump zur Frage, ob Nasa-Astronauten nun Mond oder Mars anzusteuern haben.

Beim Erstflug von "Falcon Heavy" wagt Musk noch keine kommerzielle Fracht zu transportieren, denn das Risiko einer Explosion beim Start ist gegeben. Darum hat der schrill-schrullige Milliardär und PR-Fachmann entschieden, seiner Rakete eine besondere Testlast mitzugeben: seinen Tesla Roadster, Baujahr 2008, Gewicht 1250 Kilogramm, Farbe Rot. Nach dem Ausklinken im Weltraum soll das Auto allen Ernstes "Space Oddity" von David Bowie abdudeln und Kurs nehmen auf den Mars.

"Falcon Heavy" soll dem Pionier-Tesla schon bald dahin folgen, nämlich 2022. Die Rakete ist stark genug, fast 17 Tonnen Fracht zum roten Planeten zu transportieren. Und 2024 will Musk Menschen dorthin schicken - mit einer noch zu bauenden, noch größeren Superrakete, die im Augenblick nur "Big Fucking Rocket" heißt.

Im Laufe der nächsten Monate soll "Falcon Heavy" erst einmal Routinearbeit verrichten, also kommerzielle Satelliten und solche des US-Militärs aussetzen. Für Ende kommenden Jahres ist allerdings die nächste bizarre Reise geplant: Genau ein halbes Jahrhundert nachdem Nasa-Astronauten erstmals den Mond umrundeten, wollen zwei namentlich nicht bekannte Multimillionäre diese Mission nachspielen. Musk hat die Buchung angenommen, doch ob das Weltraumabenteuer halbwegs pünktlich beginnen kann, steht in den Sternen.

Denn zunächst muss SpaceX belegen, dass die Firma überhaupt Passagiere heil ins All und zurück befördern kann. Ihr "Dragon"-Raumschiff ist auf "Falcon 9" seit 2012 zwar schon zwölfmal mit Nachschub zur ISS aufgestiegen, aber eben noch nie mit Menschen an Bord. Das soll sich nun ändern: Der bemannte Erstflug von "Crew Dragon" zur ISS ist für August 2018 angesetzt. Bis zu sieben Astronauten passen in die Kapsel, die ebenfalls größtenteils wiederverwendbar sein wird.

Ende 2018 will auch der Flugzeughersteller Boeing mit seinem ziemlich ähnlichen Raumschiff namens "CST-100 Starliner" erstmals ins All rauschen. Eine bemannte Mission zur ISS soll nur wenig später folgen. Beide, SpaceX und Boeing, wurden von der Nasa mit Milliardenbudgets ausgestattet, damit sie mit privatwirtschaftlicher Räson Ersatz schaffen für das viel zu teure und gefährliche Space-Shuttle-Programm.

Seit 2011 können US-Astronauten nur an Bord russischer "Sojus"-Kapseln zur ISS gelangen, was sich die Russen bestens bezahlen lassen: Der Preis pro Flugticket steigt von Mal zu Mal und lag zuletzt bei über 80 Millionen Dollar.

Diese aus US-Sicht schmachvolle Abhängigkeit geht nun zu Ende. Für Flüge zur ISS kann die Nasa mit Boeing und SpaceX künftig auf zwei konkurrierende Dienstleister zurückgreifen. Und für ihre eigenen Expeditionen zu Mond und Mars lässt die Weltraumbehörde gerade bei Boeing und anderen Firmen die Rakete "Space Launch System" entwickeln, die noch mal größer und leistungsfähiger sein soll als alles je Dagewesene. Geplanter Erstflug: Dezember 2019.

Seit dem 12. April 1961, als der sowjetische Kosmonaut Jurij Gagarin als erster Mensch in den Weltraum vordrang, sind kaum 600 handverlesene Erdbewohner so hoch hinaufgekommen, darunter nur elf Deutsche. Die nächsten 600, das ist sicher, werden auf ihre Reise in die Schwerelosigkeit nicht so viele Jahre warten müssen - vielleicht sogar nicht einmal mehr fünf. 2018 könnte das Jahr werden, in dem der Weltraumtourismus endlich ins Laufen kommt.

Jeff Bezos, Gründer von Amazon und reichster Mann der Welt, hat gerade von Texas aus eine Rakete erfolgreich in fast hundert Kilometer Höhe geschossen. Ähnlich wie bei "Falcon 9" landete die Rakete "New Shepard" autonom und senkrecht, Minuten später gefolgt von der an großen Fallschirmen hängenden Kapsel, die zur Erbauung künftiger Weltraumurlauber mit Panoramafenstern ausgerüstet ist.

In den nächsten Monaten sollen bemannte Tests stattfinden - und bei gutem Verlauf könnte Bezos' Firma Blue Origin als erstes Unternehmen der Welt kommerzielle Spaßflüge an den unteren Rand des Weltalls anbieten.

Der Brite Richard Branson, noch ein Milliardär im Sternenfieber, versucht dies mit seinem "SpaceShipTwo" schon seit vielen Jahren. Bisher ist er gescheitert. Jetzt aber behauptet er, dass sein Raumschiff Anfang 2018 tatsächlich ins All fliegen werde und er persönlich drei Monate später. Klingt spannend, allerdings muss man wissen: Fast gleichlautende Versprechungen hat Branson schon oft abgegeben - für nahezu jedes Jahr seit 2007.

Diesmal scheint an der Aufschneiderei etwas dran zu sein. 85 Angestellte von Bransons Firma Virgin Galactic sollen in den nächsten Monaten mitsamt ihren Familien dauerhaft nach New Mexico umziehen. Dort, in menschenleerer Wüste, unterhält die Firma einen futuristischen Weltraumbahnhof (Architekt: Norman Foster), der seit seiner Fertigstellung 2011 ungenutzt ist. Offenbar soll "Spaceport America" jetzt aus seinem Dornröschenschlaf gerissen werden.

Trotz zahlreicher Rückschläge, bei denen es bisher vier Tote gab, hat Branson bereits mehr als 800 Tickets zum Stückpreis von 250000 Dollar verkauft, unter anderem an Brad Pitt, Katy Perry, Lady Gaga, Justin Bieber und Ashton Kutcher.

Die Liste belegt: Die Art von Mensch, die schon ab 2018 ins All fliegen könnte, unterscheidet sich fundamental von der, die dort bisher unterwegs war.



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