Gescheiterte Flüchtlinge Die Untoten kehren zurück

Viele afrikanische Flüchtlinge müssen durch Niger, die Kanzlerin war gerade dort, um Fluchtursachen zu bekämpfen. Besuch bei jenen, die ausgezogen sind auf den langen Marsch nach Norden, durch die Wüste - und gescheitert sind.
Gescheiterter Auswanderer Ndassie im Transitzentrum in Niamey

Gescheiterter Auswanderer Ndassie im Transitzentrum in Niamey

Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Es wird sie nicht gegeben haben. Sie werden nicht in grell orangefarbenen Schwimmwesten von einer Küstenwache aus dem Meer gefischt werden. Niemand wird sie willkommen heißen, und niemand wird ihnen seinen Hass entgegenschreien. Sie werden nicht ertrinken oder totgeschlagen werden, nicht per Quote verteilt oder in einer bayerischen Erstaufnahmestelle vorschriftsmäßig registriert.

Sie werden für die Europäische Union kein Problem darstellen. Denn sie sind umgekehrt auf dem Weg. Nicht rechtzeitig und nicht zu spät. Nur umgekehrt. Und das ist jetzt allein ihr Problem.

Das Haus der "revenants" findet sich in einem der weniger ärmlichen Viertel von Niamey, der Hauptstadt von Niger, einem Land, das im Entwicklungsindex der Uno auf Platz 188 liegt: Schlusslicht.

Thierry Paulidor Ndassie stellt sich mit bloßem Oberkörper in den Raum. Die Sätze kommen, als lägen sie schon lange bereit, als Vorrat für daheim, für den Moment, wenn zum ersten Mal gefragt wird: Warum bist du zurückgekommen?

In Afrika lassen sie uns singen: "Die Jugend ist die Zukunft Afrikas." Welche Jugend? Es wird keine Jugend geben, weil die Sahara sie verschlungen hat. Da liegen Leichen rum, Hunderte, in der Wüste. Die Frauen werden schon auf dem Weg vergewaltigt, immer wieder. Zwei algerische Polizisten, ich habe es selbst gesehen. Man muss unsere jungen Schwestern dort in Algerien und Libyen einsammeln. Man muss das filmen, damit sie verstehen zu Hause.

Und bleiben.

Ein "revenant" ist, aus dem Französischen wörtlich übersetzt: ein Zurückkommender. Aber das Wort hat eine weitere Bedeutung. Ein "revenant" ist auch ein Geist, ein untotes Wesen, das von irgendwoher zurückkommt, wo es hätte bleiben sollen. Die Vorstellung eines Umherirrenden, der seiner Seele verlustig gegangen ist, kommt aus Westafrika. Die deutsche Wikipedia nennt dafür das Wort "nzùmbe", einen Begriff aus der Bantu-Sprache Kimbundu. Im haitianischen Kreol heißt es "zombi".

Das Haus der "revenants" ist das Transitzentrum der IOM, der Internationalen Organisation für Migration. Hier finden sich jene, die ausgezogen sind auf den langen Marsch nach Norden, durch die Wüste, und es nicht geschafft haben. Die unverrichteter Dinge umgedreht sind, mit weniger in der Tasche als zuvor.

Meist warten hier zwei, drei Dutzend Rückkehrer auf ihre Papiere und einen Bus, der sie nach Hause bringen soll, nach Kamerun, Liberia, Benin, Guinea. Zurück, denn nur für diese Richtung gibt es Gelder aus Europa.

Die Adresse dieses Hauses wird möglichst geheim gehalten, aus Vorsicht vor Menschenhändlern. Auch deren Opfer sind hier gelandet. Zwei Frauen fegen leeren Blicks den Boden.

Haus der Rückkehrer: "Wir sind hier nicht das Bollwerk von Europa"

Haus der Rückkehrer: "Wir sind hier nicht das Bollwerk von Europa"

Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Thierry Paulidor Ndassie aus Kamerun ist nie in die Schule gegangen, alles musste er sich selbst beibringen. Nicht nur die Mechanik. Jemand hat ihm gesagt, Mechaniker seien respektiert in Algerien. Aber das war nicht die ganze Wahrheit. An jeder Station muss bezahlt werden. Und der Weg wird immer länger. Und an jeder Station sagt der "passeur": Von nun an wird es leichter. Aber es wurde immer schlimmer.

Ich hatte keine Idee von den Entfernungen. Wozu? Es können 10.000 Kilometer sein. Man arbeitet ein paar Monate und hat das Geld fürs Weiterkommen. Viel härter ist es, ohne Geld heimzukehren.

Ndassie erzählt vom Fußmarsch durch die Wüste bis nach Assamaka, zur algerischen Grenze. Er sagt, er sei bis nach Oran gekommen. Das Mittelmeer habe er nicht gesehen.

Die Araber mögen keine Schwarzen. Wenn du in einen Bus steigst, halten sie sich die Nase zu. Auf der Straße spuckt dich jemand an. Sie nennen dich Sudany, schwarzer Sklave. Die Araber sind Rassisten. Die töten dich und fahren dich in die Wüste. Die Polizei, die Bevölkerung, alle sind gegen dich. Sie nehmen dir alles weg. Sie haben das Glück, braun zu sein. Aber weiß sind sie auch nicht. Sie müssten uns Schwarze respektieren.

Man kehrt um, wenn man es nicht mehr aushalten kann, sagt Ndassie, der Mann aus Kamerun. Die Umkehr ist das Schwerste: weil du erschöpft bist. Deine Familie hat ihr Haus verpfändet, damit du weitergekommen bist. Zu Hause werden wir mehr Probleme haben als vorher. Deswegen bleiben die meisten lieber dort und sterben. Das ist die Wirklichkeit. Nichts ist falsch an dem, was ich sage.

Es gibt nichts zu tun im Haus der "revenants". Es ist ein Zwischenraum zwischen dort und dort, zwischen Hoffnung als Prinzip und Heimat als Verbannung. Andere sitzen vor einem Fernseher oder waschen ihre Sachen, zwei spielen Schach. Die beiden Frauen fegen weiter den Boden.

In einem Gespräch mit der "Zeit" hat Wolfgang Schäuble im Juni über Afrika gesprochen. "Hart gesagt", sagte der Bundesfinanzminister damals, "hat uns der Mittlere Osten Afrika vom Hals gehalten", worin er die Maghreb-Staaten mit einschloss. Doch das sei jetzt vorbei. Weswegen Afrika jetzt "unser Problem" sein werde. Weswegen Kanzlerin Angela Merkel nun, als sie diese Woche Niger besuchte, der Regierung ein paar Millionen Euro zusagte, um Jobs zu schaffen, um Schleuser zu bekämpfen.

Foto: DER SPIEGEL

Saoud Massoudou hat gewartet, bis Thierry Paulidor Ndassie mit seiner Erzählung zu Ende ist. Saoud Massoudou hat den Namen "Schäuble" nie gehört. Auch dessen Skepsis gegenüber der Bollwerkfunktion des Maghreb kann Massoudou, 27 Jahre alt und in Benin geboren, nicht bestätigen. Afrika war und ist sein Problem.

Ich hatte mein Geld in den Socken versteckt. In der Wüste hat der Fahrer so getan, als sei der Motor kaputt. Er hat den ganzen Motor ausgebaut. Die Sonne brannte so sehr. Ich betete, dass meine Mutter mir alle meine Sünden vergeben soll. Ich sah meine Familie. Er hat uns Couscous gegeben. Aber ich konnte nicht mehr kauen und schlucken. Die Kehle war so müde.

Nachts kamen welche mit Fackeln. Sie haben uns durchsucht. Sie sprachen Arabisch, ich verstehe es nicht. Da haben sie mich getreten und geschlagen. Der Fahrer sagte, wenn wir nichts mehr haben, wird er uns in der Wüste lassen.

Hinter Saoud Massoudou ist eine Karte an die Wand gepinnt, eine Michelin "Afrique", im Maßstab 1:4.000.000. Für manche in dem Haus ist es die erste Landkarte, die sie zu Gesicht bekommen. Jeder Zentimeter 40 Kilometer durch die Wüste.

Massoudou hatte keine Ahnung, was die Wüste ist. Benin liegt am Atlantik. Wer aus Ouagadougou oder Bamako, Lomé, Monrovia nach Niamey kommt und am Busbahnhof in einen der Fernbusse steigt, mit einem Ticket nach Agadez, der Stadt am Rand der Wüste, der sieht dort zum ersten Mal in seinem Leben das - Nichts.

Alle Migranten aus Westafrika müssen durch Agadez, im Norden Nigers. Es ist die alte Handelsroute für Waren und Menschen, für Gold und Sklaven. Wer hier auf den Lastwagenpritschen unterwegs ist, der hat sich selbst zur Ware gemacht. Massoudou erzählt weiter: Wir haben ein wenig gearbeitet, um uns etwas Proviant zu kaufen. Wir wohnten in Zimmern, in denen man noch nicht mal stehen konnte. Sie fragten immer, wo ist das Geld? Ich sagte, ich habe kein Geld mehr. Dann habe ich meine Schwester zu einem alten Araber gebracht. Sie haben mit Betonbrocken nach uns geworfen. Ich gehe jetzt zurück mit nichts. Ich werde sein wie ein Kind. Meine Freunde, meine Feinde, was werden sie über mich sagen? Das erstickt mich.

Die Lehmstraßen in Niamey haben eine rötliche Farbe, wie man sie von Fotos der Marsoberfläche kennt.

Die Straße ist Werkstatt, Laden, Schlafzimmer, Bar und Fleischbraterei. Jemand schiebt einen mit Flipflops überladenen Kinderwagen vor sich her, ein Wasserverkäufer seine Ladung in Kanistern. Kinder führen Blinde, andere suchen Plastikmüll zusammen. Da sind zusammengehämmerte Auslagen mit gebrauchten Schuhen, Start-ups im Straßenstaub.

Wer Geld für einen Sack Zement zusammenhat, presst sich aus dieser Erde ein paar Hohlblocksteine und fängt an, über ein Haus nachzudenken. So besteht Nigers Hauptstadt überwiegend aus Straßendreck, in Gestalt von Schlamm oder Staub oder Häusern.

Überall stehen weiße Tafeln, auf denen sich die Hilfsprogramme präsentieren. "Nationale Kommission ... Ständiges Sekretariat ... Hilfsprojekt für das Spezialprogramm Lebensmittelsicherung Phase II".

An Bodenschätzen ist Niger ein durchaus reiches Land. Frankreich bezieht knapp die Hälfte seines Urans von hier, China hat sich den Zugriff auf Öl und Kohle gesichert. Es gibt Zinn und Gold. Irgendwo wird dieser Reichtum geblieben sein. Doch er ist unsichtbar, als läge er immer noch unter der Erde.

Das Land am Fluss Niger hat mit mehr als sieben Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate der Welt. Ähnlich führend ist das Land, was Kinderhochzeiten, Analphabetismus und die Zahl von Ministern pro Kabinett betrifft.

Außerhalb der Hauptstadt beschränkt sich das Schulsystem auf Schuppen, in denen Kinder im Chor Koranbrocken skandieren. Regelmäßig gibt es Fluten und Dürren, Epidemien und Heuschreckenplagen biblischen Ausmaßes. Es dürfte schwer sein, denkt man, hier jemanden daran zu hindern, die Koffer zu packen.

Marina Schramm aus Düsseldorf ist Projektleiterin bei der IOM in Niamey, zuständig für Grenzmanagement und Rückkehrhilfen. Wenn auf Brüsseler Treffen von der Präsenz Europas südlich der Sahara gesprochen wird, dann ist damit auch Marina Schramm gemeint.

Nur gibt es zwei Missverständnisse. "Erstens", sagt Marina Schramm, "sind das hier keine Illegalen, sondern Migranten, die in der Westafrikanischen Wirtschaftsgemeinschaft so herumreisen können wie unsereins im Schengenraum." Illegal werden sie erst, sobald sie ohne Visum weiterreisen. Und zweitens, sagt Schramm, sei die IOM ein Büro für Migration und nicht gegen: "Wir können und wollen niemanden zu etwas zwingen." Sie sei hier nicht das Bollwerk von Europa.

Straßenszene in Niamey: Zu arm für die Flucht

Straßenszene in Niamey: Zu arm für die Flucht

Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Seit Januar hat die IOM 291.000 Migranten auf der Nordroute gezählt. Davon sagten nur acht Prozent, sie wollten weiter nach Europa. Die meisten haben vor, ein paar Monate auf einer Baustelle in Algerien oder Libyen zu arbeiten und dann zu Hause irgendein Business zu eröffnen.

Ausgerechnet die Nigrer packten keineswegs in Massen ihre Bündel. Vielleicht liegt es daran, sagt Marina Schramm, dass die Menschen hier zu arm sind, um weit zu denken. Auch die Träume sind noch nicht entwickelt. Für die Bürger des ärmsten Landes ist Europa fern wie der Mond.

Schramm ist eine Frau, rauchend, handfest, wie man sie sich beim Wacken-Rockfestival vorstellt. Dazu hat sie Master-Abschlüsse in Öffentlichem Recht und Humanitärem Management. Sie hat viel erlebt, aber Niamey würde sie immer noch irritieren, sagt sie.

Als das städtische Krankenhaus geschlossen werden musste, weil amputierte Körperteile entsorgt wurden wie Biomüll, hinters Haus damit. Als sich ein Mitarbeiter den Sicherheitsgurt im Auto um den Hals legte, weil er noch nie so etwas gesehen hatte. Als ein Kollege sie zur Hochzeit mit seiner dritten Frau einlud.

Am 12. November, einen Tag vor den Pariser Attentaten im Bataclan-Konzerthaus, traf sich die EU mit den Staaten Afrikas zum Gipfel auf Malta. Am Tisch saß neben der Kanzlerin auch Viktor Orbán aus Ungarn. Alle sprachen über Partnerschaft, und alle wussten, dass es letztlich nur um eines ging.

Die EU verpflichtete sich, afrikanische Staaten zu unterstützen. Mit erleichterten Visaregelungen und Entwicklungshilfe. Vor allem mit der Ausbildung der Grenzer, mit Fahrzeugen, Computern. Noch bis vor Kurzem beschränkte sich das Grenzmanagement Nigers auf zwei handgeschriebene Kontobücher: "Eingänge" und "Ausgänge".

Der Norden Nigers ist so groß wie Frankreich. Nur ohne Straßen und Schilder. Seit August hat die Regierung die Kontrollen verschärft. Doch eine Grenze wie diese sichert sich letztlich nur durch sich selbst, durch Sand und Hitze und Sand.

Schramm sagt, es wäre auch gefährlich, diese Grenzen zu sehr zu blockieren: "Die Stadt Agadez lebt seit Jahrhunderten von dieser Route. Wenn das zusammenbricht und sich die Jugendlichen radikalisieren, haben wir ein neues Problem." Die Migranten würden sich andere Routen suchen, würden damit zu noch leichterer Beute für die Touareg oder die libyschen Milizen.

Europa finanziert der IOM neben dem Transitcenter in der Hauptstadt auch ein Orientierungsbüro in Agadez, zwölf einheimische Berater, die an den Busstationen Visitenkarten verteilen. Es ist schwer, jemandem eine Lotterie auszureden, wenn er das Los in der Tasche hat.

Seit Jahresbeginn hat die IOM in Niger 3474 Rückkehrern geholfen, mit Papieren, Tickets oder einer kurzen Ausbildung. "Sie lernen das A und O eines kleinen Business etwa. Oder die Technik, aus Sand und Müll Bausteine zu pressen. Das gibt dann ein Diplom. Gut fürs erste Selbstvertrauen." Sagt Marina Schramm.

Denn mit dem Norden, an dem sie scheiterten, haben viele Rückkehrer auch sich selbst verloren oder das, was Mohammed Ouattara "Seele" nennt. Er ist ein zum Schatten abgemagerter Junge, der jetzt, 17-jährig und auf einem Plastikstuhl des Transitcenters sitzend, aussagen möchte, die Landkarte 1:4.000.000 hinter sich.

Wir sind drei Tage durch die Wüste gefahren. Dann war das Auto kaputt, und wir haben fünf Tage gewartet. Sabha ist die erste große Stadt in Libyen. Da hat uns der Fahrer direkt in ein Gefängnis gebracht. Ich war einen Monat dort. Du musst das Dreifache deines Transports bezahlen. Sonst kommst du nicht raus. Sie schlagen dich, wenn das Geld noch nicht da ist. Zwei Personen schlagen dich auf die Füße. Um durch die Wüste zu kommen, brauchst du ein gutes Netz. Sonst wirst du dich fragen, warum hat mich meine Mutter geboren?

Ich möchte, dass meine Aussage an alle Präsidenten Afrikas geschickt wird. Ich bin ein Junge, der fortgegangen ist, um seiner Familie zu helfen.

Wenn ich Präsident meines Landes werde, würde ich nicht mit den Arabern zusammenarbeiten. Für die sind wir Tiere. Sie lassen dich arbeiten auf dem Feld, aber sie bezahlen dich nicht. Er verspricht dir 10.000 für einen Tag von acht Uhr früh bis abends um neun, und dann bekommst du 1000. Und er gibt dir kein Wasser.

Sabha lohnt sich nicht. Du verlierst nur deine Seele dort. Die Gefängnisse sind voll. Frauen aus Nigeria oder Ghana werden nach Libyen gelockt. Aber sie gehen in die Prostitution dort. Und werden nicht mal bezahlt. Wenn du wissen willst, wie es Afrikanern in Libyen geht, dann geh nach Sabha. Dir werden die Tränen kommen.

Nigrischer Fahrer Boukary: Von Allah kam bisher auch nicht viel

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Foto: Maurice Weiss / DER SPIEGEL

Die IOM schätzt, dass derzeit etwa 250.000 Migranten entlang der Sahararoute festsitzen. Eine Viertelmillion Menschen, die in mehr oder meist weniger staatlichen Verliesen brüten, bis ihre Familie sie per Moneytransfer auslöst, gegen einige Hundert Euro.

Für Chedibu Nbel hat es bedeutet, dass seine Familie ihr Haus verpfänden musste, daheim in Kamerun. Nbel ist auch einer von den "revenants". Er setzt sich auf den Plastikstuhl, als würde ihm jetzt die Welt zuhören. Chedibu Nbel aus Jaunde ist 22 Jahre alt und sagt, er habe sein Leben hinter sich.

Vor sechs Monaten bin ich los. Ich habe zweimal versucht, mit einem Schlauchboot aus Libyen nach Italien zu kommen. Sie sagten, es sei nicht weit. Aber die libysche Marine hat uns festgenommen. Beim zweiten Mal haben sie auf das Schlauchboot geschossen. Dann haben sie uns in ein Gefängnis gebracht, sieben Kilometer von Sabrata entfernt. Ich hatte einen Freund aus dem Senegal. Er betete den ganzen Tag. Der Oberwärter sah das und sagte: Wieso betest du? Schwarze Haut kommt nicht ins Paradies.

Später kamen Busse und brachten uns nach Sabha. Wir dachten, wir seien gerettet. Aber wir kamen in ein anderes Gefängnis. Da konnte man nicht mal seine Familie anrufen. Nach einem Monat kam ein Ivorer und sagte, er würde unsere Kaution bezahlen. Dann könnten wir bei ihm telefonieren. Aber wir müssten das Dreifache bezahlen. Das war sein Business.

Am nächsten Morgen wird noch vor Sonnenaufgang ein Pick-up-Wagen vor dem Haus der "revenants" halten. Er wird einige Männer zum Flughafen bringen. Sie werden, ein letztes Mal, auf eine Pritsche steigen, die Rücklichter werden im roten Staub verschwinden, und keiner wird sie fragen, ob sie sich auf ihr Zuhause freuen.

Und dann ist da noch Abdoulaye Boukary. Er arbeitet als Fahrer in Niamey und hatte sich dazugesetzt, als die Geschichten erzählt wurden. Nach einer Weile fing er an, die Berichte mit seinem Handy aufzunehmen. Boukary ist 35 Jahre alt. Von seiner Regierung erwartet er nichts, von Allah kam bisher auch nicht viel. Nur eines Tages die Einsicht, dass es besser ist, frühmorgens aufzustehen und irgendetwas anderes zu tun, als nur Tee zu trinken.

Warum hat er diese Geschichten aufgenommen? Statt einer Antwort erzählt Boukary von einem Mann aus seinem Dorf, Filingué. Der hätte jahrelang von der Hauptstadt geträumt. Dort sei alles gut und besser. Schließlich hatte er genug Geld für das Busticket zusammen. "Kaum war er in Niamey am Busbahnhof, sah er einen Alten, der um Geld bettelte. Das könne nicht die Hauptstadt sein, sagte er dem Busfahrer. Er wollte es nicht glauben und weigerte sich auszusteigen." Zuletzt sei er im Bus sitzen geblieben und wieder nach Hause gefahren.

Boukary erzählt die Geschichte gern und vor allem sich selbst. Es ist sein Gegenzauber. Das ist sein Reim auf die Berichte der Umgekehrten: wäret ihr nur besser daheimgeblieben. Womöglich ist das tatsächlich die Moral der Geschichten der "revenants". Eine bequeme Moral für alle, die schon angekommen sind. Keine für jemand, der nur noch seine Seele zu verlieren hat.

Die Gefahren der Reise: Mohammed Olasupo wollte sein Glück in Europa finden. Bis Italien hat er es jedoch nicht geschafft. Im Video erzählt er, was ihm auf seiner Reise widerfahren ist.

DER SPIEGEL