AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 35/2016

Flüchtlinge im Freibad Im Gerüchtestrudel

Flüchtlinge belästigen Frauen im Freibad - das ist in diesem Sommer oft zu hören. Aber was ist dran? Eine Recherche am Beckenrand. Von Laura Backes


Andreas Klammt / DER SPIEGEL

Ein Nachmittag im Freibad Kirchheim unter Teck in Baden-Württemberg. Temperatur: 26 Grad, Nichtschwimmerbecken: 26 Grad, Schwimmerbecken: 24 Grad. Die Freibadwelt ist, wie sie sein soll, sonnig, warm, ruhig. Zwei Frauen liegen auf einer Decke und unterhalten sich: "Ich hab gestern welche von den Flüchtlingen hier gesehen, angezogen, mit Socken. Aber die lagen nur auf der Wiese."

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Heft 35/2016
Noten sind nicht alles: Worauf es im Leben ankommt

Flüchtlinge, die sich unauffällig verhalten und sogar Socken tragen - nichts scheint es zu geben, was nicht erzählenswert wäre über die Fremden, seit jenem doppelten Eklat vor einigen Wochen.

Ein 17-jähriger Asylbewerber aus Mali war über ein Geländer ins Becken gesprungen, der Bademeister wollte ihn aus dem Bad werfen. Als der junge Mann sich weigerte, rief der Bademeister die Polizei. Bei der Festnahme verletzte der Asylbewerber zwei Beamte und wurde dabei angefeuert von etwa 30 Badegästen. Sie beschimpften die Polizisten als "Rassisten", einer packte den Bademeister am Hals.

Plötzlich kamen mehrere Mütter und Töchter, einige weinten. Arabisch aussehende Männer hätten die Mädchen im Nichtschwimmerbecken an Brust, Po und im Schritt berührt. Im Strömungskanal sei ihnen der Bikini vom Körper gerissen worden, ein Mann habe sein erigiertes Glied an zwei Mädchen gerieben. Das älteste Mädchen war 14, das jüngste 10 Jahre alt. Inzwischen hat die Polizei zwei mutmaßliche Täter ermittelt, einen 21-jährigen Asylbewerber aus dem Irak und einen 17-jährigen Afghanen. Was aber ist dran an diesen Meldungen, und was ist von ähnlichen zu halten? Und warum sorgen tatsächliche oder vermeintliche Übergriffe ausgerechnet in Schwimmbädern für so viele Schlagzeilen?

Flüchtlinge als Opfer, Flüchtlinge als Täter und das Freibad als Tatort: Sobald die Temperaturen stiegen und sich die Freibäder füllten, kam aus irgendeiner deutschen Stadt die Meldung, Flüchtlinge hätten Frauen im Bad belästigt, bedrängt, begrapscht. Von "Sex-Attacken" war die Rede, der "Bayernkurier" fragte: "Deutsche Mädchen und Frauen als Freiwild?" Die rechte Facebook-Seite "XY-Einzelfall" hat mehr als 160 solcher Meldungen aufgelistet, Hallenbäder inklusive. Auch der 20. Juli in Kirchheim unter Teck ist dabei: "Flüchtlinge und Migranten verüben eine sexuelle Massen-Attacke auf Kinder und Mädchen im Schwimmbad."

Das Freibad ist einer der wenigen Orte, an denen Autorität noch offen zur Schau gestellt wird. Der Chef patrouilliert am Beckenrand; bewaffnet mit Trillerpfeife, Walkie-Talkie und lauter Stimme sorgt er für Ordnung. Wer sich nicht an die Regeln hält, fliegt raus. Ob sich jemand an die Regeln hält, ist oft schwierig zu beurteilen.

Das Schwimmbad in Kirchheim unter Teck ähnelt vielen anderen Bädern im Land: drei Becken, mehrere Sprungbretter, eine große Wiese. Auch einen bogenförmigen Strömungskanal gibt es, in dem die Wasser- und folglich die Menschenmassen in eine Richtung strömen. Passiert etwas in solch unübersichtlichen Bereichen, gibt es jedes Mal zahlreiche Zeugen, die etwas gesehen haben wollen, gesehen haben könnten - und daher befragt werden müssen.

Deshalb dauern die Ermittlungen lange. Wie viele der Vorfälle, über die in den vergangenen Wochen berichtet wurde, vor Gericht kommen, ist unklar. Auch deshalb ist kaum zu sagen, ob Schwimmbäder neuerdings wirklich eine Gefahrenzone sind. Gegen Ängste helfen Statistiken ohnehin nur wenig, aber ohne Statistiken wird es noch komplizierter.

In Norderstedt müssen sich ab nächster Woche zwei Asylbewerber aus Afghanistan vor Gericht verantworten. Sie sollen im Februar zwei Mädchen auf einer Rutsche sexuell belästigt haben.

In Düsseldorf stand im Juni ein 20-jähriger Syrer vor Gericht. Er hatte ein Mädchen im Schwimmbad verfolgt, festgehalten und auf den Oberarm geküsst. Seine Entschuldigung: Er habe Freunde gesucht. Der Mann muss nun einen Integrationskurs besuchen.

In Offenburg wurde das Verfahren gegen einen 30-jährigen Afghanen hingegen eingestellt. Der Mann hatte angeblich sechs Kinder berührt und ihnen in den Po gekniffen, zudem einem Mädchen den Bikini nach unten gezogen haben. Doch die Staatsanwaltschaft verkündete im August, dass "eine Beteiligung des Beschuldigten an Ballspielen der Kinder vorausgegangen war". Möglicherweise habe der Mann nur nach dem Ball "vor dem Genitalbereich des Kindes" gegriffen.

Eine interne E-Mail der Düsseldorfer Polizei sorgte im Juli für Aufregung. Es sei ein "enormer Anstieg" bei Sexualstraftaten zu verzeichnen, zitierte die "Bild"-Zeitung. "Insbesondere die Tatbestände Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern in den Badeanstalten schlagen hier ins Gewicht." Die Täter seien "zum größten Teil Zuwanderer".

Die E-Mail sei "schlecht formuliert" gewesen, sagt die Polizei heute. Der Anstieg der registrierten Sexualdelikte sei auf die vielen Anzeigen nach der Silvesternacht in Düsseldorf zurückzuführen. Anzeigen von angeblicher sexueller Belästigung in Schwimmbädern seien fast keine darunter: 2014 waren es sieben, 2015 elf und 2016 bislang sieben. Seit Silvester reagiere die Bevölkerung sensibler auf Grapschereien, heißt es bei der Polizei.

Wie schnell man dabei in Verdacht geraten kann, zeigt ein Beispiel aus dem Schlossbad Niederrhein in Mönchengladbach: Mitte Juli hatten dort acht Mädchen und Frauen im Alter von 12 bis 18 Jahren Anzeige wegen sexueller Belästigung erstattet. Die drei Tatverdächtigen - zwei 17-jährige Flüchtlinge aus Afghanistan und ein 24-Jähriger mit ausländischen Wurzeln - wurden vor Ort gestellt, die Ermittlungen laufen.

Einige Tage später kam die Polizei erneut, nachdem zwei 14-jährige Mädchen behauptet hatten, ein Mann habe sie am Ende der Wasserrutsche berührt. Der Familienvater war mit seinem Kind gerutscht. Auch hier ermittelt die Polizei noch, aber nach Aussage der Bäderleitung spricht vieles für ein Missverständnis, zurückzuführen auf die "größere Sensibilität" aller Beteiligten.

Manche Kommunen versuchen den Badegästen die Angst nehmen, indem sie Flüchtlinge beschäftigen. "Badelotsen" heißen sie in Hanau in Hessen. Abdulrahman Alabsi, 21, und Salah Sleibi, 53, sitzen unter einem Sonnenschirm vor dem Heinrich-Fischer-Bad. Die beiden Syrer sollen ehrenamtlich zwischen den Stammgästen und denen aus den Flüchtlingsunterkünften vermitteln und aus dem Englischen ins Arabische übersetzen.

Hier sei bislang nichts passiert, sagen sie, aber kürzlich hat Alabsi eine Schlägerei verhindert, indem er einem Iraker auf Arabisch klarmachte: Die Deutschen verstünden keinen Spaß, wenn man sich am Sprungturm vordrängele.

Alabsi hat in Aleppo Ingenieurwesen studiert, bevor er vor dem Bürgerkrieg flüchtete. Dass Flüchtlinge häufiger Frauen belästigen als andere Männer, kann Alabsi nicht glauben. So was werde doch auch in seiner Heimat bestraft. Wenn eine Frau beim Schwimmen an der syrischen Küste angetatscht werde, dann stürzten sich garantiert alle Umstehenden auf den Täter.

Sein älterer Kollege Sleibi ist im vergangenen Sommer gemeinsam mit seiner Frau und den vier Söhnen aus Syrien nach Deutschland gekommen. Der kleine, freundlich dreinschauende Mann mit dem grauem Haarkranz hat als Manager in einem Elektrizitätswerk früher schon Europa bereist. "Viele Jungs vom Dorf sind überrascht über die Freiheiten in Deutschland", sagt er. Schließlich sei es Frauen in vielen Teilen Syriens verboten zu schwimmen. "Aber wer ist bitte so verrückt, ausgerechnet im Schwimmbad Frauen zu belästigen, wo unzählige Menschen drum herum stehen und einen erwischen können?"

In Kirchheim unter Teck hatten sie scheinbar alles richtig gemacht. In den Deutschkursen für Asylbewerber wurden die Baderegeln erklärt. Neben die Duschen hängten sie Bilder, die erklären sollten: nicht mit Straßenkleidung ins Wasser, nicht schubsen, nicht grapschen, nicht in die falsche Umkleidekabine laufen - so lauten die Regeln. Ein Anfang. Auf den Türen der Kabinen steht lediglich "Damen" und "Herren", auf Deutsch, ohne Symbole.

Außerdem wurden zwei Männer aus Gambia eingestellt, Osman und Landim. In gelben Bademeister-T-Shirts, Jeans und Wollsocken räumen die beiden Westafrikaner morgens und abends auf, tagsüber sollen sie Konflikte zwischen Flüchtlingen und Personal vermeiden helfen.

Dass im Strömungskanal kürzlich trotzdem etwas passiert sein soll, hat den Ort aufgeschreckt. In den sozialen Medien vermischten sich Fakten und Fiktion, weil viele sowieso glauben, was sie wollen. "Massenmissbrauch" schrieben aufgebrachte Bürger auf Facebook. Eltern riefen an und fragten, ob ihre Kinder noch sicher seien, oder forderten gleich das Geld für die Saisonkarte der Tochter zurück.

Die Stadt bemüht sich um Schadensbegrenzung, beauftragte einen Sicherheitsdienst und bestimmte: Der Strömungskanal bleibt aus, wenn es zu voll wird. Bürgermeister Günter Riemer beteuert, dass es sich um Einzelfälle handelte: Seit Beginn der Badesaison hätten viele junge männliche Flüchtlinge das Freibad besucht und die Badeordnung eingehalten.

"Klar gibt es vernünftige Flüchtlinge", findet einer der Bademeister. Man hat ihm verboten, mit der Presse zu reden, deshalb soll sein Name hier nicht veröffentlicht werden. Er ist es, der von Mai bis September jeden Tag am Beckenrand steht und dafür verantwortlich ist, dass keiner ertrinkt und keiner übergriffig wird.

Seine Erfahrung: Vor allem die Araber seien "risikofreudiger". Das sehe man ja an den ganzen Kriegen, die sie führten. Einige von denen würden wohl ihr Glück bei den deutschen Frauen versuchen. Anfang Juli sei ein Mädchen in seinem Bad von einem jugendlichen Asylbewerber aus Pakistan belästigt worden, auch im letzten Jahr habe es einen ähnlichen Fall gegeben. Was er nicht erwähnt: Der Täter damals war EU-Bürger, kein Asylbewerber.

Um Punkt 17 Uhr schaltet der Bademeister die Pumpe für den Strömungskanal ein, stellt sich dichter ans Wasser und beobachtet den Menschenstrudel. Weiterreden kann er trotzdem, heute sei keiner da, den er besonders im Auge habe. Warum junge Mädchen begrapscht wurden? "Die Araber heiraten doch auch so jung. Deshalb kennen die keine Grenzen."

Zwei bullige Männer, einer barfuß und mit hochgekrempelten Hosenbeinen, schlendern vorbei in Richtung Wiese. Auf dem Rücken ihrer roten Oberteile steht "Steiner-Security". Die Männer kennen viele der Flüchtlinge, die ins Schwimmbad kommen, weil sie auch die Gemeinschaftsunterkünfte in der Umgebung bewachen. "Die sind die Freizügigkeit nicht gewöhnt, leicht bekleidete Frauen sind für die Freiwild", sagt einer der beiden, aber er fügt hinzu: "Manche, die in der Unterkunft öfters Ärger machen, sind hier im Schwimmbad lammfromm."

Der bislang größte Einsatz der beiden Sicherheitsleute im Schwimmbad: Jemand wollte über den Zaun klettern, ohne Eintritt zu zahlen.

Im Video: Wie und warum kann es zu Missverständnissen kommen? Das erklären zwei syrische Flüchtlinge, die als Badelotsen bei Kommunikationsproblemen im Freibad helfen

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