AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Flugzeugträger "Graf Zeppelin" Hitlers Superschiff

Auf dem Grund der Ostsee liegt ein gewaltiges Wrack: die "Graf Zeppelin". Der Flugzeugträger war ein Prestigeprojekt der Nazis, brachte aber nichts als Ärger.

Stapellauf der "Graf Zeppelin" 1938
Berliner Verlag / picture alliance / DPA

Stapellauf der "Graf Zeppelin" 1938

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Die Ostsee heißt unter Tauchern nur das "Meer der Wracks". Es ist schwer, einen Ort auf der Welt zu finden, wo mehr gesunkene Schiffe liegen, Experten vermuten mehrere Zehntausend. Das kalte, relativ ruhige Wasser hat Hansekoggen konserviert und Segler aus der Schwedenzeit, sowjetische U-Boote, deutsche Minenleger, polnische Fischkutter und die Autofähre "Estonia".

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Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Die Wracks sind historische Denkmäler und Friedhöfe in einem. Die "Wilhelm Gustloff" rottet da am Meeresgrund, die "Steuben" und die "Goya", alles Flüchtlingsschiffe, versenkt in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs - Mahnmale von Tragödien, bei denen mehr Menschen umkamen als beim Untergang der "Titanic".

  • Bejubelt und abgewrackt: Die Dokumentation "Hitlers Superschiff - Expedition in der Ostsee" zeigt exklusive Bilder eines Tauchgangs. Sie läuft am Sonntag, 17. Dezember 2017, um 21:50 Uhr auf dem Pay-TV Sender SPIEGEL Geschichte, der über Sky zu empfangen ist.

Nur sechs Meter kürzer als der Luxusdampfer ist die "Graf Zeppelin", Adolf Hitlers einziger Flugzeugträger. Er wurde nie in Betrieb genommen und 1947 von den Sowjets auf 55°31'03" Nord, 18°17'09" östlicher Länge versenkt, eine gewaltige Metallruine in 80 Meter Tiefe.

Die "Graf Zeppelin" liegt in einer Zone ewiger Dunkelheit, umspült von vier Grad kaltem Wasser. Lange galt sie als verschollen. Stalin habe sie ins Chinesische Meer schleppen lassen, lautete eine Legende.

Erst 2006 orteten polnische Ölsucher das Wrack per Sonar. Diesen Sommer dann tauchte ein Expeditionsteam mit ausgefeilter Filmtechnik zu dem Schiff hinab und brachte düstere Bilder mit, die derzeit für den Sender SPIEGEL Geschichte zu einer Fernsehdoku geschnitten und voraussichtlich gegen Ende des Jahres gesendet werden ("Hitlers Superschiff - Expedition in der Ostsee").

Nur Profis können so tief tauchen; es braucht dafür einen Mix aus Atemgasen und dicke Trockenanzüge mit Elektroheizung im Neopren. Der Druckausgleich beim Wiederaufstieg dauert Stunden.

Die "Graf Zeppelin" ist hervorragend erhalten. Sie ruht leicht nach rechts geneigt auf dem Grund der Ostsee, erkennbar sind die einzelnen Planken des Decks. Darunter tun sich gewaltige Hallen auf, die Hangars für die Messerschmitt- und Junkers-Maschinen, die auf dem Schiff stationiert werden sollten. Die Geschütze sind verschwunden, sie wurden noch von den Deutschen abmontiert und in Norwegen in Stellung gebracht.

Das Wrack erzählt von Größenwahn und ideologischer Verblendung, von technischen Höchstleistungen, chaotischer Planung und Untergang. Es erzählt die Geschichte des "Dritten Reichs".

Der Versailler Vertrag hatte Deutschland bei Kriegsschiffen Rüstungsbeschränkungen auferlegt; eines von Hitlers wichtigsten Zielen war es, dieses als Schmach empfundene "Diktat" zu revidieren. So erklärte er 1935, Deutschland sei zu "voller Wehrhoheit" zurückgekehrt. Dieses forsche Vorgehen trug ihm nicht etwa Sanktionen ein, es wurde, im Gegenteil, sogar belohnt: Großbritannien stieg in Verhandlungen ein, an deren Ende ein Flottenabkommen stand, das Deutschland eine Seekriegsmacht von bis zu 35 Prozent der britischen erlaubte - und damit einen Einstieg in den Rüstungswettlauf zur See.

Weil die Briten, aber auch die Franzosen bereits über Flugzeugträger verfügten, wollten die Deutschen bei dieser Schiffsgattung nicht hinterherschwimmen. Bereits am 16. November 1935 erging der Bauauftrag für "Flugzeugträger A" an den Werftbetrieb Deutsche Werke in Kiel.

Dabei war sich die Marineführung sicher, dass Deutschland "in absehbarer Zeit nicht in der Lage" sei, eine "für die Schlachtentscheidung mit England ausreichende Flotte zu erreichen", notierte Fregattenkapitän Hellmuth Heye. Ein Flugzeugträger sei teuer und verletzlich, gab er zu bedenken.

Die "Graf Zeppelin" wurde dennoch konstruiert. Die Idee war, dass sie mit ihren Jägern einen Flottenverband schützt, der um Schottland herumkurven, Konvois verfolgen und den Briten den Nachschub abschneiden sollte.

93 Millionen Reichsmark plante Berlin für den Bau ein; das Schiff wurde 262,5 Meter lang und 36 Meter breit. Mit seiner 200.000-PS-Maschine sollte es bis zu 63 Stundenkilometer schnell werden und rund 40 Flugzeuge tragen können: Sturzkampfbomber, Jäger, Aufklärungs- und Torpedoflugzeuge vom Typ Fi 167.

Die Flieger mussten für den Betrieb an Bord mit Klappflügeln ausgerüstet werden. Zudem erhielten sie einen ausfahrbaren Fanghaken. Die Piloten konnten damit bei der Landung ein Stahlseil aufgabeln, das ihr Flugzeug zum Stehen bringt. Wie sie abheben sollten, war indes noch unklar, Ingenieure erprobten Pressluftkatapulte.

Am Morgen des 8. Dezember 1938 traf am Kieler Bahnhof ein Sonderzug aus Berlin ein. Hitler wollte mit großem Gefolge zugegen sein, wenn sein Monumentalschiff vom Stapel läuft. Helene Gräfin von Brandenstein-Zeppelin, Tochter des Luftschiffpioniers, durfte eine Flasche Schaumwein am Bug zerdeppern, die Taufrede hielt Luftwaffenchef Hermann Göring: "Fahre stets glücklich, stolzes Schiff, sei ein Hort kühnen Fliegergeistes und zäher Seemannsart und mehre Macht und Ansehen des Reiches."

Der eitle Göring wollte die Gelegenheit nicht fahren lassen, beim ehrgeizigen Rüstungsprojekt aufzutrumpfen. Ohnehin beanspruchte er die Befehlsgewalt über das fliegende Personal und deren Maschinen.

Der Rumpf mit Geschützen und Maschinenraum unterstand also der Marine, während auf den Flugdecks die Luftwaffe das Sagen hatte - eine bizarre Situation: Die Flugzeuge operierten schließlich nicht unabhängig vom Schiff, das seine Manöver allein schon für Starts und Landungen nach deren Bedürfnissen ausrichten musste.

Mit Beginn des Krieges wurde bei Luftwaffe und Marine schnell klar, dass die Kräfte des "Dritten Reichs" bereits überstrapaziert waren. Als Erstes lösten die Militärs die eigentlich für die "Graf Zeppelin" gedachten Fliegerverbände auf, um Lücken bei der Luftwaffe zu füllen.

Im Frühjahr 1940 erging der Befehl, die Flugabwehrkanonen des immer noch im Bau befindlichen Trägers zu demontieren. Man brauchte die Artillerie dringend woanders. Wenig später kam der Vorschlag, die Arbeiten an der "Graf Zeppelin" ganz abzubrechen, Hitler war einverstanden.

Im Juli ließ die Marine den Flugzeugträger gen Osten schleppen. Der wehrlose Rumpf in der Kieler Werft, so die Furcht, fiele sonst alliierten Bombern zum Opfer.

Im Mai 1941 torpedierten britische Fairey-Swordfish-Doppeldecker das deutsche Schlachtschiff "Bismarck" im Nordatlantik. Sie waren von Flugzeugträgern aus gestartet - der Erfolg der Briten führte der Seekriegsleitung drastisch vor Augen, dass den Trägern die Zukunft gehört.

Nun sollte die "Graf Zeppelin" doch weitergebaut werden. In Bremerhaven hoben Bagger ein Hafenbecken für den Koloss aus. Im Januar 1943 war der Flottenbau Thema bei den Beratungen in der Wolfsschanze. Nur Tage vorher hatten die Deutschen beim Kampf um den alliierten Geleitzug JW 51B einen Zerstörer verloren. Hitler zweifelte am militärischen Nutzen "schwerer Überwassereinheiten". Schlachtschiffe und Zerstörer seien leichte Ziele für die Briten. Schließlich verhängte er 1943 einen endgültigen Baustopp, der auch für die "Graf Zeppelin" galt.

Wieder wurde der Rumpf nach Osten gezogen und in Stettin geankert. Das Prestigeobjekt war zum Ersatzteillager heruntergekommen, die Marine ließ brauchbare Metallteile abbauen.

Als im April 1945 die Rote Armee auf Stettin marschierte, setzte ein deutsches Sprengkommando die "Graf Zeppelin" an ihrem Liegeplatz auf Grund. 1947 hoben Spezialisten der sowjetischen Marine den Rumpf. Ihnen fielen Pläne und Skizzen in die Hände, die zur Auswertung nach Moskau geschafft wurden. Nach der Wende gelangte vieles davon wieder zurück nach Deutschland. Die meisten Originaldokumente tragen Stempel und Notizen in Kyrillisch.

Eine Weile nutzte die Rote Armee ihre Beute als Wohnschiff, es hieß jetzt sowjetisch freudlos "PB10". Schließlich wurde der Kahn zur Seekriegszielscheibe degradiert und 50 Kilometer nördlich des polnischen Ortes Wladyslawowo wohl mit Torpedoschüssen versenkt.

Sprunghaftigkeit, Kompetenzgerangel und schlichte Überforderung hatten dazu geführt, dass Hitlers Armee auch in mehr als sechs Jahren Bauzeit die "Graf Zeppelin" nicht fertigstellen konnte.

Militärexperten wie der Historiker Ulrich Israel sind allerdings der Meinung, der Flugzeugträger hätte am Ausgang des Krieges nichts geändert. Es sei sogar gut, dass er niemals einsatzbereit war - vor allem für die Besatzungen: Mehr als 1700 Mann sollten an Bord der "Graf Zeppelin" dienen, sie wären alle dem Tode geweiht gewesen. Denn, so Israel: "Die Engländer hätten ihre Versenkung zur Prestigefrage erklärt und sie mit 100-prozentiger Sicherheit gestellt und vernichtet."



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