Profi-Gehälter im Fußball 1.191.948,18 Euro im Monat - als Ersatztorwart

Wie viel verdient Lewandowski? Was streicht Götze ein? Aus den Spielergehältern wird in der Bundesliga ein großes Geheimnis gemacht. Aus gutem Grund: Selbst Durchschnittskicker kassieren surreale Summen.
HSV-Fußballer Holtby

HSV-Fußballer Holtby

Foto: Alex Grimm/ Bongarts/Getty Images

Immer nur auf der Ersatzbank zu sitzen, das hält kein Fußballer auf Dauer aus. Es ist frustrierend, im Winter saukalt, man fühlt sich abgehängt, überflüssig. Andererseits: Ersatztorwart beim FC Bayern zu sein, das ist wirklich nicht der schlechteste Job.

Pepe Reina besetzte diese Stelle von August 2014 bis Juni 2015. Der Spanier wohnte am Starnberger See, rund 30 Kilometer vom Vereinsgelände der Bayern in München entfernt, in einem Haus direkt am Wasser. Morgens fuhr er zum Training, manchmal war er schon am frühen Nachmittag wieder zu Hause.

In der Nachbarschaft wusste kaum jemand, dass Reina sein Geld als Profikicker verdiente, weil er als zweiter Mann hinter Welttorhüter Manuel Neuer so gut wie nie in Erscheinung trat. In seinem Jahr bei den Bayern absolvierte der gebürtige Madrilene nur drei Pflichtspiele.

Trotzdem verdiente Reina wie ein Champion. Die Bayern bezahlten ihm 2015 ein monatliches Grundgehalt von 375.000 Euro. Für das Erreichen des Halbfinales der Champions League bekam Reina insgesamt 100.000 Euro an Prämien. Im Januar 2015 überwies ihm der Klub vertragsgemäß eine Sonderzahlung in Höhe von 1,75 Millionen Euro, wofür auch immer, womit Reina laut Gehaltsabrechnung allein in diesem Monat auf einen Nettoverdienst von 1.191.948,18 Euro kam. Der Ersatztorwart des FC Bayern.

Reina spielt inzwischen für den SSC Neapel. Wie viel genau er dort verdient, ist nicht bekannt. Italien war mal das gelobte Land für Profis. Inzwischen zieht es Berufskicker eher nach England, weil dort so gut bezahlt wird, oder nach Spanien. Oder in die Bundesliga.

In dem Football-Leaks-Material, das der SPIEGEL und seine internationalen Partner ausgewertet haben, finden sich viele Verträge von Bundesligaspielern. Sie geben einen guten Einblick in die Gehaltsstruktur des deutschen Profifußballs.

Ganz oben im Lohn-Ranking liegen - klar - die Stars des FC Bayern. Xabi Alonso unterschrieb 2014 in München einen Vertrag, der ihm in der ersten Saison ein Grundgehalt von 450.000 Euro einbrachte. Netto. Im Monat. Der Chilene Arturo Vidal handelte im vergangenen Jahr ein monatliches Bruttogrundgehalt von 867.000 Euro aus, macht 10.404.000 Euro im Jahr, egal ob er spielt oder nicht. Von solchen Summen können Kicker bei Mainz 05, bei Borussia Mönchengladbach oder bei Schalke 04, selbst bei Borussia Dortmund nur träumen. Man muss sich aber auch um die Minderverdiener der Bundesliga keine Sorgen machen. Für den Sportwagen in der eigenen Garage reicht es allemal.

Arturo Vidal

Arturo Vidal

Foto: CHRISTOF STACHE/ AFP

Der Mittelfeldspieler Shinji Kagawa bekommt in Dortmund laut seinem Vertrag von 2014 ein Fixum von 300.000 Euro im Monat. Der kamerunische Flügelstürmer Eric Maxim Choupo-Moting begann 2014 beim Malocherklub in Gelsenkirchen mit einem monatlichen Grundgehalt von 167.000 Euro. Der Torwart Loris Karius hatte beim Ligamauerblümchen Mainz 05 immerhin noch ein Jahresfixum von 840.000 Euro. Er hütet inzwischen unter Jürgen Klopp beim FC Liverpool das Tor.

Erstaunlich gut verdienen Profis beim Hamburger SV. Selbst ein Durchschnittsspieler wie Albin Ekdal kassiert bei dem finanziell schwer angeschlagenen Abstiegskandidaten 210.000 Euro brutto im Monat. Elfmal so viel wie Angela Merkel.

Warum verdienen Berufsfußballer überhaupt solche Summen? Wie ist es möglich, dass die Personalkosten der 18 deutschen Bundesligaklubs - inklusive Betreuer und Trainer - in den vergangenen zehn Jahren um 100 Prozent gestiegen sind, auf eine Milliarde Euro?

Einfache Antwort: weil es der Markt hergibt.

Fußball wird geliebt, überall auf der Welt. Die Umsätze der Klubs steigen und steigen, weil ihnen ihr Produkt aus den Händen gerissen wird. Sponsoren geben immer mehr für Fußball aus. Fernsehanstalten bieten immer neue Rekordsummen für Übertragungsrechte. Obwohl die Tickets und die Trikots der Spieler immer teurer werden, strömen die Zuschauer in die Stadien und in die Fanshops.

Die Summen, die der kommerzielle Fußball bewegt, sind surreal - und längst Teil der großen Show. Transferausgaben und Spielergehälter werden heute von Medien und Experten analysiert wie Börsenkurse durch Banker. Die Zahlen, auf deren Grundlage debattiert wird, basieren in der Regel auf Schätzungen. Warum eigentlich?

In den USA werden die Gehälter von Basketball-, Baseball- oder Footballstars veröffentlicht. Im europäischen Spitzenfußball machen die Klubs um die Einkommen der Profis ein großes Geheimnis.

Die deutschen Dax-Unternehmen müssen inzwischen angeben, wie viel Gehalt ihre Vorstandsvorsitzenden verdienen. Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) hat vor knapp zwei Jahren einen Vorstoß unternommen, Gehaltsgruppen offenzulegen. Er versandete.

Auch die Vereine wollen sich nicht in die Karten schauen lassen. Sie glauben, dass die Summen Sprengstoff sein können. Die Liebe für einen Spieler kann leicht in Wut umschlagen.

Solange ein Stürmer trifft, eine Mannschaft Erfolg hat, akzeptieren die Fans noch, dass manche der Darsteller auf dem Rasen in einem Jahr mehr verdienen als ein Schlosser, ein Mechaniker, ein Schreiner im ganzen Leben. Wenn es aber nicht so gut läuft, dann schreit der Fanblock plötzlich: "Scheißmillionäre".

Ein weiterer Grund, warum die Klubs Gehälter mit größter Diskretion behandeln, sind die Spieler selbst. Sozialneid gibt es auch unter Profis. Es ist nicht gut für die Stimmung in einer Mannschaft, wenn nach einer Heimniederlage unter der Dusche auch noch das Einkommensgefälle thematisiert wird.

Die meisten Verträge in der Bundesliga basieren auf dem Standardvertrag der Deutschen Fußball Liga (DFL). In dem Dokument wird oft auch das monatliche Grundgehalt des Kickers aufgeführt. Was der Spieler über diese Zahlung hinaus verdient, steht dann in den Anlagen, in Sonder- und Sondersondervereinbarungen.

Sehr schlanke Vertragskonstrukte entstehen mitunter beim FC Bayern. Die Stars dort lassen sich nicht auf kleinteilige Leistungsklauseln ein. Vidal, in München einer der Topverdiener, hat in seinem Kontrakt von 2015 unter "Anlage 1" eine Sonderzahlung in Höhe von zwei Millionen Euro festgeschrieben, wenn er 35 Pflichtspiele absolviert hat, und unter "Anlage 2" eine Prämie in Höhe von 600.000 Euro, "im Falle des Gewinns der deutschen Bundesliga durch die FC Bayern München AG". Punkt. Unterschrift.

Vergleichsweise aufwendig sind dagegen Verträge bei Schalke 04, einem Klub, der großen Erfolgsschwankungen unterliegt. Mittelfeldspieler Leon Goretzka hat zum Beispiel im Juli 2013 - er war damals 18 Jahre alt - einen Kontrakt mit einer Nationalspielerprämie unterschrieben: 100.000 Euro bekam Goretzka von Schalke für das erste Länderspiel, weitere 150.000 Euro waren nach seinem dritten Länderspiel fällig, dem 0:0 gegen Italien vor einem Monat in Mailand. Ab dem fünften Länderspiel kassiert Goretzka noch mal 200.000 Euro und ab dem zehnten abermals 250.000 Euro. Insgesamt also 700.000 Euro für zehn Länderspiele.

Leon Goretzka

Leon Goretzka

Foto: Peter Steffen/ dpa

Für Schalke sind die Sonderzahlungen keineswegs rausgeworfenes Geld, sondern eher eine "Investition in die Zukunft", sagt der Wirtschaftswissenschaftler Gerd Mühlheußer von der Universität Hamburg. Jeder Länderspieleinsatz steigere "den Marktwert" eines Spielers. Würde Goretzka im kommenden Jahr als mehrfacher Nationalspieler verkauft, bekämen die Schalker ihr Geld mit Rendite zurück.

Geld schießt Tore - diesem alten Leitsatz folgen die Profiklubs mehr denn je. Aber schießt Geld wirklich Tore?

Der Publizist und Philosoph Wolfram Eilenberger analysiert seit Jahren den internationalen Fußball. Er findet nicht, dass Profis generell zu viel verdienen. Eilenberger glaubt aber, dass die hohen Gehälter mitunter "kontraproduktiv" wirken.

Ein Paradebeispiel für seine These sei der Hamburger SV. Der Verein ist bei Spielerberatern dafür bekannt, ungewöhnlich gut zu bezahlen. Die Spieler des HSV aber laufen deshalb keinen Meter mehr als jene in Köln oder in Mönchengladbach. Im Gegenteil: Seit Jahren ist in Hamburg zu beobachten, wie Profis, die eigentlich zum Klub geholt wurden, weil sie gut sind und Entwicklungspotenzial haben, immer schlechter werden.

Eilenberger glaubt, dass durch die hohen Gehälter in Hamburg die "Motivationslage" mancher Spieler "regelrecht gelöscht" werde. Der Mittelfeldspieler Lewis Holtby etwa wechselte 2014 von Tottenham Hotspur zum HSV. Er unterzeichnete in Hamburg damals einen Vertrag, der ihm für die Saison 2016/17 ein Grundgehalt von 291.666,67 Euro im Monat garantiert - das ist Borussia-Dortmund-Niveau.

Auszug aus Anlage 1 des Anstellungsvertrages von Lewis Holtby

Auszug aus Anlage 1 des Anstellungsvertrages von Lewis Holtby

Holtby kann noch mehr Geld verdienen. Wenn er von Anfang an spielt, bekommt er für jeden gewonnenen Punkt 15.000 Euro, für jeden Sieg also 45.000 Euro. Holtby hat sich auch einen "Scorerbonus" festschreiben lassen. Für jedes Tor und für jede Torvorlage sammelt er Scorerpunkte. Ab 15 Punkten wären 100.000 Euro fällig, ab 20 Punkten kämen noch mal 50.000 Euro dazu.

Aber Holtby trifft nicht. Er ist bislang auch nicht als großer Vorlagengeber in Erscheinung getreten.

"Warum sollen sich Spieler, die ein hohes Grundgehalt bekommen, noch anstrengen?", fragt Philosoph Eilenberger. Der HSV spielt seit Jahren schlecht. In dieser Saison werden die Hanseaten vielleicht erstmals in ihrer Vereinsgeschichte in die zweite Liga abstürzen.

Für Holtby wäre auch das zu verschmerzen. Sein Grundgehalt würde nur um 25 Prozent gekürzt.

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Buschmann, Rafael, Wulzinger, Michael

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Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Seitenzahl: 288
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