Spurensuche nach zwei Jahrhunderten Der Fall "Theo" - hat seine Frau ihn getötet?

Lässt sich das Schicksal eines vor 200 Jahren verstorbenen Menschen rekonstruieren? Forensiker aus Basel sind einem faszinierenden Fall auf der Spur.
Kopfrekonstruktion des verstorbenen Baslers: Hatte seine Frau ihn getötet?

Kopfrekonstruktion des verstorbenen Baslers: Hatte seine Frau ihn getötet?

Foto: Friedel Ammann / DER SPIEGEL

Es kam der Tag, da war der Friedhof an der Kirche St. Theodor in Kleinbasel so voll mit Toten, dass der Boden bei Starkregen nach Verwesung stank. Leichenwasser staute sich in den Pfützen; manchmal lief es bis in den Altarraum.

Oft fanden die Totengräber keinen freien Platz mehr und stachen mit ihren Spaten ungewollt in die Leiber derer, die kurz zuvor bestattet worden waren. So entschied man, den Friedhof zum 1. Mai 1833 zu schließen.

Die Verhungerten, Geschundenen, Typhuskranken und Totgeborenen des Basler Stadtteils Kleinbasel hätten damit auf ewig vergessen sein können. Dann aber, etwa 150 Jahre später, sollte in einem Schulhaus nahe der Kirche eine Wärmepumpe installiert werden. Dafür wurden neue Leitungen gebraucht, und so rückte im Winter 1984 routinemäßig die Archäologische Bodenforschung Basel-Stadt an, um Vorarbeiten zu leisten.

So begann eine Geschichte, die zu den faszinierendsten der modernen historischen Forschung zählt. Sie zeigt, welch raffinierte forensische Methodik Archäologen und Anthropologen heutzutage zur Verfügung steht.

Und sie erzählt von einem Rätsel, das nach jahrelanger Detektivarbeit nun kurz vor der Lösung steht.

Ohne Gerhard Hotz wäre es nie so weit gekommen. Der Anthropologe ist 54 Jahre alt und arbeitet als Kurator am Naturhistorischen Museum in Basel. An einem Tag im November betritt er dort den Aufzug im Foyer, fährt hinunter in den Keller und öffnet die Tür, hinter der die Toten sind.

Hotz läuft einen schmalen Gang entlang, vorbei an Schubladenschränken voller uralter Schädel und Knochen, die zu Forschungs- und Ausstellungszwecken gesammelt werden. Er passiert Skelette von Kleinwüchsigen, Rachitiskranken und einem 250 Jahre alten Fetus, der in den Armen seiner Mutter bestattet wurde. Er zeigt auf eine Vitrine, in der die Mumie einer alten Priestergattin lagert. Dann läuft er zu einem Tisch mit dunkelgrauer Platte, auf dem die Gebeine eines Mannes liegen, den man in Basel als "Theo, den Pfeifenraucher" kennt.

Theos Gerippe, das aufgrund der Beckenform als männlich identifiziert wurde, war eines, auf das die Archäologen 1984 stießen. Dummerweise steckten seine Füße in einer Grubenwand fest, die während der Ausgrabung nicht abgetragen werden konnte. So mussten die Forscher zur Amputation schreiten und das Skelett unvollständig ans Museum liefern. Dort ruhte es 20 Jahre lang weitgehend unangetastet in einer Schublade. Doch dann bekamen einige Archäologiestudenten im Jahr 2004 den Auftrag, sich die Knochen aus Kleinbasel einmal genauer anzuschauen.

Den Nachwuchsforschern fiel das Skelett ohne Füße auf, weil der Mann ungewöhnliche, halbkreisförmige Lücken im Gebiss hatte. Sie grübelten und führten die Deformation auf Tabaksucht und das tönerne Mundstück einer Pfeife zurück. So kam das Gerippe in Anspielung auf Fundort und mutmaßliche Leidenschaft zu seinem Namen.

Anthropologe Hotz und einige seiner Kollegen fanden interessant, was die Studenten kombiniert hatten. War es möglich, noch mehr über den Mann herauszufinden, von dem man im Grunde nur ein paar Knochen hatte? Könnte man ihn sogar identifizieren? Seine Geschichte erforschen? "Wir waren wie elektrisiert von der Idee einer Art Lebensschicksalsrekonstruktion", sagt Hotz.

Der Wissenschaftler hatte von Anfang an große Pläne mit Theo: Er wollte den Fall nutzen, um die Möglichkeiten der Forschung auszuloten. Er plante ein Buch, eine Ausstellung und weitere Recherchen zu Skeletten, die auf dem St.-Theodor-Friedhof und einem anderen Basler Totenacker beerdigt worden waren. Die Arbeit sollte helfen, gewöhnlichen Bürgern post mortem eine Stimme zu geben, und erhellen, wie sie im 18. und 19. Jahrhundert lebten und litten - im Gegensatz zur Geschichtsschreibung, die sonst dazu neigt, den Großen und Mächtigen dieser Welt hinterherzuspüren. Ihre Untersuchungen haben Hotz und mehrere Kollegen für ein vor Kurzem erschienenes Buch beschrieben.

Theo, so viel war von Anfang an klar, könnte ein besonders schwieriger Fall werden. Auf dem St.-Theodor-Friedhof gab es kaum Grabsteine und keine Gedenkplatten, nichts erinnerte an die armen Teufel, die hier einst beerdigt worden waren. Hotz und seine Kollegen fanden auch keinen Lageplan, sie stießen im Staatsarchiv nur auf ein Register, in dem die Namen, Berufe, Sterbealter und Geburtsorte aller Verstorbenen Kleinbasels vermeldet worden waren. Zwischen 1779 und 1833, dem Nutzungszeitraum des Friedhofs, zählte man 4334 Menschen, davon 2069 männlich. Einer von ihnen war Theo.

Um den Kreis der Verdächtigen zu verkleinern, wollten die Forscher nun herausfinden, wo Theo aufgewachsen und in welchem Alter er gestorben war. Dafür wurden nicht nur die Knochen, sondern auch die Zähne untersucht, die Auskunft darüber geben, woher ein Mensch stammt. Jede Region hat eine Art eigenen geochemischen Fingerabdruck und offenbart sich über das Verhältnis zweier Varianten des Elements Strontium, das überall in spezifischen Mengen vorhanden ist und sich während der Kindheit im Gebiss einlagert. Theo, so stellte sich heraus, wurde in Basel geboren und muss dort auch seine Kindheit verbracht haben.

Als hilfreich entpuppte sich die Untersuchung der Zahnwurzeln, an denen sich im Laufe eines Lebens Schichten aus sogenanntem Zahnzement bilden wie Jahresringe an einem Baum. Besonders dicke Schichten deuten auf Stressphasen hin, zum Beispiel auf Krankheiten, Hunger oder Schwangerschaften. Theo musste es demnach als etwa 16-Jährigem sehr schlecht gegangen sein, doch er fing sich wieder und starb, als er etwa 30 Jahre alt war. So strichen die Forscher alle Kandidaten von der Liste, die jünger als 26 und älter als 34 Jahre waren. Das verkleinerte den Kreis auf 134.

Kurator Hotz, Skeletteile von "Theo": "Wir waren wie elektrisiert."

Kurator Hotz, Skeletteile von "Theo": "Wir waren wie elektrisiert."

Foto: Friedel Ammann / DER SPIEGEL

Archäologen konnten anhand der Grabposition nachweisen, dass Theo nach einer großen Typhusepidemie bestattet worden sein musste, denn die Opfer des Fleckfiebers wurden besonders tief verbuddelt; man hatte Angst, dass sie post mortem noch giftige Gase verströmten. So konnte ein Exitus nach 1814 unterstellt werden, und es blieben noch 25 Männer.

Eine Forscherin untersuchte, wie robust und symmetrisch Theos Armknochen waren, und verglich die Ergebnisse anschließend mit Daten, die bei der Untersuchung von Vertretern unterschiedlicher Berufsgruppen erhoben worden waren. Demzufolge war Theo Rechtshänder und übte wohl keinen Beruf aus, der körperlich überdurchschnittlich anstrengend war. Er verdiente sein Geld eher als Metzger, Bäcker oder Maler. Eine Tätigkeit im Holz- oder Textilgewerbe konnte von Anfang an ausgeschlossen werden, weil Theo ständig seine Pfeife im Mund gehabt haben musste und Rauchen in diesen Branchen streng verboten war. So blieben aus Sicht der Forscher zwölf Männer, und jetzt wurde es richtig kompliziert.

Anthropologe Hotz verlässt das Museum, läuft fünf Minuten durch Basels Altstadt und erreicht dann das Staatsarchiv, in dem etwa 21,5 Kilometer laufende Akten und Bücher lagern, die zum Teil aus dem frühen 11. Jahrhundert stammen. Dort steht Hotz vor einem Schrank, so groß wie das Tor einer Doppelgarage, der rund 120000 Familienkarteikarten mit knapp acht Millionen biografischen Daten von Basler Bürgern enthält.

Auch die Kärtchen der Theo-Kandidaten stecken im Schrank. Es sind Männer, die in den Achtziger- und Neunzigerjahren des 18. Jahrhunderts geboren wurden und oft aus großen Familien mit manchmal mehr als zehn Kindern stammten. Einige von ihnen wuchsen in ärmlichen Verhältnissen auf, in denen man froh war, wenn das Geld fürs Essen reichte. Das Leben war ungesund in den Gassen Kleinbasels. Die Kanäle und Straßenbäche, die durchs Viertel flossen, steckten voller Abfälle und Fäkalien, es herrschten ideale Bedingungen für Cholera, Typhus und andere todbringende Krankheiten. Jedes zweite Kind starb, bevor es fünf Jahre alt war.

Marina Zulauf-Semmler, die im Karteikartenraum vor zwei Büchern mit Ledereinband sitzt, hat in den vergangenen Jahren tiefen Einblick bekommen in die Lebensumstände der Basler zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Die 63-Jährige ist Ahnenforscherin und gehört zu einer Gruppe Ehrenamtlicher, die über eine kleine Ausstellung im Naturhistorischen Museum vom Fall Theo erfuhren. "Wir sind das Fleisch am Knochen der Geschichtsforschung", witzelt Zulauf-Semmler.

Die Bürgerforschungsgruppe feiert in diesem Monat ihren zehnten Geburtstag und tut mittlerweile viel mehr, als sich nur um den Pfeifenraucher vom Armenfriedhof zu kümmern. Die Hobbygenealogen digitalisieren Daten aus drei Volkszählungen des 19. Jahrhunderts, sie werten Krankenakten aus, sammeln Polizeiberichte, oft in schwer lesbarer deutscher Kurrentschrift verfasst.

So helfen die Hobbywissenschaftler Hotz, die biografischen Daten zu etlichen anderen Skeletten zu liefern, die im Museumskeller aufbewahrt werden. Es handelt sich dabei um Überreste von Menschen, die im 19. Jahrhundert auf dem Basler Spitalfriedhof bestattet wurden. Deren "Lebensschicksalsrekonstruktion" gestaltet sich etwas einfacher, weil dank vorliegender Unterlagen schnell geklärt werden konnte, wer wo beerdigt wurde.

Im Fall Theo kann eine endgültige Identifizierung nur gelingen, wenn potenzielle Nachfahren ausfindig gemacht und zu einem Speicheltest bewegt werden können. Das war nun der wichtigste Job, den das Genealogenteam um Zulauf-Semmler zu erledigen hatte. Das Problem für die Ahnenforscher bestand darin, dass anfangs nur Theos mitochondriale DNA isoliert werden konnte, und die wird nur von Frauen vererbt. Daher mussten die Bürgerforscher immer mit einer Schwester der zwölf verbliebenen Theo-Kandidaten beginnen. Wenn es die nicht gab, machten sie Tanten oder Großtanten ausfindig und ermittelten von diesen aus weiter Richtung Gegenwart, natürlich immer nur von Mutter zu Tochter. "Es gab Momente, da wären wir fast verzweifelt", sagt Zulauf-Semmler.

Die Gruppe verfolgte Spuren bis nach Indonesien und Argentinien, schaffte es aber nicht, Nachfahren aller Kandidaten aufzuspüren. Potenzielle Verwandte gaben Speichelproben ab, alle Vergleiche mit Theos Erbgut fielen negativ aus. Das Team um Hotz verlor die Zuversicht, das Rätsel um die Identität des Pfeifenrauchers lösen zu können, doch dann gelang es zwei Berliner Rechtsmedizinern, DNA zu isolieren, die aus dem Zellkern stammt. Jetzt konnten die Genealogen auch die väterliche Linie der Theo-Kandidaten erforschen.

Hotz und die anderen Ermittler haben schon seit Langem einen Favoriten: Achiles Itin, drittes von sieben Kindern eines ehemaligen Stadtsoldaten. Die Erkenntnisse der Genealogen deuten darauf hin, dass die Familie immer wieder bittere Not, möglicherweise sogar Hunger litt. Ein Umstand, der die auffällige Zahnzementschicht erklären könnte. Womit Itin sein Geld verdiente, ist nicht ganz klar, vermutlich hielt er sich wie sein Bruder als Fuhrknecht über Wasser. Aus Unterlagen im Staatsarchiv geht hervor, dass er ledig blieb und am 14. November 1816 seinen letzten Atemzug tat.

Zulauf-Semmler und ihre Leute haben einen Nachfahren Itins ausfindig gemacht, wohnhaft in den USA. In diesen Tagen wird der Mann ein Paket aus Basel bekommen, darin eine Dokumentation zur Arbeit der Wissenschaftler. Die Hoffnung ist, dass der Amerikaner einer Speichelprobe zustimmt und es dann später eine Übereinstimmung mit Theos Erbgut gibt. Wenn nicht, würden sich die Forscher den Nachfahren von Topkandidat Nummer zwei widmen: Christian Friedrich Bender.

Laut Behördenprotokollen, die die Genealogen fanden, stand der 32-jährige Glasermeister und Vater von acht Kindern am Samstag, dem 16. November 1816, gegen sechs Uhr morgens auf, nahm ein Rasiermesser und schnitt sich damit die Kehle durch. Seine Frau Sara "sey sogleich aus dem Bett gesprungen und wollte ihm zu Hülfe eilen", notierte ein Beamter; doch Bender, laut Protokollen von einer "Gemüths-Krankheit" sowie "religiösen Zweifeln" geplagt, habe sie zur Seite gestoßen und das Messer ein zweites Mal angelegt. Die Aussage der Frau wurde nicht angezweifelt, das Ableben Benders daher als Selbstmord gedeutet.

Sollte sich bei einem DNA-Abgleich nachweisen lassen, dass Theo Christian Friedrich Bender war, dann hat die Polizei womöglich einen Fehler gemacht. Laut Bericht wurden beide Schnitte nämlich von rechts nach links geführt, und das würde nicht zu Theos erwiesener Rechtshändigkeit passen.

So würde der Fall Theo eine neue Wendung nehmen und darauf hindeuten, dass vor 201 Jahren eine Frau ihren Ehemann tötete und damit durchkam. Theo, der Pfeifenraucher, wäre dann ein Mordopfer - und Hotz und seine Kollegen hätten, wenn auch spät, das Rätsel um sein Leben und Sterben gelöst.

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