Der SPIEGEL

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23. Mai 2017, 11:17 Uhr

Solarworld-Pleite

"Wir wurden illegal zur Strecke gebracht"  

Ein Interview von und

Solar-Unternehmer Frank Asbeck erklärt, warum die Insolvenz seiner Firma rein gar nichts mit eigenen Fehlern zu tun hat.

Als Asbeck, 57, am vorvergangenen Mittwoch den Insolvenzantrag beim Amtsgericht Bonn einreichte, trug er schwarze Jeans. Für den Solarzellenproduzenten, in besseren Zeiten als Sonnenkönig verehrt, sieht es düster aus. Über das von ihm gegründete Unternehmen Solarworld, einst der Hoffnungsträger der deutschen Ökobranche und an der Börse zeitweise 4,8 Milliarden Euro wert, herrscht nun der Insolvenzverwalter.

SPIEGEL: Wie fühlt es sich an, wenn man vom Hoffnungsträger zum Totengräber der deutschen Solarbranche wird?

Asbeck: Ach, da ist jetzt viel Häme im Spiel. Einige fühlen sich nun in ihrem jahrzehntelangen Kampf gegen die erneuerbaren Energien bestätigt. Dass da jetzt rund 3000 Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, scheint denen egal. Andere sehen allerdings, dass wir gerade riskieren, eine Schlüsseltechnologie in Deutschland komplett zu verspielen. Hier geht es um Forschung und Know-how in der wichtigsten Energiewendetechnologie. Wir waren die Protagonisten der Innovation und haben Hochleistungsmodule verkauft, die technologisch führend sind. Für unsere Qualität haben die Leute auch etwas mehr Geld ausgegeben, freiwillig.

SPIEGEL: Es waren zum Schluss aber offenbar nicht mehr genug Leute.

Asbeck: Offenbar, und das ist traurig. Es ist traurig, dass mit Solarworld jetzt der Kern der deutschen Solarproduktion, die letzte Fertigung, die alle Wertschöpfungsstufen umfasst, zur Disposition steht. Das belastet mich persönlich sehr.

SPIEGEL: Mussten Sie das nicht kommen sehen?

Asbeck: Wenn man seit 2007 kaum noch Dividenden ausschüttet und 2013 eine komplizierte Umstrukturierung wuppen musste, dann sieht man, dass es der produzierenden Solarindustrie nicht unbedingt gut geht. Aber wir haben bis zuletzt natürlich auf unsere Produktqualität gesetzt und hatten einen testierten Businessplan bis 2019, der die Fokussierung auf Hochleistungsprodukte noch mal schärfte. Der Preisverfall seit vergangenem Jahr, ausgelöst durch die extreme chinesische Überproduktion und deren Notverkäufe zu Dumpingpreisen, hat uns dann aber das letzte Wasser abgegraben. Da geht es am Ende um Cent-Beträge: Jeder Cent, den wir am Markt nicht erzielen, bedeutet zig Millionen Euro weniger Ertrag. Nicht Umsatz, Ertrag! Auch in der Vorschau hatte sich das noch mal verschärft. Da haben wir die Nase nicht mehr hochbekommen.

SPIEGEL: 2006, als China bereits als Konkurrent für Solarmodule auf dem Markt war, prognostizierte die Unternehmensberatung Roland Berger, die Ökoenergiebranche werde 2030 fast so viele Mitarbeiter ernähren wie die Autoindustrie. Die hat heute 775.000 Beschäftigte, die Ökostrombranche nicht mal die Hälfte. Nur noch rund 30.000 Menschen arbeiten im Solarbereich. Ist dieser Niedergang nur mit China zu erklären?

Asbeck: Ja. Es wurde doch gerade beschrieben, wie chinesische Solarkonzerne offenbar mithilfe deutscher Komplizen seit Jahren Anti-Dumping-Zölle umgehen, um ihre monströsen Überkapazitäten loszuwerden.

SPIEGEL: Was meinen Sie konkret?

Asbeck: Die Vorwürfe in Bezug auf chinesische Importe, die jetzt deutsche Staatsanwaltschaften und Zollfahnder untersuchen. Dabei geht es um Zollhinterziehung, gefälschte Ladedokumente und Cash-Back-Zahlungen. Viele haben mir in dem Zusammenhang ja Alarmismus vorgeworfen, aber fairer Handel sieht für mich anders aus: Wir sind mit illegalen Mitteln zur Strecke gebracht worden.

SPIEGEL: Warum reichten Ihr Know-how und der technische Vorsprung nicht aus, um die Chinesen auf Abstand zu halten?

Asbeck: Weil Sie gegen diese Art Kommandowirtschaft schwer ankommen. Die Chinesen haben ja bereits 2003 die Solarindustrie als strategisch wichtige Schlüsseltechnologie definiert. Darauf wurden dann die Betriebe angesetzt. Mit Staatsbankkrediten wurde eine Kapazität aufgebaut, die heute die weltweite Nachfrage 1,3-mal bedienen kann. Auf diesen Druck haben wir reagiert. Unsere Forschungsabteilung stockten wir auf über hundert Leute auf, 25 bis 40 Millionen Euro sind da pro Jahr reingeflossen.

SPIEGEL: Aber Sie sind dennoch im Massenmarkt der einfachen, sogenannten multikristallinen Zellen stecken geblieben.

Asbeck: Wir haben frühzeitig an Alternativen gearbeitet. Bei der Fotovoltaik geht es heute aber nicht mehr um Revolution, sondern um Evolution. Sie müssen den Wirkungsgrad der einzelnen Zelle und die Langlebigkeit des Moduls erhöhen. Da waren wir zusammen mit dem Fraunhofer-Institut immer rund zwei Jahre vor den Chinesen. Obwohl wir mit den dortigen Arbeitsbedingungen und Löhnen nicht konkurrieren können und wollen, haben wir dem Druck ja lange standgehalten.

SPIEGEL: Wie das?

Asbeck: Was die an Lohnkosten günstiger waren, haben wir über Automatisierung, Qualität und einen leicht höheren Preis kompensiert. Unser Problem war die an allen Ecken und Enden in China subventionierte Produktion, das ist Doping. Wenn wir darauf nicht reagieren, wird diese künstliche Leistungssteigerung auch andere Branchen ruinieren. Es geht dann nicht mehr um Innovation, sondern nur noch um die Frage, wer länger durchhält.

SPIEGEL: Laut einer Branchenstudie produzieren die Chinesen nicht wegen der Subventionen günstiger, sondern weil sie billiger einkaufen, größere Fabriken vorhalten und sich nur aufs Massengeschäft der multikristallinen Zellen beschränken.

Asbeck: Diese Studie war ja von Importeuren finanziert. Fabriken, die auf Überproduktion angelegt sind, sind ja weder sinnvoll noch nachhaltig und in einer Marktwirtschaft völlig irrational. Bei den Einkaufspreisen unterscheiden wir uns nicht groß von den Chinesen. Wenn Sie allerdings subventionierten Strom bekommen und subventionierte Rohstoffe und immer neue Staatskredite, dann können wir eben irgendwann nicht mehr mit.

SPIEGEL: Sie reden dauernd von Subventionen, dabei ist Ihr Unternehmen das Kind eines der größten staatlichen Aufzuchtprogramme überhaupt, des Erneuerbare-Energien-Gesetzes, kurz EEG. Und an dem haben Sie auch noch mitgewirkt.

Asbeck: Ich hab da nicht mitgewirkt, ich habe mich stark bemüht, dass so was kommt...

SPIEGEL: ... Sie hätten "mitgebastelt", hieß es in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung"...

Asbeck: ... da wissen Sie doch gar nicht, ob das stimmt. Ich kann doch nicht jedem dummen Zeug widersprechen. Aber im Ernst: Diese Förderung war ja Konsens. Und begonnen hatte das unter CDU-Forschungsminister Riesenhuber mit dem 1000-Dächer-Programm. Dass dann später daraus das EEG entstand, das war 'ne interessante Sache...

SPIEGEL: ... 'ne interessante Subvention...

Asbeck: ... die wir als Kleinproduzent, der wir damals noch waren, unterstützt haben. Das ist unsere heilige Pflicht gewesen. Profitiert haben davon in erster Linie die Kunden.

Frank Asbeck muss das Interview unterbrechen, weil er zum Insolvenzverwalter gerufen wird.

SPIEGEL: Um was ging es?

Asbeck: Es geht um Hunderte kleine Entscheidungen, die jetzt jeden Tag getroffen werden müssen, etwa um die Freigabe einiger Hundert Euro für den Einkauf von Gasen. Ohne die würde ein Teil der Produktion in Sachsen zum Erliegen kommen.

SPIEGEL: Sie haben kürzlich von eigenen Fehlern gesprochen. Sie hätten eher die sogenannte Perc-Technologie entwickeln sollen, die mit verspiegelten Zellenrückwänden eine höhere Ausbeute erlaubt. Wie weit sind Sie zudem etwa mit lokalen Speicherlösungen für Sonnenenergie?

Asbeck: Die Perc-Technologie haben wir seit 2012 als Erste entwickelt. Vielleicht hätten wir das noch etwas eher an den Markt bringen können, aber das war eine Abwägungssache. Speicherlösungen haben wir übrigens als Erste im Programm gehabt. Wir sind allerdings nicht selbst in die Produktion eingestiegen, das können etablierte Batteriehersteller besser. Wir waren auch die Ersten, die komplette Systemlösungen fürs Dach angeboten haben, inklusive Batteriespeichern, Wechselrichtern und Steuerungssoftware für Wärmepumpen.

SPIEGEL: Wo steht die deutsche Solarindustrie heute noch?

Asbeck: Nach der Insolvenz von Q-Cells, Conergy und Solon, um nur drei zu nennen, gibt es noch etwa ein Dutzend Modulfertiger und noch Hersteller von Equipment und Wechselrichtern. Einen vollintegrierten Produzenten gibt es außer uns nicht mehr.

SPIEGEL: Die EU-Importzölle, auf die Sie wie kein anderer gedrängt haben, hätten der Branche auch hierzulande zusätzlich geschadet, wird Ihnen vorgehalten.

Asbeck: Die Frage ist, wem. Produktionsbetriebe sind großteils auf unserer Seite - auch weil die EU dieses Preisdumping ja nachgewiesen hat. Bei den Händlern oder Installationsbetrieben sieht das natürlich anders aus.

SPIEGEL: Die Solarbranche boomt, 2016 sind weltweit 75 Gigawatt Leistung installiert worden. Deutschland ist mit 1,5 Gigawatt nur noch ein Winzling und ist inzwischen hinter Großbritannien zurückgefallen, warum?

Asbeck: Fünf Jahre Schlechtreden hat der Solarenergie zugesetzt. Hinzu kamen die sinkende Vergütung, Zubaugrenzen und Eigenverbrauchsabgabe. Gleichzeitig haben wir aber Kosten gesenkt: Die Module sind heute so günstig, dass sie problemlos mit konventionellem Strom konkurrieren können.

SPIEGEL: Was sagen Sie nach der Insolvenz nun Ihren Aktionären?

Asbeck: Die Aktionäre sind natürlich ihres Besitzes enthoben...

SPIEGEL: ... zum zweiten Mal...

Asbeck: ... ja, eigentlich zum zweiten Mal nach 2013. Aber das ist höchstens die halbe Wahrheit, denn viele andere haben auch sehr viel mit uns verdient.

SPIEGEL: Sie zum Beispiel. Ungefähr hundert Millionen Euro sind über die Jahre in Ihre Privatkasse geflossen.

Asbeck: Oh Gott. Schauen Sie, in 21 Jahren Solarworld habe ich neun Millionen Euro als Vorstandsgehalt bekommen. Umgerechnet sind das unter einer halben Million Euro pro Jahr. Das ist viel Geld. Aber vergleichen Sie das mal mit anderen Unternehmen, die so kapitalisiert waren wie wir. Und, ja, ich habe, wie jeder Aktionär, Dividenden bekommen - und Aktien verkauft.

SPIEGEL: Es gab den Vorwurf, dass Sie Anfang 2013 drohende Schadensersatzforderungen aus einem strittigen Siliziumgeschäft in den USA den Aktionären so lange vorenthalten hätten, bis Ihr damaliger Aktienverkauf abgewickelt war.

Asbeck: Wenn da irgendwas dran gewesen wäre, wäre es doch aufgegriffen worden.

SPIEGEL: Ist der Firmensitz mit Ihrem Büro, den 99 Fuchsfellen an der Wand und dem Gänsegehege draußen Teil der Insolvenzmasse?

Asbeck: Nein, die Immobilie gehört mir privat, die hat der Konzern von mir gemietet, für 9,80 Euro pro Quadratmeter.

SPIEGEL: Was haben Sie jetzt vor?

Asbeck: Ich hab schon ein paar gute Einfälle, das hört ja nicht auf. Ich hab was im Kopf, was jeder braucht. Erneuerbare Energien natürlich. Der Markt wird auf 100 Gigawatt steigen. Da wird die eine oder andere sonnige Idee wohl noch reinpassen.

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