AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 48/2016

Schmutzige Geldanlagen Schlafen Sie eigentlich noch gut?

Sparfonds und Banken investieren in Umweltsünder, Waffenhersteller oder sie profitieren von Kinderarbeit. Doch Anleger kümmert das viel zu wenig. Dabei können sich ethisch saubere Anlagen sogar finanziell auszahlen.

Waffensystem des US-Herstellers Raytheon: "Das widerspricht den völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands"
IDF / Chameleons Eye / DDP Images

Waffensystem des US-Herstellers Raytheon: "Das widerspricht den völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands"


Eigentlich ist Ulrike Folkerts ein durch und durch politischer Mensch. Die Schauspielerin setzt sich schon seit 2004 für das Verbot von Landminen und Streubomben ein. Aber sie gibt offen zu, dass sie nicht genau weiß, "was meine Bank mit meinem Geld anstellt".

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Heft 48/2016
Eine schrecklich mächtige Familie

Denn herauszufinden, ob das eigene Ersparte oder das Geld für die Altersvorsorge von der Bank, vom Versicherer oder vom Fondsanbieter in Waffenhersteller und Klimasünder investiert wird, ist für Laien ein schier unlösbares Unterfangen.

Die "Tatort"-Darstellerin sagte deshalb sofort zu, als die Organisation Facing Finance sie als Schirmherrin für ein neues Webportal anfragte, das zumindest in einem Bereich Klarheit für den Verbraucher bringen will: Auf der Website Faire-rente.de kann ab kommender Woche jeder leicht verständliche Informationen über die Nachhaltigkeit von rund 45 fondsbasierten Riester-Produkten und den dazugehörigen über tausend Anlagefonds finden, die die Organisation auf Basis von Daten und Stichproben von März und Oktober ausgewertet hat.

Das Ergebnis der Untersuchung ist erschreckend: Bei den schlechtesten Fonds fließen mehr als 40 Prozent der Gelder in Unternehmen, die gegen soziale oder ökologische Standards verstoßen. So profitieren Millionen Riester-Rentner von Klimawandel oder Waffenproduktion. Denn die Deutschen trennen zwar in Massen brav den Müll und kaufen Biowaren im Supermarkt, auch Kinderarbeit dürften die meisten für inakzeptabel halten. Doch beim Thema Geldanlage lässt die überwiegende Mehrheit ethische Aspekte außen vor. Der Anteil nachhaltiger Investments macht hierzulande traurige 2,7 Prozent aller Geldanlagen aus. Was ist der Grund?

Bei der Riester-Rente findet das Facing-Finance-Chef Küchenmeister doppelt problematisch, denn die wird auch noch staatlich gefördert. "Das widerspricht in krassem Maße den völkerrechtlichen Verpflichtungen Deutschlands, die sich etwa aus Klimaschutzabkommen oder Waffenverboten ergeben", sagt Küchenmeister.

Wer zum Beispiel bei einem Allianz-Riester-Produkt den Allianz Euroland Equity SRI wählt, gibt einen Teil seines Geldes dem Rüstungshersteller Thales.

Die Allianz erklärt, dass der Euroland Equity in kein einziges Unternehmen investiere, das etwa der Norwegische Pensionsfonds ausschließe, der schon seit mehreren Jahren eine ethische Anlagestrategie verfolgt. Facing Finance hat neben der Ausschlussliste des Pensionsfonds noch die Kriterien einschlägiger Rating-Agenturen herangezogen.

Auch die FörderRente Invest der Barmenia, die unter anderem mit DWS Fonds arbeiten, schneidet bei der Untersuchung schlecht ab. Der Fonds DWS Top Dividende LD etwa steckt laut Facing Finance rund 20 Prozent seiner Gelder in umstrittene Unternehmen wie den Tabakhersteller Philip Morris oder das US-Rüstungsunternehmen Raytheon.

Die Barmenia erklärt auf Anfrage, dass Nachhaltigkeit für das Unternehmen "ein Selbstverständnis" sei: "Keinen Einfluss haben wir auf die Anlagepolitik von unabhängigen Kapitalverwaltungsgesellschaften." Die DWS erklärt ebenfalls, dass soziale und ökologische Kriterien sowie Grundsätze guter Unternehmensführung "integraler Bestandteil unseres Investmentprozesses" seien.

Der DWS Top Dividende wird nicht nur bei Riester-Renten gern gewählt, er ist mit einem Investitionsvolumen von über 18 Milliarden Euro auch einer der beliebtesten deutschen Fonds überhaupt. Gleichzeitig sind zwei Drittel aller Deutschen der Überzeugung, dass nachhaltige Geldanlagen einen wichtigen Beitrag für Umwelt und Klimaschutz leisten. Rund die Hälfte aller Befragten gaben kürzlich in einer Umfrage an, ein Engagement ihrer Bank in Lebensmittelspekulation, Rüstung oder Steuervermeidungsstrategien sei für sie ein Grund, das Institut zu wechseln.

hauspielerin Folkerts "Eigenverantwortung entwickeln"
Márc Schultz-Coulon/ T & T

hauspielerin Folkerts "Eigenverantwortung entwickeln"

Schauspielerin Folkerts hat für solche Widersprüche eine schlichte Erklärung: Es sei ohnehin schon kompliziert genug, seine Finanzen zu regeln. "Auch ich habe Lehrgeld bezahlt, weil ich aus lauter Überforderung dubiosen Finanzberatern mein Geld für irgendwelche Investments überlassen und damit viel verloren habe", sagt sie.

Dieses Schicksal teilt sie vermutlich mit Millionen Verbrauchern. Denn die Hilflosigkeit ist groß, wenn es um die Themen Vermögensaufbau und Altersvorsorge geht - und das Wissen klein. Eine Studie zur Thematik diagnostizierte vor wenigen Monaten einen vorherrschenden "ökonomischen Analphabetismus" in Deutschland.

Folkerts hat ihre Lehren allerdings inzwischen gezogen: "Man muss sich schon ein Stück weit selbst mit dem Thema beschäftigen, Eigenverantwortung entwickeln." Das gelte auch für die Frage, ob eine Investition "für einen persönlich ethisch vertretbar ist".

Doch der Glaube, dass ethische Anlagen risikoreicher und weniger lukrativ sind, ist weit verbreitet. Dabei scheint das Gegenteil der Fall zu sein. Der Hamburger Universitätsprofessor Alexander Bassen hat 2000 empirische Studien zum Thema ausgewertet und herausgefunden: Fast zwei Drittel stellen sogar einen positiven Zusammenhang zwischen Nachhaltigkeit und Performance einer Anlage fest. Nur zehn Prozent wollen einen negativen Einfluss von Nachhaltigkeitskriterien auf die Rendite gefunden haben. "Wir waren selbst überrascht, wie eindeutig das Ergebnis war", sagt Bassen.

Internationale Investmentfirmen wie Hermes haben längst erkannt, dass eine Anlage nach ethischen Kriterien nicht nur das Gewissen beruhigt, sondern sich auch auszahlt. Bestes Beispiel sei der Autobauer VW, dessen Aktienkurs nach Bekanntwerden von Dieselgate abstürzte, sagen viele Profis.

Die Kunst besteht allerdings darin, die vielen Schrottangebote, die mit dem Thema Nachhaltigkeit werben, zu meiden. Sein Geld blind in irgendein Waldinvestment zu stecken, sei sicher keine gute Idee, sagt Ulrike Brendel, Spezialistin für nachhaltige Geldanlagen bei der Verbraucherzentrale Bremen.

"Das Problem ist, dass man quasi auf jedes Produkt öko oder fair schreiben kann", sagt Brendel. "Gesetzliche Mindeststandards, wie etwa bei Bioprodukten, gibt es nicht." So hat der Fonds Allianz Global Sustainability nicht einmal harte Ausschlusskriterien für Kinderarbeit und kann auch in Unternehmen investieren, die Kriegsgerät entwickeln, herstellen oder handeln, wie die Zeitschrift "Finanztest" 2014 in einer Untersuchung gemeinsam mit der Verbraucherzentrale Bremen feststellte.

Das liegt unter anderem daran, dass jeder etwas anderes unter Nachhaltigkeit versteht. Manche Anbieter verfolgen strenge Ausschlusskriterien, andere geben sich pragmatisch und vertreten den sogenannten Best-in-Class-Ansatz. Dabei wird in die jeweils nachhaltigsten Firmen einer Branche investiert. "Das kann unter Umständen bedeuten, dass sie mit ihrem nachhaltigen Fonds auch in Firmen wie das Dax-Unternehmen Bayer investieren, das gerade einen Mega-Deal mit dem Weltkonzern Monsanto eingegangen ist, der schwere Umweltschäden mit dem Pflanzengift Glyphosat zu verantworten hat", sagt Ingo Scheulen vom Beraternetzwerk Ökofinanz-21.

Scheulen war in seinem früheren Leben 14 Jahre Berater bei der Allianz, vor 21 Jahren jedoch beschloss er, sich auf nachhaltige Anlageberatung zu verlegen. "Ich wollte meinen Beruf auch mit meinen persönlichen Idealen in Einklang bringen, zum Beispiel war ich schon damals bei den Grünen in der Kommunalpolitik tätig."

Damals habe es nur fünf Ökofonds gegeben, sagt Scheulen, und er sei ein "absoluter Exot" gewesen. Heute ist das anders, aber besonders viele seiner Art gibt es immer noch nicht.

Ein großer Teil der Finanzberater muss schnell passen, wenn es um ethische Fragen geht. Das macht es für den Anleger schwierig. "Es gibt zwar für die meisten Anlagen oder Versicherungen die nötigen Informationen im Internet. Aber genauso wenig, wie ich mir da als Laie ein Medikament selbst zusammenbasteln würde, funktioniert das mit einer passenden ethischen Anlage", sagt Scheulen.

Wo also anfangen, wenn man seine private Finanzstrategie ändern will? "Man muss die eigenen Ziele definieren und dann sehen, wo man fachkundige Beratung findet und was der Umbau kostet", sagt Finanzberater Scheulen.

Wer sein Geld nach ethischen Kriterien anlegen will, kann schon beim eigenen Konto anfangen.

Seit Mitte September müssen die Banken selbst den Wechsel des Girokontos für ihre Kunden organisieren, wenn diese das wünschen. Und auf dem Internetportal Fairfinanceguide.de kann man zumindest für zehn Banken nachprüfen, wie nachhaltig diese Geldinstitute die Kundengelder investieren.

Bei allen anderen Instituten hilft wahrscheinlich nur eins: nachfragen und insistieren. Ulrike Folkerts, Kundin einer Sparkasse, hat das fest vor. "Wenn man sich mit dem Thema auseinandersetzt, gibt das doch auch ein gutes Gefühl: das Gefühl, etwas tun zu können", sagt sie.

5,6 Billionen Euro beträgt das Bruttogeldvermögen der privaten Haushalte allein in Deutschland. "Stellen Sie sich mal vor, alle Sparer würden auf Nachhaltigkeit umsteigen", sagt die "Tatort"-Schauspielerin. "Das wäre eine Revolution."


Anmerkung: Das Bruttogeldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland beträgt 5,6 Billionen Euro. In einer früheren Version des Textes war die Summe fälschlicherweise mit 5,2 Milliarden Euro angegeben worden. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
greendeal 26.11.2016
1. ???
5,6 Milliarden Euro beträgt das Bruttogeldvermögen der privaten Haushalte allein in Deutschland. ... Sollte das nicht irgendwas mit Billionen sein? 5,6 Mrd. kommen mir etwas mickrig vor
the great sparky 26.11.2016
2. warum sollte man skrupel haben?
warum sollte man skrupel haben? unsere regierenden machen es uns doch tag täglich vor, an welche schurkenstaaten sie insbesondere rüstungsgüter verhökern. ich zähle seit geraumer zeit auch skrupellosigkeit zu den oftmals zitierten und zu verteidigenden europäischen werten. als anleger bewegt man sich somit voll und ganz im wertekanon unserer republik - da kann man aber ganz beruhigt den schlaf genießen, oder?
notbehelf 26.11.2016
3. Geldanlage
Es ist nun leider so, dass Waffen benötigt werden. Also muss sie jemand herstellen und diese Unternehmen finanzieren. Und Unternehmen fein säuberlich in "ethisch, ökologisch und ökonomisch einwandfreie" von denen, die das nicht sind zu trennen, ist in diesem Zusammenhang unmöglich.
homernarr 26.11.2016
4. Nachhaltiges Rating
Nachhaltiges Rating untersucht und bewertet Firmen anhand ihres Verhaltens. Die Ratingagentur, wie der bei der ich arbeite, hat sich auf nachhaltiges Rating spezifiert. Anhand unserer Informationen, können sich Fondverwalter ihre eigenen Fonds gestalten und die Kriterien für sich anpassen und die Schwerpunkte selber bestimmen. So ist es zB möglich Waffenfirmen in gewissem "nachhaltig" zu raten. Denn es gibt ja nicht nur Waffen sondern auch "controverse weapons". So kann ein Sportwaffenhersteller immer noch von einem Hersteller von Streuwaffen und Minen unterschieden werden.
cherrypicker 26.11.2016
5. Zynimsus pur
Hey nun, der Riestersparer, der eh eine eingeschränkte Auswahl an Vermögensanlagen hat und vom Volumen her kaum ins Gewicht fallen dürfte, der soll sich jetzt also bitteschön auch noch ethisch korrekt verhalten. Kommt mir so vor, als ob man einem Hartz-IV-Empfänger rät, sich doch bitte von 2,50 Euro am Tag bioökologisch korrekt zu ernähren! Das ist Zynimsus in Reinkultur! Die weitaus meisten Investments liegen in den Händen derer, die schon viel haben. Sie profitieren im Ausland von Kriegen und Kinderarbeit, treiben im Inland die kleinen Bauern in den Ruin und verdienen prächtig an Teilzeit-, Leih- und Mini-Jobbern. Merken Sie was, Frau Seith? Der Fisch stinkt vom Kopf her! Die wirklich Vermögenden haben schon immer vom Leid der anderen gelebt, die WOLLEN überhaupt nicht ethisch korrekt sein (auch wenn sie es denn gerne behaupten). Schreiben Sie mal was über deutsche Oligarchen wie die Quandts und die Haniels und ich nehme Sie vielleicht wieder ernst. Wenn es Ihnen entgangen sein sollte: 40% der Deutschen haben überhaupt kein Geld übrig, um es anzulegen. Und ob die obersten zwei Prozent, die die Masse des Vermögens besitzen, wirklich noch den Spiegel lesen? Ich fürchte, Sie bellen hier den falschen Baum an.
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