AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 38/2016

SPIEGEL-Gespräch mit Georg Cremer Was in der Debatte um Armut gefährlich falsch läuft

Wie viele Menschen sind wirklich von Armut betroffen? Und was muss der Staat dagegen tun? Georg Cremer, Generalsekretär des Caritasverbands, sagt, die Mittelschicht sei beinahe panisch verunsichert. Zeit für mehr Fakten.

Von und


  • Jörg Müller/DER SPIEGEL
    Georg Cremer, 64, ist Volkswirt und steht seit 16 Jahren mit an der Spitze des Caritasverbands. Als Buchautor hat er sich mit der Spaltung in der Gesellschaft und den Grenzen des Sozialstaats beschäftigt.

SPIEGEL: Herr Cremer, die Zahlen zur Armut in Deutschland lesen sich dramatisch: Mehr als zwölf Millionen Menschen leben danach mit einem Armutsrisiko. Sie aber behaupten in Ihrem neuen Buch, es sei alles halb so schlimm. Wie kommen Sie zu dieser Haltung?

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 38/2016
Hillary Clintons Schwäche wird zur Gefahr für die Welt

Cremer: Ich sage nicht, alles sei halb so schlimm, die Zahlen erfassen das statistisch festgestellte Armutsrisiko. Aber unter diesen zwölf Millionen finden sich zum Beispiel Studenten und Auszubildende, deren monatliches Budget weniger als jene 917 Euro beträgt, die als Armutsgrenze für einen Einpersonenhaushalt festgelegt worden sind. Diese jungen Leute dem Heer der Armen zuzuschlagen ist absurd. Uns bereiten diejenigen Sorgen, die ohne Ausbildung bleiben und keinen Zugang zum Arbeitsmarkt finden werden. Wir brauchen eine Debatte in unserem Land, die sich mehr an Fakten orientiert. Und dafür müssen wir die Statistiken genauer lesen.

SPIEGEL: Laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung gilt jedes vierte bis fünfte Kind als arm. Das Statistische Bundesamt stuft mehr als 40 Prozent der Alleinerziehenden als gefährdet ein.

Cremer: Auch da gilt es, genau hinzuschauen. Alleinerziehend zu sein birgt tatsächlich ein hohes Risiko. Paare mit ein oder zwei Kindern sind nicht stärker von Armut bedroht als der Durchschnitt der Bevölkerung, aber mit jedem weiteren Kind steigt das Risiko. Bei kinderreichen Familien verschlechtert sich die Lage also beträchtlich. Finanzielle Knappheit in Familien führt zu Stress, der der kindlichen Entwicklung schadet: Die Jungen und Mädchen schneiden bei den Untersuchungen zum Schuleinstieg in der Regel schlechter ab und leiden stärker an gesundheitlichen Problemen. Das ist schlimm. Auch Altersarmut ist ein ernst zu nehmendes Problem, aber sie droht, anders als erst neulich deutschlandweit zu lesen war, keinesfalls jedem zweiten Rentner. Wir müssten etwas tun - aber in der Form, wie wir über Armut sprechen, behindern wir ihre Bekämpfung.

SPIEGEL: Warum das?

Cremer: Unsere Debatte ist janusköpfig. Wir messen die sozialen Probleme unserer Gesellschaft anhand der Hilfen, die wir leisten. Je mehr Empfänger Geld bekommen, desto dramatischer erscheint uns die Lage. Ein Beispiel: Wenn wir die Hartz- IV-Leistungen anheben würden, bezögen wahrscheinlich eine knappe Million mehr Menschen dieses Geld. Sie wären dann bessergestellt als heute - und doch würden Vertreter aus Kirchen und Sozialverbänden mit traurigen Augen vor die Kameras treten und von der zunehmenden sozialen Kälte sprechen. Solche Empörung entwertet den Sozialstaat und behindert eine lösungsorientierte Politik: Regierungen wollen ja nicht als jene gelten, die einen Anstieg von Armut zu verantworten haben. Ich halte diesen Empörungsgestus, der sich von den Fakten löst, für unethisch. Er gefährdet die Stabilität unserer Gesellschaft.

SPIEGEL: Gehen Sie da nicht zu weit?

Cremer: Wir pflegen in Deutschland einen übertriebenen Niedergangsdiskurs, der bei vielen Menschen auf tief sitzende Ängste vor einem sozialen Abstieg trifft, sie befeuert und eine sinnlose Panik auslöst. Das müssen wir stoppen. Denn dabei gerät aus dem Blick, dass wir in einem relativ gefestigten und gut regierten Land leben. Wir haben Probleme, aber die Probleme werden nicht ständig schlimmer. Wer das behauptet, spielt Populisten in die Hände.

SPIEGEL: Dennoch berichten Menschen zunehmend, dass sie von ihrem Arbeitslohn allein nicht leben können. Soziologen sprechen von den "working poor". Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Cremer: Ich kann mich nur wiederholen: Auch bei solch eingängigen Schlagwörtern sollte man die Zahlen genau anschauen. Ein großer Anteil jener Männer und Frauen, die neben ihrem Lohn ergänzend Hartz IV beziehen, ist geringfügig beschäftigt oder arbeitet in Teilzeit. Die wenigsten arbeiten Vollzeit - sie alle als "working poor" zu bezeichnen ist irreführend. Dennoch sind sie, auch dank des anschaulichen Begriffs, im öffentlichen Bewusstsein verankert. Andere, deren Schicksale eine mindestens so engagierte Debatte verdient hätten, sind hingegen kaum ein Thema.

SPIEGEL: An wen denken Sie?

Cremer: An verdeckt Arme zum Beispiel. Sie beziehen kein Arbeitslosengeld II oder eine ergänzende Grundsicherung, weil sie ihre Ansprüche nicht kennen oder weil sie sich schämen, den Anspruch geltend zu machen. Eine andere Risikogruppe bilden jene, die im Versandhandel, in Haushalten oder in der Pflege ohne Tarifvertrag beschäftigt sind. Sie arbeiten oft hart und deutlich oberhalb der regulären Arbeitszeit, erzielen aber trotzdem kaum mehr als das Existenzminimum und sind gewerkschaftlich nicht abgesichert.

SPIEGEL: Mehr Macht den Gewerkschaften also?

Cremer: Im Dienstleistungssektor jedenfalls werden wir nur dann Fortschritte erzielen. Außerdem müssten wir als Konsumenten unser eigenes Verhalten ändern und sozial fragwürdige Angebote ablehnen.

Kinder in einem Spielraum der Wuppertaler Tafel
Theodor Barth

Kinder in einem Spielraum der Wuppertaler Tafel

SPIEGEL: Welche politischen Maßnahmen zur Linderung von Armut schlagen Sie vor?

Cremer: Wir müssen auf jeden Fall das erhöhte Renteneintrittsalter von 67 Jahren beibehalten. Aber wir brauchen eine höhere Erwerbsminderungsrente für jene, die ihre Aufgaben körperlich nicht mehr bewältigen können. Und wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir noch im fortgeschrittenen Alter den Job wechseln: Ein Dachdecker muss nicht Dachdecker bleiben.

SPIEGEL: Und wie wollen Sie die Kinderarmut bekämpfen?

Cremer: Sie hat ja viel mit dem Armutsrisiko der Alleinerziehenden und der kinderreichen Familien zu tun. Sie ließe sich verringern, indem man in stärkerem Ausmaß passende Angebote für Teilzeitarbeit und eine verlässliche Ganztagsbetreuung schaffen würde, außerdem sollte man das Kindergeld entsprechend der Familiengröße erheblich stärker als bisher staffeln. Politiker wollen aber wiedergewählt werden und halten sich mit solchen Lösungen zurück: Die Zahl der Familien mit mehr als zwei Kindern ist eher gering. Es ist daher weniger lohnend, für diese Gruppe Politik zu machen.

SPIEGEL: Das Kindergeld stärker zu staffeln dürfte allerdings kaum ausreichen.

Cremer: Natürlich müssen wir in Bildung investieren, das kann man nicht oft genug sagen. Wer in der Schule auf der Strecke bleibt, den begleitet lebenslang ein extrem hohes Risiko für Arbeitslosigkeit. Eine jahrelang verfestigte Arbeitslosigkeit lässt sich nur sehr schwer überwinden, in der Regel mündet sie in Altersarmut. Auch angesichts des demografischen Wandels ein Riesenproblem für den deutschen Sozialstaat: Der Gesellschaft mangelt es an qualifizierten Arbeitskräften - und jene, die arbeiten, müssen dann noch für die anderen aufkommen, deren Teilhabe an Bildung misslungen ist. Dass 5,5 Prozent der Jugendlichen die Schule ohne einen Abschluss verlassen, ist nicht hinnehmbar. Wir brauchen flächendeckend Programme der Prävention, die auch wirken. Der Wille, von guten Beispielen zu lernen, ist leider oft nicht besonders ausgeprägt.

SPIEGEL: Wer hat hier versagt?

Cremer: Die Caritas erhebt jedes Jahr, wie viele Kinder in welchen Gegenden Deutschlands die Schule ohne Abschluss verlassen. In manchen Landkreisen ist es jedes 10. Kind, in anderen nur jedes 50. - obwohl die soziale Situation der Jungen und Mädchen vergleichbar ist. Wir haben die Gemeinden auf diese Unterschiede aufmerksam gemacht.

SPIEGEL: Und wie haben sie reagiert?

Cremer: Manche Gemeinderäte haben den Befund zur Diskussion gestellt. Andere haben uns extrem beleidigt zurückgeschrieben und unsere Ergebnisse schlicht geleugnet. Es ist leicht, soziale Verhältnisse abstrakt und folgenlos anzuprangern. Es ist weit schwerer, sich der eigenen Verantwortung zu stellen und das eigene Verhalten zu hinterfragen.

SPIEGEL: Wenn man Ihnen zuhört, könnte man meinen, das Armutsproblem lasse sich allein durch praktische Reformen im Kleinen lösen. Brauchen wir keine Umverteilung?

Cremer: Wir haben ein System, das bereits in relativ starkem Maße umverteilt, die Armutsrisikoquote wäre sonst drastisch höher. Und wir können auch nicht darauf verzichten: Auch wenn sich Reformen bei der Bildung irgendwann in besseren Arbeitsmarktchancen niederschlagen - der Weg dahin ist lang. Es werden immer Menschen zu unserer Gesellschaft gehören, die den Weg in den Arbeitsmarkt nicht finden, weil alles in ihrem Lebenslauf dagegenläuft; ich spreche da von vielleicht 400.000 Menschen. Eine Sozialarbeiterin in einem Münchner Brennpunktviertel erzählte mir von einem Jugendlichen, der sich ihr anvertraut hatte: Er habe viel mehr Angst vor der Arbeit als vor der Arbeitslosigkeit. Er stammte aus einem Milieu, in dem er regelmäßige Arbeit nie kennengelernt hatte. Grundsätzlich aber gibt es nur einen Weg: Wir brauchen mehr Befähigungsgerechtigkeit in unserer Gesellschaft.

SPIEGEL: Kann man das auch einfacher ausdrücken?

Cremer: Wir müssen jeden Menschen in die Lage versetzen, sein Potenzial so weit zu entfalten, dass er das Leben selbst in die Hand nehmen kann. Und daran scheitern wir immer wieder, weil wir uns in Zwängen gefangen fühlen. Die Caritas baut zum Beispiel ein Netz früher Hilfen in ihren Geburtskliniken auf: Sozialpädagoginnen sprechen dort die jungen Mütter und Väter an; es ist ein erster, niedrigschwelliger Kontakt zu den Erziehungsberatungsstellen und anderen Hilfsangeboten. Solche Angebote sind erwiesenermaßen sinnvoll, da sie auch gefährdete Familien frühzeitig an das System binden. Und was machen die Vertreter des Sozialstaats? Sie streiten über die Finanzierung der Stellen. Häufig fühlen sich weder die Krankenkassen noch die beteiligten Kommunen zuständig - und am Ende scheitert die Innovation. Unser Sozialstaat hat große Stärken, wir geben fast 30 Prozent unserer Wirtschaftsleistung für soziale Sicherung aus. Aber er ist noch nicht gut genug darin, die Entstehung von Armut zu verhindern.

DER SPIEGEL

SPIEGEL: Zahlreiche Menschen in Deutschland fühlen sich von diesem Sozialstaat verraten: Die Schere zwischen Arm und Reich klaffe immer weiter auseinander, meinen sie. Nicht zuletzt spiegelt sich das im Erfolg der AfD wider.

Cremer: Vermutlich geschieht es aus Sorge, aber die Wahrnehmung der Menschen ist tatsächlich verzerrt: Etwa die Hälfte der Deutschen glaubt, dass es in unserem Land weit mehr Menschen mit einem geringen Einkommen gibt als solche mit einem mittleren. Eigentlich müsste jeder erkennen, dass dies nicht stimmt. Richtig ist allerdings, dass die Einkommensverteilung mit der Globalisierung und der Öffnung der Märkte nach Osteuropa ungleicher geworden ist. Aber seit immerhin elf Jahren ist die Situation vergleichsweise stabil. Uns geht es heute immer noch deutlich besser als in den neuerdings so nostalgisch verklärten Nachkriegsdekaden. Dennoch zeigt sich vor allem die Mittelschicht beinahe panisch verunsichert.

SPIEGEL: Wie erklären Sie sich das?

Cremer: Wir ziehen einen Großteil unserer Identität und unseres Wohlbefindens aus dem sozialen Status, den wir erringen - in diesem Punkt aber gibt es keine dauerhafte Sicherheit. In den Jahrzehnten nach dem Krieg war das einfacher, weil die Einkommen für alle anstiegen. Viele Menschen fürchten auch, dass ihre Kinder den sozialen Status nicht halten können: Die Konkurrenz um Führungspositionen hat zugenommen, unter anderem durch positive Entwicklungen wie eine stärkere Durchlässigkeit im Bildungssystem und die berufliche Emanzipation der Frauen. Zudem befördern Erbschaften die sozialen Unterschiede.

SPIEGEL: Warum? Wer erbt, müsste doch eigentlich weniger Sorgen haben.

Cremer: Ja, aber wer sich in Freiburg oder Düsseldorf ein Häuschen kaufen und seinen Status auch durch Vermögensaufbau festigen will, kann ohne ererbtes Geld auch als Akademiker nur schwer mitbieten. Und außerdem werden jetzt die Flüchtlinge von Teilen der Mittelschicht als Konkurrenten wahrgenommen. Denen stopfe man alles vorn und hinten rein, und ihr zahle die Kasse nicht einmal das neue Hörgerät, erzählte mir neulich eine Frau. Ein unsinniges Argument, die Krankenkasse hätte auch ohne Flüchtlinge nicht alles gezahlt. Letztlich fehlt uns wohl die positive Vision einer Gesellschaft mit niedrigen Wachstumsraten. Nach der sollten wir dringend suchen, sonst versagt die Mittelschicht dem Sozialstaat irgendwann die Unterstützung. Das Gefühl, selbst ein Verlierer zu sein, behindert die Solidarität.

SPIEGEL: Zahlreiche Menschen halten das für eine Folge der Agenda 2010, der Arbeitsmarktpolitik des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Sie auch?

Cremer: Hartz IV war ein Jobwunder mit Schattenseiten, aber ein Jobwunder. Es arbeiten nun zwar mehr Menschen in Teilzeit und auch in Leiharbeit - doch insgesamt hat sich die Arbeitslosenquote fast halbiert. Sorgen bereiten mir die Langzeitarbeitslosen. Wir müssen sie besser erreichen. Wir fördern sie häufig in praxisfernen Parallelwelten, etwa in den Ein-Euro-Jobs. Wir brauchen zudem einen geschützten Arbeitsmarkt für jene, die auch mit einer besseren Förderung keinen Weg in eine reguläre, wettbewerbsorientierte Beschäftigung finden. Ebenfalls problematisch finde ich die harten Sanktionen für Jugendliche bei Regelverstößen.

SPIEGEL: Wer jünger als 25 Jahre ist und mehrfach gegen Auflagen verstößt, kann den Anspruch auf Hartz IV ganz verlieren.

Cremer: Und zwar innerhalb kürzester Zeit. Das ist zu radikal. Sanktionen sind vernünftig, weil sie ein klares Signal an die Jugendlichen senden: Such dir einen Ausbildungsplatz, tritt einen Job an! Aber uns ist nicht geholfen, wenn sich um diese Jugendlichen wegen ihres Fehlverhaltens niemand mehr kümmert.

SPIEGEL: Das Bundesverfassungsgericht hat 2010 geurteilt, der Staat müsse den Empfängern von Sozialleistungen ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe finanzieren. Seitdem wird darüber gestritten, was dazugehört. Was meinen Sie?

Cremer mit SPIEGEL-Redakteurinnen Cordula Meyer (M. ) und Katja Thimm in Hamburg
Jörg Müller/DER SPIEGEL

Cremer mit SPIEGEL-Redakteurinnen Cordula Meyer (M. ) und Katja Thimm in Hamburg

Cremer: Der Zugang zu Informationen zählt unbedingt dazu und damit wohl auch ein Internetanschluss. Aber der Sozialstaat kann nicht jede Verrücktheit mitmachen, die bürgerliche Eltern in einer Schulversammlung beschließen: die Teilnahme an einem teuren Abiball, eine Klassenreise nach Kanada. Da muss sich eine gewisse bürgerliche Vernünftigkeit einstellen. In den öffentlichen Raum der Schule gehören Aktivitäten für jedermann.

SPIEGEL: Jeden Tag herrscht in Schulen ein Wettstreit um das tollste Smartphone oder die neuesten Turnschuhe. Wer nicht mithalten kann, wird ausgeschlossen - alles Fälle für den Sozialstaat?

Cremer: Der Ökonom Adam Smith hat im 18. Jahrhundert gesagt, eine Gesellschaft müsse jedem Arbeiter ein Leinenhemd ermöglichen, um ihm das beschämende Gefühl der Ausgrenzung zu ersparen. Gewissermaßen sind die Turnschuhe von heute so etwas wie dieses Leinenhemd. Dennoch kommt der Sozialstaat in diesen Fällen an seine Grenzen: Er kann sich am Wettrüsten der Statussymbole nicht beteiligen. Eltern und Lehrer müssten sich auch dieser Entwicklung stärker entgegenstemmen. Ich sehe da einen großen Handlungsspielraum für die Zivilgesellschaft.

SPIEGEL: Herr Cremer, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

  • SPIEGEL ONLINE/Getty Images
    Ein Rentner in München kann sich keinen Besuch mehr im Biergarten leisten. Eine Familie mit vier Kindern fürchtet den sozialen Abstieg. Eine Frau aus Aachen gilt als arm, sieht sich aber nicht so. Armut in Deutschland hat viele Facetten. Unsere Reporter Florian Diekmann und Britta Kollenbroich haben Armut in Deutschland untersucht.
  • Lesen Sie hier die Reportage.
Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 38/2016
Hillary Clintons Schwäche wird zur Gefahr für die Welt


insgesamt 23 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
doitwithsed 20.09.2016
1.
Herr Cremer hat in seinen Grundthesen sicherlich nicht unrecht. Dennoch ist einiges doch zu hinterfragen. Das Argument z.B., die Krankenkasse hätte auch ohne Flüchtlinge nicht alles gezahlt ist zwar formal richtig, berücksichtigt aber - ganz wertungsfrei, ich bin nicht grundsätzlich gegen die derzeitige Flüchhtlingspolitik - nicht dem Umstand, dass das hierzu aufgewendete Geld möglicherweise hätte auch dazu genutzt werden können Senioren wieder auf Krankenkassenkosten Hörhilfen zu finanzieren. Dieser Euro ist aber nun anderweitig ausgegeben. Und auch Herr Cremer kann nicht leugnen, dass zahlreiche Alterssicherungskonzepte - auch meines - gerade zur Entschuldung Südeuropas durch die Nullzinspolitik den Bach runtergehen, diese Politik also ganz konkret und mit Zahlen belastbar absehbar zu finanziellen Einschränkungen für einen Großteil der Bevölkerung führen wird. Das ist keine Perspektive, die zukunftsfoh stimmt. Dazu kommt, dass sich unsere Regierung auf Kosten der Mittelschicht immer weitere soziale Wohltaten für andere Gruppen ausdenkt, denn hat man mal nichts zu regeln oder zu ändern, glaubt man dort offenbar in ein Daseinsberechtigungsloch zu fallen. Wer (Gesetze) schreibt (besser sich in der Lobby diktieren lässt), der bleibt. Mir graut vor jeder Bundestagswahl, weil wieder zahlreiche kluge Köpfe dann nicht anderes zu tun haben als nach ihren politischen Idealen mein Leben umzugestalten, meist auch auf meine geldlichen oder ideellen Kosten. Auch wenn die neuen Gesetzen dann das Wort Liberalisierung in der Überschrift tragen, so geht es seit jahrzehnten nur in eine Richtung: Belastung, Einschränkung und Gängelelung in fast jedem Lebensbereich. Selbst harmlose Hobbies werden einen vergällt, wenn wieder neue Vorschriften neue Kosten oder Nutzungseinschränkungen nach sich ziehen, um es gesetzeskonform weiter ausüben zu können. Und hier liegt der Hase im Peffer abseits von tatsächlicher Armutsgefährdung scheint nicht nur die globalisierte Welt unsicher, sondern auch hier im eigenen Hause bestimmen die Unsteten und die Ideologen andauernd aufs Neue die Spielregeln. Und sie sind selten zugunsten der Menschen.
genugistgenug 20.09.2016
2. hört endlich auf zu debattieren! Werdet aktiv!
Leider ist da nur der (irrationale) Wunsch der Vater des Gedankens, denn diese Helferindustrie (Eigenbezeichnung Sozialmafia) kann nur schwafeln um von der Selbstbedienung abzulenken. Denn die zocken mit Kursen, usw. sehr gut ab, egal ob Armut, Hartz IVerbrechen, Grundsicherung, Menschen auf der Flucht, usw. Dabei mischen die selbst auch gut mit über den 'Deutschen Verein' - eine Verbindung zwischen Sozialmafia und Kommunen/Staat - https://www.deutscher-verein.de/de/wir-ueber-uns-verein-1283.html (die Mitgliederliste alle Kirchen, Städtetag, Gewerkschaften, usw. ist noch tiefer versteckt) der so sozial ist, dass er die Basis für die Streichung des Diabetesmehrbedarfs bei Hartz IV lieferte. Doch das schwafeln über Armut ist natürlich einfacher wie die Beseitigung und bringt vor allem auch Spesen. Nach unserer eigenen Erfahrung ist der Grundtenor dieser Helferindustrie 'seien Sie doch froh, Sie bekommen doch ETWAS', während die Behörden nachweislich die Gesetze verweigern, z.B. SGB I § 13 ff. (Beratungs- Informationspflicht). Doch wie sagte ein stellv. Jobcenter Geschäftsführer, dabei sein mit Textmarker ausgemaltes SGB II auf den Tisch knallend 'DAS ist alles was hier gilt und sonst nichts' - auf Nachfrage zu den anderen SGB, Grundgesetz, Menschenrechten, UN Behindertenrechtskonvention (Bundesgesetz) wiederholte er seinen Rechtsbruch erneut. Übrigens, Hartz IV enthält so VIEL Geld für Bildung/Monat, dass es gerade für DREI SpiegelPlus Artikel reicht! (PS falls SPON hier 'Lesemarken' spenden möchte, freuen wir uns, danke)
Leser161 20.09.2016
3. Ah irreale Ängste, wieder
Wenn ich ganz real Bekannte habe, die sich von Zeitarbeit zu Zeitarbeit hangeln. Und wenn der einzige Fehler dieser Bekannten ist, "nur" eine Ausbildung zu haben, eine Ausbildung, von der man vor 25 Jahren ganz gut leben konnte, dann kriege ich ganz reale Angst. Denn meine Ausbildung reicht aktuell dafür ganz gut leben zu können. Aber wie sieht das in 25 jahren aus? Die Rente wird dann noch fern sein. Soll ich mit Mitte 50 mobil durch die Republik tingeln um meinen Kindern die Ausbildung zu finanzieren, die dann noch teuerer geworden sein wird? Und ich soll keine Angst haben? Wegen Fakten? Sicher.
ph47112 20.09.2016
4. Endlich mal...
...ein Experte, der mit klarer Sicht auf das Thema blickt. Am besten gefallen hat mir der Satz "......und doch würden Vertreter aus Kirchen und Sozialverbänden mit traurigen Augen vor die Kameras treten und von der zunehmenden sozialen Kälte sprechen......."! Besser kann man es nicht ausdrücken. Wir leben in einem Vollkasko-Staat, wie er weltweit -neben einingen nordischen Ländern- nahezu einzigartig sein dürfte.
moritz27 20.09.2016
5. Am meisten nervt es mich,
wenn es heißt, wir wären ein reiches Land. Allein der Bund hat über 2 Billionen Euro Schulden angehäuft. Dann müssten also die Bürger reich sein? Wenn der Bund 50% seiner Einnahmen für Soziales ausgibt, ist auch diese Thes unhaltbar. Was die Sozialverbände und viele Linke wollen, ist Gleichheit. Diese Modell ist historisch überall gescheitert, weil es Gleichheit in größerer Armut bedeudet und dem Wunsch des Menschen nach persönlichem Erfolg widerspricht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© DER SPIEGEL 38/2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.