S.P.O.N. - Der Kritiker Verleiht einen, zwei, viele Preise!

Der Adorno-Preis ausgerechnet für die Israel-Kritikerin Judith Butler? Skandal! Meint jedenfalls das Feuilleton. Dabei werden Preisverleihungen überschätzt. Interessant werden sie erst, wenn jemand dagegen protestiert, weil sie nur dann als Triebfeder des Diskurses funktionieren.

Judith Butler ist eine Frau mit kurzen, grauen Haaren, einem hageren Gesicht, durchaus selbstbewusstem Blick und einem etwas zweifelhaften Schuhgeschmack. Sie ist außerdem als Philosophin eine Ikone, die die Kritische Theorie der sechziger Jahre und den Dekonstruktivismus der achtziger Jahre nahm und daraus ein Denken formte, das Geschlechterrollen, Identität und damit letztlich Freiheit für unsere Zeit mit definiert hat.

Es geht also vollkommen in Ordnung, dass sie den Adorno-Preis 2012 erhält, da können die Oberlehrer in den Feuilletons, die immer noch glauben, die Postmoderne verhindern zu können, so viel grummeln, wie sie wollen - ausnahmsweise waren die in diesem Fall aber gar nicht das Problem: "Unruhen unter Wissenschaftlern", meldete die "Zeit", was ein wenig wie eine Intifada der Institutsleiter klang, vermummt mit Leinensakkos, bewaffnet mit Drittmitteln.

Was ist also passiert? Judith Butler wird vorgeworfen, von der "Jerusalem Post" und auch vom Zentralrat der Juden, sie sympathisiere mit den israelfeindlichen Bewegungen Hamas und Hisbollah, die sie als "Teil der globalen Linken" bezeichnet habe. Mehr noch wird ihr vorgeworfen, dass sie nicht solidarisch genug mit dem Staat Israel sei, was gerade für eine Jüdin wie sie, so scheint es, ein besonders schweres Vergehen ist.

Zwei Dinge möchte ich vorab klären: Ich finde es unhöflich und unnötig, gegen Preisverleihungen zu protestieren, ich halte Preisverleihungen an sich für überschätzt. Interessant werden Preisverleihungen erst dann, wenn jemand dagegen protestiert, weil sie nur dann als Triebfeder der Demokratie, des Streits und des Diskurses funktionieren: Danke also an die "Jerusalem Post", den Zentralrat der Juden und die marodierenden Wissenschaftler.

Die Empfindlichkeit nimmt zu

Zum Zweiten hat mir sehr eingeleuchtet, in der Klarheit, Einfachheit und Entschiedenheit, was ein jüdischer Freund gesagt hat: Es ist für jeden pragmatisch denkenden Juden auf der Welt klar, dass die Existenz von Israel seine Lebensversicherung ist. Punkt.

Was also ist so schlimm daran, wenn Judith Butler Israel kritisiert, ohne in irgendeiner Weise das Existenzrecht des Staates in Frage zu stellen? Wenn sie über ein Israel nachdenkt, in dem Palästinenser die gleichen Rechte haben wie Juden? Das ein anderes Israel wäre als das der Zionisten?

Wie so oft ist die Diskussion an sich weniger interessant als die Frage, warum es die Diskussion überhaupt gibt: Dass die Empfindlichkeit zunimmt, kann ja ein Zeichen dafür sein, dass die Bedrohung zunimmt, echt oder empfunden, da ist manchmal kein so großer Unterschied - es geht um jüdische Sicherheit und jüdisches Selbstverständnis und um die Frage, welche Zukunft Israel hat.

Nachdenken über die zeitgenössische Ethik

Eine ähnliche Diskussion wie um Butler gab es vor kurzem in den USA, als Peter Beinart sein Buch "The End of Zionism" veröffentlichte, in dem er beschreibt, wie sehr Israel seiner Meinung nach an dem ungelösten Konflikt mit den Palästinensern leidet, wie dieser Konflikt die Demokratie in Israel bedroht und damit letztlich das zionistische Projekt. Auch Beinart wurde heftig attackiert, vor allem von anderen Juden, weil er im Grunde die Frage aufgeworfen hatte, ob es möglich ist, Judentum und Zionismus zu trennen, ob das gut wäre, was der Schaden wäre.

Das war, wie mir schien, eine gute und wichtige Diskussion: die Juden mit Juden führten - und das ist vielleicht Teil des Problems. "Vor mehr als 2000 Jahren haben die Juden den Teufel erfunden, um andere Juden zu dämonisieren", sagte Jeffrey Goldberg, der einflussreichste jüdische Journalist in den USA und ein Kritiker Beinarts. "Juden haben die einmalige Gabe, sich gegenseitig zu zerreißen."

Judith Butler wiederum, ein Teil ihrer Familie wurde in der Nazi-Zeit in Ungarn ermordet, wurde jüdischer Selbsthass vorgeworfen: "Und es ist umso schwerer, den Schmerz einer solchen Anschuldigung auszuhalten, wenn man zu bekräftigen versucht, was am Judentum von höchstem Wert für das Nachdenken über die zeitgenössische Ethik ist - einschließlich des ethischen Verhältnisses zu jenen, denen Grund und Boden und das Recht auf Selbstbestimmung vorenthalten werden, zu jenen, die versuchen, die Erinnerung an ihre Unterdrückung lebendig zu erhalten, zu jenen, die ein Leben zu leben versuchen, das betrauert werden muss."

Diffuse Feindbilder und Hass gegen Juden werden übersehen

Die Frage, die sich bei all dem stellt, ist letztlich: Wem nützen diese Diskussionen und wem schaden sie, welche Ressentiments werden deutlich und welche werden überdeckt. Werden Vorurteile zementiert oder geraten Dinge in Bewegung?

In Berlin wurde am frühen Dienstagabend ein Rabbiner von vier, so hieß es, arabischstämmigen Jugendlichen niedergeschlagen, vor den Augen seiner sechsjährigen Tochter, mitten im, auch das wurde immer dazu gesagt, bürgerlichen Stadtteil Friedenau. Cigdem Aykol hat in der "taz" auf das Schweigen der muslimischen Verbände hingewiesen: "Also genau jene, die sonst Beistand einfordern, wenn einer von ihnen angegriffen wird." Die "Stille nach den Vorfällen", schreibt Aykol, "ist derart auffällig, das man dahinter eine Strategie vermuten könnte. Diffuse Feindbilder und Hass gegen Juden werden übersehen."

Was hat das mit Butler zu tun? Und was hat das mit dem jungen israelischen Bestsellerautor Nir Baram zu tun, der in einem Interview mit der "Frankfurter Rundschau" sagte, dass er nicht in einem "Ghetto" leben möchte, und mit Ghetto meint er ein Israel, in dem nur Juden als Staatsbürger leben dürfen. Und was hat das mit Bernd Ulrich zu tun, der sich in der "Zeit" auf die Suche nach der Gegenwart der deutschen Schuld machte und mit der etwas bizarren Bemerkung des deutschen Botschafters in Israel zurückkommt, der sagt, dass immer mehr Juden die deutsche Staatsbürgerschaft beantragen, "manche schicken die Kopie ihres KZ-Ausweises mit".

Es sind verwirrende Zeiten, die Tektonik unserer Gegenwart verschiebt sich. Vielleicht sollte es einfach noch viel mehr Preisverleihungen geben, über die man streiten kann: den Geschwister-Scholl-Preis für Jonathan Meese, weil der Pop-Nazi jedem vernünftigem Menschen zeigt, wie man "geistige Unabhängigkeit" verramscht. Den Kleist-Preis für Helene Hegemann, damit er wieder die Strahlkraft der zwanziger Jahre bekommt wie bei Anna Seghers. Den Heinrich-Böll-Preis für Maxim Biller, weil er der einzige Mensch ist, der Böll für einen guten Schriftsteller und nicht für einen guten Mensch hält. Den Büchner-Preis postum für Jörg Fauser, weil die anderen Flaschen schon längst vergessen sind, während Fausers Ruhm wächst und wächst.

Und Werner Spies verleiht sich selbst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, und als man ihm drauf kommt, sagt er, es war ein Versehen, keine Absicht.

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