AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 23/2017

Ex-Kanzler als Fußballboss Gerd Schröder unplugged

Gerhard Schröder war mal Bundeskanzler, nun ist er Aufsichtsratschef von Hannover 96. Von seiner VIP-Loge aus agiert er als Strippenzieher: Er führt den Verein, wie er Deutschland gern regiert hätte.

Fußballfan Gerd Schröder in seiner VIP-Loge
Armin Smailovic/ DER SPIEGEL

Fußballfan Gerd Schröder in seiner VIP-Loge

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Der Altkanzler hat einen festen Platz in der HDI Arena, ganz oben auf dem Balkon der VIP-Loge "G6", die er mit fünf Freunden gemietet hat, direkt neben der Tür zum Hospitality-Bereich. Es ist der beste Platz der Loge, weil ihm die Hostessen über die Schulter hinweg einen Pappbecher Weißwein reichen können oder, falls er sich mal einen Nachtisch wünscht, ein Mini-Magnum.

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Heft 23/2017
 

Wenn er kommt, sitzt er immer dort, Platz 5, Reihe R2. Aber an diesem Sonntag, dem wichtigsten der Saison, an dem Hannover 96 im Spiel gegen den Tabellenführer VfB Stuttgart sich den Aufstieg in die Bundesliga so gut wie sichern wird, bleibt sein Platz leer.

Er wird später sagen, dass er trotzdem dabei war, ohne im Stadion zu sein. Dass er am Tag des Spiels auf Rhodos zwischenlandete, nachdem er im Auftrag des deutschen Tunnelbauers Herrenknecht in die Türkei gereist war. Seine "Jungs", wie er seine Sicherheitsbeamten nennt, hätten dafür gesorgt, dass er im Hotel das Spiel live auf Sky verfolgen konnte. So habe er alles miterlebt, das Tor, den Schlusspfiff, den Jubel. Danach habe er sofort Martin Kind angerufen, den Vereinspräsidenten, um ihm zum Sieg zu gratulieren. Soll keiner denken, dass er nichts mitbekommt, nur weil er nicht da ist.

Seit einem halben Jahr ist Gerhard Schröder, 73, Aufsichtsratsvorsitzender seines Heimatvereins Hannover 96. Es ist ein Posten, der ihm eigentlich nur erlaubt, die Finanzen zu überprüfen. Ein besserer Buchhalterjob. Aber wer glaubt schon, dass Gerhard Schröder freiwillig einen Buchhalterjob macht?

Es ist nicht der erste Aufsichtsratsposten, den Schröder annimmt. Nur wenige Wochen nach seiner Abwahl als Bundeskanzler 2005 übernahm er bei Nord Stream den Aufsichtsratsvorsitz, einer Tochter des halbstaatlichen russischen Gaslieferanten Gazprom. Später kam ein weiterer Aufsichtsratsposten bei Herrenknecht dazu. Es sind Posten, über die er nicht gern redet; sie bringen ihm Geld ein, aber keine Anerkennung.

In Hannover ist es umgekehrt. Kurz nach der Berufung zum Aufsichtsratsvorsitzenden gibt Schröder an der Seite von Vereinspräsident Martin Kind Ende Januar die größte Pressekonferenz, seit er im September 2005 abgewählt wurde. Schröder trägt ein schwarzes, offenes Hemd, darüber ein schwarzes Cordsakko, und er ist quietschvergnügt. Vereinspräsident Kind stellt Schröder als einen "Türöffner" vor, als Mann, der für den Verein Sponsoren besorgen soll.

Die Journalisten dürfen Fragen stellen.

Frage: Herr Schröder, wann haben Sie Ihr Faible entdeckt, dass Sie Vereinen helfen können?

Schröder: Ich bin ja wieder als Rechtsanwalt tätig und als solcher in verschiedenen Aufsichtsräten. Aber dies ist natürlich was Besonderes. Es ist ein Ehrenamt.

Frage: Ist Gazprom als Sponsor auch ein Modell für Hannover 96?

Schröder: Ich habe nicht den Eindruck, dass irgendeine Firma, welche auch immer, aus Russland interessiert ist.

Normalerweise nerven Schröder die ewigen Fragen nach Russland und Wladimir Putin, aber nun gefällt ihm die Unterstellung, er bediene sich verborgener Mächte. Nun wirkt es plötzlich so, als könnte er mithilfe seines Freundes, des russischen Präsidenten, etwas Gutes für seine Heimat tun.

Schröders Engagement bei Hannover 96 begann vor drei Jahren, damals mietete er die Loge in der HDI Arena. Sie liegt in der Mitte des VIP-Bereichs, direkt neben der Loge des Vereinspräsidenten. "G6" steht für die "Großen Sechs", das ist jetzt sein Fußballkabinett.

Trikots der Logenmitglieder "G6": Der "Kanzler" kommt immer als Letzter
Armin Smailovic/ DER SPIEGEL

Trikots der Logenmitglieder "G6": Der "Kanzler" kommt immer als Letzter

Heino Wiese, 65, gehört dazu, früherer SPD-Parteifunktionär und Statthalter in Schröders Bezirksverband, der vor gut einem Jahr auf Vermittlung von Putin als "Honorarkonsul der Russischen Föderation in Hannover" eingesetzt wurde.

Professor Madjid Samii, 79, Neurochirurg, ein Mann von komödienhafter Eitelkeit, den Schröder zu seinem Leibarzt erklärt hat, weil Samii ihm "die Leber eines 18-Jährigen" bescheinigte, trotz Schröders Schwäche für guten Wein.

Michael Frenzel, 70, ehemaliger Chef der Preussag AG, an dem sich Schröder beim geplanten Verkauf der Salzgitter AG erfolgreich abarbeiten konnte, was Schröder 1998 ein gutes Wahlergebnis in Niedersachsen bescherte und die Kanzlerkandidatur.

Günter Papenburg, 78, Hannovers Autobahnkönig, den Schröder als Ministerpräsident und Kanzler auf mehrere Delegationsreisen mitnahm und der heute "Honorarkonsul der Republik Kasachstan" ist.

Und schließlich Klaus Meine, 69, Sänger der Rockgruppe Scorpions, den Schröder einst mit dem Satz zum ersten Tennismatch empfing: "Du weißt ja, ich brauche keine Opfer. Ich brauche Gegner."

Die Loge ist ein schalldichter Raum, gut 20 Quadratmeter groß, in dem man vom Lärm in der Nordkurve nur etwas mitbekommt, wenn jemand die Tür zum Balkon öffnet.

In der Mitte steht ein großer Esstisch, auf dem ein stets gut gefüllter Champagnerkühler thront. In der Halbzeit tragen Hostessen Currywürste auf, die Schröder aber nicht anrührt. Er hat immer schon gegessen, wenn er in die Loge kommt.

Von jedem der sechs Logenmitglieder hängt ein Trikot mit dem Namen aufgereiht an der Wand. Schröders ist mit der Rückennummer 9 bedruckt, die früher, als er klein war, die feste Nummer des Mittelstürmers war. Darunter steht "Kanzler".

Der "Kanzler" kommt immer kurz vor dem Spiel, als Letzter, und bleibt danach etwas länger, um die Pressekonferenz mit dem Trainer zu sehen, die live in die Loge übertragen wird.

Sobald das Spiel läuft, sitzt Schröder auf seinem Platz auf dem Logenbalkon. Er gestikuliert dort ausladend, beklagt das langsame Umschaltspiel, die Fehlpässe, vergebene Torchancen. Ist er mit einer Entscheidung des Schiedsrichters nicht einverstanden, ruft er "Schieber". Bleibt ein Spieler der eigenen Mannschaft nach einem Foul zu lange liegen, brüllt er: "Steh auf, du Dussel!"

Er gefällt sich in der Pose des Besserwissers. Wenn er die sehr große Reporterin von Sky sieht, die die meisten Spieler von Hannover überragt, ruft Schröder empört: "Warum ist die denn größer als er?"

Als er bei einem der Spiele entdeckt, dass nicht nur der Schiedsrichter, sondern auch einer der Linienrichter weiblich ist, lästert er, dass jetzt auch schon im Fußball Frauen die Macht übernähmen: "Was soll ich denn jetzt meinem Sohn sagen? Es gibt einfach keine Männerdomäne mehr."

Es ist ein eher robuster Humor, der in der Loge gepflegt wird, und wenn man Schröder dort ein halbes Jahr lang begleitet, bekommt man eine Vorstellung davon, wie er das Land ohne demokratische Zwänge regiert hätte und ohne die Einwürfe der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen.

In seinem neuen Amt braucht er keine Rücksichten mehr zu nehmen und muss sich nicht das Maul verbieten lassen. Man erlebt: Schröder unplugged. Wer ihm nicht passt, wird aus dem Weg geräumt, und als Aufsichtsrat kann er sogar behaupten, dass er nichts damit zu tun hatte. Er regiert den Verein Hannover 96 wie sein Freund Wladimir Putin Russland.

30. Januar. Hannover 96 - 1. FC Kaiserslautern 1:0 (0:0)

Schröder steht in der Loge mit dem Rücken zum Fenster, während das Spiel bereits läuft. Er will seinen Freunden erst einmal zeigen, was er so alles über den heutigen Gegner weiß.

Der 1. FC Kaiserslautern ist nur noch Mittelmaß, aber früher, in Schröders Kindheit, war er die "Walter-Elf", die Vereinsmannschaft von Fritz Walter, der Deutschland als Mannschaftskapitän zum "Wunder von Bern" führte.

"Ich kann die Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern von 1954 komplett aufsagen", sagt Schröder, "ich kenne noch jeden einzelnen Namen." Er wartet nicht darauf, dass ihn jemand auffordert, er spuckt die Namen aus, ohne eine Sekunde zu überlegen: Hölz, Baßler, Kohlmeyer, alle.

Dann blickt er in die Runde, als wolle er sagen: "Toll, nicht?"

Wenn man Schröder fragt, was sein Ziel als neuer Aufsichtsratschef sei, sagt er, natürlich der direkte Wiederaufstieg in die Erste Bundesliga. Er hat dem Vorhaben einen Namen gegeben, das ganz nach Schröder klingt: "Agenda 2017".

Gegen Kaiserslautern spielt Hannover schlecht, aber Schröder will nicht gleich am Anfang rummosern, und schließlich reicht es am Ende noch für ein 1:0. Schröder ist ohnehin gut gelaunt an diesem Montagabend. Wenige Tage zuvor hat seine Partei Martin Schulz als Kanzlerkandidaten ausgerufen, und nun sieht es so aus, als könnte die SPD Merkel nach zwölf Jahren tatsächlich schlagen. Das erheitert den Altkanzler.

Er sprüht vor Ideen. In der Loge denkt er darüber nach, die Erzfeindschaft mit dem Nachbarverein Eintracht Braunschweig zu befrieden. Wie wäre es, wenn er sich einmal in die Fankurve von Braunschweig stellte und bei einem Tor mitjubelte?

Mit leicht ironischem Unterton holt ihn Wiese auf den Boden der Tatsachen zurück. Ob er nicht nach einem solch miserablen Spiel in die Umkleidekabine gehen müsse, um die Mannschaft "zusammenzuscheißen"? Schröder winkt ab. "Ich bin als Aufsichtsratschef nicht für die sportliche Leistung verantwortlich."

Aber verlieren will Schröder natürlich auch nicht. Er will den Erfolg, auch für sich. Doch es ist nur dann sein Erfolg, wenn sich in seiner Zeit etwas verändert. Man soll seinen Beitrag nicht unbedingt sehen, erahnen reicht, als hätte Gottes Hand beim Aufstieg geholfen.

25. Februar. Hannover 96 - Arminia Bielefeld 2:2 (1:2)

"Grauenhaft", sagt Schröder und schenkt sich mit großzügiger Geste ein Glas Champagner ein. Unten auf dem Feld verlassen die Spieler den Platz, es war ein miserables Spiel, Hannover hat nur ein Unentschieden geholt, zu wenig für ein Team, das unbedingt aufsteigen will. Die Logenfreunde packen schon ihre Mäntel zusammen, aber Schröder will noch die Pressekonferenz mit Hannovers Trainer Daniel Stendel sehen, einem bulligen Brandenburger mit einer breiten, knolligen Nase.

Schröder ist ohnehin ein bisschen verschnupft, was nicht nur an seiner Mannschaft liegt, sondern auch an Martin Schulz, der seine Agendapolitik kritisiert hat. Das findet Schröder falsch, inhaltlich, aber auch taktisch. Seine frühere Begeisterung vom Januar ist etwas abgekühlt.

Im Fernsehen sieht man, wie sich Trainer Stendel aufs Podium setzt und seine Hände knetet. Schröder wartet nicht, bis Stendel etwas sagt, er beginnt in seinem Logensessel, Stendel zu imitieren.

"Ääääääähm", äfft Schröder ihn nach.

Stendel spricht tatsächlich ungelenk, aber er führt auch nur einen Zweitligaverein und keine Bundesregierung. Nachdem Schröder dem Trainer eine Weile zugehört hat, dreht er sich zu Béla Anda um, seinem immer noch tadellos geföhnten ehemaligen Regierungssprecher, der heute zu Gast in der Loge ist.

"Wenn ich das früher als Kanzler so gemacht hätte", sagt Schröder. "was da dann los gewesen wäre."

Anda nickt beflissen.

Acht Tage später gibt Hannover 96 bekannt, dass Sportdirektor Martin Bader seinen Posten für Horst Heldt räumen muss. Heldt war zuvor bei Schalke 04, bei dem der russische Gaskonzern Gazprom Hauptsponsor ist. Trainer Daniel Stendel darf erst mal bleiben, in den Lokalblättern steht aber, dass es eng für ihn wird.

Als Schröder am 6. März zusammen mit dem Vereinspräsidenten den neuen Sportdirektor Heldt vorstellt, trägt er wieder ein offenes Hemd und ein Cordsakko, wieder ist er ausnehmend gut gelaunt.

Die Journalisten dürfen Fragen stellen.

Frage: Herr Schröder, waren Sie jetzt bei der Verpflichtung von Horst Heldt der Ideengeber, weil Sie ja auch einen guten Kontakt zu Schalke 04 haben?

Schröder lacht.

Frage: Wie kamen Sie auf Heldt?

Schröder: Ich doch nicht.

Frage: Sind Sie jetzt der Mann im Hintergrund, so ein bisschen Daddy Cool?

Schröder: Nein. Nein. Nein. Ich mache das nicht, um irgendwelche Netzwerke zur Verfügung zu stellen, die ich ja gar nicht habe.

Es gibt eine schöne Geschichte, die erzählt, wie Gerhard Schröder Aufsichtsratsvorsitzender wurde. Danach schimpfte er nach einem schlechten Spiel: "Wenn die so weiterspielen, werden die nie in die Bundesliga aufsteigen." Worauf Vereinspräsident Kind sagte, der Altkanzler solle sich lieber nur über Dinge äußern, von denen er Ahnung habe. Ein Fehler. Kind war das sofort klar. Man beleidigt nicht einfach den "Kanzler". Kind schlug ihm schnell eine Wiedergutmachung vor, den Chefposten im Aufsichtsrat, und Schröder belohnte ihn für die Geste der Unterwerfung.

Schröder mag die Geschichte. Aber natürlich sagt er: "Ich weise sie zurück, mit Entrüstung."

11. März. Hannover 96 - TSV 1860 München 1:0 (0:0)

Schröder nippt an seinem Pappbecher Weißwein. Er könnte jetzt von Verhandlungen mit Horst Heldt erzählen, bei denen er dabei war, von seiner Rolle im Hintergrund, von dem entscheidenden Moment kurz vor dem Handschlag, als Heldt noch dies und das verhandeln wollte und Schröder, der lange geschwiegen hatte, ihn mit dem Satz zur Räson brachte: "Wir sind doch hier nicht auf dem Basar."

Aber Schröder tut so, als hätte er mit den Verhandlungen nichts zu tun. Er erwähnt sie mit keinem Wort.

Stattdessen will er lieber ein bisschen mit dem "Professor" herumblödeln, den er für den eitelsten Menschen hält, den er je getroffen hat.

Er erzählt ihm eine Geschichte, die ihm Johannes Rau beigebracht hat, eine oberlehrerhafte Spitzfindigkeit. Im Kern geht es darum, dass es falsch ist zu sagen, man habe zwei Alternativen, wenn man in Wahrheit zwei Möglichkeiten hat. Richtig sei in diesem Fall, dass man eine Alternative habe.

Der Professor merkt, dass ihn Schröder mit der Geschichte hochnehmen will. "Du bist ein Professor der Philosophie."

Schröder macht sich gern lustig über den Professor, einen Mann, der zu tanzen beginnt, wenn man nur seinen Namen erwähnt, der Professorenwürden sammelt wie andere Leute Briefmarken. "Wenn Sie sagen, dass er nur elf Ehrenprofessuren hat", sagt Schröder, "korrigiert er Sie und sagt: Ich habe 21."

Logenfreunde Schröder, Samii: "Wenn ich das früher so als Kanzler gemacht hätte"
Armin Smailovic/ DER SPIEGEL

Logenfreunde Schröder, Samii: "Wenn ich das früher so als Kanzler gemacht hätte"

Schröder selbst hat sieben Ehrendoktortitel, er lässt diesen Umstand aber eher beiläufig fallen, im Gewand der Ironie. Schröder hat gelernt, dass es ihn mehr glänzen lässt, wenn er über seine Ehrenbezeichnungen mit Herablassung spricht, so, als würden sie ihm nichts bedeuten. "Es ist nur gut, dass es bei Ehrendoktoren keine Doktorarbeiten gibt", sagt er. "Sonst hätten die mich rangenommen wie den Guttenberg."

Im Stadion läuft inzwischen das Spiel, das erste Spiel mit seinem neuen Sportchef, aber dem alten Trainer. Hannover gewinnt knapp, aber spielt schlecht.

Wiese beobachtet Schröder durch die Glasscheibe von der Loge aus. "Das ist kein Fußball für den Exkanzler", sagt Wiese. "Der will immer durch die Mitte stürmen. Das, was er da gerade sieht, ist Merkel-Fußball."

"Ich sach' jetzt nichts", sagt Schröder und setzt sich. Er will sich die Übertragung der Pressekonferenz mit dem Trainer anschauen. Er will sehen, ob er sich wieder so miserabel schlägt.

Wiese: Pass auf, der sagt jetzt gleich, wir haben gut gespielt. Kampfbetont.

Schröder: Ich reg' mich nicht auf. Nicht beim Fußball.

Im Fernsehen werden jubelnde Fans von Hannover 96 gezeigt.

Wiese: Deine Jungs, Gerd.

Schröder: Wir hätten auch 2:0 verlieren können.

Der Professor, der ungewöhnlich lange nichts gesagt hat, mischt sich ein. Er will von Schröder wissen, wie lange der Trainer noch bleibt.

Schröder: Als Aufsichtsratschef bin ich nur für wirtschaftliche Dinge zuständig.

Professor: Aber wie ist dein Gefühl?

Schröder: Ich habe keine Gefühle.

Eine Woche später, beim nächsten Auswärtsspiel beim FC St. Pauli, schafft Hannover 96 nur ein Unentschieden, wieder einmal zu wenig für eine Mannschaft, die aufsteigen will. Zwei Tage danach meldet der Verein, Trainer Daniel Stendel sei beurlaubt worden. Als neuer Trainer kommt André Breitenreiter, der wie Sportdirektor Heldt zuvor bei Schalke 04 war.

Als kurz danach Schalke für ein Freundschaftspiel in Hannover zu Gast ist, blödelt Wiese in der Loge herum. "Wer hat die hier hergeholt?"

Schröder sagt: "Weiß ich nicht."

30. April. Hannover 96 - Fortuna Düsseldorf 1:0 (1:0)

Schröder betritt federnden Schrittes die Loge, sonnengebräunt. Er war ein paar Tage im Urlaub in Marbella, zwischendurch noch kurz auf Einladung von Franz Beckenbauer in Madrid zum Rückspiel des FC Bayern in der Champions League gegen Real, mal wieder richtiger Fußball.


Im Video: Mit Gerhard Schröder in der Loge
SPIEGEL-Redakteur Marc Hujer begleitete Altbundeskanzler Gerhard Schröder in der vergangenen Fußballsaison mehrmals in dessen Loge im Stadion von Hannover 96. Was er dort erlebt hat, schildert der Journalist im Video.

DER SPIEGEL

Er erzählt von Beckenbauer, den er ein "Sonnenkind" nennt. Als Schröder regierte, hat er Beckenbauer gern zum Abendessen ins Kanzleramt gebeten. Beide mögen eine gute Zigarre, und warum soll Schröder von einem Freund abrücken, nur weil die Medien sich wegen ein paar Millionen Euro Schwarzgeld aufregen? Er findet es auch nicht gut, dass die Medien deshalb das Sommermärchen zerstören.

"Gut erholt siehst du aus!", sagt Klaus Meine.

Schröder singt ihm erst mal "Spaniens Himmel" vor, die Thälmann-Kolonne: "Dem Faschisten werden wir nicht weichen..." Er hat das Lied früher immer gesungen, wenn er im Auto zu seiner Oma unterwegs war.

Meine will wissen, ob er am Vorabend Wladimir Klitschkos Kampf im Fernsehen gesehen hat.

Schröder: Boxen ist ein Sport, mit dem ich nichts anfangen kann. Ich finde, das ist der brutalste Sport.

Schröder liebt es, wenn er seinem eigenen Klischee entfliehen kann.

Meine: Wieso? Boxen ist doch ästhetisch.

Schröder: Da ist doch nichts ästhetisch, wenn sich zwei Männer gegenseitig den Kopf einzuschlagen versuchen.

Meine: Aber Boxen ist ultimativer Kampf, archaisch. Die Urform Mann gegen Mann.

Schröder: Du willst mich bekehren. Aber das hat keinen Sinn.

Vom Tisch aus mischt sich Wiese ein, dem Schröders Abscheu vor dem Boxsport auch ein bisschen scheinheilig vorkommt: "Gerd, ich muss allerdings sagen: Du wärst sicher gut in deiner Gewichtsklasse gewesen."

Schröder mustert Wiese, der am Bauch ein bisschen Speck angesetzt hat, von oben bis unten.

"Das Gute ist", sagt Schröder dann, "dass keiner weiß, in welcher Gewichtsklasse ich bin. Aber wenn ich das sagen darf, dann liege ich, was die Gewichtsklasse betrifft, etwas unter deiner."

Am 21. Mai spielt Hannover 96 beim SV Sandhausen, es ist das letzte Spiel in dieser Saison. Am Ende steht es 1:1, das reicht für den Aufstieg.

Schröder ist in diesem Moment zu Hause in Hannover, Familientag, wie es heißt, zu Auswärtsspielen fährt er grundsätzlich nie. Aber dabei war er trotzdem, auf Sky, er hat den Sender abonniert.

Am nächsten Tag, als die Mannschaft im Rathaus von Hannover empfangen wird, ist Schröder wieder unterwegs. Er hält eine Laudatio zum 150-jährigen Jubiäum des SPD-Unterbezirks in Wiesbaden.

Nach seiner Rede sitzt er im Kulturzentrum Schlachthof, neben ihm Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Entwicklungshilfeministerin in seinem Kabinett war und in der hessischen SPD noch immer aktiv ist. Schröder erzählt ihr von der Aufstiegsfeier, die gerade in Hannover begonnen hat. "Ich hab' mir schon kurz überlegt, ob ich heute überhaupt kommen kann, aber ich wollte dir nicht absagen."

Wieczorek-Zeul wirft ihm einen strafenden Blick zu. Schröder wollte eigentlich charmant sein, aber Wieczorek-Zeul scheint seine Bemerkung eher als eine Beleidigung zu empfinden. Sie hat kein Verständnis dafür, dass er überhaupt erwogen hat, für eine Fußballveranstaltung das SPD-Jubiläum zu schwänzen.

Schröder schaut sie kurz an, das will er so nicht auf sich sitzen lassen.

"Was habt ihr hier eigentlich für einen Fußballverein?", fragt er.

"SV Wehen", sagt Wieczorek-Zeul.

"Ach so", sagt Schröder. "Dritte Liga."


Im Video: Mr Basta Frauen? Gedöns! Putin? Ein Demokrat! Wie Gerhard Schröder vom TuS Talle bis ins Kanzleramt stürmte - und was seine eigentliche Leidenschaft ist.

Marco Urban


insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Bertha H. 06.06.2017
1. Sie kennen hier den Unterschied zwischen Vorstand und Aufsichtsrat nicht.
"Er führt den Verein, wie er Deutschland gern regiert hätte." Der Vorstände von Hannover 96, die den Verein führen, heissen: Martin Kind (Vors.); Uwe Krause; Jürgen Dierich; Stefan Mertesacker; Ralf Wassmann. Wieder eine diese aus Ignoranz und Hybris produzierte fake news des Spiegels. Rudolf Augstein 1949: "Alle im Spiegel verarbeiteten und verzeichneten Nachrichten, Informationen, Tatsachen müssen unbedingt zutreffen. Jede Nachricht und jede Tatsache ist […] peinlichst genau nachzuprüfen." Anders Axel Cäsar Springer launig vor den Bildzeitung-Redakteuren am 24. Juni 1952: "Auflage ist alles. Und wenn es auch mit geschmacklosen Lügen erreicht wird." Dazu muss man wissen, dass Springer an schizophrenen Schüben litt, in denen er sich für den wiedergeborenen Messias hielt.
hman2 06.06.2017
2. @SPON: Wer ist Gerd Schröder?
"Gerd Schröder unplugged" Wikipedia: "Gerd Schröder (* 20. Februar 1959 in Würzburg; † 27. August 2008 in Bad Neustadt) war ein deutscher Unternehmer und Eishockey-Funktionär." Falls Sie den Altbundeskanzler meinen, der heißt mit Vornamen Gerhard!
C. V. Neuves 06.06.2017
3.
Die Spieler von 96 werden jetzt nicht mehr bezahlt wenn sie verletzt sind. Auch der Urlaub wurde bereits gekürzt.
!!!Fovea!!! 06.06.2017
4. Wer länger als 4 Wochen
Ersatzspieler ist bekommt nun auch Hartz 4 oder was? Wenn Schröder H96 so führt wie er Deutschland führen wollte?! Da muss Darmstadts Ex-Keeper aber böse aufpassen, der war letzte Saison ein paar Wochen verletzt.
troy_mcclure 06.06.2017
5.
Schröder führt nicht, das Sagen hat ganz klar Martin Kind.
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