AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 34/2016

Fall Gina-Lisa Lohfink "Alles Schweine"

Sie wollte mal "Germany's Next Topmodel" werden, jetzt steht Gina-Lisa Lohfink vor Gericht, angeklagt wegen falscher Vergewaltigungsvorwürfe. Den Prozess verwechselt sie mit einer Gerichtsshow. Von Beate Lakotta


Angeklagte Lohfink
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Angeklagte Lohfink

Schon klar, welches Bild von Gina-Lisa Lohfink am nächsten Morgen in allen Blättern zu sehen sein wird: das Model auf der Anklagebank, die tätowierten Hände mit den orangerot lackierten Nägeln zum stummen Gebet gefaltet, eine Art modernes Gretchen. Die Kameralampen erlöschen, Lohfink hört auf zu beten und ordnet ihre Frisur.

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

Es ist der dritte Verhandlungstag im Amtsgericht Berlin-Tiergarten. Ihre Entourage hat Einzug gehalten, vorbei an Beifall klatschenden Unterstützerinnen mit Lippenpiercings und neonpink gefärbten Dreadlocks. Sie halten Transparente hoch: "Patriarchat k. o. setzen" und "Hass wie noch nie auf die deutsche Justiz und Misogynie", sie rufen: "Nein heißt Nein!" Lohfink, vom Frauenmagazin "Missy" zu "unserer Heldin" gekürt, ist umringt von Männern, die auf sie achtgeben: Florian Wess, in der Klatschpresse bekannt als "Botox-Boy", ehemaliger Lebenspartner des Schauspielers Helmut Berger und aktuell ihr Partner im Gesangsduo "Barbie und Ken", weicht vor den Kameras nicht von ihrer Seite. Ihr Manager stupst sie von hinten, wenn sie was Verkehrtes sagt - so wie neulich, woraufhin die beiden Typen aus den Sexvideos sie prompt wegen Verleumdung anzeigten. Ihre Verteidiger geben sich kämpferisch. Nur die Aktivistin von Femen, die letztes Mal ihre eigene Nacktshow abzog, fehlt.

Der Fall, über den die "Washington Post" schrieb, dass er Deutschland spalte, ist schnell zusammengefasst: Anfang Juni 2012 verbringt Gina-Lisa Lohfink, zu der Zeit 26 Jahre alt, Partygirl und Reality-TV-Größe, eine Nacht in Berlin mit zwei Männern. Die beiden filmen mit ihren Handys; auf Schnipseln von Sexvideos, die kurz darauf gegen Lohfinks Willen im Netz auftauchen, hört man sie "Nein" und "Hör auf" sagen. Lohfink sagt, die Clips zeigten ihre Vergewaltigung, sie sei womöglich mit K.-o.-Tropfen betäubt worden; die Staatsanwaltschaft hält dagegen, ihr "Hör auf" beziehe sich nur aufs Filmen.

Das Gericht schickt den Männern Strafbefehle wegen der Verbreitung der Videos, auch Lohfink erhält einen: 60 Tagessätze, insgesamt 24000 Euro, wegen falscher Verdächtigung. Den will sie nicht akzeptieren, deshalb gibt es nun diesen Prozess.

Zu Beginn war Richterin Antje Ebner von einem kurzen, diskreten Verfahren ausgegangen: keine Mitteilung an die Presse, Ansicht der Clips unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Der Schutz der Intimsphäre überwiege das öffentliche Interesse.

Femen-Protest im Amtsgericht Berlin am 27. Juni
DAVIDS/Sven Darmer

Femen-Protest im Amtsgericht Berlin am 27. Juni

Doch das war, bevor die Angeklagte am ersten Prozesstag unter Anteilnahme der Boulevardmedien auf der Gerichtstoilette zusammenbrach. Es war, bevor auch in seriösen Feuilletons der Vorwurf erhoben wurde, eine sexistische Justiz habe Lohfink vom Opfer zur Täterin gemacht, weil sie zu viel Silikon und zu wenig Textil am Leib trage; bevor Alice Schwarzer in der "Emma" über Lohfink schrieb; bevor diese zur Galionsfigur der "Nein heißt Nein"-Bewegung wurde und ihr Fall die Debatte über die Verschärfung des Sexualstrafrechts befeuerte. Es war, bevor Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig dem #TeamGinaLisa beitrat und sagte, ein "Hör auf" sei deutlich, und bevor Bundesjustizminister Heiko Maas von "Schutzlücken" sprach.

Mittlerweile fällt Ebners Abwägung anders aus. Das Publikum soll bleiben dürfen, wenn die Clips laufen. Im Flurfunk heißt es, man habe Mitleid mit Lohfink als Objekt einer inszenierten Tränenshow, aber das Gericht werde als PR-Bühne missbraucht. So gesehen geht es hier auch um die Ehre der Justiz.

Im Sat.1-"Frühstücksfernsehen" verhandeln Verteidiger Burkhard Benecken und seine Mandantin den Fall seit Wochen: "Gina-Lisa vor Gericht!" - "Gina-Lisa: Zusammenbruch!" - "Gina-Lisa: Bei mir sieht man immer nur die Brüste." Sie sagt Sätze wie: "Ich bin froh, dass ich noch am Leben bin." "Ich hab nach der Polizei gerufen: Hilfe, Hilfe." Im Gerichtsflur lässt sich Lohfink von RTL und Promiflash interviewen, der Flori muss sie dabei stützen wie eine Schwerverletzte. Die Augen verschattet von einer Sonnenbrille sagt sie mit tränenerstickter Stimme: "Der Schmerz über das, was mir angetan wird, wird immer in mir drinnen sein. Wenn ich sage Nein, dann heißt das doch Nein. Das muss man doch verstehen." Nur vor Gericht sagt sie nichts.

Dafür kommt hier die andere Seite zu Wort. Am zweiten Verhandlungstag erscheint Pardis F. als Zeuge, 28 Jahre alt, ein hübscher junger Mann, Dreitagebart, Jeans. Beruf? "Fußballer, zurzeit im Ausland." Dann erzählt er: An einem Freitagabend habe er Lohfink im Berliner Klub Maxxim kennengelernt. Per SMS habe sie ihn in ihr Hotel eingeladen. "Wir hatten Sex, einvernehmlich." In der Nacht darauf hätten sie sich erneut im Klub getroffen und seien zur Wohnung von Sebastian C. gefahren, einem Kumpel, der als VIP-Betreuer im Maxxim arbeitete. "Sie war gut drauf, aber nicht betrunken. Erst hatten wir beide Sex, dann bin ich runter von ihr, und dann hat der Sebastian Sex mit ihr gehabt." Wer die Hände frei hatte, filmte mit dem Handy. "Danach waren wir alle drei auf dem Bett, sie hat Scherze gemacht." Hat Lohfink, wie sie in der Vernehmung gesagt hat, versucht rauszukommen, hat sie nach der Polizei geschrien? Pardis F. schüttelt den Kopf: "Nein, das stimmt nicht." Ebner breitet Fotos auf dem Richtertisch aus, Pardis F. tritt vor und kommentiert: "Das ist mein Gesicht, wie ich sie küsse." Man sieht Lohfink, wie sie Bier trinkt, wie sie sich durch die Haare wuschelt, wie sie beim Abschied im Treppenhaus mit geschürzten Lippen posiert.

Zeuge Sebastian C.
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Zeuge Sebastian C.

Lohfink will die Bilder nicht sehen, sie sitzt allein auf der Anklagebank, fischt ein Papiertaschentuch nach dem anderen aus ihrer Handtasche und weint.

Staatsanwältin Corinna Gögge, die Haare streng zum Pferdeschwanz gebunden, weiße Perlenkette, fragt Pardis F.: "Hat sie gesagt, Sie sollen die Videos löschen?" - "In dieser Nacht? Nein. Sie hat nur gesagt: Ich schmeiß eure Handys aus dem Fenster." Dazu kam es nicht, stattdessen ist in den Akten festgehalten, wie Pardis per WhatsApp gegenüber Freunden protzte: "Habe sie gebumst bro. Hab sogar Video gemacht" - "Lüg nicht" - "Guck dir das an" - "Aboooo du Wixxer du bist Gott".

Auch Lohfink schickte nach dieser Nacht eine WhatsApp-Nachricht an Pardis F., die Richterin liest vor: "Würde jetzt so gern in deinen Armen einschlafen, Kuss." Da springt Lohfink schluchzend auf und stürzt hinaus, zur Toilette. Vor dem Saal branden Applaus und "Nein heißt Nein"-Sprechchöre auf, dann Frauenschreie, eine Femen-Aktivistin hat sich entblößt, Justizwachtmeister zerren sie fort.

Die Richterin schweigt und wartet. Pardis F. schüttelt fassungslos den Kopf.

"Und jetzt zum Sonntag", sagt Ebner stoisch, als Lohfink wieder Platz genommen hat, dem Tag nach der angeblichen Vergewaltigung: Da verbrachte Lohfink eine dritte Nacht mit Pardis F. "Wie kam es dazu?" Na ja, sagt Pardis F., es seien Gefühle im Spiel gewesen, bei beiden. "Aber nachdem das in der Zeitung war, war das auch geklärt." - "Nachdem was in der Zeitung war?" - "Das mit dem bekannten Fußballer. Das war ja mein Freund, der hatte viel Stress deswegen." Pardis F. hatte Gina-Lisa angekündigt, Jérôme Boateng zum Date mitzubringen. Als die beiden ankamen, saß schon jemand von der "Bild"-Zeitung an der Hotelbar, Titelzeile am Dienstag: "Der Nationalspieler und das Nacktmodel - Was machte Boateng mit Gina-Lisa im Hotel?" "Sie hatte ihre Schlagzeile", erinnert sich Pardis F. "Sie war auf Wolke sieben. Das war ja genau, was sie wollte." "Haben Sie sich eigentlich mal entschuldigt bei Frau Lohfink?", erkundigt sich die Richterin zum Schluss. "Für was?" - "Für die Videos." Pardis F. wehrt ab: "Das war doch viel schlimmer für mich!" Er sei Perser, die Eltern seien Akademiker, nun sei er bekannt als Vergewaltiger. "Wenn ich den Verein wechseln will und einer sagt: Das ist der Junge aus dem Video, denken die, da kommt ein Pornostar."

Die ehemalige Managerin von Lohfink, Alexandra S., 41 Jahre alt, hat ihre Biker-Jacke über den Zeugenstuhl gehängt und ihr langes Haar in den Nacken geworfen: "Todesangst" habe sie in der fraglichen Nacht gehabt, nach dem gemeinsamen Klubbesuch. "Ich hab ja die Gina sonst nie allein gelassen, weil, dann kommen die Männer wie Hyänen. Aber mit dem Pardis war sie ja vorher schon zusammen gewesen, den mochte sie ja." Am nächsten Morgen sei Lohfink im Hotel nicht zum Frühstück erschienen. Erst nachmittags habe sie sich per Telefon gemeldet. "Was hat sie gesagt?" - "Ich bin in der Wohnung, und der C. ist auch da", so erinnert sich die Zeugin. "Und dass sie noch Pizza isst und dann kommt." Endlich sei ihr Schützling aus dem Taxi gestiegen: "Da ist sie schlimm getorkelt." - "2012 bei der Polizei haben Sie von Torkeln nichts gesagt", wendet Ebner ein. "Na ja, sie hatte 20-Zentimeter-Absätze an, dazu das Kopfsteinpflaster", sagt Frau S.

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In einer ersten Strafanzeige, die Lohfinks Medienanwalt erstattete, ging es nur um die Verbreitung der Videos, der Sex sei einvernehmlich gewesen. Eine Woche später hieß es: doch nicht. Die Staatsanwältin fragt: "Wann hat Frau Lohfink erstmals davon gesprochen, dass Sex gegen ihren Willen stattfand?" - "Als sie das Video mit ,Hör auf' gesehen hat. Da kam ihr bruchstückhaft die Erinnerung wieder." "Frau Lohfink vermutet, sie sei mit K.-o.-Tropfen betäubt worden. Hat sie über Schwindel, Übelkeit, Schmerzen geklagt?" - "Nein." - "Über sonst irgendetwas?" Frau S. schüttelt den Kopf: "Später hat sie gesagt, sie hätte einen Riesenhunger." Ein toxikologischer Sachverständiger hat auf zehn Clips nach Ausfallserscheinungen gesucht, die für den Einsatz von K.-o.-Tropfen sprechen könnten. "Zeugin ist wach, orientiert, antwortet und nimmt aktiv am GV teil", hat er in seinem schriftlichen Gutachten notiert. "Zeugin sitzt am Computer und bedient ihn", "steht auf und geht durch den Raum und raucht", "lächelt in die Kamera". Einmal legt sie beim Sex ihre Hand auf Sebastian C.s Po.

Bei der Polizei hatte Lohfink angegeben, ihre Managerin habe sie zu einer Ärztin begleitet, die sei "geschockt" gewesen beim Anblick ihrer Wunden. Auch einen HIV-Test habe sie gemacht. "Sind Sie mit Frau Lohfink beim Arzt gewesen?", fragt Gögge. Frau S. überlegt laut: Am nächsten Tag seien sie nach Mallorca geflogen, wegen eines Auftritts, "das müsste ja dann danach gewesen sein ...?" Seit vier Jahren, sagt die Richterin, warte man auf ein Attest oder den Namen der Ärztin. Aber da kann die Managerin auch nicht helfen: "Ich hab ja selbst ein sehr, sehr großes psychisches Trauma erlitten. Keine Nacht konnte ich mehr ruhig schlafen. Und wer mit der Gina übernachtet hat, da hab ich seitdem vorher die Ausweise kopiert." Prüfend ruht der Blick der Richterin auf Frau S.: "Frau Lohfink ist eine erwachsene Frau", sagt sie. "Es klingt hier so, als würden Sie ihr Leben reglementieren." Am dritten Verhandlungstag tritt Sebastian C. in den Zeugenstand. Der zweite Mann aus den Videos, schmal, drahtig, mittelgroß, in türkisfarbenem Hemd, war morgens schon mit seiner Version im Sat.1-Frühstücksfernsehen zu sehen, jetzt trägt er sie dem Gericht vor: "Wir hatten zu dritt Spaß. Es hat keine Vergewaltigung stattgefunden, ich habe weder K.-o.-Tropfen eingesetzt noch das Video verbreitet." Gegen den Strafbefehl wehrt er sich: "Ich bin hier der Geschädigte." Er habe seinen Job in dem Klub verloren, er werde beschimpft und bedroht als Vergewaltiger.

Unglaublich, dass Lohfink so lügen könne, tatsächlich habe sie gestrippt, getanzt, nackt gerappt. Dann sei es zum Sex gekommen, "bestimmt fünfmal".

Und das "Hör auf"? "Bezog sich aufs Filmen. Dass es nicht so nah sein soll." Am nächsten Tag, sagt Sebastian C., sei er normal zur Arbeit gegangen. "Ein paar Tage später waren die Videos weltweit im Umlauf. Ich hab damit nichts zu tun." Am Richtertisch zeigt C. auf ein Selfie: "Da küsse ich sie, sie lacht in die Kamera. Wir haben uns super verstanden, am Mittag hat sie noch Champagner bestellt, den hat der Taxifahrer an der Tankstelle für sie ausgelegt, überprüfen Sie das mal." "Was dachten Sie, als die beiden morgens um fünf bei Ihnen klingelten?", fragt Gögge. "Cool! Ich war euphorisiert." - "Wovon?" - "Na, wenn eine Frau, die gerne Pornos dreht, bei Ihnen vor der Türe steht? Ohne was zu kassieren? Und sie bestellt noch Getränke!" Da lacht das Publikum, und Sebastian C. kommt in Fahrt: "Es ging von Anfang an drum, eine Mediensache zu machen. Nicht darum, das Frauengesetz zu schützen oder 'Nein heißt Nein'. Die Frau Lohfink und diese beiden Herren hier" - C.s Kinn deutet in Richtung Verteidiger -, "die wollten sich im Fernsehen sehen." Jetzt hat Ebner genug: "Herr C., das steht Ihnen nicht zu!" Lohfinks Verteidiger führen sich manchmal auf, als hätten sie zu viele TV-Gerichtsshows gesehen: Sie pöbeln und schreien, schlagen mit der Faust auf den Tisch, reißen sich bei laufender Verhandlung die Roben herunter, stürmen mit ihrer Mandantin im Schlepptau aus dem Saal.

Lohfink am 8. August
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Lohfink am 8. August

An diesem Tag haben sie für Sebastian C. eine Überraschungszeugin mitgebracht, Elena H., 35 Jahre alt. C. sagt, er kenne die Frau nicht. Die Verteidiger bringen sie in den Saal, dort gibt Elena H. an, ihr sei das Gleiche passiert wie Lohfink, vor zwölf Jahren. Da habe Sebastian C. sie mit K.-o.-Tropfen betäubt und in ihrer Wohnung missbraucht - sie habe keine Erinnerung daran, aber sie habe an Schmerzen im Analbereich gelitten.

"Waren Sie bei einem Gynäkologen?", fragt die Richterin. "Nein", sagt die Zeugin. "Waren Sie bei der Polizei?" - "Nein." "Warum nicht?" - "Ich dachte, mir wird sowieso nicht geglaubt."

Claudia R. arbeitet seit zehn Jahren in der Abteilung für Sexualdelikte des Berliner Landeskriminalamts. Ein Vernehmungstermin mit Frau Lohfink sei schwierig zu bekommen gewesen, erinnert sich die Kommissarin. Erst im November 2012, fünf Monate nach der fraglichen Nacht, war es so weit: "Sie sagte, sie hätte den Geschlechtsverkehr mit beiden nicht gewollt. Sie sei sehr besoffen gewesen, sei von einem Raum in den anderen geflüchtet. Die beiden hätten sie festgehalten." Im Netz sind heute nur noch die Schnipsel zu finden, in denen man hört, wie Lohfink "Hör auf" sagt. Die Ermittlerin hat sich mit ihr zusammen den Rest angesehen: "Es war nicht besonders würdevoll, wie man mit Frau Lohfink umgegangen ist", sagt Claudia R. "Es stimmt, dass sie heftig penetriert wird. Aber ich sehe kein Abwehrverhalten. Sie hat viel mit sich machen lassen. Es war eine ausgelassene Stimmung. Man hat normal gesprochen, es ging viel ums Filmen." "Brauchst du Geld?", habe Lohfink sich mokiert, "500 Euro ,Bild'-Zeitung?" An anderer Stelle sagt sie: "Hör auf, Mann, ein Foto reicht." Und das "Nein"? "Bezieht sich nicht auf sexuelle Handlungen, sondern aufs Filmen." Eine Zuhörerin hält es nicht auf ihrem Sitz: "Veranstaltungen wie diese sind der Grund dafür, dass die Dunkelziffer hoch ist", ruft sie und stürmt aus dem Saal. Lohfink beginnt wieder zu weinen.

Verteidiger Benecken blättert in den Akten. Im "Frühstücksfernsehen" gibt er sich als Streiter für die Rechte vergewaltigter Frauen. Vor Gericht verfolgt er eine Zweitstrategie: Seine Mandantin habe die Männer nie wirklich beschuldigt.

"Hat Frau Lohfink das Geschehen Ihnen gegenüber konkret als Vergewaltigung bezeichnet?" - "Sie sagte, das wäre ein hartes Wort, und sie wisse nicht, wie man es sonst nennen soll, wenn man gegen seinen Willen Sex hat", sagt die Beamtin. "Aber wenn jemand sagt: Ich hatte Sex gegen meinen Willen, wurde festgehalten, habe gerufen: 'Hilfe, Polizei' und ,Nein, nein' - dann erfüllt das natürlich den Tatbestand der Vergewaltigung." "Nach dem neuen Gesetz ja", setzt Benecken an, "nach altem nicht unbedingt ..." - "Moment!", unterbricht ihn die Richterin: "Das hört sich an, als ob bisher jeglicher Geschlechtsverkehr gegen den Willen einer Frau straffrei gewesen wäre. Was Sie sagen, stimmt nicht, das wissen Sie genau." Auch nach dem "Nein heißt Nein"-Gesetz, das der Bundestag kürzlich verabschiedete, müssten Ermittlungen klären, worauf sich Lohfinks "Nein" bezog.

Model Gina-Lisa Lohfink begrüßt ihre Fans
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Model Gina-Lisa Lohfink begrüßt ihre Fans

"Haben Sie mal überlegt, welches Motiv hinter einer falschen Verdächtigung stecken sollte?", fragt Benecken die Beamtin. Claudia R. nickt: Lohfinks Familie habe schon unter einem früheren Sexvideo-Skandal gelitten. "Vielleicht wollte sie ihnen so ein Leid nicht noch mal zufügen." In der Vernehmung zeigte sich Lohfink von den Videos schockiert und angeekelt: "Das ist ja eine total andere Gina, die da zu sehen ist, aber nicht ich!", habe sie über die kompromittierenden Bilder gesagt. "Man möchte solche Videosequenzen von sich nicht in der Öffentlichkeit haben", sagt nun die Beamtin. "Und man möchte sich selber so nicht sehen." Die Richterin bittet zum Betrachten der Videos. Lohfink könnte den Saal verlassen, doch sie bleibt auf ihrem Platz sitzen und steckt sich die Finger in die Ohren.

Auf einem Laptop am Richtertisch ist die Langfassung der "Hör auf"-Szene zu sehen, mit heruntergedimmtem Ton, die Richterin beschreibt die Szenen: "Hier legt er ihr den Penis in den Mund, sie dreht den Kopf zur Seite ..." - Lohfinks "Hör auf" ist herauszuhören - "... da antwortet Herr C., er werde alles löschen. Da nimmt sie den Penis in den Mund, sie dreht den Kopf nicht mehr weg. Da geht sie sich mit den Händen in die Haare, da lächelt sie in die Kamera. Jetzt hat sie den Penis im Mund. Sie hat die Arme entspannt zurückgelegt ..." "Sie hat die Arme nicht entspannt zurückgelegt", widerspricht Verteidiger Christian Simonis, "man sieht eine Frau, die regungslos daliegt und einen jungen Mann, der in sie reinhämmert ..." Richterin: "... die aber auch lächelt ..." Nächste Szene. Simonis: "Sie legt die Hand in den Schambereich." - "Nein, auf den Oberschenkel!" Also noch mal zurück: "So: Jetzt auf die Hand achten!" Simonis zum Gutachter: "Wo geht die Hand hin, Herr Sachverständiger?" Der Sachverständige lacht hilflos, er ist Toxikologe, immerhin so viel lässt sich sagen: Nach K.-o.-Tropfen sieht das hier nicht aus.

Während Simonis weiter mit der Richterin streitet, holt Verteidiger Benecken die zitternde Mandantin nach vorn, sie soll die Bilder selbst kommentieren. Kaum läuft das Video, bricht Lohfink in lautes Weinen aus, "Ich will das nicht", schreit sie, "ich verstehe nicht, worüber wir hier reden." Ebner bricht ab: "Ich wollte nicht, dass Sie vor Publikum diese Videos anschauen", sagt sie zu Lohfink. Und zu Benecken: "Warum müssen Sie Ihre Mandantin hier so vorführen? Sie sehen doch, dass sie emotional überfordert ist." Lohfink verlässt den Saal, im Hinausgehen hört man sie noch: "... dass diesen Schweinen ihre Schwänze abgeschnitten werden. Schwanz und Eier! Alles Schweine, die müssen eingesperrt werden!"

Am Ende des Verhandlungstags wankt Gina-Lisa Lohfink vor dem Amtsgericht auf ihre Unterstützerinnen zu - Umarmungen, Jubel, Tränen -, dann nestelt sie aus ihrem Täschchen einen 100-Euro-Schein und drückt ihn einer Frau mit blondem Strubbelhaar in die Hand, die Frau schaut irritiert auf das Geld. Lohfink sagt: "Ich danke euch! Ihr habt den ganzen Tag hier draußen gestanden, kauft euch was Schönes zu trinken." Die Verteidigung hat für Montag weitere Zeuginnen angekündigt, es ist ungewiss, ob Antje Ebner ein Urteil verkünden kann. Für die Angeklagte ist jeder Verhandlungstag ein Erfolg.

In der "Bild" rangierte Lohfink längst unter den "VUPs" - den "Very Unimportant Persons". Seit sie als Vergewaltigungsopfer auftritt, kann man sie wieder vorn auf der Eins bringen. Das Branchenmagazin "Hollywood Reporter" stellte sie als "Ikone des Feminismus" vor. Im September soll sie auf Einladung zweier grüner Europaparlamentarier ihren Fall in Straßburg vorstellen. Auch den Einzug ins RTL-Dschungelcamp hat sie sicher, Honorar: 150.000 Euro.

Lohfink sagt, sie wolle eine Stiftung gründen, für die sexuelle Selbstbestimmung der Frau.

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insgesamt 115 Beiträge
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Seite 1
Yolo200 21.08.2016
1.
Ich überlasse dem Gericht die Tatsachenbewertung. Die Dame erscheint mir aber ihren Fall gezielt für Aufmerksamkeit und damit Publicity zu nutzen da publicity für sie Geld bedeutet.
bluemetal 21.08.2016
2. Interssant
Interessante Details, Frau Lohfink hatte schon zuvor eine Beziehung mit ihrem Vergewaltiger und schickt ihm nach der "Tat" Liebes SMS. Ein wirklich unglaubliches Schmieren-Theater. Sie war nie bei einem Arzt, es gab offensichtlich keine KO-Tropfen, alles ist so offensichtlich erstunken und Erlogen dass die Dame ihre eigenen Lügen scheinbar schon selbst glaubt.
thomas.d. 21.08.2016
3.
Die Frau hat das was man etwas altmodisch "schlechten Umgang" nennt. Und wenn ich mir diese kleinen spätpubertierenden Affen anschaue, ehr ganz schlechten Umgang.
bert.vari 21.08.2016
4. Ist es nicht langsam
genug mit der Unterstützung dieser Dame. Wer das Video gesehen hat, weiß, dass das nichts mit Vergewaltigung zu tun hatte. Dies ganze ist eine lächerlich billig aufgezogener Marketingaktion, die nach hinten losgegangen ist. Dass sich natürlich ein paar Feministinnen finden, die sofort alles unterstützen, ist logisch. Das ständige wieder aufwärmen hier im SPON ist nur ein weiterer Beweis für die Qualität dieses Mediums. RA hat seinen Sarg bestimmt schon vollgekotzt.
vielflieger_1970 21.08.2016
5.
Zitat von thomas.d.Die Frau hat das was man etwas altmodisch "schlechten Umgang" nennt. Und wenn ich mir diese kleinen spätpubertierenden Affen anschaue, ehr ganz schlechten Umgang.
Sie haben natürlich recht, jedoch möchte ich ergänzen, dass Frau Lohfink selber schlechter Umgang ist. Ein C-Sternchen, dass halt mal wieder Publicity brauchte. Nicht der erste Schmuddelstreifen, gezielte Affären mit bekannten Leuten wie zB Boateng, Liebes-SMS nach der "Vergewaltigung"...eine Posse, mehr nicht. Die beiden "Männer", in meinen Augen sind das spätpubertäre Knaben aber das ist eine andere Sache, haben sich ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckert. Wenn ich schon private Pornos drehen möchte, wogegen ja nichts spricht ( bei aller Einvernehmlichkeit natürlich), dann müssen diese auch privat bleiben. Sehr mieser Charakter. Irgendwie scheinen sich ja die drei Richtigen getroffen zu haben.
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