AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 20/2017

Minderjährige Flüchtlinge Er braucht 5000 Euro - ein Blowjob bringt 50

Die Situation der Flüchtlinge in Griechenland ist miserabel, am meisten leiden die unbegleiteten Minderjährigen. Wer keine Unterkunft findet, der prostituiert sich, um zu überleben.

Jugendlicher in einem Park in Athen
Olga Stefatou / DER SPIEGEL

Jugendlicher in einem Park in Athen

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Der Mann ist etwas älter, seine Hosen sind speckig, er spricht Griechisch, aber Mohammad weiß ohnehin, was er will. "Nein", sagt der Junge, seine Stimme bricht, seine Augen füllen sich mit Tränen. Aber der Mann drängt ihn. "Komm mit, ich gebe dir zu essen, und ich bezahle dich." Mohammad geht schnell weiter. Der Mann setzt sich auf eine Bank und wartet, er wird einen anderen Jungen finden.

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Heft 20/2017
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Der Viktoria-Platz im Zentrum von Athen ist seit zwei Jahren Treffpunkt der Flüchtlinge, nun wird er immer mehr zu einem Ort, an dem alte Männer und junge Flüchtlinge Geld gegen Sex tauschen.

Noch ist Mohammad nicht so weit. Aber er sagt, es sei nur eine Frage der Zeit, bis er mit einem Mann mitgehe. Er hat noch 30 Euro, das ist alles. "Wenn das Geld aufgebraucht ist, dann habe ich keine andere Wahl als zu tun, was die anderen auch tun", flüstert er. "Was soll ich sonst machen? Ich habe keine Unterkunft, nichts zu essen." Dann bricht er in Tränen aus.

Er ist 17 Jahre alt, aus Afghanistan, seine Eltern hat er bei einem Anschlag verloren, so erzählt er es. Im Februar vor einem Jahr kam er auf Lesbos an, seit einem Monat ist er in Athen. Er hat sich zunächst als Minderjähriger registriert, doch um der Gewalt im Lager Moria auf der Insel zu entkommen, gab er sich schließlich als Erwachsener aus. Deshalb wurde er in den Unterkünften für Minderjährige abgewiesen, auch wenn er wirkt wie ein Teenager, mit seinen Pickeln, der kleinen Statur, der dünnen Stimme. Und so rollt Mohammad sich nun jede Nacht in einer Ecke des Viktoria-Platzes unter einer Decke zusammen. Seinen einzigen Besitz hält er dann an sich gepresst: einen gelben Umschlag, darin seine Registrierungspapiere. Er hat im November 2016 auf Lesbos Asyl beantragt. Das Datum für sein Interview bei der Asylbehörde: 4. Januar 2018.

Es sind vor allem Jungen aus Afghanistan, Pakistan oder Syrien, allein gekommen oder auf der Reise von ihrer Familie getrennt, die nun in Griechenland darauf warten, dass ihre Asylanträge bearbeitet werden. In der Zwischenzeit sollen sie betreut werden, aber es gibt nur 53 Unterkünfte mit 1272 Plätzen. Von den derzeit rund 2000 registrierten Minderjährigen sind daher etwa 800 in Massenlagern untergebracht, in Polizeihaft oder obdachlos.

Auch Ahmad kommt aus Afghanistan, und er hat bereits den Schritt gemacht, vor dem Mohammad sich fürchtet. Gerade mal 15 war er, als er Kandahar vor zwei Jahren verließ, das älteste von sieben Kindern, der Vater verkaufte ein Stück Land, um dem Schmuggler die 2000 Euro für die Reise in die Türkei zu zahlen. Ahmads Auftrag lautete, nach Großbritannien oder Deutschland zu gehen, einen Job zu finden, um Geld an die Familie zu schicken. Stattdessen prostituiert er sich in Athen.

"Seit anderthalb Jahren ist das mein Job, ich verkaufe meinen Körper", sagt er, ein schmaler Junge, der so abgeklärt spricht wie ein Erwachsener. "Das Leben ist hart, und es zwingt einen zu Dingen, die man nie machen wollte." Drei Möglichkeiten habe er gehabt, sagt er: Drogen verkaufen, sich den Schmugglern anschließen oder sich prostituieren. Er wählte Letzteres.

Ahmad sieht aus wie ein typischer Teenager, mit ausgewaschenen Jeans und Turnschuhen, in der Hand ein Smartphone, auf das er ständig schaut. Aber nicht aus Spaß, er kommuniziert mit seinen Kunden, so nennt er sie; Dutzende Nummern und WhatsApp-Nachrichten hat er gespeichert.

Als das Handy klingelt, stellt Ahmad den Ton laut. "Komm um 17 Uhr zur Elaionas-Station", sagt der Mann. Es ist 16.30 Uhr, und Ahmad macht sich sofort auf den Weg, gefolgt von einem anderen Jungen, den er "mein Praktikant" nennt. Der Praktikant redet nicht, stumm läuft er neben Ahmad her; er will von ihm lernen, was man wissen muss über das Geschäft mit der Prostitution. Sie kommen eine Viertelstunde zu spät am Treffpunkt an, doch Ahmads Kunde wartet. Er steigt in das Auto, nach wenigen Minuten kommt er wieder raus.

Wenn Ahmad über sein neues Leben spricht, dann tut er es ohne Gefühlsregung, sachlich zählt er die Preise auf: 50 Euro für Oralsex, mehr für normalen Sex, je nach Dauer. Sein Ziel ist es, 5000 Euro zu sparen, so viel kosten ein falscher Pass und ein Flugticket nach Deutschland. Bisher hat er erst 1500 Euro, einen Teil seiner Einnahmen verbraucht er für Essen, Kleidung, Telefon. "Und ich überweise jeden Monat 200 Euro an meine Familie."

Wer ein paar Tage auf dem Viktoria-Platz und in den nahe liegenden Parks verbringt, sieht viele Jugendliche wie Ahmad. Das Geschäft findet in aller Öffentlichkeit statt, unter den Augen von Polizisten, Passanten und Cafébesuchern.

Die Männer setzen sich zu den Teenagern, die auf den Bänken hocken, und sprechen sie an. "Bist du hungrig?", fragt ein älterer Mann einen Jungen. Der Junge nickt. Der Mann reicht ihm eine Tüte Chips, er berührt ihn, wenig später verschwinden sie, der Ältere legt dem Jungen den Arm um die Schulter.

Dass sich hier Minderjährige prostituieren, wissen Polizei, Behörden und all die NGOs, deren Aufgabe es ist, jugendliche Flüchtlinge zu schützen. Doch offenbar kann oder will niemand eingreifen.

Zwar machen sich die erwachsenen Kunden strafbar; zwar haben sich diverse Institutionen dem Schutz jugendlicher Flüchtlinge verschrieben. Aber die Prostitution boomt, weil das System versagt. Weil Griechenland nicht die Mittel hat, um die minderjährigen Flüchtlinge zu betreuen. Weil Chaos herrscht bei der Abarbeitung der Asylanträge und weil die eine Behörde nicht weiß, was die andere tut. Und weil, auch das gehört dazu, die Jungen den Missbrauch anzeigen müssten, damit einer ihrer Kunden verfolgt werden könnte.

Mehr als 6500 Berichte über Missbrauch, sexuelle Ausbeutung und andere Arten von Übergriffen auf minderjährige Flüchtlinge sind seit Anfang 2016 bei Christos Hombas eingegangen, der für Ekka arbeitet, eine Agentur des Sozialministeriums. Hombas ist ein junger Psychologe, er spricht mit ruhiger Stimme, aber wenn es um das Versagen des Systems geht, wird er laut. Jeden Tag gebe es einen neuen Notfall, eine neue Krise, sagt er, müsse er junge Flüchtlinge aus Gefängniszellen holen, weil sie versucht hätten, die Grenze illegal zu überqueren, oder aus einem Lager geflohen seien. Zuletzt befanden sich 56 Jugendliche in Polizeihaft - auch weil niemand wusste, wohin mit ihnen, weil niemand sich zuständig fühlt.

Hombas beschreibt den Kompetenzwirrwarr zwischen EU und Athen, wodurch die finanzielle Hilfe aus Brüssel in Höhe von einer Milliarde Euro nur verzögert bei den Flüchtlingen ankommt. Immer wieder müssen Einrichtungen vorübergehend schließen oder Plätze reduzieren. Zur Krise trägt bei, dass die Asylverfahren schleppend vorangehen, sodass manche Jugendliche jahrelang in Heimen ausharren.

OLGA STEFATOU / DER SPIEGEL

Wie überfordert die griechischen Behörden sind, erstaunt sogar eine Helferin wie Marleen Korthals Altes aus den Niederlanden, die für Save the Children eine der 30 Langzeitunterkünfte leitet. "Ich habe schon im Kongo, in Sierra Leone, Kenia und Mali gearbeitet - aber dies ist der komplizierteste Ort, den ich je erlebt habe", sagt sie. Die Gesetzgebung sei undurchschaubar, Abläufe änderten sich ständig, es gebe keine einheitlichen Kriterien. "Wir sprechen über Jugendliche, die endlos auf eine Asylentscheidung warten müssen, die nicht verstehen, warum es allein ein Jahr dauert, bevor sie erfahren, ob eine Familienzusammenführung möglich ist. Sie haben keine Arbeit, gehen nicht zur Schule, haben kein Geld. All das hat für sie schwerwiegende psychische Belastungen zur Folge."

Selbst wenn die Jugendlichen eine Unterkunft gefunden haben, gibt es dort wenig zu tun - und nichts, was sie vom Weg in die Prostitution abhält.

Der Afghane Arash lebt in einem Heim in Athen, er ist 17, seit über einem Jahr ist er in der Stadt. Erst lehnte er die Annäherungsversuche im Park ab. "Ich hatte Angst, ich dachte: Das kann ich nicht tun. Aber nach ein paar Monaten hatte ich kein Geld mehr. Also sagte ich Ja. Es ist falsch, aber ich brauche das Geld." Seither verdient er sein Geld mit Sex, um die 100 Euro im Monat. Könnte er eine andere Arbeit finden, sagt er, würde er sofort aufhören. Aber arbeiten darf er nicht, und wer stellt schon einen 17-Jährigen ein? "Ich fühle mich schlecht, aber das ist die einzige Möglichkeit, wenn du ein Flüchtling bist."

Er schämt sich, vor allem seine Familie darf nichts davon erfahren. "Sie haben genug Probleme, ich will sie nicht noch damit belasten", sagt Arash. So hat er keinen, mit dem er reden kann, er ist einsam und verzweifelt. Auch in der Unterkunft helfe ihm niemand; wenn es ein Problem gebe, sagten die Betreuer nur: "Die Tür ist offen, geht, wenn es euch nicht passt."

Arashs Freund in der Unterkunft ist Mahmud, ein dünner 15-Jähriger mit wissbegierigen Augen, ein Draufgängertyp. Mahmud sagt, er würde sich nie prostituieren, aber er spiele mit Männern, die genau das von ihm wollten. Er zeigt auf seine neuen Turnschuhe: "Da ist ein Mann, der mich jeden Tag anruft, er kauft mir Kleidung und Essen, und ich muss ihm versprechen, dass ich mit ihm nach Hause komme. Aber ich mache das nie", sagt er und lacht.

Die Harvard-Professorin Jacqueline Bhabha hat einen schonungslosen Bericht über die Situation der minderjährigen Flüchtlinge in Griechenland erstellt. Sie wirft vor allem der EU eine "massive Pflichtverletzung" vor. "Es ist nicht genug, diesen Minderjährigen Unterkunft und Nahrung zu geben. Sie brauchen eine Zukunft, Bildung, Arbeit." Sie schlägt vor, die Praxis der Inhaftierung von Jugendlichen zu beenden, spezielle Unterkünfte für Missbrauchsopfer zu schaffen, gut ausgebildete Betreuer einzustellen und die Arbeit der NGOs besser zu koordinieren. Auch sollten alle Minderjährigen die Schule besuchen.

Aber für Mohammad, Arash und Ahmad dürfte all das zu spät kommen.

Ahmad, der Junge mit den vielen Kunden in seinem Mobiltelefon, sagt, er mache sich keine Illusionen mehr über ein besseres Leben in Griechenland. "Ich sage mir, dass ich nur durchhalten muss, bis ich genug Geld habe, dann kann ich abhauen, dann wird dieser Albtraum zu Ende sein."

Er träumt davon, Jura oder Journalismus zu studieren, am besten in Deutschland. "Eines Tages werde ich schließlich mit meinem Diplom in der Hand zu meiner Familie zurückkehren, ihnen in die Augen sehen und sagen: Ich habe es geschafft."



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