Rätselhafter Fall in Hamburg Das tote Kind an Kasse 4
Discountmarkt in Hamburg-Harburg
Foto: Jörg Müller / DER SPIEGELDer Adese-Markt im Hamburger Stadtteil Harburg verkauft Gemüse, Früchte, Gewürze, Käse, Fleisch und Fisch aus 39 Ländern, 10.000 Produkte aus aller Welt. Kunden schwärmen im Internet von vegetarischem türkischem Aufstrich, russischen Teigtaschen, persischen Soßen und orientalischen Konfitüren. "So macht der Einkauf Spaß", schreibt ein begeisterter Verbraucher, "ich entdecke jedes Mal etwas Neues." In dem türkisch geführten Discounter gibt es fast alles, außer Schweinefleisch und Alkohol.
Familienvater Josef D.(*), 36, ein Angestellter aus dem Stadtteil, suchte im Adese-Markt eine bestimmte Teemischung. "Dieser unselige Tee", sagt er heute, "dieser elende Tee." Tausendmal hat er schon bereut, das Geschäft je betreten zu haben. Tausendmal hat er sich gewünscht, die Zeit zurückdrehen zu können. Tausendmal den Tag verflucht. Denn was am 31. Mai kurz vor 18 Uhr im Adese-Markt passierte, veränderte innerhalb weniger Sekunden sein ganzes Leben und das seiner Familie. Seitdem ist nichts mehr wie zuvor.
Jonathan, sein vierjähriger Sohn, überlebte den Besuch im Supermarkt nicht. An Kasse 4 bewegte er sich plötzlich nicht mehr, wurde stocksteif. Der Junge, ein bis dahin quicklebendiges, fröhliches Kind, starb am folgenden Tag im Krankenhaus.
Warum? Wie konnte es dazu kommen?
"Weil er einen tödlichen Stromschlag erhielt", schwört der Vater, der den Zusammenbruch des Kindes hilflos mit ansehen musste. In dem Selbstbedienungsladen sei unkontrolliert elektrischer Strom geflossen, verursacht durch Schlamperei. Die Hamburger Staatsanwaltschaft ermittelt gegen die Besitzer des Geschäfts, ein türkischstämmiges Geschwisterpaar, wegen des Verdachts der fahrlässigen Tötung.
Es ist eines dieser tragischen Ereignisse, die jeden treffen könnten und die deshalb so große Aufmerksamkeit erregen. Weil sie so unvorhersehbar sind und weil sie Grundängste auslösen: Wenn ich nicht einmal beim Einkaufen sicher bin, wo dann? Und weil sie daran erinnern, wie schnell alles vorbei sein kann.
Das Unheil trifft eine tief religiöse Familie. Syrisch-orthodoxe Christen aus Mesopotamien, die vor Jahrzehnten eingewandert sind, weil sie in ihrer Heimat drangsaliert wurden. Alle besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit, die Familie ist völlig integriert: Der Vater arbeitet bei einer Hamburger Firma, die Kinder gehen in Harburg in die Kita. Jeden Sonntag besucht die Familie den Gottesdienst, vor jeder Mahlzeit wird gebetet. Jonathan, der gern zur Messe ging, wurde im Alter von drei Jahren vom Erzbischof gesegnet.
Zu dem Drama kommt es durch einen verhängnisvollen Zufall. Eigentlich will Josef D. allein in den Adese-Markt, doch kurz vor 18 Uhr trifft er auf der Straße seine Ehefrau, die mit dem sechs Monate alten Baby im Kinderwagen und ihren beiden Söhnen auf dem Nachhauseweg ist. Beide Jungen quengeln so lange, bis der Vater sie mitnimmt.
Im Discountladen packt er seine Söhne, die dabei mächtig Spaß haben, in den Einkaufswagen. Der jüngere Bruder thront oben, Jonathan kauert sich unten ins Gestänge, wo sonst die Getränkekisten stehen. So fahren sie fröhlich durch das Geschäft. Ein ganz normaler Einkauf an einem ganz normalen Tag.
Kassenbereich mit Absperrgeländer
Foto: Bruno Schrep/ DER SPIEGELAls Vater Josef D. mit dem gesuchten Tee sowie Tüten mit Reis und Tomaten zur Kasse 4 fährt, meldet sich Jonathan: "Papa, darf ich helfen?" Der Vater erlaubt ihm, die Waren auf das Förderband zu legen, eine von Jonathans Lieblingsbeschäftigungen. Um sich aus dem Einkaufswagen nach oben zu ziehen, packt der Vierjährige nach dem metallenen Absperrgeländer im Kassengang. "Als ich zu ihm sah, hing er mit dem linken Arm wie festgeklebt am Geländer", berichtet der Vater, "er rührte sich nicht und sagte nichts. Seine Augen standen weit offen."
Der Vater will den Sohn losreißen, greift nach dem Metallgeländer. "Ich bekam einen heftigen elektrischen Schlag", schildert er, "ich brauchte Riesenkraft, um Jonathan zu befreien." Mit dem bewusstlosen Kind auf dem Arm schreit er um Hilfe: "Schnell, ruft einen Notarzt, ruft einen Krankenwagen. Mein Sohn hat einen Stromschlag bekommen!" Und versucht verzweifelt, Jonathan wach zu rütteln.
"Wie kann es denn sein, dass man arglos in einen Laden geht und dabei sein Kind verliert?"
Im Laden herrscht helle Aufregung. Kunden, Verkäufer und Sicherheitspersonal rennen durcheinander. Bis nach rund 20 Minuten die Retter kommen, prasseln auf den Vater unterschiedlichste Vorschläge ein. "Schütt ihm kaltes Wasser über den Kopf", ruft einer. "Raus mit ihm an die frische Luft", ein anderer. Dabei ist es zu spät - doch das ahnt noch niemand.
"Wie kann es denn sein, dass man arglos in einen Laden geht und dabei sein Kind verliert?", fragt Ehefrau Gabriela D.(*), die der Schmerz auch ein halbes Jahr später niederdrückt, fast zerbrochen hat. Während der eineinhalb Stunden, die sie über ihren Verlust und die Folgen spricht, weint sie ununterbrochen. "Ich bin auch so gut wie tot", sagt sie, "wir sind alle tot." Dass Jonathan nicht mehr da sei, "unser Glück, unser Sonnenschein", sei für die ganze Familie unerträglich, sie habe seitdem keinen glücklichen Moment mehr erlebt.
In die Trauer mischen sich Selbstvorwürfe. "Ich hab ihn einfach so gehen lassen, ihm noch nicht einmal Tschüs gesagt", grämt sich die zierliche, dunkelhaarige Frau, "ich dachte, ich sehe ihn ja gleich wieder." Stattdessen rief ihr Mann aus einer Harburger Klinik an: "Komm schnell, mit Jonathan ist was ganz Schlimmes passiert."
Im Krankenhaus kämpft sich die verzweifelte Frau an Polizisten und Ärzten vorbei bis in den Operationssaal vor, will den Sohn unbedingt sehen. "Sie hatten ihm den Brustkorb aufgeschnitten, es sah schrecklich aus", erinnert sie sich.
Tatsächlich ist es den herbeigeeilten Rettungskräften weder im Supermarkt noch im Krankenwagen gelungen, Jonathan wiederzubeleben. Um nichts unversucht zu lassen, wurde mit dem Hubschrauber eine zentnerschwere Herz-Lungen-Maschine aus der Hamburger Uniklinik eingeflogen, vergebens. Trotz des Apparats, der den Kreislauf und die Lungenfunktion in Gang hält, gelingt es nicht, Jonathans Herz wieder zum Schlagen zu bringen.
Die Mutter, die bis zuletzt auf ein Wunder hofft, fleht die Ärzte an, die Maschine noch über Nacht laufen zu lassen - erst am nächsten Tag, als keinerlei Aussicht mehr besteht, wird das Gerät abgestellt.
Der Vater, ein stiller, in sich gekehrter Mann, ist seitdem traumatisiert und arbeitsunfähig. Er redet kaum noch. Mutter Gabriela D. versucht krampfhaft, trotz allem den Alltag zu bewältigen, ihre heillose Verzweiflung vor den zwei jüngeren Kindern zu verbergen. "Ich darf ja nicht einmal trauern", sagt sie, "ich soll ständig stark sein." Vater und Mutter sind in therapeutischer Behandlung.
Der jüngere Bruder, der die Tragödie Jonathans aus nächster Nähe miterlebte, reagiert seit damals völlig verstört. Nachts wacht er oft schreiend auf, ist kaum zu beruhigen.
In der Kita, die er gemeinsam mit Jonathan besuchte, kommt es immer wieder zu Konflikten. Wenn die anderen Kinder behaupten, der Bruder sei tot, reagiert er oft wütend. "Der lebt noch", erklärt er dann, "ihr seid ganz dumm." Inzwischen hat er sich eine eigene Deutung zurechtgelegt: "Ihm wurde schlecht, dann kam der Krankenwagen und hat ihn zum lieben Gott gebracht."
Die Sorge, auch ihren beiden anderen Kindern könne etwas zustoßen, hat die Eltern übervorsichtig werden lassen. Luca darf nicht mehr wie früher zu seinen Kumpels auf den Spielplatz. Und als das Baby kürzlich nach einer Impfung etwas Fieber bekam, reagierten Vater und Mutter panisch, rasten in die Notfallpraxis.
Für die Vermutung, der Vierjährige sei womöglich krank gewesen und deshalb im Supermarkt zusammengebrochen, gibt es bislang keinerlei Beweise, im Gegenteil. Nach Auskunft von Jonathans Kinderärztin war der Junge kerngesund.
Messe für Jonathan
"Niemand kann doch ernsthaft bestreiten, dass Jonathan an einem Stromschlag starb", sagt Rechtsanwalt Walter Schäfers. Der Paderborner Jurist vertritt die Eltern als Nebenkläger. Er will unbedingt erreichen, dass es zu einer Hauptverhandlung und zu einer Verurteilung kommt. "Alles andere wäre für die Familie unerträglich." Denn die sucht in ihrer Not nach Schuldigen für das Unbegreifliche. "Die Wahrheit muss ans Licht kommen", fordert die Mutter. Aber was ist die Wahrheit?
Strafverteidiger Gerald Goecke aus Kiel, der Anwalt der Adese-Geschäftsführer, will jedenfalls "alles mir Mögliche tun", um zu verhindern, dass es zu einer Anklage kommt. Wie er das erreichen will, sagt er nicht. Auf eine Anfrage des SPIEGEL, der ihm einen umfangreichen Fragenkatalog vorlegte, reagierte er mit einem knappen Statement: Nach Rücksprache mit seinem Mandanten werde er derzeit "keinerlei Erklärungen" zu dem Fall abgeben.
Kurz nach dem tragischen Ereignis hatte sich einer der Besitzer gegenüber Reportern noch ratlos gezeigt: "Ich kann mir das nicht erklären."
Tatsächlich ist die Beweislage nicht einfach. Zwar spricht vieles dafür, dass der kleine Junge an Kasse 4 mit Strom in Kontakt kam: die Schilderung des Vaters ebenso wie festgestellte Mängel bei der Elektroinstallation im Laden sowie belastende Zeugenaussagen von Kunden.
Bei einer Gewebeuntersuchung fand ein Rechtsmediziner jedoch nicht die für Stromschläge typischen Verbrennungen und auch keine Ein- und Austrittsspuren. Dies sei, urteilte der Arzt, bei einem großflächigen Kontakt mit der Stromquelle allerdings auch "nicht zwingend zu erwarten". Der Tod könne gleichwohl durch einen Stromschlag ausgelöst worden sein. Seltsam: Eine Rechtsmedizinerin, die Jonathan unmittelbar nach seinem Tod untersuchte, stellte an seinem Körper sehr wohl Strommarken fest, wie sie nach Stromschlägen typisch sind. Mehr Klarheit soll jetzt ein weiteres medizinisches Gutachten bringen.
Auch die Überprüfung der elektrischen Anlage lässt noch Fragen offen. Zwar entdeckten Sachverständige schon beim Betreten des Supermarkts Anzeichen von Pfusch und Unordnung: Kabel baumelten frei in der Luft oder hingen offen an der Wand, ein Trafo war nicht richtig gesichert. Im Adese-Markt, heißt es in ihrem Gutachten, "lag keine fachkundig durchgeführte Elektroinstallation vor". Schon allein deshalb, folgern die Experten, "waren die Möglichkeiten gegeben, dass ein Fehlerstrom hätte fließen können". Andererseits, räumen sie ein, habe nicht nachgewiesen werden können, dass er "tatsächlich geflossen" sei.
Was aber könnte einen Stromstoß verursacht haben? Ein nahe der Kasse aufgestelltes Kühlregal, das möglicherweise nicht richtig isoliert war? Ein loses Kabel, das eventuell Kontakt zu einer der dicken metallenen Stangen des Absperrgeländers hatte?
Außerdem: Hätte ein Erwachsener einen Stromschlag, der für ein schmächtiges Kind tödlich sein kann, mehr oder weniger unverletzt weggesteckt? Jonathans Vater, der ebenfalls einen Schlag erhalten haben will, wurde jedenfalls nur ambulant behandelt.
Gegen die Betreiber der beiden Firmen, die im Adese-Markt die Elektroanlage installierten und offenbar ohne die vorgeschriebenen Prüfplaketten in Gang setzten, wird seit dem Unglück ebenfalls ermittelt. Um weiteres Unheil zu verhindern, ordnete das Amt für Arbeitsschutz kurz nach dem Tod des Jungen eine sofortige Prüfung der elektrischen Anlage und eine Beseitigung der Mängel an.
Die Zustände im Supermarkt, der vorwiegend von Migranten besucht wird, wurden bei Lebensmittelkontrollen schon öfter beanstandet, zuletzt wegen Hygienemängeln.
Im Fall des verunglückten Jonathan stützt sich die Staatsanwaltschaft auch auf Angaben eines früheren Supermarktmitarbeiters, der als glaubwürdig gilt. Der Mann will von einer Kassiererin äußerst belastende Details erfahren haben: Schon im Januar und im Frühjahr dieses Jahres sollen sich demnach Kunden an Kasse 4 über Stromschläge beschwert haben. Der von ihr alarmierte Chef habe versprochen, sich darum zu kümmern.
Bei der Polizei bestritt die Kassiererin jedoch, mit dem Zeugen je über derartige Vorfälle gesprochen zu haben, und stellte den ehemaligen Kollegen praktisch als Lügner dar. Deshalb ergibt sich die Frage, ob auf die Frau gezielt Druck ausgeübt wurde und sie jetzt Angst um ihren Arbeitsplatz hat. Für die Ermittler bestehen jedenfalls "erhebliche Zweifel" am Wahrheitsgehalt ihres Dementis.
Jonathans Angehörige hoffen nun auf mögliche Zeugen, die sich über digitale Medien zu Wort meldeten. So erklärte eine Frau in einem WhatsApp-Chat mit der Opferfamilie, im Adese-Markt seien die Videoaufnahmen von Kasse 4 kurz nach dem Vorfall gelöscht worden, ein Sicherheitsmann wisse von den Manipulationen. Tatsächlich stellte die Polizei einige Tage nach Jonathans Tod eine Reihe von Aufzeichnungen sicher, doch die Bilder von Kasse 4 fehlten. Die Kundin Julia D. behauptete noch Tage nach dem Unglück auf Facebook, im Harburger Discountladen fließe immer noch unkontrolliert Strom. Sie selber habe im Kassenbereich "eine gewischt bekommen". Dies berichtete sie auch der Polizei.
Jonathans Eltern können bis heute nicht verstehen, dass sich die Ladenbesitzer nie bei ihnen gemeldet haben. "Kein Wort des Bedauerns, noch nicht einmal eine Beileidskarte", sagt die Mutter fassungslos. "Was sind denn das für Menschen, die haben doch auch Kinder."
Vor dem Geschäft hatten Verwandte, Eltern anderer Kinder und Kita-Mitarbeiter zum Gedenken an Jonathan mehrere Teddys und Blumen niedergelegt und Kerzen entzündet. Nur einen Tag später war alles verschwunden. Jemand hatte die Erinnerungsstücke abgeräumt - sie landeten im Müll.