AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 25/2017

Schanzenviertel Wo Hamburg am coolsten ist

Der G20-Gipfel richtet die Scheinwerfer auf die Hamburger Sternschanze, einen Stadtteil mit verwegener Geschichte - und Gegenwart.

Hinrich Schultze

Von und


Man kann sich das Schanzenviertel, einen Stadtteil der Millionenmetropole Hamburg, hoch in Deutschlands Norden, wie ein italienisches Dorf vorstellen. Mit einem Kirchturm, der den Anwohnern heilig ist. Mit einer Piazza zu Füßen des Kirchturms, auf der die Anwohner tagsüber flanieren und sich abends versammeln, auf der sie essen und trinken, flirten und diskutieren. Mit Touristen, die am Wochenende die Piazza fluten, den Kirchturm fotografieren und so die Anwohner vorübergehend in die Flucht schlagen.

Titelbild
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Heft 25/2017
Elbphilharmonie, G-20-Gipfel, Schanzenviertel - Comeback einer Metropole

Die Piazza hört offiziell auf den Namen Schulterblatt, aber die Hamburger sagen tatsächlich Piazza; die Kirche ist die Rote Flora, das bekannteste Autonome Zentrum der Republik, besetzt seit 1989. Seit Jahren sorgt die Rote Flora, wofür neuerdings auch die Elbphilharmonie sorgt: originelle Bilder in der Welt, Heimatstolz zu Hause. Sie gibt dem Schanzenviertel ein Gesicht. Eine Kirche des Antikapitalismus.

Und nun rückt diesem Dorf die große Globalisierung nahe, eine feindselige Welt. Der G-20-Gipfel kommt am 7. und 8. Juli in Hamburgs Messehallen, die unmittelbar ans Schanzenviertel grenzen. Linke Tradition trifft auf neoliberale Gegenwart, hippieske Anarchie auf ganz reale Machtpolitik.
Dies ist das Porträt eines Stadtteils, der bald weltweit in den Nachrichten sein wird, eines Viertels, dem in den vergangenen Jahren eine Identitätskrise drohte - und das sich nun auf seine Ideale besinnt.

Der Stadtteil Sternschanze, wie er offiziell heißt, liegt mitten in Hamburg. Er hat einen Park und eine eigene S-Bahn-Station, 8000 Menschen leben hier auf gut einem halben Quadratkilometer. Enge Gassen, viel Kopfsteinpflaster. Die zentralen Straßen sind das Schulterblatt und die Schanzenstraße.

Wer hier wohnt, schätzt den Geist des Widerstands. Es gibt noch immer viele Wohnprojekte linker Aktivisten, aber auch Schriftsteller und Künstler haben sich niedergelassen, Journalisten und Werber. Sie haben unterschiedliche Blickwinkel auf das Viertel, doch jeder von ihnen, das haben viele Gespräche in den vergangenen Wochen gezeigt, möchte das Dörfliche retten, das lässige Nebeneinander der Kulturen, das Improvisierte. Und ausgerechnet hier werden Anfang Juli Trump und Putin aufeinandertreffen.

Schorsch Kamerun, Sänger und Theaterkünstler
  • DPA
    Warum Hamburg?
    Auch wenn das trockensten Protestantismus bestätigen mag: Ich schätze das feste Prinzipielle an der Hamburger Haltung. Man ist sich doch recht einig hier, dass ersponnene Superhochhäusle, Olympiaüberauswüchse und ein Elitetreffen von 20 Weltaufteilern kollektiv in die muffelnde Alster versenkt gehören.

    Mein Lieblingsort
    Der "Park Fiction", ein gemeinschaftlicher Freiraum am Hafenrand.

Vor dem verrammelten Haupteingang der Flora campieren Obdachlose. Auf einer der Treppenstufen steht "Heute tanz ich", eine Stufe darunter "morgen G20!". Protestlyrik. Um sie herum Plakate für Politpartys, hoch über ihnen ein Banner: "Capitalism will end anyway - you decide when", "Der Kapitalismus scheitert sowieso - du entscheidest, wann", dazu die Internetadresse einer Anti-G-20-Initiative. Die Rote Flora ist nicht nur die Heimat des Schwarzen Blocks, sie ist auch das Schwarze Brett der linken Szene.

Die Schanze, das ist die Flora. Das ist die Bauwagengruppe Zomia, die hinter einem Bretterzaun liegt. Das ist die telefonzellengroße Tauschbox an diesem Zaun, in der Schuhe, Hosen, T-Shirts kostenlos bereitstehen. Einige Schritte weiter ist der Bretterzaun bunt bepinselt, der Beachklub Central Park, Sandkasten der Schanzen-Hippies. An einem sonnigen Samstagmittag laufen viele Kinder herum, dazwischen ein Typ mit Tunnelohrringen und schwarzem Pete-Doherty-Hütchen. Ein Beachklub ohne Wasser - in der Schanze ist die Fantasie an der Macht.

Bei "Eis Schmidt" hat sich eine Reisegruppe niedergelassen, zu ihren Füßen Papptüten der umliegenden Boutiquen, sie haben sich für ein Schokoeis entschieden, die Sorte "Harte Jungs". Auch das ist die Schanze. Einige Modeketten haben sich in den vergangenen Jahren angesiedelt, ein Store des Jeansherstellers Levi's, ein Laden von Edited, einer Marke der Otto-Gruppe. Die Front der Gentrifizierung läuft mitten durch dieses Viertel. Zur Eröffnung des Shops Weekday, der zum H&M-Konzern gehört, säuselte der Managing Director, das Schanzenviertel sei eine ideale Umgebung: "Es hat eine sehr kreative und lebhafte Atmosphäre, und wir glauben, dass Weekday eine optimale Ergänzung dafür sein wird." Man muss kein Linksautonomer sein, um sich an diesem Satz zu verschlucken.

Vor einem Café mit dem Namen "Espressolution" sitzt der Schriftsteller und Entertainer Heinz Strunk, goldene Brille, goldene Uhr, goldenes Kettchen, die Unterarme tätowiert. Kiez-Chic. "Die Cafés und Kneipen hier sind zum Teil von schauerlicher Qualität, kulinarisch schäbig, austauschbar", sagt er. "Den großen Besucherauflauf gibt es einzig und allein wegen der Flora. Die macht den Unterschied."

Udo Lindenberg, Sänger
  • imago/Future Image
    Warum Hamburg?
    Weil in Hamburg jede Menge Action läuft, ohne dass Übereifer ausbricht.

    Mein Lieblingsort
    Die geile Meile - Reeperbahn.

In seinem Roman "Die Zunge Europas" hat Strunk 2008 gewitzelt, das Schanzenviertel sei "die mutmaßlich erste komplett altenfreie Zone Deutschlands". Nicht mal tagsüber sehe man einen Rentner zum Briefkasten huschen. 2010 zog Strunk selbst an den Rand der Schanze, sein Haar war schon damals grau, 55 ist er inzwischen. "Ich hatte anfangs Komplexe", sagt er, "und ich habe auch heute noch das Gefühl, das geht hier für mich nur wegen des Strunk-Faktors." Aber Strunk liebt es. Zwei Jahrzehnte lang hat er im beschaulichen Stadtteil Winterhude gelebt, "ich hatte da fast keine soziale Einbindung", seitdem er in der Schanze zu Hause ist, hat er eine Heimat. "Wie vielen Leuten ich hier täglich beim Einkaufen begegne! Ich fühle mich wie in einem Dorf, im besten Sinne. Das Leben hat etwas Folkloristisches."

Ihn nervt das Gerede von der Gentrifizierung. Gentrifiziert, sagt Strunk, seien Schwabing in München oder der Prenzlauer Berg in Berlin, aber doch nicht die Schanze. "Schaut euch mal die ganzen Penner hier an!" Nur freitags- und samstagsabends, wenn die Schanze von erlebnishungrigen Jugendlichen übernommen wird, zieht er sich zurück: "Diese Sauftouren, die benehmen sich wie offene Hose!"

Strunk ist seit einigen Monaten Teilhaber eines Restaurants am Schulterblatt, der "Cantina Popular", Volksküche, für die er den Werbetext verfasst hat: "Nie mehr Brot vom Vortag, nie mehr kalte Suppe, nie wieder Anglerschnitzel, nie wieder Küssen mit dem Mund voller Kartoffelsalat. Für immer Tumulte." Auf der Karte stehen gegrillte Biorinderherzen mit violetter Kartoffelcreme, frittierte Kochbananenscheiben mit Avocado-Papaya-Tartar und Ceviche, roh marinierter Fisch, dazu Cocktails mit Cocablattlikör und Paranussmilch. Wer satt werden will, sollte 40 bis 50 Euro einstecken.

Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

Strunk gehört zu einer illustren Runde, er teilt sich den Laden mit dem Szenepaar Maria Endrich und Álvaro Piña, das um die Ecke schon ein Restaurant betreibt, das "Bistro Carmagnole", und mit Karl-Heinz Dellwo, Dokumentarfilmer, Verleger, ehemaliger Terrorist. 1975 war Dellwo dabei, als ein RAF-Kommando die deutsche Botschaft in Stockholm überfiel und zwei Diplomaten tötete. Über 20 Jahre lang saß er im Knast, als er 1995 rauskam, zog er nach Hamburg in die Schanze, wo ihm die Straßennamen vertraut waren. Susannenstraße, Bartelsstraße: Adressen von Menschen, die ihm Briefe ins Gefängnis geschickt hatten, Mitglieder der RAF-Unterstützerszene.

Wer sich klug über die Unmöglichkeit eines richtigen Lebens im Falschen unterhalten will, über die Widersprüche im Schanzenviertel, der ist bei ihnen an der richtigen Adresse. "Früher hat sich hier im Stadtteil eine ganze Menge an Antistaatlichkeit versammelt", sagt Dellwo, "aber die ist längst verraucht." Der Exterrorist fällt in ein nostalgisches Lamento. "Das Leben der meisten Leute ist heute sinnentleert, und gegen diese Leere konsumieren sie an, auch bei uns im Schanzenviertel."

Álvaro Piña sieht das mit mehr Gelassenheit. Natürlich sei die Flora heute harmloser, ein Mythos, der sich vermarkten lasse, "und doch ist sie eines der wenigen Symbole, das einen Antagonismus bildet zur Welt, wie sie ist". Ein Symbol, das die Sehnsucht wachhält nach einer Welt jenseits des Konsums, das den Stadtteil wenigstens mit einer Aura der Dissidenz versorgt, wenn er schon nicht mehr wirklich dissident ist. "Ich kenne kaum einen Stadtteil, der so lokalpatriotisch ist wie dieser", sagt Piña. "Die Leute glauben wirklich daran, dass sie in einem gallischen Dorf leben, in der letzten Bastion der Andersartigkeit." Was natürlich Quatsch ist, das Herz aber trotzdem wärmt.

Nino Haratischwili, Theaterregisseurin
  • Markus Hintzen / SPIEGEL WISSEN
    Warum Hamburg?
    Für mich ist und bleibt Hamburg immer "anders". Anders als ich, anders, als dort, wo ich herkomme, anders, als die Orte, an denen ich mich auf Anhieb heimisch fühle - und vielleicht gerade deswegen Hamburg. Aus einem Zufall wurde ein Zuhause, in genau dieser Gegensätzlichkeit, in genau diesem Widerspruch.

    Mein Lieblingsort
    St. Pauli, Elbblick von Park Fiction, morgens um fünf.

An Sommerabenden stehen die Leute dicht gedrängt am Schulterblatt, manche sitzen auf dem Pflaster, viele mit Flaschen in den Händen, grölend, singend. "Das ist bestimmt eine Demo", dachte Monique Schwitter, als sie zum ersten Mal in die Szenerie geriet, an einem Freitagabend im Sommer 2005. Sie kam spät von Proben am Deutschen Schauspielhaus nach Hause, erst eine Woche vorher war sie aus Berlin nach Hamburg gezogen, in eine Wohnung schräg gegenüber der Piazza. "Als ich den Mietvertrag unterschrieb, war mir nicht klar, dass ich mich in ein touristisches Kampfgebiet begebe."

Nach zwölf Jahren in der Schanze zählt Schwitter mittlerweile fast schon zu den Ureinwohnern. Vom Schulterblatt ist sie in eine andere Wohnung gezogen, nur 500 Meter Luftlinie entfernt, aber um Welten ruhiger. Wenn sie das Mietshaus am Schulterblatt morgens verließ, stieg sie häufig über Scherben oder Erbrochenes; manchmal saßen noch Betrunkene herum.

Schwitter hat heute zwei Söhne und ist als Schriftstellerin erfolgreich. In ihrer Nachbarschaft leben viele junge Familien oder Paare mit Kinderwunsch, auch Leute mit Hochschulabschluss, die in durchaus bürgerlichen Berufen arbeiten. Nicht wenige Nachbarn sieht Schwitter in der Woche im Anzug oder im Kostüm die Wohnung verlassen, am Wochenende ziehen sie ein St.-Pauli-Shirt über.

Fotostrecke

11  Bilder
Fotostrecke: Die Schanze vor 30 Jahren

Schwitters Söhne gehen im Viertel zur Schule und spielen Fußball für den SC Sternschanze, trotzdem haben sie kaum länger währende Freundschaften in der Nachbarschaft. "Die Fluktuation ist enorm hoch." Viele Familien ziehen ins Grüne, sobald ein zweites Kind kommt, denn die meisten Altbauwohnungen sind nicht größer als 80 bis 90 Quadratmeter. Die ehemaligen Schanzenbewohner kommen dann ab und zu aus den Vororten auf einen Kaffee zurück ins Viertel, ein Ausflugsziel mit rebellischem Kick.

Schwitters Schriftstellerkollegin Ildikó von Kürthy lebt im großbürgerlichen Stadtteil Harvestehude, während der Arbeit an ihrem Bestseller "Sternschanze" mietete sie sich 2013 vorübergehend am Schulterblatt ein. Manchmal, so erinnert sie sich, sei sie sich vorgekommen "wie bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg". Auf sie wirkt das Viertel wie eine "Kulissenstadt". Schwitter hat sich entschieden, trotzdem zu bleiben. Noch immer sei die Schanze ein Stadtteil mit Leuten, die nicht nur Geld und Privilegien anhäufen wollen.

Wer hier lebt, sucht nachbarschaftliches Leben mitten in der Stadt, mit Aufmerksamkeit füreinander. Ein Leben, in dem sich Menschen verschiedener Schichten begegnen, Arm und Reich, mit oder ohne deutschen Pass; ein Leben an Orten, an denen man sich aufhalten kann, ohne zu konsumieren. Die Identifikation ist hoch, trotz der ständigen Veränderungen. Und trotz all der Touristen. "Wenn ich mit meinem Lastenfahrrad und den Kindern durchs Viertel fahre", sagt Schwitter, "müsste man mir eigentlich Geld bezahlen als Darstellerin der Schanzenkultur."

Laura Ludwig, Beachvolleyball-Olympiasiegerin
  • Warum Hamburg?
    Man glaubt es nicht, aber als Beachvolleyballerin, die die Strände und die Sonne liebt, habe ich in Hamburg die besten Trainingsbedingungen. Das Wetter in Hamburg ist nämlich besser, als viele immer behaupten.

    Mein Lieblingsort
    Ich habe mehrere Lieblingsviertel in Hamburg, es hängt davon ab, auf was ich gerade Lust habe: Ich gehe zum Eis essen nach St. Pauli, in Restaurants rund um den Mühlenkamp oder in eine Bar in St. Georg.

Hätte die Schanze ein eigenes Parlament, wäre es links regiert. Bei der vorigen Wahl zur Hamburger Bürgerschaft stimmten im Stadtteil 29,1 Prozent für Die Linke, 27 Prozent für Die Grünen und 26,6 Prozent für die SPD. Die CDU bekam 2,9 Prozent der Stimmen - weniger als die "Titanic"-Satiriker von Die Partei.

Als die Hamburger Obdachlosenzeitung "Hinz & Kunzt" im Mai mit der Zeile "Der G20, die Stadt und ich" titelte, beschwerte sich einer der Straßenverkäufer: Der Titel sei viel zu neutral, den nehme ihm in der Schanze keiner ab. Schon der Name des Viertels ist kämpferisch. Er leitet sich von der sternförmigen Verteidigungsanlage her, die 1686 den mit 18000 Soldaten anrennenden Dänenkönig Christian V. aus der Stadt raushalten sollte. Heute heißen die feindlichen Herrscher Donald, Wladimir und Recep Tayyip. Neue Barrikaden nicht ausgeschlossen.

Bis heute gibt es in der Schanze Orte, an denen Überzeugungen und Idealismus alles sind, der Schanzenbuchladen gehört unbedingt dazu. Seit seiner Gründung wird er von einem Kollektiv geleitet, Einheitslohn, Vier-Tage-Woche, zwei Monate Urlaub. Peter Haß war von Anfang an dabei, ein drahtiger, inzwischen 69 Jahre alter Mann. Haß kommt aus einer Familie, in der die Männer selbstverständlich eine Lehre im Geldgeschäft machten, sein Großvater war Personalchef bei der Dresdner Bank. Aber Haß wollte ein anderes Leben. 1977 zog er in die Schanze. Das Viertel war grau und trist damals, viele Brachflächen, heruntergekommene Fassaden. Alles war kantiger, auch gefährlicher; in der Schanzenstraße gab es noch den Treffpunkt der Hells Angels, "Angel Place" hieß er, und auf der heutigen Piazza waren die Kneipen fest in ideologischer Hand. DKP- und Sponti-Kneipen, Kneipen vom Kommunistischen Bund und von den alternativen Taxifahrern. Viele Männer und Frauen aus dem Viertel arbeiteten damals auf dem Schlachthof, im Montblanc-Werk oder in der Gewürzfabrik Laue. Es roch nach Muskatnuss und abgeflammten Tierhaaren. Ein Arbeiterviertel.

Buchhändler Haß kennt die Schanze nun seit 40 Jahren. Aus der Anfangszeit, sagt er, seien vielleicht noch zehn Läden übrig. Das Geschäft für Fleischereigeräte in der Schanzenstraße zählt dazu, das griechische Restaurant "Olympisches Feuer", das "Café Stenzel". Wer sich halten konnte, muss einen fairen Vermieter haben, die Mietpreise sind explodiert. Das Buchladenkollektiv hat vor einigen Jahren einen Verein gegründet, um den Laden zu kaufen. Am Schulterblatt 55 leben die alternativen Überzeugungen fort. Dazu gehört das Engagement gegen den G-20-Gipfel. Haß kann ohne Spickzettel alle geplanten Demonstrationen referieren, die angemeldeten und die unangemeldeten.

Im Video: Torten für die Schanze

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Der Verfassungsschutz beobachtet zurzeit 1100 Linksextreme in Hamburg, die Zahl ist konstant, die erfassten Straftaten gingen zuletzt deutlich zurück, von 252 auf 165. Doch nun kommen Trump, Putin, Erdoan. Für die militante Szene sei der G-20-Gipfel "ein dankbarer Mobilisierungsanlass", warnt Hamburgs Innensenator Andy Grote.

Olivia Jones, Dragqueen
  • Maria Feck
    Warum Hamburg?
    Hamburg ist tolerant, weltoffen und ein tolles Biotop für Paradiesvögel wie mich. Wir haben eine einzigartige Mischung aus Kunst, Kultur und schrillen Vögeln, einen tollen Hafen, mehr Brücken als Venedig, und so was wie St. Pauli gibt's wirklich nur bei uns. Und wir hängen's nicht mal an die große Glocke. Hanseatisches Understatement halt.

    Mein Lieblingsort
    Zum Feiern meine Bars, zum Ausspannen Strand Pauli - ein Hauch von Kiez-Karibik mit Hafenblick. Einfach herrlich und direkt um die Ecke.

Die größte Gewaltbereitschaft erwarten die Behörden bei einer Demo am 6. Juli, sie trägt den Titel "Welcome to Hell". Angemeldet von einem der Besetzer der Roten Flora. Das Gebäude ist in diesen Tagen ein Denkmal mit heikler Botschaft: Gewalt ist eine Lösung, manchmal jedenfalls.

Als linke Aktivisten die Flora Ende der Achtziger gegen einen Investor verteidigten, applaudierten die Anwohner. Der Investor gab auf. Heute ist das Gebäude für viele Hamburger ein Ort ihrer Jugend, romantisch verklärt, wie das mit Orten der Jugend so ist. Dazu beigetragen haben Großkonzerte wie das der US-Band Rage Against the Machine 1996, aber auch das legendäre Dub-Café, durch das sich in den Neunzigern eine ganze Generation Oberstufenschüler gekifft hat, darunter der junge Jan Delay. Als die Rotfloristen 2014 das 25-jährige Jubiläum der Besetzung feierten, trat Delay mit seiner Hip-Hop-Combo Beginner auf. Im Saal standen 500 Menschen, draußen vor einer Leinwand angeblich weitere 6500. So viele Gäste hat die Elbphilharmonie an einem Abend noch nicht auf die Beine gebracht.

Als die Flora 2015 renoviert wurde, sammelte der Stadtteil Spenden, insgesamt rund 100000 Euro. Eine größere Summe kam vom FC St. Pauli, das Café Stenzel gab Brot und Kuchen, die Marktverkäufer auf der Piazza ließen Obst und Gemüse da. Der Stadtteil weiß, was er an der Flora hat.

"Heute wäre es auch für die Investoren scheiße, die Flora zu vertreiben", sagt Frank Spilker, Sänger der Diskurspopband Die Sterne. Er kam 1989 aus Ostwestfalen nach Hamburg, zog 1994 in die Gegend, zunächst in die Schanze, vor einigen Jahren ins benachbarte Karoviertel. Die Flora ist für ihn ein Symbol, das Freiheit und Energie ausstrahlt, das signalisiert: Eine andere Welt ist möglich, mindestens aber ein anderer Stadtteil. Hier kann was passieren. "Natürlich war die Flora indirekt auch ein Gentrifizierungstreiber."

Sterne-Sänger Spilker
Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

Sterne-Sänger Spilker

Spilker hat vor Jahren einen sehr melancholischen Song geschrieben, "Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt". Er singt: "Die Nacht vorbei / Der Kiez gefegt / Und alles schleicht / Was sich bewegt", um dann im Refrain anzuheben: "Ich könnte den ganzen Tag nur noch schreien / Aber nein / Da hilft nichts auf der Welt / Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt." Es ist ein Song, der seine Heimatgefühle und die vieler anderer Kiezbewohner transportiert: "Egal, wie sehr ich mich über den Stadtteil ärgere, ich weiß immer noch keinen besseren, in dem ich leben wollen würde."

St. Pauli und die Schanze gehen fließend ineinander über, kaum ein Hamburger weiß, wo die Grenze eigentlich genau verläuft. Ein Symbol der Rebellion, ein Mythos: die Seefahrer, die Huren, die Freiheit der Nacht. Und natürlich der Fußballverein FC St. Pauli. Selbst in Japan, sagt Spilker, habe er Menschen in T-Shirts mit dem Totenkopf-Logo gesehen.

Wie dieses Logo zum Logo des Klubs wurde, das ist eine der Geschichten, die man sich abends gern in den Kneipen des Stadtteils erzählt. Die Hausbesetzer der Hafenstraße kauften in den Achtzigern auf dem Jahrmarkt Hamburger Dom eine Piratenfahne und schmückten damit das heimische Esszimmer, die sogenannte Volxküche. Einer der Hausbesetzer, der Punk Doc Mabuse, hatte dann die Idee, die Fahne an einen Besenstiel zu tackern und mal mit ins Stadion zu nehmen. Es dauerte nicht lange, bis das Stadion voll war mit Piratenfahnen.

Protest ist chic auf St. Pauli, in der Schanze, im Karoviertel. So chic, das selbst jemand, der den Müll seines Lokals in seinem BMW X6 wegfährt, gegen Gentrifizierung wettert. Samy Deluxe heißt er, ein Hip-Hop-Star, der vor zwei Jahren ein BBQ-Restaurant im Karoviertel eröffnet hat, "Gefundenes Fressen", dekoriert mit alten Gettoblastern und bunt angemalten Boxen, dazu Graffiti. Hip-Hop-Kitsch. "Das ist mein Look und Vibe und Feel", sagt Deluxe, "aber ich fände es albern, das auf Promiart zu vermarkten." Nun gut, er hat Rapvideos im Laden gedreht und auf YouTube gestellt, er ist in einem Gefundenes-Fressen-Shirt in die TV-Show "Grill den Henssler" gegangen. "Hier ist sehr viel Selfmade-Business, alles basiert auf Idealismus", schwärmt Deluxe, "ich habe mich schon vor langer Zeit in das Viertel verliebt." Im Viertel beäugt mancher seinen Laden skeptisch, "eine Rummelattraktion", lästert Sterne-Sänger Spilker, "ein Beispiel für kulturelle Gentrifizierung".

Das Problem der Pizzeria von Jill Bittner ist, dass sie so gut eingerichtet ist. So offen und hell und auf eine Art schick wie in Kopenhagen oder New York. Zu schick für die Schanze. Das provoziert. Bittner hat im Viertel gelebt, bis sie 16 war, mit 20 ist sie zurückgezogen. Wenn jemand die rumpelige Schanzenästhetik kennt, dann eine wie sie. Aber Bittner hat sich anders entschieden - und das an einem ideologisch aufgeladenen Ort. In den Räumen ihrer Pizzeria "Jill" war früher der legendäre Schanzenstern untergebracht, ein Biorestaurant, das für das Gute stand, für die Ära vor der Gentrifizierung.

Pizzeria-Chefin Bittner
Markus Tedeskino/DER SPIEGEL

Pizzeria-Chefin Bittner

Bittner hat den Mietvertrag fürs "Jill" - so erzählt sie es - erst unterschrieben, als dem Schanzenstern bereits gekündigt war. Darauf hat sie oft hingewiesen. Es hat nichts geholfen. Im Februar kam eine Gruppe schwarz Vermummter mit Steinen, während im Restaurant der normale Betrieb lief, sie zielten auf die Fenster, das Glas splitterte. Hat sie Angst? "Ich lass mich nicht einschüchtern, ich bin ein Optimist und begegne jedem offen und freundlich!"

Auch Bittner wünscht sich, dass die Schanze ein Dorf in der Großstadt bleibt, "mit dem Klönschnack an der Ecke". Aber sie hat viel investiert, nicht nur Geld, auch Arbeit und den Mut, etwas Neues zu beginnen. "Back to the roots, dieser Zug ist abgefahren", sagt die 32-Jährige. Das Viertel verändert sich. Bittner versucht, sich nicht von den Veränderungen überrollen zu lassen, sondern das Beste aus ihnen zu machen.

Michael Otto, Unternehmer und Ehrenbürger Hamburgs
  • DPA
    Warum Hamburg?
    An Hamburg schätze ich die gute Mischung aus ehrlicher Bodenständigkeit und neugieriger Weltoffenheit.

    Mein Lieblingsort
    Der Elbstrand und die Elbwiesen am Rande der Stadt - unberührte Natur in einer Metropole, in der man gut zu sich selbst finden kann.

Im "Zoo", einer Kellerkneipe am Neuen Kamp, sitzt ein Mann, der ihnen Paroli bietet. Er nennt sich Hannes Frangen, aber er heißt anders. Tagsüber ist er Journalist, in seiner Freizeit Mitglied der Interventionistischen Linken, einer postautonomen Gruppe, die den Schulterschluss mit Parteien wie der Linken und Organisationen wie Attac sucht; der Verfassungsschutz schätzt sie als gewaltbereit ein, eine der Risikogruppen für den G-20-Gipfel.

Frangen ist aktiv im Netzwerk "Recht auf Stadt", er hat vor einigen Jahren die Fette-Mieten-Partys initiiert, die in Hamburg für Furore sorgten: Die Aktivisten platzten in Wohnungsbesichtigungen, tanzten zum Song "Our House" von Madness in Polonaisen um den Makler, schwenkten Pappschilder mit Aufschriften wie "Hände hoch! Haus her!", "Arbeit ist die halbe Miete".

Frangens neueste Aktion heißt "Mexikaner gegen Trump", eine Antwort auf die Ankündigung des US-Präsidenten, eine Mauer an der Grenze zu Mexiko zu bauen. Es ist eine Schnapsidee, entstanden tief in der Nacht am Tresen des "Zoo". Kneipen, so die Idee, sollen einen Tomaten-Tabasco-Schnaps namens Mexikaner bewerben, erfunden einst nahe der Reeperbahn - und dann einen Teil des Verkaufserlöses für die G-20-Proteste spenden. 50 Kneipen machen inzwischen in Hamburg mit, 150 sind es weltweit, eine davon in Mexiko. Die Aktion, sagt Frangen, vereine die drei Dinge, die St. Pauli, die Schanze und das Karoviertel ausmachen: Alkohol, Politik und Lokalpatriotismus.

Frangen, der in einem Wohnprojekt im Karoviertel lebt, von den Messehallen keine 200 Meter entfernt, empfindet den G-20-Gipfel in seiner Nachbarschaft als "krasse Provokation". Aber er gewinnt ihm auch positive Seiten ab: "Ich habe durch die Soli-Schnaps-Aktion gemerkt, wie viele coole Kneipen es hier doch noch gibt, ich hoffe, dass die ganzen Protestaktionen dazu beitragen, Nachbarschaftskontakte zu pflegen." Der Feind von außen schließt die Reihen nach innen.

Jill Bittner sagt, es herrsche so eine komische Ruhe im Viertel, wahrscheinlich die Ruhe vor dem Sturm. Ihre Pizzeria wird geöffnet sein während des G-20-Gipfels. An jedem einzelnen Tag. Samy Deluxe macht seine BBQ-Bude zu, verrammelt die Fenster mit Holzplatten, die er sich von Graffitikünstlern hat besprayen lassen: das Peacezeichen, der Schriftzug "Dump Trump".

"Ich möchte nicht zu den Leuten gehören, die Bretter vor die Scheiben machen", sagt Karl-Heinz Dellwo. "Wenn sie uns die Scheiben einschmeißen, dann schmeißen sie sie ein." Álvaro Piña organisiert einen dreitägigen Protestkongress im Klub "Uebel & Gefährlich", der Titel: Dissidents Garden. "Wut und Empörung", sagt Peter Haß, "sind auf einem sehr hohen Level. Wie seit den Achtzigern nicht mehr."

Den Gipfel nicht auf die grüne Wiese zu verlegen, findet Frank Spilker richtig. "Das muss eine Demokratie aushalten." Aufgabe des Staates sei es nun, sagt Monique Schwitter, das Demonstrationsrecht ebenso gut zu sichern wie die angereisten Regierungschefs.

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