AUS DEM SPIEGEL
Ausgabe 42/2017

Der Fall Weinstein Alphamann aus der Hölle

Wenn Harvey Weinstein in Hollywood Frauen missbrauchte, fand er das offenbar normal: "Die Mädchen sagen immer nein. Aber wenn sie getrunken haben, stürzen sie sich auf mich."

Filmmogul Weinstein 2004: Eine 120-Kilogramm-Egomaschine
Steve Forrest / Insight / Panos Pictures / Visum

Filmmogul Weinstein 2004: Eine 120-Kilogramm-Egomaschine


Von Lars-Olav Beier, Georg Diez, Thomas Hüetlin, Alexander Kühn, Ann-Kathrin Nezik, Michaela Schießl und Martin Wolf

Titelbild
Dieser Artikel ist aus dem SPIEGEL
Heft 42/2017
SPIEGEL-Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron

Harvey Weinstein war ein mächtiger Mann, und was das bedeutete, das ließ der amerikanische Filmproduzent, eine 120-Kilogramm-Egomaschine, ganz besonders die Frauen wissen, die "sein Typ" waren.

Es war wohl fast immer die gleiche Nummer, und die Verführungskunst dieses Besessenen mit dem Charme eines Betonmischers auf Hochtouren beschränkte sich dabei offenbar oft aufs Betteln und Drohen: Mach mit, oder du kannst deine Karriere vergessen.

Er bestellte die Frauen, meistens jüngere Schauspielerinnen, unter einem Vorwand in seine Hotelsuite oder sein Büro - ein Drehbuch oder eine Rolle oder sonst ein Karriereversprechen -, dann ließ er sich von ihnen nackt massieren, oder er masturbierte vor ihnen, oder er duschte vor ihnen, oder er fasste sie an den Busen und wunderte sich, dass sie das nicht so normal fanden wie er. Alles, sagt seine Anwältin, sei einvernehmlich geschehen.

Oder er soll sie, das ist in mindestens drei Fällen der Vorwurf gegen Weinstein, vergewaltigt haben. Er selbst bestreitet die Anschuldigungen.
"Es ist doch nichts passiert", soll er eine französische Schauspielerin beschwichtigt haben, die seinen üblichen Komm-in-mein-Zimmer-Trick ablehnte. "Das ist doch nur wie in einem Walt-Disney-Film."

"Oh", soll er eines seiner Opfer angeblafft haben, "die Mädchen sagen immer Nein. Sie sagen Nein, Nein. Aber wenn sie ein paar Biere getrunken haben, stürzen sie sich auf mich."

Und nachdem er die damals 21 Jahre alte Schauspielerin Asia Argento missbraucht haben soll, indem er sie zum Cunnilingus gezwungen haben soll, und sie in zerrupften Kleidern und mit verschmiertem Make-up auf dem Bett gesessen und gestammelt haben soll: "Ich bin keine Hure" - da soll er sie angefahren haben: "Das würde ich auf ein T-Shirt drucken."

Es sind diese Details, die den Enthüllungen der vergangenen Woche so eine epische Wucht geben. Und es ist die Gleichzeitigkeit dieser Enthüllungen aus der Vergangenheit des einen dirty old man mit der ungeheuren Gegenwart eines anderen dirty old man im Weißen Haus, die aus der Sexgeschichte eine politische Debatte macht. Die Frage ist: Wie viel Gegenwart enthält der Fall Weinstein und wie viel Vergangenheit?

Schauspielerin Asia Argento im Mai 2017 in Cannes: "Die Mädchen sagen immer Nein"
AFP

Schauspielerin Asia Argento im Mai 2017 in Cannes: "Die Mädchen sagen immer Nein"

Als einen "alten Dinosaurier, der sich an die neuen Zeiten gewöhnen muss" beschrieb Weinsteins Rechtsanwältin ihren Mandanten. Es ist ein Satz, der die ganze Problematik des Falls abbildet.

Denn darum geht es ja: Ist, was Weinstein tat, bloß ein Verhalten von gestern? Hat sich tatsächlich so viel verändert? Und würde das irgendetwas entschuldigen?

"Ich finde es bemerkenswert, dass jede dieser Enthüllungen so überraschte Reaktionen auslöst", sagt Teresa Bücker, Chefredakteurin des Onlinemagazins Edition F und eine Vertreterin des jungen deutschen Feminismus. Sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz oder in anderen Situationen seien kein Relikt einer eigentlich längst vergangenen Zeit, Alphamänner mit sexuellem Anspruchsdenken seien nicht ausgestorben wie die Dinosaurier.

"Es ist ein Trugschluss, sexuelle Gewalt in einer bestimmten Zeit oder in einem bestimmten Milieu zu verorten", sagt Bücker. Vielmehr handle es sich nach wie vor um ein strukturelles Problem, das Hunderttausende Frauen betreffe. Der einzige Unterschied: Übergriffe und Belästigung kämen heute eher an die Öffentlichkeit.

Es ist allerdings ein Unterschied mit Folgen: Täter wie Weinstein bezogen und beziehen ihre Macht ja gerade aus dem Schweigen der Opfer, aus deren Scham. Noch vor ein paar Jahren konnten sie sich sicher sein, dass ihr Verhalten nicht herauskam, dass alle schwiegen.

Heute muss sich Harvey Weinstein in aller Öffentlichkeit verantworten für das, was er heimlich getan hat. Und jetzt ist er es, der sich schämen muss.

Doch es hat lange gedauert, bis es dazu kam. Die ersten Berichte standen in der "New York Times". Jahre- und jahrzehntelang hatten die Opfer geschwiegen, nun war es unter anderem die Schauspielerin Ashley Judd, die diese Mauer aus Drohungen, Scham und Abfindungen durchbrach.

Ashley Judd 2016 in New York: Übergriffigkeit ist nie ein Spiel
Getty Images

Ashley Judd 2016 in New York: Übergriffigkeit ist nie ein Spiel

Der "New Yorker" zog nach, erschreckend genau erzählten die Opfer, die sich nun an die Öffentlichkeit trauten, wie viel Angst sie vor diesem groben, dicken Mann hatten und vor seiner Macht. Sie erzählten von den Spiralen der Selbstvorwürfe und der Schuld, in denen sie sich selbst zu verlieren drohten, sie erzählten davon, dass es alle in der Branche gewusst hätten, alle gewusst haben mussten, und vom System Hollywood, das sich geschockt zeigt, obwohl doch Sex und auch Sexismus Teil des Geschäftsmodells waren und sind.

Als sich auch noch Stars wie Gwyneth Paltrow und Angelina Jolie meldeten und erklärten, Harvey Weinstein habe sie vor Jahren belästigt, da wurde deutlich: In der Filmindustrie ist alles wie überall, nur größer und greller.

"Ich war ein Kind", sagte Gwyneth Paltrow, "ich hatte einen Vertrag, ich war wie versteinert."

"Ich habe mit Harvey Weinstein schlechte Erfahrung gemacht, als ich jung war, und habe deshalb nie mehr mit ihm gearbeitet und auch andere davor gewarnt", sagte Angelina Jolie. "Dieses Verhalten Frauen gegenüber ist inakzeptabel, in jedem Metier, in jedem Land."

Für das kulturelle Amerika ist der Fall Weinstein eine Heimsuchung, weil da einer der ihren, eine Leuchtfigur des liberalen Teils des Landes, ein Unterstützer und Großspender der Demokraten, als Alphamann aus der Hölle entlarvt wird. Und das in einer Zeit, in der ein Sexist und stolzer Frauenbegrapscher Präsident der USA ist und die geilen, alten Männer fast im Wochenrhythmus fallen - die konservativen Medienmacher Roger Ailes und Bill O'Reilly etwa oder die Comedylegende Bill Cosby.

Die Abgründe des Landes, auch das erzählt der Fall Weinstein, lauern nicht nur in Donald Trump.

Bill Cosby 2017: Ein alter Dinosaurier
AP

Bill Cosby 2017: Ein alter Dinosaurier

Weinstein wurde groß in der Ära Bill Clintons, der sich selbst in sexueller Hinsicht den Ruf eines Raubtiers erarbeitet hat. Es waren die Neunzigerjahre, diese Männer waren jung, sie waren hungrig und kannten wenig Skrupel. Clinton veränderte Amerika, in vielem aus heutiger Sicht nicht zum Besseren, was etwa die rigorose Strafverfolgung angeht, die vor allem Schwarze traf, oder die gesellschaftliche Spaltung, die damals an Fahrt gewann.

Und Weinstein verwandelte die Filmindustrie. Er und seine Produktionsfirma Miramax standen für das andere, das wagemutige, das bessere Kino, das Kino jenseits des Mainstreams und der bewährten Erfolgsrezepte. Er machte aus dem Autorenfilm "Sex, Lügen und Videos", der von Entfremdung und Einsamkeit erzählt, 1989 einen Welterfolg und begründete damit seinen Ruhm. Quentin Tarantinos "Pulp Fiction", skurril, brutal, langsam bis zum Stillstand und erzählerisch mäandernd, eine Weinstein-Produktion, spielte weltweit über 200 Millionen Dollar ein - mehr als das 25-Fache seiner Kosten.

Da spielte es keine Rolle, dass Weinstein sich aufführte wie der ewige Gossenjunge, der auf dem Schulhof seine Klassenkameraden in den Schwitzkasten nimmt. Weinstein hatte bald das Image eines Kino-Raudis, bereit, jeden beiseitezuräumen, der sich ihm in den Weg stellt. Er wirkte wie ein Gangster aus den legendären Gewaltepen Hollywoods, herabgestiegen von der Leinwand, um große Filme zu machen.

Über 300 Oscar-Nominierungen verbuchten die Produktionen von Weinstein im Laufe der Jahre. Sie gewannen nicht deshalb so oft, weil sie alle so überragend gewesen wären - sondern weil Weinstein jeden dieser Filme zu seiner persönlichen Angelegenheit erklärte, weil er Monate vor den Oscar-Verleihungen die PR-Kampagnen plante wie Feldzüge, bei denen am Ende nur der Sieg zählte und die Niederschlagung aller Feinde.

Ein Teil der aktuellen Erschütterung wirkt deshalb wie gespielt, ein Teil wirkt echt. Trotz seiner rüden Umgangsformen ließ Hollywood Weinstein alles durchgehen. Denn er galt als Mann alten Schlages, er war wie einer der Produzenten, die Hollywood einst groß gemacht hatten. In einer Welt, in der die Studios von Managern übernommen werden, die keine Ahnung vom Kino haben, denen es egal ist, ob sie Filme oder Autos herstellen, wirkte Weinstein wie der letzte große Mogul.

Für die Produzenten und Studiobosse der Zwanziger- bis Vierzigerjahre verstand es sich von selbst, dass sie mit jungen Schauspielerinnen ins Bett gingen. Vielleicht gaben sie ihnen danach eine Rolle, vielleicht auch nicht. An dem Glauben, dass sich große Männer alle Freiheiten nehmen müssen, um Großes zu leisten, hat die Filmbranche im Falle von Weinstein bis zum bitteren Ende festgehalten.

Bei der Oscar-Verleihung 2013 machte der Moderator Seth MacFarlane sogar öffentlich eine Anspielung auf Harvey Weinstein. Nachdem er die Namen der fünf für die beste Nebenrolle nominierten Schauspielerinnen vorgelesen hatte, juxte MacFarlane: "Glückwunsch, meine Damen, Sie müssen nicht mehr so tun, als fühlten Sie sich zu Harvey Weinstein hingezogen."

Es ist diese Art von wissendem Nicht-wissen-Wollen, die die ganze hässliche Affäre um Harvey Weinstein so symptomatisch macht. Und klar ist dabei auch: Es geht hier nicht um einen Fall von Hollywoodwahn und das übliche Besetzungscouch-Klischee. Es geht um ein tiefes systematisches, gesellschaftliches Problem. Und es geht darum, dass eine gesellschaftliche Veränderung überfällig ist, dass sie sich sogar vollzieht - aber eben nur unter Mühen, mit vielen Rückschlägen und unendlich langsam.

Moderator MacFarlane bei den Oscars 2013: "Glückwunsch, meine Damen"
AFP

Moderator MacFarlane bei den Oscars 2013: "Glückwunsch, meine Damen"

Es hat sich etwas geändert, kein Zweifel, es gibt eine Art Zeitenwandel im Geschlechterverhältnis, eine Neubesinnung in der Frage von Macht und Geschlecht - auch oder gerade der kulturelle Rückschlag, den man etwa in den USA besichtigen kann, zeugt davon. Auch dass Donald Trump gerade auf dem frauenfeindlichen Gegen-Ticket zum Präsidenten aller Chauvinisten gewählt wurde, zeugt davon, dass gerade viel in Bewegung ist. Die Emanzipation der einen, so scheint es, wird leicht zur Wut der anderen.

Und noch die halb entschuldigende, halb beschwichtigende Erzählung vom "Dinosaurier" bezieht ihre Kraft ja daraus, dass sie suggeriert, es seien über Nacht ganz neue moralische Maßstäbe aufgetaucht, an die sich die mächtigen Männer erst einmal gewöhnen müssten.

Wahr ist, dass Übergriffigkeit für die Opfer nie ein Spiel war. Selbst wenn sie so tun mussten, als ob.

Ingrid Steeger kann davon erzählen. Zu den frühen Engagements der Schauspielerin gehörten Softpornos wie "Schulmädchen-Report" oder "Die goldene Banane von Bad Porno". Bekannt wurde Steeger 1973 als naive Blonde in der WDR-Comedyreihe "Klimbim". Es war eine Zeit, in der Begriffe wie "Ulknudel" oder "Busenwunder" als Berufsbezeichnungen galten.

Bereits als Kind wurde sie von ihrem Großvater missbraucht, als erwachsene Frau, wie sie sagt, "Dutzende Male" vergewaltigt. Ihre Karriere als Schauspielerin war in weiten Teilen die Fortsetzung dieser Leidensgeschichte.

Sie erzählt, wie ein Theaterregisseur sie für eine Textprobe zu sich nach Hause gebeten habe. "Er hat mir dann schon nackt die Tür geöffnet, mit seinem fetten Bauch. Ich bin geflüchtet." Mehrmals hätten Schauspielerkollegen nackt vor ihrer Hoteltür gestanden oder bei einer Besprechung im Hotelzimmer ihr Geschlechtsteil ausgepackt. "Abends mussten wir wieder gemeinsam auf der Bühne stehen, deswegen habe ich da nie ein Drama draus gemacht." Namen will sie keine nennen, auch wenn manche der Männer längst tot sind. Ob sich der Umgang mit Frauen in der Branche geändert habe, könne sie nicht sagen. "Für mich ist das kein Thema mehr. Ich bin jetzt 70, mich will keiner mehr haben."

Steeger verfiel in Depressionen, eine Zeit lang lebte sie von Hartz IV. Zuletzt spielte sie wieder Theater. Sie finde im Übrigen nicht, dass Übergriffigkeit bloß typisch für das Showgeschäft sei: "Das ist nicht die Branche, das sind die Männer. Sie wollen immer Sex. Sie denken, sie haben die Macht."

Schauspielerin Paltrow 1999: "Ich war noch ein Kind"
AP

Schauspielerin Paltrow 1999: "Ich war noch ein Kind"

Männer in Spitzenpositionen, das fand der Kölner Psychologe Joris Lammers heraus, haben ein stärkeres Selbstvertrauen, das wiederum der Schlüsselaspekt für einen größeren sexuellen Appetit sei. Solche Menschen gingen forsch voran, ein Nein sei für sie keine akzeptable Antwort. Und mit der Macht steige das Gefühl der eigenen Unwiderstehlichkeit. Was, so Lammers, für Frauen genauso gelte. Wenn mehr Frauen an der Macht wären, hätten sie genauso häufig sexuelle Affären.

Womöglich, sagt Teresa Bücker, sei die Kultur- und Kreativbranche gefährdeter, weil dort Kontakte noch wichtiger für den Karrierefortschritt seien als in der Wirtschaft. "Aber auch auf Messen von Industrie und Wirtschaft ist es nach wie vor keine Seltenheit, dass abends zur Party Escortfrauen eingeladen werden."

Hat sich also nichts geändert?

Wären solche Sexpartys, wie sie etwa bei Volkswagen oder der Versicherung Hamburg-Mannheimer vor einem Jahrzehnt einigermaßen üblich waren, heute noch denkbar?

Wäre es heute noch denkbar, dass die Frauen bei einer solchen Sexparty gekennzeichnet sind, rote Armbänder für jene Prostituierte, die allen bereitstehen, weiße Armbänder für jene, die Vorständen und Top-Performern vorbehalten sind?

Wäre heute noch ein Herausgeber des SPIEGEL denkbar, der seine künftige Sekretärin zum Bewerbungsgespräch in ein Hotel lädt und sie im seidenen Morgenmantel empfängt, wie es Irma Nelles in ihrem Buch über Rudolf Augstein beschrieb?

Andererseits: Jeder zweite Arbeitnehmer, Männer wie Frauen, hat schon einmal sexuelle Belästigung oder Anzüglichkeiten am Arbeitsplatz erlebt, ergab eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wobei Männer hauptsächlich von anderen Männern angemacht werden.

Trotz dieser überraschend hohen Zahl fühlt es sich langsam so an, als ob sich die Situation bessere. Das mag daran liegen, dass sich Frauen via Internet unzensiert äußern können. In Einzelfällen (#aufschrei) sorgt das für große Aufmerksamkeit, die meisten Opfer jedoch trauen sich immer noch nicht an die Öffentlichkeit und erdulden vieles aus Angst um den Job.

Auf der anderen Seite war und ist Sex immer auch eine Art Währung. Das Zahlungsmittel derer, die keine Macht haben, und zugleich ihr - wenngleich ohnmächtiger - Zugang zur Macht.

"Es gibt den verbrecherischen Übergriff", sagt die Romanautorin und Schauspielagentin Heike-Melba Fendel, "aber es gibt auch Frauen, die alles tun, um berühmt zu werden. Und die es bereitwillig als Teil des Spiels angenommen haben. Deshalb ist die Diskussion ein bisschen eindimensional."

Doch auch Fendel stellt einen allmählichen Wandel fest. In den Neunziger- und Nullerjahren habe es noch Künstleragenturen gegeben, die ihre Schauspielerinnen im Katalog im Bikini zeigten anstatt mit Rollkragenpulli. Und es gab Agenten, die als erste Amtshandlung zu einem Shooting im "Playboy" rieten, um die Karriere anzukurbeln.

Heute, sagt sie, sei das alles nicht mehr so. "Das liegt aber nicht daran, dass die Frauen oder der Feminismus sich durchgesetzt hätten. Der Grund ist, dass die Produktion industrieller geworden ist." Auch das Produzentenbild hat sich verändert. In den Achtziger- und Neunzigerjahren, als auch Weinstein groß wurde, war die hohe Zeit der Kokspartys in Schwabing. Es war die Zeit von Bernd Eichinger, der nach dem Motto lebte: Schöne Frauen sollen mich umringen.

Sein Tod 2011, sagt Autorin Fendel, war ein Epochenbruch, ein Einschnitt. "Die mächtigen Produzenten von heute sind eher Technokraten oder mineralwassertrinkende Workaholics. Der Exzess als struktureller Teil der Filmbranche hat sich davongestohlen. Er war Teil der zigarrengeschwängerten Machismokultur, die es nicht mehr gibt."

Produzent Eichinger 2010: Koks und schöne Frauen
REUTERS

Produzent Eichinger 2010: Koks und schöne Frauen

Doch selbst wenn es stimmt, dass es diese Dinosaurier des Showbusiness nicht mehr gibt, dass sie verschwinden, diese Harvey Weinsteins - offenbar verschwindet mit ihnen nicht der Missbrauch, löst sich nicht die Verbindung von Macht und Sex. Es gibt immer neue Mächtige - und noch hat sich nicht gezeigt, dass sie automatisch alle bessere Menschen sind.

Das Silicon Valley ist eines der neuen Zentren der Macht, und es wird beherrscht von Männern. Zwar schaffen es auch dort Frauen nach oben. Aber sie sind die Ausnahme. Und es ist dieses Machtgefälle, das einen Nährboden für Entgleisungen und Übergriffe bietet. Besonders dann, wenn die Frauen etwas von den Männern haben wollen. Keine Rollen, wie in Hollywood, sondern Geld für ihre Firmenideen.

Im Sommer schilderte die Gründerin Cheryl Yeoh ihre Begegnung mit dem Investor Dave McClure. Seine Firma 500 Start-ups verschafft Jungunternehmen eine Anschubfinanzierung. Yeoh hatte McClure als umgänglichen und hilfsbereiten Typen kennengelernt. Das änderte sich, als er am Ende eines Abends unter Kollegen nicht aus ihrer Wohnung verschwinden wollte, sie bis in ihr Schlafzimmer verfolgte und sie dazu drängte, Sex mit ihm zu haben.

Andere Frauen beschuldigten McClure, 51, ebenfalls, sie belästigt zu haben. Als die Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden, entschuldigte sich McClure und trat von seinem Chefposten zurück.

Im Juni machten zwei Dutzend Frauen aus der Techbranche in der "New York Times" öffentlich, wie sie von Investoren, bei denen sie Geld für ihre Unternehmen einwerben wollten, begrapscht wurden; wie sie anzügliche Nachrichten erhielten und lesen mussten, wie attraktiv sie in diesem oder jenem Kleid aussähen.

Angestoßen wurde die Debatte von Susan Fowler, einer ehemaligen Mitarbeiterin der Taxi-App Uber. Als erste Frau hatte Fowler auf ihrem Blog über die sexistische Kultur bei Uber berichtet. Spätestens zu diesem Zeitpunkt war klar, dass das Silicon Valley ein Problem hat.

Es war immer dasselbe: Erst wenn die Frauen an die Öffentlichkeit gingen, hörte man ihnen zu, weil der Druck und die Angst vor einem Imageschaden zu groß wurden.

Dave McClure 2011 (r.): Geld, Macht und Größenwahn
DPA

Dave McClure 2011 (r.): Geld, Macht und Größenwahn

Geld, Macht und Größenwahn sind eine toxische Mischung, ob in Hollywood oder im Silicon Valley. Und die einzigen Gegenmittel sind Öffentlichkeit - und Ächtung.

Und mit einem Mal kehren sich die Verhältnisse um. Der Mächtige ist ohnmächtig, der Stolze versinkt in Scham.

Einer der irrsten Aspekte an dieser Geschichte ist, dass sie sich liest wie der Plot zu einem Weinstein-Movie. Sie könnte aus einem der Filme sein, für die Weinstein stand, die ihn berühmt machten, mit denen er das dahin dümpelnde US-Mainstream-Kino erneuerte, ihm wieder Haltung, Kraft und Relevanz verlieh.

Diesen Plot könnte man so beschreiben: Ein hochbegabter Rebell wird mächtig, indem er gegen das Establishment kämpft, sich durchsetzt in zähen Schlachten, selbst zum Establishment aufsteigt, dort wütet, brüllt, grapscht, sexuelle Gefälligkeiten regelmäßig von Abhängigen erpresst - und dann ein Netz von Drohungen schafft, in dem sich die Abhängigen nicht mehr wehren können, ohne fürchten zu müssen, ihre Existenz werde ruiniert.

Das Drohpotential der Hauptfigur ist gewaltig: Wenn du es auch nur wagst, mit meinen Taten an die Öffentlichkeit zu gehen, wirst du in der Filmindustrie nie wieder Arbeit finden, kann er sagen. Deine Karriere ist nichtig, dein Gesicht wird vergessen werden, so, als hätte es dich nie gegeben. Ich werde dich auslöschen.

Das Netz der Macht ist eng und sorgfältig geknüpft, scheinbar unzerstörbar. Ganze Fernsehsender schützen ihn, das Wohlwollen von Journalisten und Autoren kauft er, indem er ihnen Projekte in seiner Firma verspricht, die Klatschkolumnisten jubeln, wenn sein Name auf dem Display erscheint.

Und dann nimmt eine dieser Geschundenen allen Mut zusammen, geht an die Öffentlichkeit, und das Netz des Schweigens, die Omerta um den Mächtigen herum beginnt zu zerbröseln. Innerhalb weniger Tage stürzt der Bösewicht ins Bodenlose, er verliert alles: seine Firma, seine Frau. Vor allem aber wird ihm das genommen, was in der Filmindustrie als höchstes Gut gehandelt wird: die strahlende Aura, das gewaltige Image, der Ruf, ein König seiner Kunst zu sein.

Das Licht geht an, die Zuschauer steigen aus den Sitzen, sie atmen durch, erleichtert.

Aber so ist es nicht.

Eine der Frauen, die Weinstein der Vergewaltigung bezichtigen, Lucia Evans, beschreibt es so: "Ich habe das, was passiert ist, in einem Teil meines Gehirns abgelegt und die Tür verschlossen."

Ihr Leben ging weiter. Beziehungen kamen und zerbrachen. Ab und zu traf sie Weinstein in Greenwich Village in New York auf der Straße. Sie führte ihren Hund aus, er stieg in ein Auto. Sie sahen sich an.

"Bis heute", sagt sie, "habe ich Albträume von ihm."



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